Italien – Ballverliebt https://ballverliebt.eu Fußball. Fußball. Fußball. Wed, 14 Jul 2021 20:46:55 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.7.2 EURO 2020: Italien ist Europameister https://ballverliebt.eu/2021/07/14/euro-2020-italien-ist-europameister/ https://ballverliebt.eu/2021/07/14/euro-2020-italien-ist-europameister/#respond Wed, 14 Jul 2021 20:46:54 +0000 Italien ist Europameister. Die Mannschaft von Roberto Mancini schlägt die von Gareth Southgate im Elfmeterschießen in Wembley. Die Führung der Engländer und die Elferschützen sorgen für Debatten.

Tom und Philipp fällen die ultimativen Urteile über das Spiel, das Turnier und die Welt des Fußballs. Viel Spaß mit dem letzten Podcast zur EURO 2020.

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Die Top-8 der EM: Echte Top-Teams und einige Glücksritter https://ballverliebt.eu/2021/07/12/die-top-8-der-em-echte-top-teams-und-einige-gluecksritter/ https://ballverliebt.eu/2021/07/12/die-top-8-der-em-echte-top-teams-und-einige-gluecksritter/#comments Mon, 12 Jul 2021 15:38:02 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=17680 Die Top-8 der EM: Echte Top-Teams und einige Glücksritter weiterlesen ]]> Europameister Italien, Finalist England, Halbfinalist Spanien: Auch wenn sich viele prominente Namen schon im Achtelfinale aus dieser EM verabschiedet haben, hatte die Finalphase immer noch einiges an Prominenz zu bieten. Die meisten Teams, die im Viertelfinale vertreten waren, haben sich den Platz unter den Top-8 der EM redlich verdient. Es waren aber auch Glücksritter dabei, die es bei einem Turnier mit 16 Teams wohl eher nicht so weit geschafft hätten.

Hier der dritte und letzte Teil unserer Team-Analysen der nun zu Ende gegangenen EM: Jene acht Teams, die im Viertelfinale, Semifinale und Finale dabei waren.

Italien: Stabil, balanciert, clever

Da schau her: Italien kann auch feinen, attraktiven Vorwärts-Fußball spielen. Die Truppe ohne echte Superstars begeisterte in der Vorrunde, in der sie – zugegeben ohne allzu große Gegenwehr – dreimal locker gewann. In der K.o.-Runde zeigte Italien, dass man auch harzige Spiele (wie gegen Österreich im Achtelfinale) gewinnen, solche gegen wirklich starke Teams drüberverteidigen (wie gegen Belgien im Viertelfinale) und solche gegen dominante Teams ohne großen Schaden aussitzen kann (wie gegen Spanien im Halbfinale).

Das prominenteste Feature war die asymmetrische Angriffsformation, in der links der Außenverteidiger Leonardo Spinazzola – bis zu seiner Verletzung gegen Belgien – hoch aufrückte, um Insigne nach innen dribbeln zu lassen, während rechts der Achter Nicolò Barella erst Berardi, dann Chiesa ähnlich unterstützte. Dafür sorgten Jorginho und Verratti aus dem Sechserraum für die Gestaltung und der defensivere Rechtsverteidiger Di Lorenzo gemainsam mit den Juve-Zwillingen für die stabile Abwehr.

Italien zeigte sich als gut balanciertes Team mit einer Handvoll Alternativen im Kader – Locatelli vertrat Verratti in der Vorrunde stark, Emerson war als Spinazzola-Ersatz sehr ordentlich, Belotti und Bernardeschi sorgten im Angriff für Entlastung der Starter. Mancini musste allerdings auch nie wirklich tief in seinen Kader greifen.

Ob das jetzt wirklich der strukturelle Neustart ist, der nach der verpassten WM-Teilnahme von 2018 nötig war, oder doch „nur“ wieder ein gutes Abschneiden aufgrund von sehr gutem Coaching, wie 2012 mit Prandelli und 2016 mit Conte, bleibt aber trotz des EM-Titels noch abzuwarten. Gerade die Innenverteidigung wird spannend – denn hinter Bonucci und Chiellini ist aktuell nur Inters Alessandro Bastoni als gutklassiger Nachrücker in Sicht.

England: Viel Talent, tendenziell zu zögerlich

45 Minuten lang hatte England die Dänen im Halbfinale hergespielt. Als das Tor in der 104. Minute endlich fiel, stellte Southgate auf ein 5-4-1 um und erweckte den Halbfinal-Gegner wieder zum Leben. Im Endspiel gelang schon in der 2. Minute das Führungstor, aber danach kam nicht mehr allzu viel – und bis zur 120. Minute gab es nur einen einzigen offensiven Wechsel.

Das junge englische Team, das ein Produkt von 10 Jahren gezielter Aufbauarbeit (Stichwort „England DNA“) ist, langweilte sich kraftsparend durch die Vorrunde, trieb im Achtelfinale die deutschen Geister der Vergangenheit aus und überfuhr ein defensiv heillos überfordertes Team der Ukraine im Viertelfinale mühelos. Aber Southgate scheute in Halbfinale und vor allem im Finale, nach einem sich erarbeiteten Vorteil weiter die Daumenschrauben anzuziehen. Die Defensive war mega-stabil (kein einziges Gegentor aus dem Spiel in sieben Partien), das Mittelfeld mit Rice und Phillips defensive herausragend, aber die Verbindung ins Angriffsdrittel war ausbaufähig. Es war am Ende etwas zu viel Kontrolle und etwas zu wenig Kaltblütigkeit.

England hatte den ersten großen Titel seit 1966 mit sechs Heimspielen, einer unproblematischen Gruppe und den jeweils leichteren Gegnern in Viertel- und Halbfinale auf dem Tablett, ließ die Möglichkeit aber aus den Händen flutschen. Dieses englische Team kann über Jahre hinweg eine starke Rolle bei WM- und EM-Turnieren einnehmen. Aber ob die Chance noch einmal so groß wird wie 2021?

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Spanien: Neue Spieler, alter Stil

Es ist ein neues Spanien, aber mit altbekannten Tugenden. Es war das Team mit dem meisten Ballbesitz der EM (67,2 Prozent) und der höchste Passgenauigkeit (89,6 Prozent), übte damit Dominanz über die Spiele aus – wobei sich zumindest fünf der sechs Gegner auch bewusst defensiv eingestellt hatten. Es gab unzählige Halbchancen, von denen in den ersten zwei Spielen nur eine genützt wurde. Es gab auch zahlreiche Top-Chancen – in den kommenden zwei Matches erzielte Spanien ZEHN Tore.

Aber am Ende, als es darauf an kam, fehlten einfach wieder die Tore. Es war wieder der ewige spanische Grat zwischen einem Stürmer, der sich aufreibt, aber im Strafraum präsent ist (Morata) und einer falschen Neun, die für mehr Dominanz in Mittelfeld und Zehnerraum sorgt, dafür ist im Strafraum zu wenig los. Das geht sich mit einer starken Abwehr aus – wie 2010 und 2012, als man in zusammen 13 Spielen nur drei Tore kassierte, davon kein einziges in einem K.o.-Spiel.

Diesmal war das Mittelfeld mit dem unfassbaren Pedri extrem stark, die Angriffsreihe zumindest in Ordnung, aber die Abwehr der Schwachpunkt. Weder die Paarung Laporte/Pau Torres noch die Paarung Laporte/Eric Garcia überzeugte vollends und Unai Simón war ein ständiger Unsicherheitsfaktor. Fünf Gegentore in drei K.o.-Spielen, das geht sich einfach irgendwann nicht mehr aus.

Dennoch: Die stark verjüngte Truppe hat Zukunft. Mit Pedri (der für seine 18 Jahre eine nicht zu glaubende Reife und Übersicht bewies) als legitinem Xavi-Nachfogler, mit den jungen Flügelspielern Ferrán Torres und Dani Olmo, mit dem immer noch erst 24-jährigen Rodri als demjenigen, der Busquets auf der Sechs ablösen wird und, durchaus bemerkenswert, keinem einzigen Kaderspieler von Real Madrid. Luis Enrique ist vor der EM alles andere als unumstritten gewesen. Im Ganzen hat er und sein Team aber für überwiegend zufriedene Gemüter im eigenen Land gesorgt.

Dänemark: Kein normales Turnier

Mit normalen Maßstäben ist die Performance des dänischen Teams bei diesem Turnier nicht zu beurteilen. Der Herzstillstand von Christian Eriksen nach 44 Minuten des ersten Spiels hat alles verändert: Von der mentalen Einstellung des Teams über die Wahrnehmung von Außen bis hin zum System und auch ein wenig des Spielstils.

Ohne Eriksen fehlte Hjulmand der Zehner, um den herum das 4-2-3-1 aufgebaut war. Also installierte er ein 3-4-3 ohne Zehner, dafür mit einer offensiveren Doppelbesetzung der Außenbahnen – vor allem das Duo mit dem großartigen Joakim Mæhle und dem jungen Mikkel Damsgaard auf der linken Seite sorgte für ordentlich Wirbel. Da Damsgaard erst für Eriksen ins Team gerutscht war, hätte es dieses Wirbelwind-Duo sonst gar nicht gegeben.

Ein weiterer Aspekt der dänischen Flexibilität war das situative Aufrücken von Andreas Christensen in den Sechserraum – vor allem gegen Russland beim 4:1-Sieg im emotionalen dritten Gruppenspiel im gefühlt randvollen Parken – um im Mittelfeld-Zentrum schon für mehr Stabilität zu sorgen. Das Aufrücken eines Innenverteidigers wurde somit zum defensiven Move.

Der körperliche Stress, den vor allem die drei Spiele gegen Russland (daheim), Wales (in Amsterdam) und Tschechien (in Baku) verursacht haben sorgte in Kombination mit dem nicht besonders tiefen Kader dafür, dass die emotionale Welle, auf der Dänemark ins Halbfinale geritten ist, dort an einer englischen Mauer gebrochen wurde. Ja, den entscheidenden Elfmeter hätte es eher nicht geben sollen. Aber das Team war einfach leer.

Dennoch: Diese EM war für Dänemark mit der dritten EM-Halbfinal-Teilnahme nicht nur ein sportlicher Team-Erfolg – und für den überragenden Kasper Schmeichel auch ein persönlicher – sondern sie hat auch den Weg in eine wahrscheinliche Zukunft ohne Eriksen vorgezeigt. Und, dass es Danish Dynamite nach der quälend lähmenden Spielweise unter Hjulmands Vorgänger Åge Hareide doch noch gibt.

Belgien: Letzte Chance… vorbei?

Durch die Vorrunde war Belgien im Cruise-Modus gegangen, mit kurzen Tempo-Verschärfungen. Eden Hazard und Kevin de Bruyne, angeschlagen ins Turnier gegangen, wurden geschont. Die betagten Herren in der Abwehr rotierten raus und wieder rein. Das Achtelfinale gegen Portugal wurde zu einer Demonstration in der richtigen Balance aus Vorsicht und und Gegner locken, einem Katz-und-Maus-Spiel mit den ähnlich veranlagten Portugiesen, das ein Glücksschuss entschied.

Belgien schien sich immer irgendwie für die spätere Turnierphase schonen zu wollen, ja nicht zu früh zu viele Körner verpulvern, die man später brauchen könnte. Zu diesem „später“ ist es aber nicht mehr gekommen. Weil man im Viertelfinale im wahrscheinlich hochklassigsten Spiel dieses Turnieres den Italienern zweimal einen halben Meter zu viel Platz ließ, aus wenig zwei Tore kassierte, und man das gegen Italien nun mal nicht wieder gut machen kann.

Natürlich werden Kevin de Bruyne und Romelu Lukaku, die beide ein recht vernünftiges Turnier gespielt haben, zumindest noch einen EM-Zyklus zur Weltspitze gehören; wird Youri Tielemans ein großartiger Sechser bleiben und Jérémy Doku ein großartiger Außenstürmer werden. Und doch fühlt es sich so an, als wäre dies die letzte Chance für Belgien gewesen. Die Abwehr ist zu alt und zunehmend zu langsam, das hat das Italien-Spiel gezeigt. Kein Innenverteidiger im Kader war jünger als 25 Jahre, zehn Spieler gehören schon zur Ü-30-Fraktion.

Das auf Augenhöhe geführte, aber durch einen Eckball 0:1 verlorene WM-Halbfinale gegen Frankreich 2018 – ein Wendepunkt wie das gegen Maradona verlorene WM-Halbfinale von 1986?

Schweiz: Gläsernen Plafond durchbrochen

Die Vorrunden-Spiele der Schweiz ließen einen Exploit wie jenen im Achtelfinale gegen Frankreich nicht gerade erahnen. Tempolos beim 1:1 gegen Wales, heillos überfordert beim 0:3 gegen Italien und, ja, klar besser beim 3:1 über die Türkei, aber die Türken waren bei dieser EM auch wirklich unterirdisch schlecht.

Teamchef Petkovic baute nach den ersten beiden Spielen seine linke Seite etwas um – Rodriguez einen Schritt nach hinten, dafür der gerade gegen die Türkei überragende Zuber rein und Innenverteidiger Schär raus – und das sorgte für spürbare Belebung. Ebenso viel wird es aber wohl die psychologische Gemengelage gewesen sein, welche den Schweizern das erstmalige Durchbrechen des gläsernen Achtelfinal-Plafonds ermöglicht hat. Man ging die Franzosen von Beginn an aktiv an und erkannte die französische Arroganz, als der Weltmeister das Match vermeintlich doch gewonnen hatte.

Man sah Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri an, dass sie das Gefühl hatten, allen etwas beweisen zu müssen. Für Seferovic galt ähnliches. Sie trugen die Nati gemeinsam mit dem gewohnt starken Torhüter Yann Sommer, sie führten das Comeback gegen Frankreich an und auch ohne den im Viertelfinale gelbgesperrten Xhaka setzten sie dem Gegner 120 Minuten lang zu, weil dieser es wiederum mit verringertem Tempo versucht hatte, einen Führung gegen die Schweizer über die Zeit zu bringen.

Ein wenig erinnerten die K.o.-Partien der Schweizer an jene der ÖFB-Frauen bei der EM 2017: Im ersten Spiel einen auf dem Papier deutlich besseren Kontrahenten ins Elferschießen hinein nerven und ihn dort mit breiter Brust bezwingen, aber in der nächsten Runde – trotz bester Absichten – mit der noch historischeren Chance vor Augen nicht mehr die 100 Prozent im Kopf zusammen zu bekommen. Gegen Frankreich haben alle fünf Schweizer getroffen. Gegen Spanien haben drei von vier vergeben.

Was machen die Schweizer nun mit diesem Turnier? Der als etwas unbeweglich gescholtene Vladimir Petkovic geht auf jeden Fall gestärkt aus der EM hervor. Die Teilnahme an der WM in Katar wird dennoch ein Kraftakt. Man ist in der Quali-Gruppe mit Italien gelandet – und wird vermutlich durch die Playoff-Lotterie müssen.

Tschechien: Solide wie immer

Gehört Tschechien zu den besten acht Teams Europas? Nein, ganz sicher nicht. Aber man machte das Maximum aus den Möglichkeiten. Bezwang ein im Spiel klar besseres, aber auch sehr harmloses schottisches Team. Kam gegen ein undynamisches und suchendes Kroatien zu einem 1:1, was schon für das Achtelfinale reichte. Neutralisierte dort Holland geschickt und schlug zu, als sich Oranje dezimierte.

Patrik Schick machte die Tore, fünf an der Zahl, niemand traf bei dieser EM öfter. Souček war ein umsichtiger und fleißiger Motor im Mittelfeldzentrum, man merkt ihm die Erfahrung aus der Premier League an. Slavia Prag war in den letzten drei Jahren zweimal im Europa-League-Viertelfinale, hat dabei etwa Sevilla und Leicester besiegt, holte in der Champions League Auswärtspunkte bei Inter und in Barcelona. An Qualität fehlt es nicht.

Die Tschechen verstanden es gut, den Gegnern – vor allem Kroatien in der ersten Hälfte, Holland im Achtelfinale und Dänemark im Viertelfinale in der zweiten Hälfte – die Zeit zum Spielaufbau zu nehmen. Die Anlaufstrukturen waren gut, Tschechien ein unangenehmer und vor allem einigermaßen furchtloser Gegner. Die eigene Kreation lief vor allem über Außenverteidiger Coufal, Souček und lange Bälle, aber in erster Linie war das Spiel darauf angelegt, den Gegner nicht zur Entfaltung kommen zu lassen.

Immerhin: Das war deutlich weniger plump als der ultra-defensive Zugang, der 2016 zum EM-Desaster geführt hat. Und es war auch erfolgreicher. Gute Mittelklasse kann man den Tschechen nun guten Gewissens zuschreiben. Vom Unterhaltungswert war es eher nur so mittel, aber was die Tschechen gemacht haben, hat durchaus funktioniert.

Ukraine: Mehr als zugestanden

Was ist jetzt die wahre Ukraine? Jene, die sich gegen Holland und Schweden ins Spiel zurück gekämpft hat? Oder jene, die sich Österreich und England ohne spürbare Gegenwehr opferte und dabei erstaunliche defensive Unzulänglichkeiten offenbarte?

Dass die erste Wahl auf der Sechs (Taras Stepanenko) verletzungsbedingt nur sporadisch zur Verfügung stand, merkte man vor allem, wenn er nicht dabei war (also gegen Österreich und England). Dass Shevchenko die erste Wahl auf der linken Außenbahn (Viktor Tsygankov) verletzungsbedingt nur sporadisch und dessen Back-up (Marlos) aus dem gleichen Grund de facto gar nicht zur Verfügung stand, merkte man vor allem, weil die linke Seite immer die Problemzone war. Malinovski, eigentlich ein Achter, war dort so schwach, dass der Teamchef ihn in der K.o.-Phase strich und lieber auf ein 5-3-2 umstellte.

Das hat im Achtelfinale gegen Schweden funktioniert, weil er Alexander Zinchenko als linken Wing-Back postierte und dieser dort Raum vorfand, den er bespielen konnte. Das ging im Viertelfinale gegen England gar nicht, weil Zinchenko als Achter von Rice und Phillips aufgeschluckt wurde. Hinzu kam, dass Jarmolenko als einzige wirkliche Alternative im Vorwärtsspiel gewohnt unkonstant war und gegen starke Gegenspieler wie Alaba oder Maguire kein Land sah.

Die Ukraine hat zumindest eine Runde mehr erreicht, als dem jungen und nicht gänzlich talentfreien, aber doch überwiegend biederem Team mit zwei bis drei Spielern von internationalem Potenzial zustehen würde. Denn die Limits nicht nur in der Offensive, sondern vor allem in der Abwehr wurden beim 0:4 gegen England im Viertelfinale nur allzu offensichtlich.

Kurzer Ausblick

Die zweite EM-Endrunde mit 24 Teams war wesentlich unterhaltsamer und kurzweiliger als die ausgesprochen zähe Erstauflage von 2016. Die kommende Europameisterschaft steigt in drei Jahren in Deutschland, die zehn Spielorte sind Berlin, Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt, Gelsenkirchen, Hamburg, Köln, Leipzig, München und Stuttgart.

Schon zuvor ist natürlich die WM in eineinhalb Jahren in Katar auf dem Spielplan, zu der die Qualifikation ja bereits im Gange ist und für die sich 13 europäische Teams qualifizieren werden – die offensichtlichen Kandidaten auf die zehn Direkt-Tickets sind Italien, England, Spanien, Dänemark, Belgien, Frankreich, Portugal, Deutschland, Kroatien und Holland. Die zehn Gruppenzweiten und die zwei besten nicht anderweitig qualifizierten Nations-League-Gruppensieger spielen im März 2022 um die verbleibenden drei Plätze. Das wird ein Gemetzel.

Link Tipps:
Analyse der Vorrunden-Verlierer (FIN, HUN, MKD, POL, RUS, SCO, SVK, TUR)
Analyse der Achtelfinalisten (AUT, CRO, FRA, GER, NED, POR, SWE, WAL)

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EURO 2020 – Finale: England – Italien https://ballverliebt.eu/2021/07/09/euro-2020-finale-england-italien/ https://ballverliebt.eu/2021/07/09/euro-2020-finale-england-italien/#respond Fri, 09 Jul 2021 17:55:29 +0000 Bringt England den Fußball heim oder holt Italien sich den Titel? Tom & Philipp beraten im Ballverliebt Fußball Podcast vor dem EURO 2020-Finale über die Stärken und Schwächen der beiden Finalisten und ihre Leistungen im Halbfinale.

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Bitteres EM-Aus nach 120 Minuten: Österreich hatte Italien am Haken https://ballverliebt.eu/2021/06/27/bitteres-em-aus-nach-120-minuten-oesterreich-hatte-italien-am-haken/ https://ballverliebt.eu/2021/06/27/bitteres-em-aus-nach-120-minuten-oesterreich-hatte-italien-am-haken/#comments Sun, 27 Jun 2021 08:02:53 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=17617 Bitteres EM-Aus nach 120 Minuten: Österreich hatte Italien am Haken weiterlesen ]]> Was wäre gewesen, wenn Marko Arnautovic bei seinem Tor zehn Zentimeter weiter hinten gestartet wäre…? So hatte Österreich im EM-Achtelfinale die Italiener am Haken, aber in der Verlängerung rettete sich die Squadra Azzurra zu einem 2:1-Sieg. Dennoch darf das Match als Höhepunkt der Ära Foda betrachtet werden – und als eines der erinnerungswürdigsten Spiele überhaupt in den letzten Jahrzehnten.

Italien – Österreich 2:1 n.V. (0:0, 0:0)

Die Formationen

Fast alles wie erwartet: Franco Foda setzte auf das selbe Personal wie beim 1:0 gegen die Ukraine, mit dem Unterschied, dass Schlager etwas höher postiert war und das System ein 4-1-4-1 wurde. Bei Italien kehrte die Einser-Formation wieder zurück, die bereits in den ersten beiden Gruppenspielen am Feld war; Di Lorenzo und Acerbi waren wieder für den verletzten Florenzi und Chiellini aufgeboten.

Engagierter Beginn von Österreich

In den ersten Minuten war das ÖFB-Team bemüht, die Italiener schon in deren eigener Hälfte zu stören; allerdings eher als Gegenpressing, nicht so sehr als volles Angriffspressing. Die Absicherung war wiederum gut (vor allem Schlager und Grillitsch postierten sich hierbei geschickt). Überhaupt war Grillitsch sofort der Dreh- und Angelpunkt im österreichischen Spiel.

So hielt man die Italiener in den ersten zehn Minuten gut vom eigenen Tor weg und die Sieger der Gruppe A mussten sich erst einmal etwas neu orientieren. Recht früh allerdings war schon die bekannt offensiv-starke linke Seite mit Spinazzola und Insigne die bevorzugte Route. Bei Ballgewinnen wurde vornehmlich auf diese Seite verlagert, auch Abwürfe von Donnarumma landeten in der Regel bei Spinazzola.

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Wie vorm Sprint auf der Radrennbahn

Nach etwa 10 Minuten zog sich Österreich zunächst ein wenig, dann immer spürbarer zurück. Der Druck auf den Gegner wurde weniger, auch weil Italien nun den Ball vermehrt den Österreichern überließ und durch kurze Anlaufbewegungen im Mittelfeld einen vertikalen Aufbau beim ÖFB-Team verhindert. So gelang es Italien, selbst die Kontrolle über das Spiel und in der Folge auch über den Ballbesitz zu etablieren.

Baute Italien von hinten heraus auf, geschah dies aus einer Dreierkette; Di Lorenzo rückte ein, dafür orientierte sich Spinazzola sehr hoch. Österreich zog sich immer weiter zurück, Italien ließ geduldig den Ball zirkulieren und wartete darauf, dass sich eine Lücke auftut. Es gab einige Halbchancen, aber Österreich hielt dicht.

Italien hielt das Tempo sehr gering und auch das ÖFB-Team zeigte über eine halbe Stunde keine Ambition, dieses anzuziehen. Es wirkte wie bei einem Sprint auf der Radrennbahn, wo die Kontrahenten beinahe stehen bleiben und darauf lauern, dass sich der andere zuerst bewegt. Lainer und Laimer isolierten Spinazzola gut; Verratti und Jorginho standen sich ein wenig selbst auf den Füßen.

Druck auf Jorginho und Verratti

Es war das Team aus Österreich, das sich nach der Pause als erstes bewegte. Der ganze Block schob sehr viel weiter nach vorne und wie zu Beginn der ersten Hälfte wurde schon in der italienischen Hälfte Druck auf den Ballführenden ausgeübt. Dies geschah sehr zielgerichtet: Das Mittefeld-Trio mit Grillitsch, Schlager und Sabitzer ging nun sehr präzise daran, die Kreise von Jorginho und Verratti einzuengen – Schlager kümmerte sich vornehmlich um Verratti; Sabitzer und Grillitsch gingen Jorginho an.

So gelangen zahlreiche Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte und die Italiener kamen kaum mehr dazu, einen eigenen Aufbau zu etablieren. So kam Österreich zu einigen Möglichkeiten, wie durch den Freistoß an der Strafraumgrenze (52.), durch Sabitzer (62.) und Arnautovic nach der folgenden Ecke – und letztlich das vermeintliche 1:0 durch Arnautovic in der 64. Minute, dass wegen einer knappen Abseitsstellung beim Anspiel von Alaba annulliert wurde. Es folgten Sabitzers Möglichkeit (68.) und das mögliche Ellbogen-Elfer-Foul an Laimer, wobei dieser aber wiederum knapp im Abseits war.

Mancini versucht, das Spiel zu retten

Die Italiener zeigten Wirkung. Nicolò Barella, der statt des defensiveren Di Lorenzo als Unterstützung für Rechtsaußen Berardi vom Nachschub zunehmend abgeschnitten war und auch schon die gelbe Karte gesehen hatte, beschäftigte sich mehr mit dem Referee als mit dem Spiel. Zudem ließen bei Verratti – der in der Saison selten wirklich fit war und auch aus dem Spiel gedrückt wurde – die Kräfte nach. Mancini brachte für die beiden Pessina und Locatelli.

Die Ausrichtung wurde dadurch auf dem Papier offensiver, vertikaler – es galt in den Rücken der aufgerückten österreichischen Abwehrlinie zu kommen, wenn man schon nicht mehr zwischen die Linien kam. Es gab auch tatsächlich nun einige Situationen, aber die Abwehr konnte stets genug verzögern, dass es nicht zu einem allzu gefährlichen Abschluss kam.

Kurz vor Ablauf der 90 Minuten warf Mancini, wiederum positionsgetreu, Chiesa und Belotti für Berardi und Immobile in die Schlacht. Bei Foda war die Auswechslung des müdegelaufenen Baumgartner der erste Tausch. So ging es mit 0:0 in die Verlängerung.

Italien schlägt schnell zu

Österreich wollte dort anschließen, wo man in der regulären Spielzeit aufgehört hatte, aber innerhalb weniger Minuten gelang Italien das Tor zum 1:0 – Alaba hatte sich vom in den Strafraum nachrückenden Pessina aus der Position ziehen lassen und Chiesa und Laimer kam nicht mehr ganz rechtzeitig, um das Tor zu verhindern.

Nun hatte Italien Österreich dort, wo man sie haben wollte. Die Squadra Azzurra konnte den Österreichern nun den Ball wieder vermehrt überlassen und im Mittelfeld wiederum mit kurzen Anlaufbewegungen stören, auf Ballgewinne lauern und hinter die aufgerückte Abwehr kontern. Kalajdzic kam für den körperlich völlig bedienten Arnautovic, aber Italien schien dem 2:0 nun näher zu sein. Bachmann hatte schon einen Freistoß aus dem Winkel gekratzt, nach dem folgenden Eckeball aber konzentrierten sich Dragovic und Hinteregger beide auf Acerbi, vergaßen aber Pessina im Rücken. Der traf.

Österreich wirft weiter alles rein

Zweite Hälfte der Verlängerung

Realistischerweise geschlagen, steckte Österreich aber nicht auf. Für die zweite Hälfte der Verlängerung kam nun ein 4-2-4-Brechstange-System zum Einsatz; Schaub führte sich gleich mit einem krachenden Weitschuss ein, Sabitzer zielte etwas zu hoch – und dann versenkte Kalajdzic eine Ecke per Kopf knapp über Bodenlevel zum 1:2-Anschlusstreffer im Netz.

Die Italiener drehten aber geschickt an der Uhr und ließen in den letzten Minuten nichts mehr zu. Österreich war knapp ausgeschieden.

Fazit: Beste Vorstellung unter Foda

Wie die erste Halbzeit gegen die Ukraine hat nun auch die zweite Halbzeit gegen Italien gezeigt, wie gut Österreich sein kann, wenn das Team entsprechend der Stärken der Spieler agieren darf. Der Schachzug, Verratti und vor allem Jorginho ukaus dem Spiel zu pressen, war goldrichtig und ging gut auf. Wenn es der Matchplan von Foda war, die Italiener in der ersten Hälfte einzulullen und in der zweiten zu überrumpeln, haben nur ein paar Zentimeter beim Arnautovic-Tor gefehlt, dass er auch aufgeht.

Mit den letzten beiden Spielen hat sich der Teamchef mit Sicherheit viel Kredit zurückgeholt, der in den Monaten und Jahren davor verspielt worden war. Österreich hatte Italien am Haken und die Italiener haben sich kraft ihrer individuellen Klasse und durch ein wenig Glück davon befreit. Ein Reality Check war das nach dem Gruppenspielen gegen schwache Kontrahenten – wie auch das 0:4 von Wales gegen Dänemark zuvor offenbart hat – aber durchaus.

Österreich kann die EM mit erhobenem Haupt verlassen. Ja, man will in einer EM-K.o.-Phase keine moralischen Siege, sondern echte. Aber es ist doch oft eher das „Wie“, das in Erinnerung bleibt, nicht so sehr das „was“. Und das „Wie“ war vor allem in den letzten beiden Spielen mehr als in Ordnung.

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Österreich und Italien: Die fünf Pflichtspiele seit 1970 https://ballverliebt.eu/2021/06/25/oesterreich-und-italien-die-fuenf-pflichtspiele-seit-1970/ https://ballverliebt.eu/2021/06/25/oesterreich-und-italien-die-fuenf-pflichtspiele-seit-1970/#respond Fri, 25 Jun 2021 15:44:42 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=17598 Österreich und Italien: Die fünf Pflichtspiele seit 1970 weiterlesen ]]> Nach vier erfolglosen Versuchen (1990, 1998, 2008 und 2016) hat das ÖFB-Team erstmals seit der WM 1982 bei einem großen Turnier die Vorrunde überstanden. Der Gegner im Achtelfinale der EM ist nun Italien – ein großer Name, gegen den Österreich erstaunlich selten antritt. Hier ein kurzer Überblick über die letzten fünf Pflichtspiel-Duelle.

1:2 und 2:2 in der EM-Quali für 1972

Das letzte Mal, das Italien und Österreich in die gleiche Quali-Gruppe für eine EM oder WM gelost wurden, war für die Europameisterschaft 1972. Bei den letzten 23 Turnieren gab es also stets einen anderen Gruppenkopf für das ÖFB-Team.

EM-Quali für 1972 mit einem 2:1 für Italien in Wien und einem 1:1 in Rom.

Italien kam als frischgebackener Vize-Weltmeister von 1970 zum Match in Wien Ende Oktober und es lief auch praktisch in Vollbesetzung vom WM-Finale gegen Brasilien auf. Bei Österreich war Leopold Stastny gerade dabei, eine junge Truppe zu formen, die den Kern der 1978er-Mannschaft bilden sollte. Koncilia (22), Josef Hickersberger (22), Willy Kreuz (21) und Kurt Jara (20) wurden schon hier ins Team eingebaut; Robert Sara (24) war bereits einige Jahre mit dabei.

Das Match in Wien begann Österreich mutig, das italienische Offensiv-Quartett hatte Probleme gegen die strikte Manndeckung; dem 1:0 von De Sisti (27.) folgte der prompte Ausgleich durch Parits (29.). Nach dem 2:1 durch Mazzola (34.) konnte Italien das Spiel immer mehr kontrollieren, im Laufe der zweiten Hälfte ging Österreich zunehmend die Luft aus. Für Italien gab es in der Schlussphase noch einen Schock, weil sich Riva im Zweikampf mit Hof einen Wadenbeinbruch mit Seitenband-Einriss zuzog. Am Ende hatte Buffy Ettmayer sogar die Chance auf das 2:2, aber er vergab seinen Elfmeter.

Ein Jahr später, vor dem letzten Match, stand Italien schon als Gruppensieger fest und so ließ Ferruccio Valcareggi einige seiner Star-Spieler daheim. Stastny setzte Heli Köglberger auf den sonst gerne nach vorne stürmenden Außenverteidiger Facchetti an, wodurch dieser kaum ein Faktor war; Jara (36.) und Sara (59.) drehten die italienische Führung durch Prati (10.) um. Am Ende gab es zwar noch den 2:2-Ausgleich durch De Sisti (75.), aber Österreich war mit diesem Punkt alleiniger Gruppenzweiter vor Schweden.

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1:0 für Italien bei der WM 1978

Sechseinhalb Jahr später traf man sich in Buenos Aires in der Finalrunde der WM 1978. Österreich hatte den Aufbau in den Jahren zuvor hinter sich, Italien stand am Anfang eines neuen Zyklus, der die Squadra Azzurra vier Jahre später zum WM-Titel führen sollte.

1:0 für Italien bei der WM 1978

Österreich hatte in der Vorrunde in einer kernigen Abwehrschlacht Spanien 2:1 besiegt und war gegen die biederen Schweden zu einem 1:0-Sieg gekommen, begann die Finalrunde aber mit einem 1:5-Debakel gegen die Niederlande.

Gegen die Italiener, die beim 0:0 zuvor gegen Deutschland klar dominierend gewesen waren, gab es hingegen die sicherlich cleverste Vorstellung im ganzen Turnier. Teamchef Helmut Senekowitsch nützte den Systemvorteil, den Österreich gegen Bearzots italinisch-typisches, schiefes 3-5-2 hatte, voll aus. Kreuz und Schachner spielten auf vertauschten Seiten, wodurch Cabrini weit nach hinten gedrückt wurde, dafür stand Gentile oft verloren im Halbfeld herum; Krieger kümmerte sich um Rossi – somit hatte Sara keinen Gegenspieler und war der wahre Spielgestalter. Ein verlorenes Laufduell von Strasser gegen Rossi brachte eine unglückliche 0:1-Niederlage.

Italien profitierte vom folgenden österreichischen Sieg gegen Deutschland und zog ins Spiel um Platz drei ein, für Österreich folgte eben Córdoba. HIER unsere ausführliche Story über Österreich bei der WM 1978.

1:0 für Italien bei der WM 1990

Dass sich Österreich nach den sportlich sehr dürren 1980er-Jahren für die WM 1990 in Italien qualifizierte, lag eher an glücklichen Umständen wie einer billigen Quali-Gruppe und dem Fall der Berliner Mauer wenige Tage vor dem entscheidenden Heimspiel gegen die DDR. Dennoch galt nach beachtlichen Resultaten im Vorfeld das Achtelfinale als erklärtes Ziel. Zum Auftakt-Match musste man im Olimpico von Rom gegen den Gastgeber antreten.

1:0 für Italien bei der WM 1990

Gleich zu Beginn scheiterte Carnevale im Eins-gegen-Eins an Lindenberger, später spielte Artner einen Rückpass genau in den Lauf von Vialli – aber der schob nicht nur am herauseilenden Lindenberger, sondern auch am Tor vorbei. Ancelotti nagelte den Ball an den Pfosten. Carnevale drosch den Ball aus fünf Metern über das leere Tor. Dass Österreich bis zur Halbzeit das 0:0 hielt, war mehr als schmeichelhaft. Danach ließ der Druck etwas nach, das Match schlief zunehmend ein. Italien hätte aber nach einem Foul von Russ an Donadoni einen Elfmeter zugesprochen bekommen müssen.

Dann wechselte Italiens Trainer Azeglio Vicini in der 75. Minute einen international kaum bekannten Stürmer für Carnavale ein – Totò Schillaci, es war sein erst zweiter Einsatz für Italien. Drei Minuten später ließ ihm Manndecker Robert Pecl einen halben Meter zu viel Platz bei einer Flanke von Vialli. Schillaci traf per Kopf zum 1:0, dem Siegtreffer. Denn Österreich hatte dem nichts mehr entgegen zu setzen.

Für Österreich folgte ein 0:1 gegen die Tschechoslowakei (dank Toni Pfeffers zu kurzem Rückpass, der den entscheidenden Elfer zur Folge hatte) und ein 2:1-Sieg gegen die USA, der aber am Vorrunden-Aus nichts mehr änderte. Italien kam bis ins Halbfinale, scheiterte dort im Elfmeterschießen an Maradonas Argentinien.

2:1 für Italien bei der WM 1998

Als sich das ÖFB-Team, getragen von den starken Rapid- und Salzburg-Spielern dieser Zeit, acht Jahre später das nächste Mal für die WM qualifizierte, war wieder Italien einer der Gegner in der Gruppe. Diesmal war das Match im Stade de France aber nicht das erste, sondern das letzte Spiel. Österreich hatte zuvor gegen Kamerun und Chile jeweils in der Nachspielzeit zum 1:1 ausgeglichen.

2:1 für Italien bei der WM 1998

Österreich musste zum Einzug ins Achtelfinale mehr erreichen als Chile im Parallelspiel gegen Kamerun und war bei einer Niederlage auf jeden Fall ausgeschieden. Italien reichte ein Remis auf sicher zum Aufstieg und so spielte die Squadra Azzurra auch. Umso mehr, nachdem Bergomi früh den mit einem Kreuzbandriss ausgeschiedenen Nesta ersetzte und den Libero-Posten übernahm.

Teamchef Herbert Prohaska ließ zunächst Herzog draußen, der sich außer Form und mit einer Zehenverletzung durch das Turnier geschleppt hatte und bot im dritten Spiel erstmals Spielmacher UND zwei Stürmer auf. Dennoch wurde die Handbremse erst gelockert, als man zu Beginn der zweiten Hälfte mit 0:1 in Rückstand geriet – man hatte sich bei einem Freistoß düpieren lassen. Sehr viele echte Chancen schauten aber nicht heraus und in der 90. Minute machte Roberto Baggio nach einem Konter mit dem 2:0 den österreichischen Hoffnungen endgültig ein Ende. Der in der Schlussphase eingewechselte Herzog markierte in der Nachspielzeit per Elfmeter noch das 1:2, aber das war nur noch Kosmetik.

Das ÖFB-Lager beklagte sich in der Folge auch über Referee Paul Durkin und auch der „kicker“ konstatierte, dass der Engländer „viele Fehler“ machte und „Italien bevorteilte“. Die kreuzbiedere Squadra Azzurra nudelte sich im Achtelfinale über Norwegen drüber und zog im Viertelfinale im Elferschießen gegen Frankreich den Kürzeren.

Seither nur ein Spiel

In den letzten 23 Jahren spielte Österreich auch nur ein einziges Mal in einem Freundschaftsspiel gegen Italien, das war das erste Spiel unter Karel Brückner im August 2008 und es endete mit einem 2:2-Unentschieden.

Der letzte Sieg von Österreich in einem Bewerbsspiel datiert aus dem April 1958, als man im Gerö-Cup – dem mitteleuropäischen Vorläufer der EM – zu einem 3:2-Sieg kam; fünf Monate vor dem legendären 7:0 des Sportclub gegen Juventus im Europacup und zwei Monate, nachdem Italien die WM-Teilnahme 1958 gegen Nordirland versenkt hatte.

Der letzte ÖFB-Bewerbsspielsieg über Italien war 1958

Nachdem der große Giampiero Boniperti letzte Woche 92-jährig verstorben ist, sind vom damaligen italienischen Team nur noch Bruno Garzena und Eddie Firmani am Leben; bei Österreich ist der damals 19-jährige Hans Buzek der letzte noch lebende Spieler.

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Europas Topligen: Die Rundschau im September https://ballverliebt.eu/2017/09/28/europas-topligen-die-rundschau-im-september/ https://ballverliebt.eu/2017/09/28/europas-topligen-die-rundschau-im-september/#respond Thu, 28 Sep 2017 19:58:11 +0000 Wir habens schon länger versprochen aber aktuelle Ereignisse (und anderes, das wir im Podcast kurz erklären) haben es immer wieder verzögert: Unsere Show zum „Saisonstart“ der europäischen Top-Ligen. Nun reichen wir das nach vielen Hörer-Anfragen einfach mal schnell nach. Was ist los in Deutschland und was war speziell das Problem von Carlo Ancelotti? Was ist los in England und kann man die Manchester-Klubs eigentlich stoppen? Was ist los in Spanien, Italien und Frankreich? Wir plaudern locker darüber und beantworten auch die Fragen, die ihr uns auf Facebook geschickt habt. Viel Spaß mit der neuen Folge des Ballverliebt Fußball-Podcasts.

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England, Deutschland, Italien, Spanien: Alles aus? https://ballverliebt.eu/2017/02/06/england-deutschland-italien-spanien-alles-aus/ https://ballverliebt.eu/2017/02/06/england-deutschland-italien-spanien-alles-aus/#respond Mon, 06 Feb 2017 21:48:35 +0000 Der Ballverliebt Fußball-Podcast kehrt nach längerer Zeit mit jeweils spezifischen Themen diesmal wieder zu seinem beliebten Format der internationalen Rundschau zurück. Und er muss schockiert feststellen: Die internationalen Ligen lassen doch einiges an Spannung vermissen. England, Deutschland, Spanien und Italien sind so gut wie entschieden. Oder? Zu besprechen gibt es jedenfalls natürlich so manches! Auch weil Frankreich mit einer spannenden Meisterschaft in die Bresche springt und an diesem Wochenende die überhaupt beste Liga der Welt wieder startet: jene Österreichs. Und wie geht es eigentlich den ÖFB-Legionären? Die Ballverliebt-Crew verrät es euch in dieser Roundup-Show! 

Aufgrund eines streikenden Internets und daraus resultierendem Zeitdruck sind wird diesmal leider nicht dazu gekommen, eure eingeschickten Fragen zu beantworten. Wir geloben Besserung fürs nächste Mal!

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Die große Vorschau zur WM-Quali https://ballverliebt.eu/2016/09/03/wm-quali-russland-vorschau-oesterreich-italien-spanien-england-portugal-deutschland/ https://ballverliebt.eu/2016/09/03/wm-quali-russland-vorschau-oesterreich-italien-spanien-england-portugal-deutschland/#respond Sat, 03 Sep 2016 11:35:36 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=12986 Es ist zuverlässig alle zwei Jahre wieder so: Nach der EM- bzw. WM-Endrunde geht es nach einem Sommer mit dezentem Fußball-Overkill in die nächste Qualifikation und kein Mensch kann sich mehr erinnern, wie die letzten Dezember ausgelosten Gruppen aussehen. Außerdem hat sich durch das Turnier im Sommer bei vielen Teams einiges an der Wahrnehmung geändert.

Darum hier unser ausführlicher Überblick über die neun Qualifikationsgruppen für die WM in Russland in zwei Jahren. Der Modus: Die Gruppensieger qualifizieren sich direkt, die acht besseren der neun Zweiten spielen im K.o.-Playoff um vier weitere Plätze.

Gruppe A

gruppe aAuf dem Papier ist dies eine der schwerste Gruppen. Aber in Wahrheit ist eher zu erwarten, dass sie eine recht klare Struktur haben dürfte. EM-Finalist Frankreich verfügt über eine der besten Truppen des Kontinents. Obwohl Teamchef Didier Deschamps (47) nicht über jeden Zweifel erhaben ist, wird die Equipe Tricolore keine nennenswerten Probleme haben, unter die Top-2 zu kommen und ist auch der klare Favorit auf den Gruppensieg.

Holland geht nach dem Desater in der EM-Quali und dem Komplett-Umbau mit Danny Blind (55) als Bondcoach und einer stark verjüngten Truppe in die WM-Quali. Viele aktuelle Superstars gibt es nicht, aber (wie gewohnt) viel Potenzial. Es ist nicht zwingend zu erwarten, dass Holland sich fix qualifiziert, aber der zweite Platz ist auf jeden Fall Pflicht.

Vor allem, weil Schweden nach dem Team-Rücktritt von Zlatan Ibrahimovic vor einer Übergangszeit steht. Unter dem neuen Trainer Janne Andersson (53), der zuletzt Underdog Norrköping zum schwedischen Meister gemacht hat, wird es in den nächsten Jahren darum gehen, die extrem talentierte Generation der U-21-Europameister von 2015 um Simon Tibbling ins Team der „Großen“ zu integrieren. Platz drei ist realistisch, mehr wäre eine Überraschung.

Vor zwei Jahrzehnten war Bulgarien eines der besten Teams Europas, davon ist schon lange nichts mehr übrig. Eine wertlose Liga und kaum nennenswerte Legionäre: Trainer Ivailo Petev (41) ist nicht zu beneiden. Einzelne Ausreißer nach oben kann es geben, aber es sollte ein Duell mit Weißrussland um den vierten Platz geben. Wie Bulgarien kann das vom ehemaligen Dynamo-Kiew-Star Alexander Khatskevitch (42, Teil der legendären 1999er-Truppe) trainierte Team für jeden Gegner unangenehm sein, der No-Name-Mannschaft (vornehmlich Kicker aus der eigenen Liga bzw. Legionäre aus der russischen Liga) fehlt es aber an der individuellen Qualität. Luxemburg hat den Weißrussen in der letzten Quali ein 1:1 abgetrotzt und ist in der Gruppe nicht Letzter gewesen, aber das Team von Luc Holtz (47) ist natürlich auch diesmal der Punktelieferant.

Gruppe B

gruppe bAls Europameister muss das Team aus Portugal natürlich als klarer Favorit auf den Gruppensieg gelten, zumal in den fast genau zwei Jahren unter Trainer Fernando Santos (61) kein einziges Pflichtspiel verloren wurde. Die junge Garde aus der zweiten Reihe hinter Ronaldo und Co. rückt immer mehr auf und bekommt immer mehr Verantwortung, wie der 45-Millionen-Transfer von Joao Mario zu Inter Mailand zeigt. Generell ist man klar das kompletteste Team der Gruppe.

Die Schweiz ist unter Vladimir Petkovic (53) ein wenig in der Entwicklung stecken geblieben. Man gehört immer noch locker zu den besten 15 Teams Europas, aber ganz ausgeschöpft wurde das Potenzial in den letzten Jahren auch nicht. Vom Selbstverständnis (und der grundsätzlichen Qualität) sind die Eidgenossen sicher der programmierte Zweite, aber Ungarn hat nach der EM Blut geleckt. Bernd Storck (53) hat bewiesen, dass er mehr aus dem Team heraus holen kann, als eigentlich drin ist – wie beim 2:0 über Österreich oder dem 3:3 gegen Portugal. Man wird aber nur Zweiter werden können, wenn die Schweizer unter Niveau spielen.

Alle anderen haben keine Chance. Lettland ist, obwohl aus dem 5. Topf gezogen, vom Namen her der Kandidat auf dem vierten Platz, aber dass Mattersburg-Linksverteidiger Maksimenko bei Teamchef Marians Pahars (40) zum Stammpersonal gehört, sagt schon einiges über die Qualität aus. Färöer ist dank der beiden Siege über Griechenland zuletzt in den 4. Topf gerutscht und ist sowieso schon seit Längerem der Beste unter den Zwergen. Sollte das Team von Langzeit-Teamchef Lars Olsen (55) die Setzung bestätigen und die Letten hinter sich lassen, wäre das ein riesiger Erfolg. Und Andorra wird aller Voraussicht nach selbst gegen die Färinger nicht viel holen. Abgeschossen werden die Mannen von Koldo Alvarez (45) zwar fast nie, aber am Ende steht trotzdem fast immer eine Null.

Gruppe C

gruppe cDass Titelverteidiger Deutschland eine problematische Gruppe zugelost bekommen hätte, kann man nicht sagen – obwohl es zwei weitere EM-Teilnehmer und ein erst im Playoff gescheitertes Team gibt. Aber Joachim Löw (56) hat so viel Talent in der Hinterhand, dass ihm die weitere Verjüngung kaum Schwierigkeiten bereiten sollte und das Niveau nicht viel sinkt. Bei der EM war man, trotz des Aus im Halbfinale, extrem stabil und das wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch so bleiben. Zehn Siege aus zehn Spielen wären keine Überraschung.

Deutlich mehr Probleme dürfte Tschechiens neuer Trainer Karel Jarolim (60) mit dem Umbau haben. Das bei der EM unerwartet schwache und tendenziell überalterte Team hat so keine Zukunft, den nachrückenden Spielern aus der heimischen Liga fehlt es an internationaler Erfahrung. Platz zwei ist alles andere als sicher, obwohl die Konkurrenz nicht furchteinflößend ist. Obwohl: Nordirland (Gruppensieger in der letzten Quali, Achtelfinale bei der EM) hat gesehen, dass man zumindest mit der zweiten Reihe Europas durchaus auf Augenhöhe mithalten kann, zudem ist Michael O’Neill (47) ein Trainerfuchs der sein Team punktgenau einstellen kann.

Norwegen ist eine zutiefst biedere Mannschaft – gut, das war Norwegen immer schon, aber in den 90ern war zumindest individuelle Qualität da. Auf die kann Trainer Per-Mathias Høgmo (56) nicht setzen. Im EM-Playoff stand man recht ratlos den Ungarn gegenüber. Andererseits hatte man es bis zuletzt in eigener Hand, sich fix für die EM zu qualifizieren. Das heißt: Spiele gegen Norwegen werden weder schön noch spektakulär, aber biegen muss man sie auch erst einmal. Die Chance auf den zweiten Platz besteht, recht groß ist sie aber nicht.

In Aserbaidschan ist die Liga dank Petro-Dollars und vielen Legionären aufstrebend (zum zweiten Mal hintereinander sind zwei Klubs in der EL-Gruppenphase), aber auf Nationalteam-Ebene merkt man das aber nicht einmal annähernd. Der Kader von Robert Prosinecki (47) besteht fast ausschließlich aus Spielern der nationalen Top-Klubs Qarabag, Gabala und Neftchi. Realistischerweise wäre schon der vierte Platz ein gigantischer Erfolg. Das wäre es für San Marino, wenn man zumindest ein-, zweimal mit weniger als drei Toren Differenz verlieren sollte. Die Mannen von Pierangelo Manzaroli (47) werden das mit Abstand schlechteste Team Europas bleiben.

Gruppe D

gruppe dDer Fluch der guten Tat: Anstatt als Underdog die gute Setzung quasi von unten her anzugehen, ist Wales nach dem Einzug ins EM-Halbfinale nun tatsächlich mit der Bürde des Favoriten ausgestattet. Das Turnier in Frankreich hat die Stärken der Waliser offengelegt, aber auch die Schwächen aufgezeigt: Wenn einer aus dem Top-Quartett (Bale, Ramsey, Allen, Ledley) ausfällt, kann der relativ dünne Kader von Chris Coleman (46) das nicht auffangen. Allerdings ist auch die Konkurrenz nicht über jeden Zweifel erhaben.

So klappte Österreich bei der EM unter der hohen Erwartung zusammen und krachte schon in der Vorrunde raus. Dennoch: Marcel Koller (55) hat einen ausgeglichenen Kader, der zwar über einige Schwachpunkte verfügt (Außenverteidiger in der Qualität, Angriff in der Quantität), aber vor allem im Zentrum über absolute europäische Klasse. Die Frage wird eher sein, wie man damit umgeht, nun trotz der verpatzten EM eher zu den Favoriten zu gehören.

Zumal auch Irland eine zwar inhaltlich nicht weltbewegende, aber gemessen an den Möglichkeiten doch recht ordentliche EM gespielt hat und sich von der zurückgetretenen Überfigur Robbie Keane auch längst emanzipiert hat. Mit Martin O’Neill (64) gibt es nach der lähmenden Trap-Ära auch einen Trainer, der die Mentalität versteht. Die Mentalität ist indes bei Serbien der oft limitierende Faktor. Slavoljub Muslin (63) hat zwar einige Qualitätsspieler zur Verfügung, aber eine funktionierende Mannschaft haben die Serben selten – und in der letzten Qualifikation gab es in acht Spielen nur zwei Siege.

Wales und Österreich sind die Favoriten auf Platz eins und zwei, aber hier kann wirklich alles passieren. Naja, fast alles: Dass Georgien sind selbst als heißesten Kandidaten auf den Gruppensieg sieht, ist eh lieb, aber man muss schon unter dem Einfluss härterer Drogen stehen, um das auch wirklich zu glauben. Neo-Teamchef Vlaidmir Weiss (51) übernahm ein Team mit kaum durchdringbarer Defensive und einigen offensiven Talenten, aber mehr auch nicht. Moldawien schloss die letzte Quali sogar hinter Liechtenstein ab, wird auch weiterhin vor allem auswärts ein zäher Gegner bleiben, aber die fehlende Kontinuität – Igor Dobrovolski (49) ist schon der dritte Trainer in zwei Jahren – ist nicht gerade hilfreich.

Gruppe E

gruppe eAuf der Suche nach der schwächsten Gruppe wird man wohl am ehesten hier fündig. Geht es nach den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit, hat hier wohl Polen die besten Karten auf den Gruppensieg. Man erreichte das EM-Viertelfinale ohne auch nur einmal wirklich das Potenzial auszuschöpfen, verfügt über eine Handvoll echter Klassespieler und ist eine grundsätzlich gut funktionierende Truppe. Auch Teamchef Adam Nawalka (58) entschied sich dafür, weiter zu machen.

Rumänien war kein Glanzpunkt bei der EM, enttäuschte aber auch nicht wirklich. Der neue Teamchef heißt Christoph Daum (62), er soll das relativ alte und wohl eher schon über dem Zenit stehende Team etwas umformieren, ohne an Qualität zu verlieren. Das wird angesichts des fehlenden Nachwuchses eine Mammut-Aufgabe. Damit könnte die Tür für Dänemark wieder aufgehen. Nach 16 Jahren endete dort die Amtszeit von Morten Olsen mit einem EM-Quali-Scheitern an Albanien und Schweden. Åge Hareide (62) hat einige tolle junge Spieler zur Verfügung (Eriksen, Poulsen, Fischer, Højbjerg, Vestergaard, Christensen) und hat nun eine nicht besonders schwere Gruppe, um das auch in gute Resultate umzusetzen. Darum sind die Dänen wohl der größte Gegner der Polen.

Für Montenegro verlief die letzte Quali enttäuschend, den Zug zu einer Endrunde hat man wohl für längere Zeit verpasst, weil Leistungsträger alt werden und zu wenig Breite vorhanden ist. Ljubisa Tumbakovic (64) ist der neue Trainer, aber mehr als ein unangenehmer Gegner werden die Montenegriner eher nicht sein. Ähnliches gilt für das Team aus Armenien: Zweimal war man kurz davor, sich für EM bzw. WM zu qualifzieren, ganz klappte es für Henrikh Mkhitaryan und Co. aber nicht. Unter den Nachfolgern von Trainer Vardan Minasyan (bis 2013) ging es nur bergab, unter Varushan Sukiasyan (60) hofft man (vermutlich vergebens) auf die Trendwende.

Kasachstan ist vor allem eine unangenehme Reise, aber kein sportlicher Gradmesser. Talgat Bajsufinov (47) hat ausschließlich Kicker aus der heimischen Liga in seinem Kader – ein paar davon waren letztes Jahr mit dem FC Astana zwar in der Champions League, aber es wäre schon ein Erfolg, nicht Letzter zu werden.

Gruppe F

gruppe fNachdem die Three Lions das mit dem Brexit ein wenig zu wörtlich genommen haben, ist nun Sam Allardyce (61) der neue Mann an der Seitenlinie von England. Das Werkzeug (in Form von einigen wirklich guten, jungen Spielern) hat Big Sam, von seinem Potenzial der Umsetzung sind bei dem bärbeißigen aber nicht alle überzeugt. Die Gruppe klingt für England recht gut, weil es eigentlich kein Team von echter Topf-2-Stärke gibt. Aber Vorsicht ist angebracht: Gegen solide und defensiv starke Teams offenbarten sich bei der EM die größten Probleme, nicht nur beim peinlichen Achtelfinal-Aus gegen Island.

Und die Gegnerschaft besteht überwiegend aus genau solchen Teams. Wie die Slowakei etwa, wo Jan Kozak (62) hinten zu macht und sich vorne auf Geniestreiche von Marek Hamsik verlässt. Das hat bei der EM gereicht, um als Gruppendritter ins Achtelfinale zu schleichen, das ist aber das absolute Maximum gewesen. Schottland war als einzige der Home Nations nicht bei der EM dabei, das liegt aber auch in der Tatsache begründet, dass man in der Quali eine teuflisch schwere Gruppe hatte. Nicht, dass Gordon Strachan (59) eine furchteinflößende Truppe beinander hätte, keineswegs – die besteht fast ausschließlich aus Kickern der zweiten englischen Liga. Aber selbst das könnte reichen, um die biederen Slowaken zu biegen, ein Aufwärtstrend war in den letzten Jahren klar erkennbar.

Bei Slowenien gibt es einige gute Spieler (Kampl, Ilicic, Birsa, Jokic), aber zuletzt nicht die entsprechenden Leistungen. Teamchef Srecko Katanec (53) schaffte es zuletzt nicht, das kreative Potenzial auszuschöpfen. Gelänge das, hätte man mangels wirklich guter Konkurrenz aber eine seriöse Chance auf den zweiten Platz. Litauen hingegen wird keine Chance haben, dazu reicht einfach die Kaderqualität nicht aus. Die meisten Spieler von Ex-Porto-Stürmer Edgaras Jankauskas (41) spielen daheim, die wenigen Legionäre überwiegend in schwachen Ligen. Malta ist natürlich der programmierte Letzte, aber dem Team von Pietro Ghedin (63) ist es jederzeit zuzutrauen, einem höher eingeschätzten Gegner ein Bein zu stellen.

Gruppe G

gruppe gNach dem zweiten viel zu frühen Ausscheiden in Folge wurde Vicente del Bosque als Teamchef von Spanien abgelöst. Sein Nachfolger ist Julen Lopetegui (50), der schon die spanischen U-21 zum EM-Titel geführt hat. Er hat ein unglaubliches Reservoir an Talent und an Möglichkeiten, kann aber auch nur elf Spieler aufstellen und muss diese richtig einstellen – das hat Del Bosque zuletzt ja nicht mehr so richtig hinbekommen. Dennoch: Spanien hat natürlich den Anspruch und die Möglichkeiten, auch in Russland wieder auf den Titel los zu gehen.

Ein wenig größer sind die Fragezeichen da schon bei Italien, trotz den überraschend positiven und vor allem taktisch grandiosen Auftreten bei der EM. Statt Antonio Conte ist nun Giampiero Ventura (68) der Commissario Tecnico. Er ist nicht ganz so flexibel wie Conte, denkt aber langfristig und hat in über 20 Jahren in der Serie A schon praktisch alles gesehen. Der limitierende Faktor ist auch eher die Qualität der Spieler: Denn die gute EM ändert nichts daran, dass ein von der individuellen Klasse die die vermutlich schlechteste italienische Mannschaft seit vielen Jahrzehnten ist.

Das beste Team, das man je hatte, ist jenes von Albanien. Bei der EM machte man im Rahmen der Möglichkeiten eine wirklich gute Figur, man verfügt über eine eingeschworene Truppe und mit Gianni de Biasi (60) einen guten und hoch angesehenen Trainer. Natürlich ist man schon ganz klar hinter den Italienern anzusiedeln, aber an Selbstvertrauen mangelt es den Albanern auf keinen Fall. Für Israel wird es realistischerweise nur darum gehen, vielleicht die Albaner hinter sich zu lassen – mehr gibt der überwiegend farblose Kader von Elisha Levy (58) nicht her. Erfahrungsgemäß wird Italien den beiden Verfolgern lange Hoffnungen machen, sich am Ende aber durchsetzen.

Die anderen haben keine Chance. Wobei Liechtenstein jederzeit zum Stolperstein werden kann, das hat das Team des Steirers René Pauritsch (52) schon in der letzten Quali gezeigt, als man vor Moldawien landete. Mazedonien hingegen wurde hinter Luxemburg Gruppenletzter – Mrme Angelovski (40) hat auch nur sehr wenig individuelle Qualität zu seiner Verfügung. Und ja, der alte Goran Pandev spielt immer noch.

Gruppe H

gruppe hWie man möglichst wenig aus einem tollen Kader herausholt, zeigte Marc Wilmots mit Belgien bei der EM eindrucksvoll. Roberto Martinez (43) ist selbst im Halbschlaf ein besserer Trainer als Wilmots und darum darf er nun das belgische Team betreuen. Auf dem Weg zur EM in Russland gibt es kein Team, das den Roten Teufeln gefährlich werden kann: Zu stark ist der Kader, zu vielfältig die Möglichkeiten, zu gut nun auch der Trainer und zu schwach die Konkurrenz. Die Quali sollte für Belgien zum Spaziergang werden.

Denn dahinter ist das sehr, sehr dünn. Bosnien hatte im EM-Playoff gegen Irland keine Chance, die große Generation – die statt drei Endrunden nur eine erreicht und selbst dort enttäuscht hat – ist Geschichte. Die besten Spieler von Mehmed Bazdarevic (55) sind fast alle schon über 30 Jahre alt (Dzeko, Lulic, Ibisevic), nur Miralem Pjanic von Juve ist noch im besten Alter. Was für Bosnien spricht, ist halt die schwache Gegnerschaft. Denn Griechenland hat es zuletzt selbst in der klar leichtesten Gruppe geschafft, Letzter zu werden – hinter den Färöern. Auf dem Papier ist das Team von Michael Skibbe (51) wohl sogar über Bosnien zu stellen, aber der Niedergang des Niveaus der einst wirklich guten heimischen Liga und die Abwesenheit von Legionären bei guten Klubs sind keine guten Vorzeichen. Eine neue Generation (man war vor einigen Jahren U-19-Vizeeuropameister) muss den Karren nun aus dem Dreck ziehen.

Estland war für die WM 2012 im Playoff, das war aber nur ein Strohfeuer. Der Kader von Magnus Pehrsson (40) spielt fast ausschließlich in der eigenen Liga, die ja nun nicht besonders gut ist – vorsichtig formuliert. Der mit sehr, sehr, sehr viel Abstand bekannteste und beste Spieler ist Innenverteidiger Ragnar Klavan, der im Sommer von Augsburg zu Liverpool wechselte. Auch Zypern hat schon mal bessere Tage gesehen: Die Liga ist zwar ganz gut, hat aber einen Ausländer-Anteil von deutlich über 50 Prozent. Viel mehr als das Abgreifen von Rest-Punkten wird für Trainer Christakis Christoforou (52) und sein Team wieder nicht drin sein. Aber immerhin gibt’s zwei heiße Duelle mit dem großen Bruder.

Gibraltar hat sich im letzten Moment durch die FIFA-Aufnahme doch noch die Teilnahme-Berechtigung gesichert, wird aber wiederum nur Punktelieferant sein. Da das Projekt eines neuen Stadions ins Stocken geraten ist, wird die Truppe von Jeff Wood (62) auch weiterhin die „Heimspiele“ im portugiesischen Faro austragen.

Gruppe I

gruppe iEigentlich war Kroatien ja eines der besten Teams bei der EM, aber die portugiesische Manndeckung manövrierte die Mannschaft von Ante Cacic (62) schon im Achtelfinale aus. Das ändert nichts daran, dass man die deutlich beste Mannschaft dieser sehr ausgeglichen besetzten Gruppe stellt. Sprich: Modric, Rakitic und Co. sollten ohne wirkliche Probleme den Gruppensieg einfahren können, dahinter ist aber so gut wie alles möglich.

Etwa für Island. Nach dem überraschenden Viertelfinal-Einzug und der alleinigen Übernahme durch Heimir Hallgrimsson (49) spitzt der Inselvolk nun natürlich auch auf die erste WM-Teilnahme. An der Spielweise (inhaltlich todlangweilig, aber mit voller Inbrunst) wird sich nichts ändern, am Personal auch nicht wirklich, dafür ist das Selbstvertrauen gestiegen – allerdings auch der Respekt der Gegner. Niemand wird Island mehr unterschätzen.

Auch die Türkei nicht. Fatih Terim (62) hat zwar nur wenige wirkliche Klassespieler, aber dafür viel Fußball-IQ und mit Emre Mor eines der größten Talente, die es in Europa derzeit gibt. Einen ähnlich starken/schwachen Kader hat die Ukraine, dafür wohl einen auf seinem Posten wohl nicht ganz so versierten Trainer. Andrej Shevchenko (39) war einer der besten Stürmer der Welt, als Trainer ist er aber noch ein unbeschriebenes Blatt. Vermutlich werden sich die Isländer, die Türken und die Ukrainer annähernd auf Augenhöhe treffen und den zweiten Platz untereinander ausmachen. Gut denkbar daher, dass sie sie so sehr die Punkte gegenseitig wegnehmen, dass dies jene Gruppe wird, aus der der Zweite gar nicht ins Playoff darf.

Finnland hat nach den verschenkten Paatelainen-Jahren nun mit Ex-Salzburg-Coach Hans Backe (64) einen routinierten und gutklassigen Trainer, aber immer noch keinen besonders guten Kader, vor allem im Mittelfeld fehlt es eklatant an Klasse. Niemand wird die Finnen abschießen und sie können auch jederzeit einen der Platz-zwei-Kandidaten schlagen, aber dennoch muss man den Blick auch nach hinten richten.

Denn was der Kosovo wirklich kann, weiß noch niemand. Der (nicht ganz unumstrittenen) Aufnahme in die FIFA folgte zuletzt das große Zusammensuchen: Kicker mit kosovarischer Herkunft aus ganz Europa „wechselten“ zum Kosovo und Teamchef Albert Bunjaki (45) – wenn auch nicht die allererste Reihe. Der Norweger Valon Berisha von Salzburg läuft nun etwa für den Kosovo auf, ebenso wie die Deutschen Halimi, Alushi und Perdedaj, der Belgier Ujlaki und nicht zuletzt auch der Österreicher Sinan Bytyqi. Dennoch: Der letzte Gruppenplatz ist wahrscheinlich.

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Die EURO-Top-8: Überraschungen und zu kurz Gekommene https://ballverliebt.eu/2016/07/12/die-euro-top-8-ueberraschungen-und-zu-kurz-gekommene/ https://ballverliebt.eu/2016/07/12/die-euro-top-8-ueberraschungen-und-zu-kurz-gekommene/#comments Tue, 12 Jul 2016 13:31:02 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=12795 Weltmeister Deutschland, Gastgeber Frankreich, Geheimfavorit Belgien: Solche Teams hat man unter den besten acht Mannschaften des Turniers erwartet. Island und Wales hingegen eher weniger. Hier der dritte und letzte Teil unserer Team-Analysen der EM 2016: Jene acht Teams, die im Viertelfinale, Semifinale und Finale dabei waren.

Portugal: Pragmatisch zum Titel

Team PortugalMit Spielern wie Rui Costa, Figo und Ronaldo stand Portugal in der Vergangenheit in erster Linie für schöngeistigen Angriffs-Fußball, dem es auch in Ermangelung eines echten Knipsers ein wenig am Endzweck mangelt. Die portugiesische Mannschaft, die nun endlich den Bann gebrochen und jenen großen Titel einfuhr, den sich Portugal längst verdient hatte, ist genau das nicht. Oder: War genau das in der K.o.-Phase dieser EM nicht.

In der Gruppenphase hatte Ronaldo alleine mehr Torschüsse als neun Teams bei diesem Turnier, er rettete in einem Chaos-Spiel noch das 3:3 gegen Ungarn und damit den Platz im Achtelfinale. Von da an konzentrierte man sich darauf, die Gegner zu neutralisieren – und das klappte vorzüglich. Adrien Silva, nominell auf der Zehn, war eher vorderster Manndecker als Spielgestalter; weil es weiterhin keinen wirklichen Center-Forward von adäquatem Niveau gibt, spielte Trainer Fernando Santos gleich ganz ohne einen solchen. Der Pragmatiker stellte sein Team punktgenau auf jeden Gegner ein, ohne Rücksicht darauf, ob das nun attraktiv aussieht oder nicht.

Portugal agierte bei dieser EM nicht herzerwärmend und hat wohl kaum neue Fans dazugewonnen. Mit einem Blick auf die Trophäe, die sich der Verband ab sofort in den Wandschrank stellen darf, werden Ronaldo und Co. das aber verschmerzen können.

Frankreich: Fast nie das Optimum erreicht

Team FrankreichDer Gastgeber landete im schweren Turnier-Ast und hat auf dem Weg ins Finale trotzdem nur eine einzige Klassemannschaft vorgesetzt bekommen. Der Halbfinal-Sieg gegen Deutschland hatte auch deutlich mehr mit Glück zu tun als mit einem patenten Matchplan – man stand 80 der 90 Minuten eingeschnürt am eigenen Strafraum.

Wie überhaupt Frankreich individuell einige herausragende Leistungen präsentierte. Allen voran natürlich Torschützenkönig Antoine Grizemann, aber auch Spätzünder Dimitri Payet und das für 25 Millionen Euro zu Barcelona wechselnde Abwehr-Juwel Samuel Umtiti. Aber als Deschamps im Achtelfinale seine Formation gefunden hat – aus dem 4-3-3 bzw. 4-2-3-1 der Vorrunde wurde ein 4-4-2 mit Grizemann als etwas hängender Spitze neben Giroud, dafür musste Kanté aus dem Mittelfeld-Zentrum weichen – wurde nichts mehr verändert.

Es kamen auch keine Impulse mehr von Deschamps. Der einstige Weltklasse-Mittelfeld-Regisseur vermochte es wie schon vor zwei Jahren bei der WM nicht, seinem Team eine neue Richtung zu geben, wenn es nicht funktionierte. Damals rannte man 80 Viertelfinal-Minuten ohne wirklichen Plan einem 0:1 gegen Deutschland hinterher, hier verließ sich Deschamps im Finale darauf, dass einer seiner Einzelkönner schon noch für die Entscheidung sorgen würde.

Hinzu kamen die immer gleichen Wechsel (Gignac für Giroud, Coman für Payet). Obwohl Frankreich das Finale erreichte und dort erst durch einen Weitschuss in der Verlängerung bezwungen wurde: Man wird das Gefühl nicht los, dass Deschamps das gigantische Potenzial dieses Kader nicht auszuschöpfen vermag.

Deutschland: Sehr solide, aber nicht perfekt

Team DeutschlandSehr stabil, gruppentaktisch extrem unanfällig für Fehler, flexibel im Gestalten der Matchpläne: Von alles 24 Teams bei diesem Turnier war jenes von Weltmeister Deutschland vermutlich das Kompletteste.

Man kam gegen schwächere Gegner nie in die Gefahr, etwas liegen zu lassen; begnügte sich gegen Mittelklasse-Team Polen mit einem 0:0, als man merkte, dass man nicht durchkommt; überraschte und kontrollierte Italien und dominierte Frankreich beinahe nach Belieben. Letztlich waren es zwei Punkte, die den Deutschen den Titel raubten: Individuelle Fehler (Handspiele im Strafraum, in erster Linie) und die Tatsache, dass man auf zwei, drei Positionen halt doch nicht ganz optimal besetzt ist. Nach dem Ausfall von Mario Gomez (eh auch schon nur im äußerst weiteren Sinne ein europäischer Klassespieler) gab es bei aller Dominanz keine Präsenz mehr im Strafraum; Linksverteidiger Jonas Hector macht nichts kaputt, er bringt aber auch nichts; und Joshua Kimmich war – wie schon bei den Bayern – offensiv stark, aber defensiv wechselten sich grandiose Aktionen mit Anfängerfehlern ab.

Das Turnier war beliebe kein Fehlschlag für den DFB und mit Leuten wie Julian Weigl und Leroy Sané (die schon im Kader waren) sowie Julian Brandt und Mahmoud Daoud (die noch nicht dabei waren) gibt es gerade im Mittelfeld spannende junge Spieler mit großer Zukunft. Die Problemstellen Außenverteidiger und Stoßstürmer bleiben aber weiterhin eher dünn besetzt.

Wales: Alles auf das Top-Quartett ausgerichtet

Team WalesMit Deutschland im Halbfinale hatte man rechnen können, mit Wales eher nicht. Das ist nicht nur mit einer nicht übertrieben problematischen Auslosung (Russland und Slowakei in der Gruppe, Nordirland im Achtelfinale) zu erklären. Die Waliser verfügen über eine äußerst intelligent zusammen gesetzte Truppe mit vier Schlüsselspielern – Joe Allen als Taktgeber auf der Sechs, für den Bartträger Joe Ledley die Drecksarbeit erledigt, davor/daneben Aaron Ramsey als raumübergreifender Verbindungs-Spieler zwischen Mittelfeld und Angriff und natürlich Superstar Gareth Bale.

Um alle vier aus diesem Quartett bestmöglich in Szene setzen zu können, adaptierte der clevere Chris Coleman sein System dahingehend. Weil er nicht links und rechts jeweils zwei Spieler einsetzen konnte (wie im 4-2-3-1 oder 4-4-2) UND einen weiteren Stürmer an die Seite von Gareth Bale stellen, besetzte er die Außenbahnen nur Singulär und installierte dafür hinten eine Dreierkette. So hat er noch einen zehnten Feldspieler übrig, den er neben/vor Bale und Ramsey stellen konnte. Meistens war das Hal Robson-Kanu, auch Sam Vokes kam als Stürmer zum Einsatz.

Wales war eines der wenigen Teams, die sowohl das Heft in die Hand nehmen, als auch defensiv stehen und Druck absorbieren können. Bei aller Qualität der ersten Elf muss aber auch gesagt werden: Wenn aus dem Schlüssel-Quartett einer ausfällt, gibt der Kader keinen annähernd gleichwertigen Ersatz her. Das wurde vor allem im Halbfinale gegen Portugal deutlich, als Aaron Ramsey gesperrt fehlte. Dennoch kann Wales mit dem Turnier überaus glücklich sein und es besteht absolut die Möglichkeit, dass man mit dieser Gruppe von Spielern auch noch die WM 2018 und die EM 2020 erreicht.

Italien: Erfrischend großartiges Coaching

Team ItalienZu beneiden war Antonio Conte ja nicht, als er vor zwei Jahren die Squadra Azzurra übernahm. Das Loch einer verlorenen Generation, das sich nach den heute 30-Jährigen auftut, wird immer mehr deutlich. Im Grunde geht es für Italiens Teamchefs dieser Tage nur darum, die Zeit möglichst ohne Blamage zu überbrücken, bis wieder eine breitere Basis an jungen Spielern durchkommt.

Neben dem verletzten Marco Verratti (23) gibt es nur zwei Spieler (Florenzi und De Sciglio), die deutlich unter 30 Jahre alt sind, auf die sich Conte (und vorläufig auch Nachfolger Ventura) verlassen können; nur für Buffon steht ein designierter Nachfolger bereit (Milan-Wunderkind Gigio Donnarumma nämlich). So war es Contes Aufgabe, aus den routinierten, aber gerade in Mittelfeld un Angriff nicht höchsten Ansprüchen genügenden Spielern eine patente Truppe zu formen.

Und das ist Conte vollauf gelungen. Mit den vier alten Herren von Juventus in der Abwehr hatte Conte eine hervorragende Basis, auf der er sein restliches Team aufbauen konnte. Das italienische Team ist taktisch eines der am besten ausgerüsteten des ganzen Turniers, jeder weiß immer was die anderen tun und vorhaben. Als einziger Trainer dieser EM ließ Conte außerdem signifikant asynchron spielen – mit Giaccherini, nominell linker Achter, als de-facto-Außenstürmer vor dem defensiven De Sciglio; dafür übernahm rechts Wing-Back Florenzi die offensive Außenbahn und Parolo sicherte im Halbraum ab.

Mit extrem viel Hirnschmalz, großartiger taktischer Einstellung und ohne den Druck allzu hoheer Erwartungen war der vermutlich schwächste italienische Kader seit Jahrzehnten eine der positiven Überraschungen des Turniers. Der Gedanke ist nicht einmal abwegig, dass Italien Europameister geworden wäre, hätte man das Elferschießen gegen die Deutschen gewonnen.

Belgien: Erschreckend schwaches Coaching

Team BelgienSo großartig die Italiener gecoacht wurden, so übel war die Figur, die Belgien in diesem Bereich machte. Zyniker sagen, dass es im Team unter Marc Wilmots keine Trennlinien mehr zwischen Flamen und Wallonen gibt – weil diese nun zwischen Befürwortern (um Eden Hazard) und Gegnern (um Thibaut Courtois und Kevin de Bruyne) des Teamchefs verläuft.

Kaum ein Kader bei dieser EM war individuell so stark besetzt, annähernd ohne markante Schwachstellen, wie jene der Belgier. Ein Weltklasse-Goalie, eine starke Innenvertdigiung (auch ohne den verletzten Kompany), ein gleichermaßen energiegeladenes wie kreatives Mittelfeld-Zentrum, junge und extrem talentierte Außenspieler und ein gutklassiger Stürmer – Belgien hatte alles, was es zum EM-Titel braucht. Außer einem Trainer, der das auch drauf hat. Gerade gegen geschickte Teams wie Italien und Wales wurde überdeutlich, wie unsagbar schlecht Belgien gecoacht war.

Wilmots stellte, überspitzt formuliert, elf Leute auf, und verließ sich darauf, dass einem davon schon was Sinnvolles einfallen würde – gerade Hazard nimmt sich viele Freiheiten, was dem Vernehmen nach sogar einigen Mitspielern (wie De Bruyne) merklich missfällt. Ein tiefergreifendes Verständnis für die Pläne der Nebenspieler war aber ebenso wenig erkennbar wie eingeübte oder gar überraschende Varianten bei Standards.

Von selbst wird Wilmots, der noch Vertrag bis zur WM 2018, keinesfalls zurücktreten und seine Entlassung würde dem klammen Verband eine Million Euro an Abfindung kosten – außerdem bekam Michel Preud’Homme, Wunschkandidat der Verbandsspitze, gerade erst seine Kompetenzen bei Meister Club Brügge erweitert.

Polen: Wenig gezeigt, viel erreicht

Team Polen„Nicht enttäuschend, aber doch zumindest unterwältigend – trotz des Einzugs ins Viertelfinale.“ So hieß es an dieser Stelle vor zwei Jahren über Belgien. Dieser Satz gilt praktisch baugleich über das polnische Team bei dieser EM. Und auch: „Ihr Spiel hatte immer so ein wenig die Aura von Dienst-nach-Vorschrift, von Uninspiriert- und Biederkeit.“ Genau.

Grundsätzlich baute Adam Nawalka eine funktionierende Mischung als Klasseleuten wie Glik, Krychowiak, Milik und Lewandowski mit unbekannten Spielern aus der polnischen Liga (wie Pazdan, Jedrzejczyk, Maczynski und Kapustka). Weil sich die gegnerischen Abwehrreihen auf Lewandowski konzentrierte, öffenten sich für Arek Milik die Räume, so war er der deutlich gefährlichere der beiden Stürmer.

Allerdings: Das den Gegner stets kontrollierende, aber zurückgenommene und kontrollierte Spiel der Polen vor allem in den Spielen gegen die Ukraine und die Schweiz, aber auch bis zu einem gewissen Grad gegen die geschickten Portugiesen, versprühte nicht nur keinen Glanz – bei aller internationalen Routine wird man auch das Gefühl nicht los, dass dieser Kader mit einer etwas mehr nach vorne gerichteten Spielanlage besser fahren würde.

Aber auch so reichte es für den Sicherheits-Fußball von Adam Nawalka zu einem Viertelfinale, das dem Potenzial des Teams auch durchaus entspricht. Es ist vermutlich die beste polnische Mannschaft seit 34 Jahren.

Island: Langweiliger Fußball, mitreißender Anhang

Team IslandDie beste Nationalmannschaft des Landes seit immer stellt die derzeitige Truppe von Island. Zwar deutete sich die Qualität der Truppe schon seit Jahren an – etwa mit dem WM-Playoff 2013, aber auch mit den Siegen über Holland und die Türkei in der EM-Quali. Aber dass sich die Isländer gar ins Viertelfinale durchkämpfen würden, kam dann doch ein wenig überraschend.

Dabei klafft auch bei keinem Team die Attraktivität des Spiels und die wahrgenommene Attraktivität bei den Fans und Sympathisanten weiter auseinander als bei Island. Keine der 23 anderen Mannschaften spielte einen simpleren, langweiligeren und vorhersehbareren Fußball als Island. Knallhartes Verteidigen in zwei mitteltief stehenden Ketten, eisenhartes Einhalten der Abstände, strikte Zonen-Verteidigung und nicht einmal der Versuch von spielerischem Glanz prägten das Team von Lars Lagerbäck und Heimir Hallgrimsson. Dass die weiten Einwürfe von Aron Gunnarsson das mit Abstand auffälligste Element in Islands Angriffsspiel ist, spricht Bände.

In krassem Gegensatz dazu steht die aufgeschlossene, fröhliche und einladende Grundstimmung der großartigen Fans genauso wie innerhalb der Mannschaft – ein Phänomen, das auch schon vor drei Jahren bei Islands Frauen bei ihrer EM („Was die Mannschaft an Glamour am Platz vermissen ließ – biederes 4-4-2, kompakt stehen, schnell kontern – machte sie durch ihre überbordende Freude an ihrem Tun wett“) extrem positiv auffiel. Und der isländische Aufschwung ist auch kein Zufall im Sinne einer plötzlichen goldenen Generation, sondern das Produkt einer extremen Infrastruktur-Offensive und zielgerichteter Nachwuchsarbeit.

Gylfi Sigurdsson, Gunnarsson, Bjarnason, Sightorsson und Finnbogason waren 2011 bei der U-21-EM dabei und haben auf dem Weg dorthin Deutschland (mit Hummels, Höwedes, Schmelzer, Großkreutz und Lars Bender) mit 4:1 abgeschossen; 18 Mann aus dem damaligen 23er-Kader haben bereits Länderspiele absolviert. Und auch die aktuelle U-21 ist nach einem Sieg über Frankreich auf dem Weg zur Endrunde.

Es ist also durchaus möglich, dass sich der brutal simple, aber gleichzeitig extrem zielgerichtete isländische Fußball in Zukunft öfter bei Endrunden-Turnieren zeigt.

Das war’s

Damit ist das Kapitel „EURO 2016“ geschlossen und der Blick geht nach vorne. Erstmal auf die demnächst startende Qualifikation für die WM in zwei Jahren in Russland. Dann, zwischendurch, ist auch der Confed-Cup (im Juni 2017, mit Europameister Portugal, Weltmeister Deutschland und Gastgeber Russland). Und natürlich die Nations League, das Quasi-Freundschtsspiel-Turnier, mit drei Doppelspieltagen im Herbst 2018.

Die nächste EM-Endrunde (deren Quali von März bis November 2019  steigt) wird bekanntlich über ganz Europa verstreut ausgetragen: Vorrunden- und Achtelfinalspiele in Amsterdam, Bilbao, Budapest, Bukarest, Brüssel, Dublin, Glasgow und Kopenhagen; Vorrunden- und Viertelfinalspiele in Baku, München, Rom und St. Petersburg und dem „Final Four“ in London.

Link-Tipps:
Analyse der Vorrunden-Verlierer (ALB, AUT, CZE, ROU, RUS, SWE, TUR, UKR)
Analyse der Achtelfinal-Verlierer (CRO, ENG, ESP, HUN, IRL, NIR, SVK, SUI)

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EURO 2016: Der Podcast zum Halbfinale https://ballverliebt.eu/2016/07/04/euro-2016-der-podcast-zum-halbfinale/ https://ballverliebt.eu/2016/07/04/euro-2016-der-podcast-zum-halbfinale/#respond Mon, 04 Jul 2016 00:05:54 +0000 Und da waren es nur noch vier! Die Deutschen, die Franzosen, die Portugiesen und die Waliser machen sich bei der EURO 2016 die Sache mit dem Titel aus. Wie es im Viertel- und Achtelfinale dazu gekommen ist und was sie sich vom Halbfinale erwarten, darüber sprechen Tom und Philipp in der aktuellen Podcast-Folge. Da schimpfen sie über die Belgier, da zweifeln sie an den Franzosen, relativieren die Isländer, hadern mit der Regelung für Gelbsperren und wundern sich über die deutsche Debatte rund um Mehmet Scholl. Aber wir beantworten auch wieder zahlreiche Fragen, die ihr uns geschickt habt (macht das doch bitte auch weiterhin, zum Beispiel unter diesem Beitrag auf ballverliebt.eu oder auf unserer Facebook-Seite oder auf Twitter). Viel Spaß mit dem Podcast zum Halbfinale!

Shownotes zum EURO 2016 Halbfinal-Podcast

00:01:20 – Frankreich haut Island raus
00:07:57 – Belgien zeigt gegen Wales bekannte Schwächen
00:10:55 – Die Sache mit den Gelben Karten, ein bisserl Österreich und andere Fragen
00:18:15 – Deutschland ringt Italien nieder
00:22:08 – Wir beantworten Userfragen zur Renaissance der Dreierkette
00:27:30 – Polen scheitert an Portugal
00:30:05 – Halbfinale 1: Portugal gegen Wales
00:34:20 – Halbfinale 2: Deutschland gegen Frankreich
00:41:28 – Was war da mit Mehmet Scholl?
00:45:56 – Letzte Fragen, Antowrten und Anweisungen

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Credits: Intro-Soundkomposition von Ballverliebt.eu mit Sounds von paulw2k, Wanga, CGEffex. Swoosh von GameAudio. Background von orangefreesounds

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