Frauen-EM – Ballverliebt https://ballverliebt.eu Fußball. Fußball. Fußball. Thu, 04 Aug 2022 09:43:23 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.7.2 Große Bilanz: Die größte EM – der größte Sieger? https://ballverliebt.eu/2022/08/01/frauen-em-2022-england-bilanz/ https://ballverliebt.eu/2022/08/01/frauen-em-2022-england-bilanz/#comments Mon, 01 Aug 2022 19:14:45 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=18250 Große Bilanz: Die größte EM – der größte Sieger? weiterlesen ]]> Wenn es heißt, ein Ergebnis sei „gut für den Sport als Ganzes“, ist Vorsicht geboten. Die Signifikanz einzelner Ergebnisse, und mögen sie noch so bedeutend sein: Daraus eine Wirkmächtigkeit für eine ganze Disziplin, einen ganzen Sport stricken zu wollen, ist mindestens gewagt, vermutlich gar töricht. Viel wichtiger ist das „Big Picture“, das große Ganze, das von einem Turnier wie der EM und der geballten Aufmerksamkeit angestoßen, aber nicht singulär angetrieben wird. Nicht mehr, zumindest.

Und doch fühlen sich die letzten vier Wochen und das, was in England passiert ist (und, von einer kleineren Basis aus gestartet, zeitgleich in Marokko) wie der nächste Vorstoß des Frauenfußballs in Richtung Mitte der Gesellschaft an. Dabei kommt man nicht umhin, dem Titelgewinn für England – den ersten überhaupt für die Frauen, den ersten für ein Erwachsenen-Team der FA seit 1966 – eine Bedeutung zuzugestehen, die ein möglicher neunter EM-Titel für Deutschland wohl nicht gehabt hätte.

Wie groß der Push wirklich ist, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Dann, wenn die neue Europacup-Saison so richtig startet, zum zweiten Mal mit Gruppenphase ausgetragen – hier kann man den ersten Durchgang im neuen Modus 2021/22 durchaus als Erfolg bezeichnen. Und man wird sehen, wie sich die Aufmerksamkeit der nationalen Ligen entwickelt: In der WSL des neuen Champions, aber auch in der deutschen Frauen-Bundesliga, der Serie A Femminile, der D1F in Frankreich und natürlich der Planet-Pure-Liga in Österreich.

Hochglanzproduktion

Unabhängig vom Ausgang des Finales – einem eher glücklichen 2:1-Erfolg von England gegen Deutschland nach Verlängerung, bei dem sich beide Lager von Referee Monzul benachteiligt sahen – und den allgemein gezeigten Leistungen stehen zuallererst die Bilder, die transportiert wurden. Angetrieben vom Eröffnungsspiel und dem Finale betrug der Zuschauerschnitt der EM rund 18.500 Zuseher (11.700 ohne England-Beteiligung), der Produktionsaufwand war hoch. Es sah nicht aus wie ein liebloses Provinz-Turnier, wie es etwa bei der letzten in England ausgetragenen EM 2005 noch so war. Sondern wie das Premium-Produkt, zu dem die UEFA die Veranstaltung machen wollte.

Mit der Professionalisierung im Liga-Betrieb durch das mittlerweile praktisch flächendeckende Engagement der großen Namen aus dem Männerbereich ging in den letzten zehn, fünfzehn Jahren natürlich auch ein enormer Schub in Sachen Physis einher. Es wird öfter und gezielter trainiert, es gibt im Alltag sportmedizinische Betreuung. Natürlich wird ein Fußballspiel der Frauen immer weniger athletisch, weniger schnell sein als eines der Männer. Aber zahlreiche statistische Kennzahlen sind nicht mehr von denen im Männerbereich zu unterscheiden, die Passgenauigkeit etwa. Diese bewegt sich bei den 16 Teilnehmern zwischen rund 70% und knapp 90% – genauso wie in den großen Männer-Ligen.

Sichtbarer Athletik-Schub

Und inhaltlich? Bei der letzten EM vor fünf Jahren waren die Niederlande, England und Österreich mit ihrem Pressing-Fußball noch Ausnahme-Erscheinungen. Vier weitere Jahre davor, 2013, war Abwarten schon angesagter als selbst aufbauen, ein flächendeckendes Pressing (wie es damals im Männer-Bereich auf dem Höhepunkt war), ging sich athletisch noch nicht aus. Island beispielsweise spielte auch beim Turnier von 2022 so in dieser Art, angesichts der vielen Ü-30-Spielerinnen im Team ist das auch nicht verwunderlich.

Nun, fünf Jahre nach 2017, ist die Physis flächendeckend so weit, dass die meisten Teams, die weit gekommen sind, mit hohem Druck auf die gegnerische Eröffnung operieren. Spanien sowieso, England (mit der damaligen Holland-Trainerin Sarina Wiegman) und Österreich ebenso immer noch. Aber auch Deutschland bediente sich dieses Stilmittels sehr konsequent, Frankreich genauso, sogar das personell deutlich unterlegene Team aus Portugal ging vorne drauf. Wirklich passiv waren nur Finnland, Nordirland und – enttäuschenderweise – Dänemark.

Die andere Seite der Medaille ist, dass die allermeisten Teams große Probleme mit dem eigenen Aufbau von hinten haben. Ja, wir bewegen uns hier im Nationalteam-Kontext und in der geringen zur Verfügung stehenden Zeit ist so etwas einfach schwer einzuüben. Aber bei vielen Mannschaften ist der hohe Druck vor allem ein Mittel, um sich auch ohne einen guten Aufbau in Abschlusspositionen zu bringen. Schweden war dabei nicht so gut wie bei Olympia letztes Jahr noch, Holland war in seiner Ratlosigkeit kaum wiederzuerkennen, Italien lieferte einen spielerischen Offenbarungseid. Allenfalls England, Frankreich und Deutschland kann man hier als angemessen spielstark bezeichnen. Es ist kein Zufall, dass dieses Trio gemeinsam mit den grundsätzlich kundigen Schwedinnen das Halbfinal-Lineup bildete.

Und damit zu Breakdown der einzelnen Teams.

Sechsmal in sechs Spielen begannen beim neuen Europameister England die exakt gleichen elf Spielerinnen – das gab es im Tunierfußball überhaupt noch nie. Sarina Wiegman hatte ihr Team genau nach den Spielertypen aufgebaut, die sie jeweils auf ihren Positionen haben will. Nichts davon war im Turnierverlauf überraschend, aber doch hat es funktioniert: Walsh als Abräumerin auf der Sechs, Stanway als Lückenreißern und -sucherin auf der Acht, Kirby als Offensivgeist mit Freiheiten. Mead und Hemp als Flügel mit Zug zum Tor. Auch die Wechsel waren immer gleich: Die giftige Russo und die umsichtige Toone, wenn White und Kirby müdegelaufen waren; Greenwood für Daly, Kelly für Mead, alles positionsgetreu, aber neue Kräfte, die sofort Impact haben.

Anders als noch unter Phil Neville hat dieses englische Team eine exakte Handschrift. Man versucht, sich den Weg nach vorne zu erspielen (57 Prozent Ballbesitz, nur Spanien hat mehr) und übt nur dann hohen Druck aus, wenn es die Situation erfordert (gegen Spanien, gegen Deutschland). Man hat die zweitgeringste Fehlpassquote (15,5 Prozent), muss dadurch nicht so viel laufen, spart Kräfte. Wohlgemerkt: Unter Mark Sampson war man 2015 und 2017 das Gegenteil, ein Hochpressing-Team ohne nennenswerte Fähigkeit zum eigenen Aufbau. Unter Neville 2019 wurde man zum intensiven Irgendwas, Wiegman lenkte das Team wieder in geordnete und passende Bahnen.

Erstaunlich ist, dass Mead letztes Jahr nicht einmal den Olympia-Kader geschafft hat, Torhüterin Mary Earps – in ihrem expressiven Habitus wie geschaffen für die Rolle der Antagonistin, die man zu hassen liebt – war in Tokio nur Back-up, ebenso wie Millie Bright in der Innenverteidigung. Nun sind sie allesamt Kern-Elemente des ersten englischen Titelgewinns nach den Finalniederlagen von 1984 (gegen Schweden) und 2009 (gegen Deutschland).

Natürlich hatte man im Turnierverlauf auch mal Glück, dass etwa der späte Ausgleich gegen Spanien nicht wegen Fouls zurückgepfiffen wurde und dass man im Finale um einen Hand-Elfmeter für Deutschland herumkam. Und natürlich war das 8:0 gegen Norwegen nach dem harzigen 1:0 im ersten Spiel gegen Österreich das richtige Spiel zur richtigen Zeit. Und ja: Im Finale war man sicher nicht das bessere Team, es fehlten die Reaktionen auf Voss‘ kluge Umstellungen zur Pause. Aber…

…aber wie oft kam es schon vor, dass das im Ganzen beste Team des Turniers im Finale zu einem schmeichelhaften bis unverdienten Sieg kommt? Deutschlands Frauen haben das bei der WM 2007 etwa genau so gemacht; Japans Frauen bei der WM 2011 und Frankreichs Männer bei der EM 2000 genauso. Und vom deutschen Olympiasieg 2016, der ein fieser Streich vom Fußballgott und ein Schlag in die Magengrube durch ebendiesen war, fangen wir hier mal gar nicht erst an.

Erfreuen wir uns lieber am präzisen Coaching, das diese Truppe aktuell ausmacht. In jeder heiklen Situation fand dieses Team eine Lösung, angeführt von Teamchefin Martina Voss-Tecklenburg und unter tätiger Mithilfe ihres Staffs (wie Torwart-Trainer Michael Fuchs, der Popp auf Zinsbergers blinde Seite beim Abstoß aufmerksam machte). Voss selbst gab sich viel lockerer als bei ihrem gestreng-zugeknöpften DFB-Turnierdebüt bei der WM 2019, die Truppe zeigte einen großen Teamgeist und die Auftritte von Alex Popp waren eine der Geschichten des Turniers: 2013 und 2017 die EM verletzt verpasst, 2021 hätte sie auch nicht dabei sein können, und nun so ein starkes Turnier!

Man presste Dänemark beim 4:0 zum Auftakt erbarmungslos nieder, ließ das spanische Ballbesitz-Spiel beim 2:0 geduldig zu und netzte nach einem Torwart-Patzer und einer Ecke und hatte null Probleme gegen eine harmlose finnische Elf. Kluge Umstellungen von Voss brachten das Viertelfinale gegen Österreich in trockene Tücher, hoher Druck und hohe Intensität und auch ein wenig Glück den Erfolg im Halbfinale gegen Frankreich, im qualitativ wohl besten Spiel des Turniers. Und auch im Finale: Nach einer problematischen ersten Hälfte zog Voss Magull zurück und brachte die direktere Waßmuth statt Dribblerin Brand – das Zentrum war unter Kontrolle, der Rückraum hinter Bronze wurde angebohrt, das DFB-Team hatte England am Haken. Aber es sollte nicht ganz sein.

Das heißt aber nicht, dass im deutschen Frauenfußball nun wieder alles gut ist, obwohl man in Wahrheit seit dem EM-Titel von 2009 kein so gutes Turnier mehr gespielt hat wie nun 2022. Strukturell hat sich der DFB von der Konkurrenz – England sowieso, aber auch Frankreich und Spanien – ziemlich abhängen lassen. Verglichen mit diesen Ländern ist die Vermarktung ein Desaster, das mediale Interesse überschaubar, damit auch die Zuschauerzahlen im täglichen Liga-Betrieb kaum im vierstelligen Bereich. Es braucht gutes Coaching, um beim Nationalteam an die Decke streckend halbwegs an der Oberfläche zu bleiben. Das hat 2017 im negativen Sinn und 2022 im positiven Sinn gezeigt.

An guten Tagen läuft der Ball bei Schweden wie eine Snooker-Kugel: Es gibt immer einen logischen Pass, der durch die Laufwege der Mitspielerinnen gespielt werden kann, durch die geringen Abstände kann es auch sehr schnell gehen. Schweden macht nichts außergewöhnliches oder gar risikobehaftetes, aber die einfachen Sachen fehlerfrei. Im Normalfall.

Denn gerade die vermeintlich einfachen Dinge klappten nicht ganz nach Wunsch. Die Passgenauigkeit bewegte sich bei unter der 80-Prozent-Marke (nur im ersten Spiel, dem 1:1 gegen Holland, wurde sie geknackt). Vor allem beim zähen 2:1 gegen die Schweiz wurde die Balance zwischen Sicherheit und Angriff nicht so richtig gefunden.

Ohne Caroline Seger, die ab dem dritten Gruppenspiel wegen einer Fersenverletzung von Natalie Björn ersetzt wurde, ging im schwedischen Spiel alles viel schneller, schwungvoller nach vorne, ohne defensive Stabilität einzubüßen. Im Halbfinale gegen England hatte man zwar immer Probleme, die Breite zu verteidigen, war aber tendenziell das gefährlichere Team – bis zum 0:2 durch einen Eckball und dem 0:3 durch ein absurdes Ferserl-Gurkerl-Tor.

Letztes Jahr bei Olympia war Schweden das beste Team, verkrampfte das Finale gegen Kanada und verlor es in einem (beiderseitig katastrophal schlechten) Elfmeterschießen. Das Turnier in Japan war wohl die größte Titelchance für diese Generation: Das Team ist (wie in Schweden üblich) relativ alt und bei Olympia peakte man. Das EM-Halbfinale ist zum Triumphmarsch zu wenig, zum Trauergesang zu viel.

Einerseits kann man das Turnier aus Sicht von Frankreich als durchaus gelungen bezeichnen. Erstmals seit Olympia 2012 hat das Land, das regelmäßig mit einem der Top-3-Kader zu Turnieren fährt, das Viertelfinale überstanden. Die unter Corinne Diacre fast schon sprichwörtliche schlechte interne Stimmung war offenkundig kein großes Thema: Ihre drei größten Kritikerinnen Henry, Le Sommer und Bouhaddi waren nicht dabei, Diacre selbst soll sich dem Vernehmen nach nur noch als gestrenge Stabsoffizierin benommen haben, nicht mehr als unausstehlicher Drache.

Auf dem Feld konnte man schon erkennen, warum sie auf Henry verzichtete und stattdessen auf Charlotte Bilbault auf der Sechs setzte. Sie spielte den biederen Abräumer vor der Abwehr, ohne Ambition, den Ball zu haben. Mit ihr im Rücken konnten sich Toletti und vor allem Geyoro auf den Achter-Positionen ohne schlechtes Gewissen nach vorne orientieren.

Andererseits aber ist es auch wieder ein „Was wäre, wenn?“-Turnier. Denn dass sich Marie-Antoinette Katoto – die erste echte französische Weltklasse-Knipsern seit Jahren – zu Beginn des zweiten Spiels am Meniskus verletzte, kostete Frankreich kräftig. Mevine Malard konnte Katoto in keinster Weise ersetzen. Der Expected-Goals-Wert blieb konstant, aber während er mit Katoto um 1,6 Tore überschritten wurde (gegen Italien), wurde er ohne Katoto im Schnitt um 1,4 Tore pro Spiel unterschritten.

Das heißt: Frankreich hat ein recht ordentliches Turnier, entwickelte aber durch die Katoto-Verletzung ein Problem in der Chancenverwertung. Dennoch war die EM eher ein Argument für Diacre als eines gegen sie.

Was Katoto bei Frankreich war, war Alexia Putellas bei Spanien. Die Weltfußballerin 2021 musste zwei Tage vor dem ersten Spiel mit einem Kreuzbandriss w.o. geben und Trainer Jorge Vilda wusste bis zum Schluss nicht so recht, wie er das entstandene Loch stopfen sollte. Im ersten Spiel begann Irene Guerrero auf Putellas‘ Acht, im zweiten Laia Aleixandri auf der Sechs und Guijarro rückte auf, im dritten zog er Flügelstürmerin Caldentey ins Zentrum und im Viertelfinale gegen England schließlich kam Teresa Abelleira, zuvor ohne Einsatzminute, in die Startformation. An ihnen allen lief das Spiel dort mehr oder weniger vorbei.

Spanien war im Ganzen aber durchaus Spanien: Der meiste Ballbesitz aller Teams (66 Prozent), die höchste Passgenauigkeit (87 Prozent), aber wenige Ideen, wie man vom mit Barcelona-Spielerinnen besetzten Mittelfeld in den (mit Ausnahme Caldentey) ohne Barcelona-Spielerinnen und damit stilistisch völlig anders gearteten Angriff kommen soll. Das war schon gegen Finnland zum Auftakt so, gegen Deutschland, Dänemark und England war den offensive Output – gemessen am Potenzial – auch recht dünn.

Auffällig war, dass Vilda im Laufe des Spiels praktisch immer gute Wechsel in der Offensive vollzogen hat, aber praktisch nie von Anfang an auf das passende Personal gesetzt hat. Die quirlige Shei García brachte Schwung gegen Finnland, die giftige Esther González Präsenz vor dem Tor gegen Dänemark robuste Dribblerin Athenea del Castillo – die man auch mit langen Bällen anspielen kann – schaffte Entlastung gegen das griffige englische Mittelfeld. Bei der wohl besten Leistung gegen England hatte man den Gastgeber am Haken, dann aber Pech mit einem nicht abgepfiffenen englischen Ellbogen-Einsatz vor dem 1:1 und einem Tausendgulden-Schuss zur 1:2-Niederlage nach Verlängerung.

Keine Frage: Mit einer Alexia Putellas in guter Form hätte wohl größere Torgefahr ausgestrahlt. Aber auch mit ihr blieben die Fragezeichen nach der Besetzung der Angriffsreihe und der jeweiligen Absicht dahinter bestehen. Nur, wenn man diese Frage in Spanien ehrlich angeht und den Turnierverlauf nicht auf Putellas‘ Verletzung schiebt, kann bei der WM 2023 mehr gelingen.

Mark Parsons rede bei Besprechungen einfach zu viel, sagte Jill Roord im „Volkskrant“ nach dem letzten Gruppenspiel der Niederlande, das halbe Team würde dabei einnicken. Ob Roord wegen dieses Interviews im Viertelfinale zunächst draußen blieb oder ob Parsons einfach immer noch keine Idee hat, wie er Roord UND Van de Donk gewinnbringend in sein Team einbaut, wird wohl noch auf absehbare Zeit intern bleiben. Tatsache ist aber: Parsons, mit großen Erfolgen auf Klub-Ebene in der NWSL bei Portland auf der Visitenkarte, und das Nationalteam der Niederlande ist (noch?) keine Einheit.

Der entthronte Titelverteidiger konnte keinerlei Akzente setzen. Gegen Schweden kam man mit einem guten 1:1 weg, aber schon Portugal stellte Oranje vor mehr Probleme als gut gewesen wäre und auch gegen die Schweiz war man lange Zeit weder die aktivere noch die bessere Mannschaft, dem letztlich klaren 4:1 (bei dem es bis zur 83. Minute 1:1 gestanden war) zum Trotz. Im Viertelfinale ließ man das französische Spiel ohne Gegenwehr über sich ergehen.

Natürlich: Die zwischenzeitlichen Corona-Erkrankungen von Vivianne Miedema und Jackie Groenen haben nicht geholfen und die frühe Verletzung von Aniek Nouwen sorgte für eine nicht eingespielte Abwehr-Besetzung; auch Lieke Martens war sichtlich nicht auf der Höhe. Als echte Gewinnerin kann sich nur Daphne van Domselaar fühlen, sie vertrat die verletzte Sari van Veenendaal (die ihre Karriere nach dem Turnier beendet hat) glänzend. Mit Kerstin Casparij (die nun zu Man City geht) und Esmée Brugts links sowie Stürmerin Romée Leuchter und natürlich Offensiv-Allrounderin Victoria Pelova sowie der aus Spaniens Junioren-Teams gekaperten Sechserin Damaris Egurolla klopfen einige junge Spielerinnen an, das Europameister-Team hat sein Ablaufdatum wohl in weiten Teilen erreicht.

Aber dennoch: Es wirkt wie ein verlorenes Turnier. Als letztes Jahr bei Olympia noch unter Sarina Wiegman kurzfristig Sechser Spitse ausfiel, war man zwar hinten offen wie ein Scheunentor, aber feuerte dafür vorne aus allen Rohren und nach dem EM-Titel 2017 und dem WM-Finale 2019 war auch eine Olympia-Medaille war immer in Reichweite und nur durch eine Elferschießen-Niederlage gegen die USA im Viertelfinale verpasst. Nun wirkt das Team, als wüsste niemand so recht, wie man es nun eigentlich angehen will. Man sollte sich schnell klar werden: Am 6. September wartet das entscheidene WM-Quali-Spiel gegen Island. Das muss gewonnen werden, sonst muss Holland in die Playoffs…

…was für Österreich als möglicher Gegner in nämlichem Playoff potenziell eine Hiobsbotschaft wäre. Über das rot-weiß-rote Team ist AN DIESER STELLE schon alles gesagt worden: Es ist ein sehr präzise eingestelltes Team, auf den Punkt da und auch in der Lage, coronabedingte Ausfälle wie von Wienroither und Naschenweng zu verkraften.

Niemand hat im Turnierverlauf weniger Tore von England bekommen als Österreich (eins), man hat den Pflichtsieg gegen Nordirland glanzlos eingefahren und dann die Schwächen bei Norwegen gnadenlos angebohrt, ehe man Deutschland im Viertelfinale vor einige Aufgaben stellte. Das druckvolle Gegen- und Angriffspressing zeigte Wirkung, wenn man es einsetzen konnte (v.a. gegen Norwegen und Deutschland); aber es fehlt ein wenig an der Breite und der letzten Idee im Angriff. Dreimal Aluminium gegen Deutschland war auch ein wenig Pech, Lisa Makas‘ unentschlossener Abschluss gegen Norwegen hätte drin sein müssen – aber ansonsten hat man nicht viel liegen lassen. Drei Tore sind’s geworden.

Österreich hat sich fraglos in der Reihe jener Teams etabliert, die um die Spitze in Europas zweiter Reihe kämpfen – also die Plätze acht bis zwölf im Kontinentalvergleich. Damit wird das Optimum aus den begrenzten vorhandenen Möglichkeiten gemacht.

Die gezeigten Leistungen mit Ergebnissen sogar übertroffen hat in Wahrheit Belgien. Die Red Flames nützten die Gunst der Stunde, die sich ihnen mit einer relativ schwachen Gruppe bot, in der die spielerische Armut nicht ins Gewicht viel, weil Island (1:1) auch nicht besonders kreativ ist und sich Italien einfach selbst ins Knie geschossen hat, man einen 1:0-Sieg im entscheidenden Spiel einsackte. Im Viertelfinale wurde man von Schweden hergespielt, Torhüterin Nicky Evrard hielt eine nicht mal besonders gut verteidigende Mannschaft 92 Minuten lang im Spiel, beim letzten Standard konnte auch die Hüpfburg-Vermieterin (das macht die im echten Leben wirklich, kein Witz) nichts mehr ausrichten.

Von den acht Viertelfinalisten war Belgien so der eine, der da sowohl gefühlt als auch von den dahinterliegenden Daten nicht so richtig hingehört. Man kann es aber auch anders aufspannen: Belgien war am Tag X da, vor allem gegen Italien, um die Schwächen beim Gegner dann halt auch wirklich zu nützen. Ives Serneels ist in seinem Jahrzehnt als Belgien-Teamchef immer einer gewesen, der eher auf solide Arbeit statt auf attraktive Kunst gesetzt hat, was anderes ist mit dem überwiegend in der eigenen (im europäischen Vergleich bestenfalls mittelguten) Liga engagierten Kader wohl auch nicht möglich.

Angesichts des italienischen Kollapses hätte der Platz im Viertelfinale aber auch genauso gut an Island gehen können – nur hätte die Truppe von der Atlantik-Insel dafür zumindest eine ihrer Führungen gegen Belgien oder Italien über die Zeit bringen müssen, beide Matches endeten 1:1. Angesichts des belgischen Erfolgs gegen Italien war Islands Last-Minute-Ausgleich gegen Frankreich nicht mehr entscheidend.

Für Island war es, wie schon 2017, ein Turnier der verpassten Möglichkeiten. Damals machte man zwei Spiele lang eigentlich alles richtig, verlor zweimal unglücklich und war schon vor dem abschließenden 0:3 gegen Österreich ausgeschieden. Diesmal ging man mit einem extrem direkten Spiel die Gegnerinnen an, das zentrale Trio sorgte für den Überblick; die jungen Flügelspielerinnen Sveindís Jóndsóttir und Karolina-Lea Vilhjálmsdóttir lieferten Talentproben ab.

Was fehlte? Dass Island keinen spielerischen Glanz verbreitet, ist keine neue Erkenntnis; die 90 Minuten gegen Belgien waren in ihrer beidseitigen Ärmlichkeit wohl die am schwersten zu ertragenden im ganzen Turnier. Dennoch wären die Chancen absolut da gewesen – Berglind Thorvaldsdottirs verdaddelter Elfmeter gegen Belgien war nur das plakativste Beispiel. Hättiwari: Island hat dreimal nicht verloren, aber ganz ohne Sieg ist das mit dem Viertelfinale halt auch schwer.

Die beiden größten Enttäuschungen waren Italien und Norwegen. Bei Italien stand die ermutigende Entwicklung der nationalen Liga auf dem Prüfstand und die Bestätigung des WM-Viertelfinales von 2019, und nach dieser EM gibt es noch mehr Fragezeichen als vorher. Geradezu hanebüchen, wie beinahe im Minutentakt die Pässe in der Vorwärtsbewegung direkt in die Beine der Gegner gespielt wurden: Bartoli und Galli luden mit diversen solcher Slapstick-Pässe Frankreich zu fünf Toren in einer Halbzeit ein; Linari spielte den Ball gefühlt öfter zu einer Belgierin als zu einer Mitspielerin. Solange ihr Knie es zuließ, war auch Sara Gama nicht gerade ein beruhigender Faktor.

Das Mittelfeld war praktisch nicht vorhanden, gegen Island mussten schon in der Anfangsphase die 60-Meter-Pässe über das halbe Spielfeld herhalten. Es war hinten Comedy, in der Mitte ein Versteckspiel und vorne ein grandioses In-der-Luft-hängen. Als man gegen Belgien im letzten Gruppenspiel den Ausgleich jagte, geschah das zwar mit Willen und Verve, aber auch eher kopflos.

Ob das Zusammenbrechen des Kartenhauses die mentale Folge des Kollapses gegen Frankreich war oder ob Trainerin Milena Bertolini mit anderen Vorgaben daran etwas ändern hätte können? Bertolini gab zu Protokoll, dass ersteres der Fall gewesen wäre. Es ist ihr zu wünschen, dass sie es sich mit dem Befund nicht zu leicht macht.

Martin Sjögren hingegen hat in Norwegen unmissverständlich die Konsequenzen aus dem zweiten blamablen EM-Vorrunden-Aus unter seiner Regie gezogen. Zu halten wäre er nach dem desaströsen 0:8 gegen England, der höchsten Niederlage in der Geschichte von Norwegens Frauen-Team, aber ohnehin nicht gewesen – umso weniger, nachdem man gegen Österreich mit einem Sieg noch das Weiterkommen retten hätte können, aber erst überrannt wurde und dann planlos aneinander vorbei angriff.

Dass die langsame Defensive der Schwachpunkt von Norwegen ist, war bekannt; und dass im Mittelfeld die Summe schwächer ist als die Spielerinnen, die es bilden, ist in den fünfeinhalb Jahren unter Sjögren immer so gewesen. Das Ausmaß der Katastrophe gegen England war aber in dieser Form nicht zu erahnen. Wer auch immer Sjögren nachfolgen wird – Hege Riise, die gerade die norwegische U-19 ins EM-Finale geführt hat, wäre die naheliegende Lösung – wird das ganze Spiel neu denken müssen. Denn das offensive Potenzial wäre da, zumindest ernsthaft um europäische Semifinals mitzuspielen.

Das muss für einen Weltmeister (1995), Olympiasieger (2000) und zweifachen Europameister (1987 und 1993) auch der Anspruch sein, vor allem, wenn man so eine hochkarätige Offensiv-Abteilung zur Verfügung hat.

Auch Dänemark kann mit dem Turnier nicht zufrieden sein. Der Halbfinalist von 2013 und Finalist von 2017 verabschiedete sich nach der Vorrunde, ohne einen allzu nachhaltigen Eindruck auf das Turnier hinterlassen zu haben. Gegen Deutschland war man dem Gegenpressing hilflos unterlegen und ging 0:4 unter, gegen Finnland erspielte man sich kaum Räume, damit kaum Chancen und musste happy sein, immerhin einen dünnen 1:0-Sieg über die Linie gebracht zu haben.

Lars Søndergaard ist kein Trainer für die taktischen Experimente wie Kenneth Heiner-Møller 2013 oder die asymmetrischen Hybrid-Formationen wie bei Nils Nielsen 2017. Gutes Niveau im Normalfall, aber wenig Überraschungen. Das 3-4-3 wurde durchgezogen; die gelernte Außenspielerin Veje in der Dreierkette hinten wurde nicht zum Aufrücken oder rausschieben genützt, sondern sie spiele halt eine Verteidigerin. Die Angriffsreihe hat alle Freiheiten, nach Lust und Laune zu rochieren und sie tat das auch, am Ende war’s aber recht beliebig und es hängt doch wieder zu viel an den Ideen von Pernille Harder.

Dass man das über Dänemark mal sagen kann: Das Team war bieder. Ob man das 0:0 gegen Spanien runterverteidigt hätte, wenn ein Remis im letzten Spiel gereicht hätte, ist eine müßige Frage: Ein Punkt hätte nicht gereicht und in der Nachspielzeit verlor man obendrein noch 0:1. Es gibt zahlreiche Talente, die ins dänische Team drängen, um die Zukunft muss einem bei der DBU nicht bange sein. Aber so richtig ein Statement war dieses Turnier für Dänemark auch nicht.

Schlimmes musste man befürchten, bei der Schweiz. In der Vorbereitung schlitterte man in einige üble Debakel (0:7 gegen Deutschland, 0:4 gegen England, 0:3 gegen Österreich), in der laufenden WM-Quali ist man gegen Nachzügler Kroatien nicht über ein 1:1 hinausgekommen. Und die EM, bei der man gegen Portugal im ersten Spiel nach fünf Minuten 2:0 geführt und danach jegliches Bemühen eingestellt hat und froh sein musste, zumindest ein 2:2 über die Zeit gebracht zu haben, ließ sich auch nicht gerade ermutigend an.

Es folgte ein kollektiver Anfall von Magen-Darm-Virus (literally, nicht im übertragenen Sinn), aber zumindest waren die Vorstellungen danach nicht mehr, pardon my french, beschissen. Das Aufbauspiel war zwar auch gegen Schweden und Holland nicht der Rede wert, aber man arbeitete wesentlich aktiver gegen den Ball, achtete bei Ballgewinnen eher auf Sicherung und spielte Risiko-Pässe nur in Zonen, wo die mögliche defensive Gefahr durch Umschaltmomente überschaubar war.

Man hielt gegen die beiden Gruppenfavoriten bis in die Schlussphase jeweils ein 1:1, verlor zwar noch beide Spiele, aber konnte zumindest auf couragierte Auftritte verweisen. Grundsätzlich ist die Sachlage aber ähnlich wie in Österreich: Der Spielerpool ist relativ klein, nach der ersten Elf gibt es noch einige Talente (Fölmli, Xhemaili), aber das muss auch so sein, um die wegbrechenden Alten (Kiwic und Maendly jetzt, Bachmann vermutlich bald) halbwegs zu ersetzen.

Am Ende wird auch Portugal mit dem Erreichten leben können. Trotz der knappen Playoff-Niederlage gegen Russland war man wegen des russischen Ausschlusses letztlich doch dabei und zumindest zwei Spiele lang konnte Portugal – wie schon 2017 – zeigen, dass man zwar wohl eher nicht ganz zu den Top-15 in Europa gehört, aber durchaus eine passable Figur abgegeben kann.

Anders als erwartet ging Portugal die unverhoffte EM-Teilnahme sehr aktiv an: Man übte früh Druck auf die Gegnerinnen aus, und zwar nicht nur gegen die Schweiz, sondern dann, sehr beeindruckend, auch jene aus den Niederlanden. Der Schweiz rang man ein 2:2 ab, gegen Holland unterlag man nur knapp mit 2:3, ehe gegen Schweden im dritten Gruppenspiel beim 0:5 alles ein wenig in sich zusammen brach. Sehr viel mehr als willige und mutige Auftritte und die Jagd nach dem einen oder anderen Punkt (oder Sieg, wie 2017 gegen Schottland) ist in der aktuellen portugiesischen Gesamt-Gemengelage aber kaum drin.

Das gilt auch für jenes Team aus Finnland, das Portugal (und Schottland) in der EM-Qualifikation hinter sich gelassen hat. Nach jener starken Generation, die 2005 im Halbfinale und bei der Heim-EM 2009 im Viertelfinale war, ist nicht viel nachgekommen, das ändert auch diese erstmalige Turnier-Teilnahme nach neun Jahren nichts.

Dem Kontertor zur Führung nach wenigen Sekunden gegen Spanien folgten 269 Minuten Defensive, bieder und hölzern, in denen die Helmarit praktisch gar nichts mehr zeigte. Zugegeben: Man hatte es mit der stärksten Gruppe zu tun, ließ Spanien nur durch Standards echte Gefahr erzeugen und sorgte dann für dänische Ratlosigkeit, ehe man gegen Deutschland exakt null Torschüsse zu Wege brachte. Bei der Expexted-Goals-Statistik hat Finnland die schwächste Offensive (0,3 xG pro Spiel) und die schwächste Defensive (3,1 xG pro Spiel) im ganzen Turnier, die zweitniedrigste Passgenauigkeit und nur 39 Prozent Ballbesitz – nur Island hatte den Ball noch weniger, aber die Isländerinnen machten viel mehr damit, wenn sie ihn hatten. Das Promo-Video zum Thema Gleichstellung war der stärkste finnische Beitrag zum Turnier.

Der finnische Verband trennte sich nach dem Turnier von Anna Signeul und ersetzt sie vorläufig mit U-17-Teamchef Marko Saloranta, das ist einerseits logisch (weil Finnland halt wirklich sehr wenig zeigte), andererseits ein wenig harsch (weil schon in den letzten Jahren nichts darauf hindeutete, dass es irgendwie anders sein hätte können). Die laufende WM-Quali wird man sehr wahrscheinlich hinter Schweden und auch hinter Irland auf Platz drei beenden – zum dritten Mal bei den letzten vier Turnieren.

Dass sie ihre Teilnahme fast schon unwirklichem Glücksrittertum zu verdanken haben, wussten sie in Nordirland. Entsprechend genossen haben sie ihren ersten (und realistischerweise für einige Zeit auch letzten) Turnier-Auftritt: Man bejubelte das Tor gegen Norwegen mehr als man die 1:4-Niederlage betrauerte, nervte Österreich mit kerniger Manndeckung bis zur 88. Minute und freute sich, vor über 30.000 in Southampton gegen England spielen zu dürfen – dass es nach dem 0:4 und dem 0:5 in der laufenden WM-Qualifikation wieder ein 0:5 setzte, tat dem keinen Abbruch.

Trainer Kenny Shiels setzte alle 20 Feldspielerinnen im Kader ein, jede sollte zumindest ein paar Minuten EM-Luft schnuppern dürfen. Man warf sich in jeden Zweikampf und ritterte um jeden Zentimeter, aber es war immer klar, dass sie für einen Punkt fast die Welt aus den Angeln heben würden müssen. Torhüterin Jackie Burns war auf diesem Niveau überfordert, das Team wird von den Ü-30-Routiniers getragen und wenn sich daran etwas ändern soll, müssen junge Spielerinnen nach England, und sei es in die zweite Liga. Die Basis dafür ist gelegt und man hat in der Heimat für Aufmerksamkeit gesorgt, wenn schon sonst nichts.

Im UEFA-Ranking nach ist Nordirland gegenüber letztem Jahr um zwei Ränge auf Platz 25 geklettert, das ist Mitte dritter Quali-Topf, und das scheint im Moment auch das Maximum zu sein.

So geht es weiter

Normalerweise startet nach einem Turnier in Europa die Qualifikation für das nächste, das ist bei den Frauen nicht anders als bei den Männern. Durch die Verschiebung der EM von 2021 auf 2022 ist die WM-Quali für die Endrunde in Australien und Neuseeland in einem Jahr aber nicht nur im vollem Gange, sondern schon fast fertig. Am ersten September-Wochenende und dem Dienstag danach steht schon der letzte Doppelspieltag an.

Die Gruppensieger fahren zur WM, die Gruppenzweiten spielen im Oktober um drei weitere Tickets für das erstmals mit 32 Teams statt wie bisher mit 24 Teilnehmern ausgetragene Turnier. Einer der drei Playoff-Sieger, nämlich jener mit der schlechtesten Bilanz, muss im Februar noch ein Spiel im interkontinentalen Playoff eine Pflichtaufgabe auf dem Weg zur WM lösen.

Heißer Sommer in (fast) allen Kontinenten

Zeitgleich zur WM fanden auch in allen anderen Kontinenten (mit Ausnahme von Asien) die Meisterschaften und damit auch die Vergabe der WM-Tickets statt. Aufsehen in der Szene erregte dabei vor allem die afrikanische Endrunde in Marokko.

Nicht so sehr wegen der gezeigten Leistungen, die waren nicht berauschend, aber das Umfeld: Marokko hat in den letzten Jahren extrem viel in eine moderne Infrastruktur investiert, wahrscheinlich ist es nun die besten am ganzen Kontinent, davon sollen auch die Frauen profitieren – dazu hat man sich mit Raynald Pedros einen großen Trainer geholt, der mit Lyon zweimal die Champions League gewonnen hat. Das hat gepasst: Das marokkanische Team, bisher quasi inexistent, hat sich bis ins Finale durchgearbeitet und ist dort erst Südafrika unterlegen. Olympia-Teilnehmer Sambia (3.) und der entthronte Abo-Champion Nigeria (4.) haben die verbleibenden WM-Tickets gesichert; Kamerun und der Senegal haben im Februar eine zweite Chance.

Ebenfalls beeindruckend war die Zuschauerresonanz in den Stadien. Die Stadien waren generell auffallend gut besucht, für einen Frauen-Afrikacup zumal, und die Spiele des Gastgebers ganz besonders. Rund 50.000 Menschen sahen Marokkos Halbfinale (Sieg im Elferschießen gegen Nigeria) und das Finale (1:2 gegen Südafrika). Der marokkanische Run ins Finale, noch dazu praktisch ohne Legionärinnen, zeigt: Mit Investment und gutem Willen sind bei den Frauen schnell passable Ergebnisse zu erzielen.

Das hat in den letzten Jahren auch Chile gezeigt, bei der Copa América Femenina in Kolumbien ging es für den Zweiten der letzten Ausgabe 2018 und damit WM- und Olympia-Teilnehmer ab dem ersten Spiel – einem 2:3 gegen Paraguay – nur noch darum, irgendwie das interkontinentale Playoff zu retten. Das gelang, immerhin. Brasilien hat sich unter der Leitung von Trainerin Pia Sundhage problemlos und ohne Gegentor den erwarteten Titel geholt, Kolumbien war nach der Pleite vom letzten Mal wieder zurück auf dem programmierten zweiten Platz und Argentinien wird als Dritter wie 2019 wieder dabei sein. Paraguay begleitet Chile im Februar nach Neuseeland, Venezuela mit Star-Spielerin Deyna Castellanos (jetzt von Atlético Madrid zu Man City) schaffte es nicht ganz.

Wie in Afrika – wo man es zumindest in Marokko richtig gut macht – ist das Wertschätzungs-Thema in Südamerika aber weiterhin ein größeres als das sportliche. Allerdings im negativen Sinn: Gerade in Kolumbien und Argentinien müssen die Frauen gegen die Machismo-Widerstände bei Verband, Vereinen und der Basis weiterhin um jeden Trainingsplatz kämpfen. Der Zuschauerschnitt beim Turnier in Kolumbien war mit 6.500 pro Match aber recht ordentlich, vergleichbar mit dem vom Turnier in Chile 2018.

Viel investiert wurde zuletzt auch in Mexiko, es gibt eine Profiliga, die sehr gut angenommen wird und die Erwartung bei der Concacaf W Championship war: Wir zeigen allen, wie ernst wir es meinen und holen uns auf eigenem Boden zumindest den dritten Platz, der uns zusteht. Und dann das – 0:1 gegen Jamaika, gar 0:3 gegen Haiti, 0:1 gegen die USA. Die punkt- und torlose Totalblamage kann Mexiko so eigentlich nicht auf sich sitzen lassen, die bisher hochgelobte Teamchefin Mónica Vergara ist aber (einstweilen?) noch im Amt.

Weltmeister USA holte den erwarteten Titel, brauchte zum finalen 1:0-Sieg gegen Olympiasieger Kanada aber einen späten Elfmeter. Costa Rica hat nach dem Freak-Ausscheiden vor vier Jahren an Teamchefin Amelia Valverde festgehalten und ist nach 2015 wieder bei der WM dabei, auch Jamaika hat sich nach 2019 wieder qualifiziert, obwohl es auch hier zwischenzeitlich eher nach Ende des Programms als nach einer zweiten WM ausgesehen hatte. Panama und das hauptsächlich aus in Frankreich großgewordenen Spielerinnenen bestehende Team aus Haiti sind im Februar im interkontinentalen Playoff.

In in der Ozeaniengruppe wurde das entsprechende Turnier gespielt, in Abwesenheit von Neuseeland – als WM-Co-Gastgeber ja automatisch qualifiziert – ging es um einen Platz im Playoff. Hier setzte sich Papua-Neuguinea im Finale mit 2:1 gegen Fidschi durch; bei der letzten Auflage hatte das Fidschi-Team noch deutlich gewonnen. Die kleinen Inselstaaten tun sich mangels Infrastruktur und generell mangels Möglichkeiten bei den Männern schon schwer, bei den Frauen ist es in Wahrheit ein fast reines Hobby-Turnier.

Einzig der Asiencup der Frauen brach aus dem Termin-Schema aus und wurde schon im Winter in Indien abgehalten, allerdings ohne den Gastgeber, der wegen eines Corona-Clusters zum blödestmögilchen Zeitpunkt zurückziehen musste. China hat sich ein halbes Jahr nach dem Olympia-Desaster mit einem Elferschießen-Sieg im Halbfinale gegen Japan und einem 3:2-Sieg nach 0:2-Rückstand im Finale gegen Südkorea etwas überraschend den Titel gesichert. Für die Philippinen war der Sieg gegen Thailand (WM-Teilnehmer 2015 und 2019) die Basis zur erstmaligen Qualifikation, an der das Team aus in den USA großgewordenen Auswanderer-Kindern beim letzten Mal noch an der letzten Hürde gescheitert war.

Das Viertelfinal-Aus von WM-Co-Gastgeber Australien gegen Südkorea war ein wenig peinlich, vor allem nach dem wirklich starken Olympia-Auftritt letzten Sommer, aber ohne tatsächliche Folgen. Vietnam hat sich im Mini-Turnier der im Viertelfinale ausgeschiedenen Teams das letzte asiatische Fix-Ticket gesichert (auf das Nordkorea durch den erneuten frühen Rückzug de facto verzichtet hat), Taiwan und Thailand gehen ins interkontinentale Playoff.

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Viertelfinale: Deutschland wankt, aber ÖFB-Frauen bringen Gegner nicht zu Fall https://ballverliebt.eu/2022/07/29/em-frauen-viertelfinale-deutschland-osterreich/ https://ballverliebt.eu/2022/07/29/em-frauen-viertelfinale-deutschland-osterreich/#comments Fri, 29 Jul 2022 08:19:36 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=18235 Viertelfinale: Deutschland wankt, aber ÖFB-Frauen bringen Gegner nicht zu Fall weiterlesen ]]> Eine Stunde lang konnten die ÖFB-Frauen in ihrem zweiten EM-Viertelfinale absolut mit Deutschland mithalten und sie stellten den Favoriten vor einige Aufgaben, trafen zudem dreimal das Aluminium. Neben individuellen Fehlern bei den Gegentoren war es aber auch die längere Bank, die das Match ab der 60. Minute zunehmend in Richtung Deutschland kippen ließ.

Deutschland – Österreich 2:0 (1:0)

Nach drei Spielen auf dem Feld machte Viktoria Schnaderbecks Knie nicht mehr mit, statt ihr begann Marina Georgieva in der Innenverteidigung. Es war die einzige Änderung in der Start-Elf; Kathi Naschenweng war nach überstandener Corona-Infektion zurück, saß zunächst auf der Bank. Bei Deutschland vertraute Martina Voss-Tecklenburg der Wunsch-Formation; Oberdorf und Rauch waren nach Gelbsperre zurück, Popp blieb nach drei Toren in drei Spielen statt der corona-genesenen Schüller im Team.

Die Anfangsminuten gehörten Deutschland, aber nach einer Behandlungspause nach drei, vier Minuten (Foul von Zadrazil an Hegering) sammelte sich das ÖFB-Team und fand zum beabsichtigten Spiel. Es gab kein Verstecken vor dem großen Nachbarn – im Gegenteil.

Nach außen pressen

Die Anlauf-Strategie von Österreich war zweigeteilt und etwas anders gelagert als noch im entscheidenden Gruppenspiel gegen Norwegen. Im Angriffsdrittel wurde gegen Deutschland nicht sofort gedoppelt, sondern mit jeweils einer Spielerin in der Eröffnung angelaufen. Hatte das DFB-Team den Ball doch ins Mittelfeld gebracht, wurde die Ballführende dort jedoch gedoppelt und, soweit es möglich war, von innen nach außen angepresst.

Indem man das deutsche Spiel auf die Außen isolierte, hielt man Magull (die als nomineller Achter so weit nach vorne schob, dass die Formation eher ein 4-4-1-1 wurde) und Däbritz aus dem Aufbau heraußen und ließ auch nie einen Rhythmus ins deutsche Spiel kommen. Dafür resultierte aus einem der Ballgewinne im Zentrum (durch Zadrazil in ihrem 100. Länderspiel) eine Chance für Hickelsberger, Georgieva traf in der Folge nach einer Ecke den Pfosten.

Deutsche Strategie

Druck auszuüben ist aber auch das Spiel des DFB-Teams. Die ungewöhnlich hohe Positionierung von Magull hatte dabei zwei Effekte: Zum einen stand sie damit sehr nahe an Sarah Puntigam, was die österreichische Rekordspielerin im Aufbau aus dem Spiel nahm und das ÖFB-Angriffsspiel deutlich limitierte. Zum anderen konnte sie gemeinsam mit Mittelstürmerin Popp schneller auf die österreichische Kette und auch auf Zinsberger pressen.

Ein solcher Druckmoment sorgte in der 25. Minute für einen unkontrollierten und zu kurzen Abschlag von Zinsberger, der umgehend zum Bumerang wurde; Bühl ließ noch Wenninger aussteigen und Magull verwertete zum 1:0.

Zum Aufbau gezwungen

Mit der Führung im Rücken konnte es sich Deutschland leisten, sich kontrolliert fallen zu lassen und sich dem Angelaufenwerden etwas zu entziehen. Damit zwang man Österreich vermehrt zu eigenem Aufbau, während die Deutschen in der eigenen Hälfte den Druck erwarteten und die ÖFB-Frauen ab der Mittellinie unter Druck setzten. Die eigene Abwehr war durch eine herausragende Leistung von Sechser Lena Oberdorf gut abgeschirmt.

Es war aber beileibe nicht so, dass Deutschland nun nur hinten stand und mauerte. Sehr wohl wurde nicht nur schnell umgeschaltet, sondern weiterhin versucht, das Mittelfeld schnell zu überbrücken und sich nicht in die österreichischen Pressingfallen zu begeben. Damit blieb das DFB-Team immer gefährlich, es boten sich aber auch Gelegenheiten für Österreich: Wenn es gelang, nach Ballgewinnen schnell vertikal in den Raum hinter der aufgerückten deutschen Kette zu kommen, war die Chance für Torgefahr da.

Österreich lockt und sorgt für Gefahr

Wie schon gegen Norwegen begann Österreich nach dem Seitenwechsel, sich nach einer extrem intensiven ersten Hälfte etwas weiter hinten zu positionieren, mutmaßlich, um Deutschland wieder etwas mehr zu locken und jene Räume im Rückraum zu schaffen, die nach Ballgewinnen schnell bespielt werden sollten. Weiterhin wurde dabei Deutschland in Richtung Außenbahn gelenkt, wo man mit 3-gegen-2-Überzahl (AV, AM, Achter) die DFB-Spielerinnen isolierte und Ballgewinne zu erzwingen versuchte.

Bei Deutschland riss in dieser Phase vermehrt ein Loch im 4-2-4 zwischen der Abwehrkette und dem Offensiv-Quartett, in dem Sarah Zadrazil fast im Minutentakt wieder Raum für Gegenstöße bekam. Die beste Chance resultiere aus einer solchen Situation in der 52. Minute, wenig später wurde auch DFB-Keeperin Frohms zu einem kurzen Abschlag gezwungen und Dunst traf die Latte, zwei Minuten später drosch Puntigam die Kugel nach einem Eckball an die Latte – der zweite und der dritte Aluminiumtreffer von Österreich in diesem Spiel.

Entscheidende deutsche Wechsel

Das Spiel drohte aus deutscher Sicht nun auf gefährliche Weise zu kippen. Nach einer Stunde nahm Voss einen Doppelwechsel vor, der sich als entscheidend herausstellen sollte: Die zumehmend wirkungslose Magull und die müdegelaufene Däbritz gingen raus, mit Dallmann und Lattwein wurden die Achter-Positionen frisch besetzt. Diese Maßnahme zeigte schnell Wirkung.

Lattwein hatte die Aufgabe, für mehr physische Präsenz zu sorgen, als es Däbritz vermochte; Dallmann positionierte sich tiefer als Magull zuvor, war mehr eingebunden und ihre schnellen, vertikalen Läufe beschäftigten die österreichische Defensive. Erst in dieser Phase, ab der 65. Minute, holte sich Deutschland erstmals die volle Kontrolle über das Spiel und sollte sie auch nicht mehr hergeben.

Was bei Österreich gegen Nordirland ein wichtiger Faktor war – die tiefere Bank nämlich – traf jetzt auf Deutschland zu. Fuhrmann hätte sicher in dieser Phase gerne Maria Plattner als frische Zweikämpferin im Zentrum gebracht, die ist aber mit Schlüsselbeinbruch out. Eder ist eine Spielerin, um Kontrolle bei Führung zu bringen. Marie Höbinger, die in der 80. Minute statt Puntigam kam, sorgt eher für Ideen und Pässe, nicht für robuste Zweikämpfe.

Die Abstoß-Variante

Klara Bühls verzogener Schuss hätte schon beinahe in der 82. Minute für die Entscheidung gesorgt, dazu streiften Weitschüsse von Dallmann und Bühl die Querlatte. Die endgültige Entscheidung in der 90. Minute fiel aus der Situation, die wir HIER schon ausführlich diskutiert haben. Es war nicht das erste Mal, dass Popp im Rücken von Zinsberger auf sie zugelaufen ist und im ZDF-Interview sagte sie auch, dass sie vom deutschen Torwart-Trainer darauf hingewiesen wurde, dass Zinsberger bei diesem Anlaufwinkel anfällig ist.

Österreich hielt bis zum Schluss an dieser Variante fest, die im Idealfall das Knäuel im Zentrum auflöst, in diesem Spiel aber in einigen Situationen eher gefährlich als gewinnbringend war. Am Ende machte das 2:0 nur den Deckel drauf und war in keinster Weise entscheidend für den deutschen Sieg, aber es bleibt natürlich als plakativer Schlusspunkt einer im ganzen sehr erfreulichen EM für Österreich in bitterer Erinnerung.

Fazit: Verdiente Viertelfinale-Teilnahme bestätigt

Eine Stunde lang war Österreich ein Gegner auf Augenhöhe. Die ÖFB-Frauen setzten Deutschland unter Druck und waren nicht nur Passagier in einem vom Favoriten diktierten Spielrhythmus, sondern bestimmte im Gegenteil selbst absolut mit. Das DFB-Team tat sich gegen das nach außen lenkende Pressing schwer, kontrolliert ins Angriffsdrittel zu kommen und es brauchte eine starke Lena Oberdorf auf der Sechs, um Österreich davon abzuhalten, in Abschlusspositionen im Strafraum zu kommen – ihre unauffällige, aber ultra-aufmerksame und stark antizipierende Vorstellung war ein entscheidender Faktor. So kam Österreich zu drei Alu-Treffern (ein Weitschuss, zweimal nach Eckball) und zu einer Handvoll Halbchancen, aber nicht zu mehr.

Erst die größere Qualitätsdichte von der Bank ließ das Spiel in der letzten halben Stunde zugunsten von Deutschland kippen. Hier fehlten Fuhrmann schlicht die Optionen: Eine robuste Zweikämpferin im Zentrum, die es mit Lattwein und Oberdorf aufnehmen kann, gab es nicht; die Brechstange schien Fuhrmann gegen die routinierte deutsche Abwehr offenbar keine echte Option zu sein.

Für Deutschland erwies sich das Viertelfinale gegen die „kleine Schwester“ aus Österreich als hartes Stück intensiver Arbeit und die ÖFB-Frauen haben einmal mehr gezeigt, dass der Viertelfinal-Einzug vollauf verdient war und man nicht zufällig zum zweiten Mal in Folge in die K.o.-Runde der Top-8 eingezogen war. Deutschland zeigte aber auch, woran es Österreich fehlt: An der Kadertiefe, um in einem solchen EM-Viertelfinale gegen einen wirklich guten Gegner nach einer Stunde nachsetzen zu können.

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0:3 in Frankreich: ÖFB-Frauen halten Resultat im Rahmen https://ballverliebt.eu/2020/11/28/frankreich-osterreich-frauen-em-qualifikation/ https://ballverliebt.eu/2020/11/28/frankreich-osterreich-frauen-em-qualifikation/#comments Sat, 28 Nov 2020 07:43:24 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=17290 0:3 in Frankreich: ÖFB-Frauen halten Resultat im Rahmen weiterlesen ]]> Die ÖFB-Frauen verlieren das vorletzte Spiel in der EM-Quali bei Gruppenfavorit Frankreich mit 0:3 – es ist erst die zweite Pflichtspiel-Niederlage seit dem EM-Halbfinal-Einzug 2017. Die Französinnen dominierten klar und gewannen auch in der Höhe verdient, wobei bei Österreich spätestens in der zweiten Halbzeit die Devise lautete: Kraft für das entscheidende Heimspiel gegen Serbien sparen und gleichzeitig das Resultat im Rahmen halten.

Frankreich – Österreich 3:0 (2:0)

„Wir müssen eine Strategie entwickeln, um in Frankreich dagegen halten zu können und aber gleichzeitig fit genug für das Spiel gegen Serbien zu bleiben – denn dieses Match müssen wir ohne Wenn und Aber gewinnen!“ Das sagte Teamchefin Irene Fuhrmann nach dem 0:0 gegen Frankreich vor genau einem Monat.

Ohne die am Knie angeschlagene routinierte Kapitänin Viktoria Schnaderbeck, ohne die kreuzbandverletzte Sprinterin Julia Hickelsberger, ohne Mittelfeld-Talent Marie Höbinger und ohne Rechtsverteidigerin Kathi Schiechtl musste Fuhrmann in Guingamp auskommen; Laura Feiersinger war nach längerer Verletzungspause zumindest wieder im Kader. Fuhrmann entschied sich wie vor einem Monat für ein 5-4-1, um Frankreich den Weg in den Strafraum zu verweigern.

Frankreich über Tempo auf den Außenbahnen

Dieses 0:0 in Wr. Neustadt setzte Frankreichs Trainerin Corinne Diacre in ihrem internen Machtkampf mit den Starspielerinnen von Abo-Europacup-Sieger Olympique Lyon ziemlich unter Druck. Bis auf die veletzte Le Sommer und die (vorläufig?) aus dem Team zurückgetretene Torhüterin Bouhaddi war die komplette Lyon-Fraktion nicht nur im Kader, sondern auch auf dem Feld: Renard, Majri, Karchaoui, Cascarino und sogar Amandine Henry, die Wortführerin der Lyon-Revolte gegen Diacre.

Mit der extrem schnellen Cascarino auf der einen Außenbahn und dem perfekt harmonierenden, flinken und trickreichen Duo Majri/Karchaoui auf der anderen war der Fokus darauf gelegt, mit schnellen Läufen und schnellen, kurzen Pässen durchzukommen und die ÖFB-Abwehr zu hetzen. Solange der österreichische Block stand, hatte Österreich den eigenen Strafraum gut abgesichert und Frankreich war zu Ballstaffetten im Mittelfeld gezwungen.

Sobald Frankreich aber mit Tempo auf den ÖFB-Block zulaufen konnte oder die Österreicherinnen ein wenig aufgerückt waren, wurde es sofort gefährlich. Cascarino und die etwas abfallende Périsset waren bei Dunst und Aschauer in guten Händen. Aber Wienroither und Enzinger hatten schwerste Mühe mit Karchaoui und Majri, die ihre Tempo- und Technik-Vorteile ausspielten.

Nur eines der drei französischen Tore fiel aus dem Spiel (das zweite), die anderen beiden waren das Resultat aus den insgesamt sieben französischen Eckbällen.

Kaum österreichische Offensive

Billa powerte sich als Solospitze eine Halbzeit lang aus, ehe sie für das Serbien-Spiel geschont wurde. Ein gemeinsames Aufrücken wurde im Lichte der Anfangsphase, als Frankreich oft mit Tempo durch die letzte Linie kam, eher vermieden. Für die Französinnen war es nach dem frühen 1:0 nach zehn Minuten in Ordnung, im vierten statt im sechsten Gang weiter zu machen; Österreich stand auch tief und lud Frankreich nicht zu Risikopässen in den Strafraum ein. Dennoch kam der nun feststehende Gruppensieger noch zu zwei Pfostentreffern.

Schlussphase: Kolb-Debüt und Feiersinger-Comeback

Nach einer Stunde bzw. nach 75 Minuten brachte Fuhrmann die nächste Tranche an frischen Spielerinnen – darunter die zuletzt angeschlagene Laura Feiersinger und die brutal schnelle Debütantin Lisa Kolb (19), die schon in jungen Jahren mit Rückenproblemen zu kämpfen hatte. Mit den Neuen schob Österreich nun doch etwas weiter nach vorne, ging die Französinnen etwas höher an. Die Neubesetzungen der Außenbahnen halfen Österreich dabei, den Druck in der letzten halben Stunde etwas zu minimieren.

Das Tor zum 3:0-Endstand war einerseits verdient, hat sich aber andererseits auch nicht mehr wirklich abgezeichnet.

Alles im Rahmen

Die Strategie, die beim Hinspiel mit einem Punktgewinn belohnt wurde, war spätestens nach einer halben Stunde obsolet – danach ging es vor allem darum, das Ausmaß der Niederlage in Grenzen zu halten und Kräfte für das entscheidende Match gegen Serbien vier Tage später zu schonen. Denn selbt ein Punkt in Frankreich wäre wertlos, wenn danach Serbien nicht besiegt wird. Billa, Aschauer, Enzinger und Dunst hatten vorzeitig Feierabend, dafür bekam Feiersinger eine wichtige (und sehr anständige) halbe Stunde Matchpraxis und Lisa Kolb – die erste aus dem hochgelobten 2001er-Jahrgang, die zu einem A-Einsatz kommt – agierte beim Debüt so furchtlos und flink, wie sie eben ist.

Letztlich blieb alles im Rahmen. Nachdem man Frankreich beim 0:0 gereizt und zu einem Pflichterfolg gezwungen hat, war die Chance auf den Auswärts-Punktgewinn ohnehin minimal. Gepaart mit der angespannten Personalsituation und dem Umstand, dass vier Tage später ein eigener Pflichtsieg wartet, war das 0:3 im Bereich des Erträglichen.

Der Fokus gilt nun Serbien, und Irene Fuhrmann warnt. „Die sind nicht mehr die Zerstörer-Truppe, die sie vor zwei Jahren in der letzten Quali waren“, sagt sie, „jetzt wollen die wieder spielen.“ Für die Serbinnen geht es um nichts mehr, sie sind am dritten Platz einzementiert, und in den drei Duellen in den letzten drei Jahren – einem 4:0-Erfolg und einem 1:0-Sieg auswärts sowie einem bitteren 1:1 in der Südstadt – war Österreich stets das wesentlich höherklassige Team.

Das Rennen um das EM-Fix-Ticket

Die drei besten Zweiten fahren wie die neun Gruppensieger direkt zur auf 2022 verschobenen EM in England, die restlichen sechs gehen ins Playoff um drei weitere Plätze. Die ÖFB-Frauen haben dafür eine gute Ausgangsposition, es liegt aber dennoch nicht alles in den eigenen Händen.

Klar ist mal auf jeden Fall: Am Dienstag in Altach gegen Serbien braucht Österreich praktisch sicher einen Sieg – und obwohl man Frankreich vor einem Monat sogar einen Punkt abgetrotzt hat, kann es sogar sein, dass ein Sieg gegen Serbien nicht reicht. Das liegt u.a. daran, dass zwei Gruppen – jene mit Dänemark und Italien sowie jede mit Finnland, Portugal und Schottland – in Folge von coronabedingten Absagen erst im neuen Jahr abschließen werden.

Belgien spielt daheim gegen Tabellenführer Schweiz. Gewinnt die Schweiz, bleibt Belgien mit 18 Punkten Zweiter – Österreich wäre mit einem eigenen Sieg gegen Serbien vorbei. Gewinnt Belgien, fällt die Schweiz auf Platz zwei zurück – läge im Zweiten-Ranking dann aber sicher hinter Österreich. Blöd für die ÖFB-Frauen wäre ein Remis zwischen Belgien und der Schweiz – dann wäre Belgien mit 19 Punkten und einer dramatisch besseren Tordifferenz vor Österreich.

Italien spielt auswärts gegen Tabellenführer Dänemark. Da Italien das ausstehende Spiel 2021 gegen Israel ziemlich sicher gewinnen wird, sollte Österreich auf einen dänischen Heimsieg hoffen. Dänemark braucht ein Remis, um den Gruppensieg auch rechnerisch zu fixieren. Im letzten Moment hat England die Quarantäne-Bestimmungen für Dänemark gelockert, womit die England-Legionärinnen – allen voran Pernille Harder – nun doch spielen können. Bei einem Remis hinge für Österreich alles daran, wie hoch Italien gegen Israel gewinnt. Vor einem Monat in Empoli hat Dänemark 3:1 gewonnen.

Island muss nach dem 1:1 gegen de-facto-Gruppensieger Schweden im September nur noch in Ungarn gewinnen, und zwar genauso hoch wie Österreich zeitgleich gegen Serbien, um vor den ÖFB-Frauen zu landen.

Und die Gruppe E hinkt sogar noch zwei komplette Spieltage zurück. Hier geht es drunter und drüber: Topf-1-Team Schottland hat mit Auswärtsniederlagen in Finnland und Portugal einen Rückstand aufgerissen und kann fix nicht mehr einer der besseren Gruppenzweiten werden. Finnland und Portugal haben gegeneinander 1:1 gespielt und ihre Spiele gegen die Nachzügler bisher gewonnen. Beide könnten Österreich im Zweiten-Ranking noch überholen. Das ist zwar unwahrscheinlich, aber eben auch nicht auszuschließen.

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3:0 zum Start: ÖFB-Frauen erfüllen Pflicht, aber mehr nicht https://ballverliebt.eu/2019/09/03/30-zum-start-oefb-frauen-erfuellen-pflicht-aber-mehr-nicht/ https://ballverliebt.eu/2019/09/03/30-zum-start-oefb-frauen-erfuellen-pflicht-aber-mehr-nicht/#comments Tue, 03 Sep 2019 18:04:04 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=16408 3:0 zum Start: ÖFB-Frauen erfüllen Pflicht, aber mehr nicht weiterlesen ]]> Ein 3:0-Sieg gegen Nordmazedonien ist nichts, wofür man sich zum Start in die EM-Qualifikation schämen müsste. Eine Heldentat war die Leistung der ÖFB-Frauen aber beileibe auch nicht. Man fand gegen den nominellen Punktelieferanten der Gruppe zwar relativ rasch den Schlüssel – aber als Nordmazedonien nach der Pause umstellte, wurde es zäh.

Österreich – Normazedonien 3:0 (3:0)

Teamchef Thalhammer hat in der Vorbereitung auf dieses Spiel gestöhnt, dass man kein taugliches Bildmaterial von Nordmazedonien zur Verfügung hatte. “Wir hätten nur schon gerne genauer gewusst, wie die agieren, wenn man sie über außen bespielt, oder über das Zentrum, wie und ob sie aufrücken, und so weiter”, sagte er. In der ersten Viertelstunde des Spiels merkte man, dass die ÖFB-Frauen nicht so recht wussten, was sie erwartete.

Dann aber haben sie den Schlüssel gefunden.

Unendliche Weiten vor Hickelsberger

Wie schon in einigen Spielen im letzten Jahr wurden auch gegen Mazedonien im Aufbau ungewohnte Formationen und Positionen eingenommen. Die nominellen Außenverteidiger Schnaderbeck und Puntigam rückten ein, wodurch sich ein 2-2-5-1 ergab.

Die nominellen AV Schnaderbeck und Puntigam rückten in den Sechserraum ein

Das zwang den Gegner noch mehr als vermutlich gewünscht dazu, den gegen den Ball im 4-4-1-1 stehenden Abwehrverbund im Zentrum eng zu machen bzw. in Richtung der rechten Abwehrseite zu verschieben. So wurde auf der linken Abwehrseite der freie Raum für Hickelsberger kreiert.

Julia Hickelsberger (weißer Kasten rechts) hatte *relativ* viel Platz neben dem mazedonischen Abwehr-Block (rot).

Nach etwa 15 Minuten wurden solche Situationen vermehrt bewusst hergestellt und Hickelsberger mit einem Steil- oder Diagonalpass in den Lauf in den freien Raum hinein geschickt. Das führte schon in der 22. und der 24. Minute zu guten Torchancen. Das führte zur Ecke, aus der in der 25. Minute das 1:0 für Österreich fiel, so wurde in der 26. Minute die nächste Abschlussaktion kreiert, so murmelte Hickelsberger den Ball schließlich aus spitzem Winkel höchst selbst zum 2:0 über die Linie.

Diese Rechstlastigkeit im österreichischen Spiel wurde dadurch noch verstärkt, dass sich Laura Feiersinger immer mehr ebenso auf diese Saite orientierte. Die ohnehin schon überforderte mazedonische Linksverteidigerin Zivic hatte dem Duo kaum etwas entgegen zu setzen.

Kein Gewinn aus Umschaltsituationen

In der Anfangsphase rückten die Gäste, begleitet von ausladenden Handbewegungen der Spielerinnen in der Viererkette, im Ballbesitz weit auf. Natasa Andonova, die klar beste Spielerin ihres Teams, versuchte sich über weite Strecken der ersten Hälfte als Ein-Personen-Pressinwelle. Das nervte Österreich und behinderte den Spielfluss – vor allem zu Beginn, als die ÖFB-Frauen noch nach Orientierung suchten.

Das führte aber auch immer wieder dazu, dass im Zentrum, wenn bei den Gästen defensives Umschalten gefragt war, Löcher entstanden. Diese wurden jedoch von Österreich nicht konsequent bespielt: Zadrazil suchte oft nach einer vertikalen Anspielstation, fand aber keine – dadurch wurde das Spiel verlangsamt. Nutzen aus Ballgewinnen konnte Österreich so keinen ziehen.

Gäste machen es geschickt

Anstatt in der zweiten Hälfte die zu erwartenden Ermüdungserscheinungen zu zeigen, agierte Normazedonien nach dem Seitenwechsel aufmerksam und überraschend solide im Spiel gegen den Ball. Die Gäste zogen sich etwas weiter zurück und bildeten, wenn Österreich im Aufbau war, eine Fünfer-Abwehrkette. Das nahm Hickelsberger den Platz, in dem sie sich vor der Pause hatte ausbreiten können. Und es machte die ÖFB-Frauen sichtbar ratlos.

Einige Chancen wurden, vor allem in der Anfangsphase der zweiten Hälfte, verstolpert. Immer mehr schaffte es Nordmazedonien aber, die ballführende Österreicherin zu isolieren und da Andonova im 5-4-1 im zentralen defensiven Mittelfeld agierte, kam hier auch mehr Übersicht in den mazedonischen Sechserraum.

Österreich verrante sich in diverse Kopf-durch-die-Wand-Situationen, spielte viel quer und wenig gewinnbringend nach vorne – weil dort alles zugestellt war. Als in der 80. Minute auch noch Julia Hickelsberger verletzt vom Feld musste, nachdem das Austauschkontingent bereits erfüllt war, mussten die ÖFB-Frauen zudem zu zehnt fertig spielen. Mehr als ein Aluminium-Treffer von Dunst schaute nicht mehr heraus.

Fazit: Drei Punkte. Mehr nicht.

Immerhin, es sind drei nie gefährdete Punkte geworden. Vom erhofften Schützenfest waren die ÖFB-Frauen aber weit entfernt. Das Team aus Nordmazedonien zeigte zwar einige defensive Schwächen, korrigierte diese nach dem Seitenwechsel aber geschickt und hielt Österreich unerwartet gut auf Distanz. Sie waren zwar nie auch nur in der Nähe davon, ein eigenes Tor zu erzielen. Aber mit dem 0:3 können sie gut leben, wie die glückliche Körpersprache und die freudigen Gesichter nach dem Abpfiff belegten.

Die ÖFB-Frauen taten sich gegen einen individuell deutlich schwächeren, aber defensiv solide auftretenden Gegner einmal mehr sehr schwer. Sicher: WM-Viertelfinalist Italien hat gegen schwache Teams wie Israel und Georgien an diesem Doppel-Spieltag auch nur ein 3:2 und ein 1:0 zu Wege gebracht. Aber gemessen an den Erwartungen – möglichst klare Siege gegen die „Kleinen“, um im Ranking der Gruppenzweiten vorne zu sein – war dieser 3:0-Sieg für Österreich zu wenig.

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Ziel England: ÖFB-Frauen starten in die EM-Quali https://ballverliebt.eu/2019/09/02/ziel-england-oefb-frauen-starten-in-die-em-quali/ https://ballverliebt.eu/2019/09/02/ziel-england-oefb-frauen-starten-in-die-em-quali/#respond Mon, 02 Sep 2019 05:56:47 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=16388 Ziel England: ÖFB-Frauen starten in die EM-Quali weiterlesen ]]> Was haben der Herren-Europameister von 2020 und der Frauen-Europameister von 2021 gemeinsam? Beide werden im Londoner Wembley gekürt. Knapp zwei Monate nach dem US-Triumph bei der Frauen-WM startet nun die Qualifikation für die Endrunde von England in zwei Jahren. Für Österreich – bei der EM 2017 im Halbfinale, bei der WM 2019 nicht dabei – ist die erneute Teilnahme das selbstverständliche Ziel.

Adaptierter Qualimodus

„Die beste Nachricht für Holland, England, Frankreich, Spanien und auch alle anderen: Um die europäische Krone zu erobern, muss man nicht die USA besiegen.“ So bilanzierten wir nach der WM. In der EM-Quali gilt aus ÖFB-Sicht: Um sich für die Endrunde zu qualifizieren, wäre ein Punkt gegen Gruppenkopf Frankreich sicher hilfreich, aber zwingend nötig ist er nicht.

Wie 2017 werden 16 Teams teilnehmen, Gastgeber England ist gesetzt. Die Sieger der neun Gruppen fahren direkt zur EM, ebenso wie die drei besten Zweiten – und die verbleibenden sechs Zweiten spielen im Playoff um die drei verbleibenden Plätze. Das ist eine leichte Änderung zur 2017er-Quali, als es weniger Gruppen gab und nur die beiden schwächsten Zweiten in ein Playoff mussten.

„Das heißt für uns, dass wir gegen die drei schwächeren Gruppengegner sechs Siege einfahren müssen und dass jedes Tor zählt“, sagt Teamchef Dominik Thalhammer, „und wenn wir gegen Frankreich etwas mitnehmen könnten, wäre das von Vorteil.“ Dass der zweite Platz das absolute Minimalziel ist, sieht auch Thalhammer so: „Überhaupt kein Zweifel.“

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Adaptierte Schwerpunkte

In den 12 Monaten seit dem letzten Bewerbsspiel gab es deutliche und verdiente Niederlagen in Deutschland und gegen England, dazu zwei 0:0 gegen Belgien, einen zähen Sieg und ein zähes 1:1 gegen die Slowakei sowie einen lange sehr starken Auftritt beim 0:2 gegen den späteren WM-Dritten Schweden und deutliches 4:1 gegen zehn Nigerianerinnen. Außerdem hat Nina Burger ihre große Team-Karriere beendet.

Was hat sich also in dieser Zeit verändert, Teamchef Dominik Thalhammer? „Wir haben viel getestet und viele Grenzen aufgezeigt bekommen. Wir haben gesehen, wo wir mithalten können und wo nicht.“ Konkret heißt das: Gegen die Großen fehlt es an Ballsicherheit und damit am Punch im Angriffsdrittel. Gegen solide verteidigende Mitteklasseteams ist das Problem ähnlich gelagert. Die dynamische Raumbesetzung in der Defensive ist innovativ und wird mittlerweile von Erik ten Hag bei Ajax auch in einer ähnlichen Form eingearbeitet, ist aber auch kompliziert und erfordert ein hohes Maß an geistiger Flexibilität. Es wird, aber es dauert.

Österreich – Slowakei 1:1 (1:1)

Im Sommer gab es einen eher verlorenen Lehrgang mit einem 1:1 gegen die Slowakei während der WM. „Die Spielerinnen kamen teilweise aus dem Urlaub, wir konnten nicht die gewünschten Umfänge trainieren und so einen Gegner müssen wir einfach schlagen“, so Thalhammer, der aber auch sagt: „Es hat in dem Spiel einige Spielzüge gegeben, die vor einem Jahr noch nicht möglich gewesen wären.“

Ein Schwerpunkt in der Vorbereitung lag auf dem Pass- und Kombinationsspiel auf engem Raum. Trotz der verpassten WM ist Österreich längst ein Team geworden, dessen Gegner sich oft hinten einbunkern und bei dem die Konkurrenz um den Variantenreichtum weiß. Das kann, darf und wird gegen Nordmazedonien und Kasachstan kein Problem sein. Beim im negativen Sinn vorentscheidenden 1:1 daheim gegen Serbien vor anderthalb Jahren in der WM-Quali war es das aber durchaus.

Adaptiertes Personal

Nina Burger ist nicht mehr dabei. Damit rückt Nici Billa ins Sturmzentrum, nachdem sie in den letzten Jahren schon praktisch alles neben, hinter und bei Burger gespielt hat. In den diversen Tests hat sich ein 4-3-3 etabliert, in dem Billa vorne spielt und Feiersinger (die sich Burgers Rückennummer 10 geschnappt hat) mit Zadrazil auf den Achter-Positionen dahinter.

Es gibt einige junge Alternativen: Julia Hickelsberger auf der rechten Außenbahn, Laura Wienroither hat ein paarmal Linksverteidigerin gespielt, die in Deutschland aufgewachsene Elisabeth Mayr ist eine Möglichkeit für ganz vorne. Und mit Marie Höbinger ist auch ein komplett neues Gesicht erstmals mit dabei.

Die 18-Jährige aus dem Wiener Umland wechselte vor vier Jahren in den Nachwuchs von Turbine Potsdam, wo sie für die neue Saison auch Teil der Kampfmannschaft wurde und in den ersten beiden Saisonspielen jeweils eingewechselt wurde. Thalhammer hatte Höbinger – als Achter oder Zehner einsetzbar – schon vor ihrem Wechsel auf dem Radar, die Einberufung ist nun eine Belohnung für die gute Entwicklung. Der Teamchef beschreibt Höbinger als „unbekümmerte Spielerin mit gutem Spielverständnis und großem Potenzial“.

Potsdam-Kapitänin Zadrazil gegen Frankfurt mit Feiersinger (die gleich ein Tor erzielte) und Dunst zum deutschen Liga-Auftakt.

Im Großen und Ganzen ist es aber das gewohnte Personal, wenn auch teilweise mit neuem Klub. Torhüterin Zinsberger ist zur etatmäßigen Kapitänin Schnaderbeck zum englischen Meister Arsenal gewechselt (Thalhammer: „Eine kommende Liga, dort passiert viel“), Barbara Dunst von Abstiegskandidat Duisburg zum guten Mittelständler Frankfurt („Ein klarer Schritt nach oben“), wo sie auf der linken Seite auch zum Einsatz kommt – statt der erkrankten Verena Aschauer, die nach schwierigen Monaten an ihrem Comeback arbeitet.

Sarah Zadrazil ist in ihrem vierten Jahr bei Turbine Potsdam zur Kapitänin aufgestiegen, Lisa Makas hat für Duisburg ein starkes Tor gegen Wolfsburg erzielt. Elisabeth Mayr ist von Absteiger Leverkusen in die Schweiz geflüchtet, Sabrina Horvat von Absteiger Bremen zu Aufsteiger Köln; Schiechtl hingegen ist in Bremen geblieben und spielt dort nun in der 2. Liga. Laura Wienroither hat im Frühjahr in Hoffenheim relativ viele Einsätze bekommen, muss nun aber wieder kämpfen; Jenny Klein steckt immer noch bei Hoffenheim II fest. Yvonne Weilharter ist von Sturm Graz zu Frankfurt gewechselt und wird dort sicher einige Zeit brauchen. Nicht nur, aber auch weil sie mit Sophia Kleinherne eines der größten deutschen Defensiv-Talente vor sich hat.

Carina Wenninger hat beim neuen Trainer des FC Bayern und dem neuen System (Vierer- statt Dreierkette) zumindest bislang keinen Platz und hat in der neuen Saison noch keinen Einsatz. Bei Katharina Naschenweng zieht sich die Rekonvaleszenz fast exakt ein Jahr nach ihrem Kreuzbandriss noch immer. Erstmals im Kader ist Kristin Krammer, die Torhüterin jenes U-17-Nationalteams, welches im Mai bei der EM gespielt hat.

Verstärkung gibt es indes im Trainerteam: Zu Co-Trainerin Irene Fuhrmann, Goalie-Trainer Martin Klug und Video-Analyst Wolfgang Fiala kommt nun Maria Wolf in den Stab. Die Niederösterreicherin, die auch schon Herren-Teams trainiert hat, soll „als Schnittstelle zwischen Analyse- und Trainerteam“ fungieren.

KADER ÖSTERREICH: Tor: Melissa Abiral (25 Jahre, St. Pölten, 0 Länderspiele/0 Tore), Kristin Krammer (17, St. Pölten, 0/0), Manuela Zinsberger (23, Arsenal/ENG, 56/0). Abwehr: Marina Georgieva (22, Sand/GER, 3/0), Sabrina Horvat (22, Köln/GER, 1/0), Gini Kirchberger (26, Freiburg/GER, 70/1), Katharina Schiechtl (26, Bremen/GER2, 48/6), Viktoria Schnaderbeck (28, Arsenal/ENG, 69/2), Yvonne Weilharter (18, Frankfurt/GER, 4/0), Carina Wenninger (28, Bayern/GER, 90/4), Laura Wienroither (20, Hoffenheim/GER, 4/0). Mittelfeld: Barbara Dunst (21, Frankfurt/GER, 28/0), Jasmin Eder (26, St. Pölten, 45/1), Laura Feiersinger (26, Frankfurt/GER, 73/12), Marie Höbinger (18, Potsdam/GER, 0/0), Jenny Klein (20, Hoffenheim II/GER2, 13/1), Nadine Prohaska (29, Sand, 93/7), Sarah Puntigam (26, Montpellier/FRA, 95/13), Sarah Zadrazil (26, Potsdam/GER, 70/9). Angriff: Nici Billa (23, Hoffenheim/GER, 54/20), Lisa Makas (27, Duisburg/GER, 56/18), Elisabeth Mayr (23, Basel/SUI, 5/0), Julia Hickelsberger (20, St. Pölten, 5/0). Teamchef Dominik Thalhammer (48, seit acht Jahren).

Die vier Gruppengegner

Frankreich bei der WM 2019

Frankreich ist bei der Heim-WM im Viertelfinale gegen die USA ausgeschieden, nachdem man sich schon im Achtelfinale gegen Brasilien beinahe selbst ins Knie geschossen hätte. „Von der individuellen Qualität her sehe ich Frankreich aber ganz klar als europäische Nummer eins“, so Thalhammer, „auf jeden Fall vor Deutschland, aber auch vor England und Spanien. Mit diesem Kader kannst du Weltmeister werden, müsstest es vielleicht sogar.“

Die Schwächen von Trainerin Corinne Diacre, die in den oft mit großem Experimental-Charakter versehenen Testspielen in den zwei Jahren vor der WM nicht augenfällig geworden waren, traten bei der Endrunde brutal zu Tage – eben vor allem in den K.o.-Spielen gegen Brasilien (2:1 nach Verlängerung) und das US-Team (1:2). Diacre blieb im Amt, aber gestärkt ist sie aus der WM nicht hervorgegangen.

Der Stamm der Truppe kommt von Olympique Lyon, dem klar besten Team des Kontinents (als Europacup-Sieger von 2011, 2012, 2016, 2017, 2018 und 2019), man ist auf jeder Position Weltklasse besetzt. Griedge Mbock-Bathy ist die vermutlich kompletteste Innenverteidigerin der Welt, sie hat der technisch etwas limitierten Renard den Rang schon ein wenig abgelaufen. Amandine Henry orchestriert das Spiel aus dem Zentrum (wenn sie nicht, wie bei der WM, drei Aufgaben gleichzeitig spielen muss). Auf den Außenbahnen gibt es viel Auswahl.

In Quali-Spielen ist Frankreich seit 12 Jahren unbesiegt, seit 2010 hat man jede einzelne Partie gewonnen. Die Bilanz der letzten 38 Quali-Matches: 37 Siege, 1 Remis, 167:7 Tore. Zwei dieser Gegentore hat es gegen Österreich gegeben – bei den beiden 3:1-Siegen in den Ausscheidungsspielen zur WM 2015. Im ersten Test nach der WM gab es einen 2:0-Sieg gegen Spanien.

Österreich – Serbien 1:1 (1:1)

Serbien ist eigentlich kein Topf-3-Team, eher eines aus dem vierten – aber da es mehr Gruppen gibt, werden die Gruppen selbst sportlich entzerrt. Das macht es auf dem Papier leichter für Österreich, ändert aber nichts daran, dass es zwei Siege geben wird müssen. Und genau das ist in der letzten Quali nicht gelungen – die beiden beim 1:1 verlorenen Punkte waren für das Verpassen des Playoffs nicht alleine maßgeblich, haben aber doch einen großen Teil dazu beigetragen.

Der Kader hat sich gegenüber den beiden Spielen gegen Österreich (0:4 und 1:1) in der Saison 2017/18 nur unwesentlich geändert, weiterhin sind die meisten Spielerinnen in der schwachen heimischen Liga aktiv und das Team wird von einer Handvoll Legionärinnen getragen: Čanković von Schwedens Spitzenklub Rosengård, Blajogević vom deutschen Bundesligisten Sand, Verteidigerin Nevena Damjanović von Sporting und Bayern-Stürmerin Jovana Damnjanović.

Der Teamchef ist mal wieder neu (Predrag Grozdanovic), die Aussichten mal wieder mau. Damnjanovic gab kürzlich zu Protokoll, pessimistisch in die Zukunft des serbischen Frauenfußballs zu blicken, weil „selbst das Team aus Nordirland, das wir immer besiegt haben, uns mittlerweile überholt hat – weil sie investieren, auch im Jugendbereich.“ Bei einem Balkan-internen Turnier vor einem halben Jahr verlor Serbien das Finale gegen Slowenien. Man kann sich also nicht mal mehr als klare Nr. 1 aus der Region bezeichnen.

Kasachstan – Serbien 0:3 (0:1)

Auch Kasachstan ist ein alter Bekannter für die ÖFB-Frauen. Sowohl in der Quali für die EM 2015 als auch für die WM 2017 mussten sie gegen dieses Team antreten, es gab vier ungefährdete Siege (5:1 und 6:1 daheim sowie 3:0 und 2:0 auswärts). „Und besser ist das Team seither auch eher nicht geworden“, vermutet Thalhammer.

Der kasachische Abo-Meister BIIK Kazygurt ist zwar Stammgast in der Europacup-Hauptrunde und sorgt dort auch mitunter für kleine Überraschungen, dort spielen allerdings US-Amerikanerinnen, Spielerinnen aus Nigeria und Sambia, aus Georgien und Algerien – aber nicht besonders viele aus Kasachstan.

Dass selbst das zweitschwächste Team der Gruppe ein Punktelieferant ist, zeigt nicht zuletzt der 3:0-Auswärtssieg von Serbien zum Auftakt. Matches in Kasachstan sind meist zäh, wegen der mühseligen Anreise, der oft holprigen Plätze und der bewusst gesetzten extra-frühen Anstoßzeiten plus vier Stunden Zeitverschiebung (gegen Serbien war der Ankick um 12 Uhr Mitteleuropa-Zeit gelegt, das letzte Österreich-Gastspiel gar schon auf 11 Uhr). Aber wenn die Zentralasiatinnen nach Europa reisen, wird die fehlende Klasse oft ziemlich deutlich.

Österreichs Auftaktgegner ist Nordmazedonien. Einerseits sagt Dominik Thalhammer: „Videomaterial von dieser Mannschaft aufzutreiben, war so gut wie unmöglich – und das, was wir in die Finger bekommen konnten, war von ziemlich schlechter Bildqualität.“ Andererseits kommt es gegen dieses Team ohnehin eher darauf an, was man selbst macht. „Wir hätten nur schon gerne genauer gewusst, wie die agieren, wenn man sie über außen bespielt, oder über das Zentrum, wie und ob sie aufrücken, und so weiter“, so Thalhammer.

An der letzten Qualifikation hat Nordmazedonien (da noch ohne das „Nord-„) gar nicht erst teilgenommen, davor bekam man regelmäßig über’s Haupt. In den letzten 28 Pflichtspielen gab es drei Remis und 25 Niederlagen bei insgesamt 15:174 Toren, der letzte Punkt war ein 1:1 in Estland vor fünf Jahren. Immerhin aber konnte man Nataša Andonova zu einem Comeback überreden. Sie ist eine Spielerin der erweiterten europäischen Klasse und war bereits bei Klubs wie Potsdam, Rosengård, Paris St. Germain und dem FC Barcelona aktiv.

KADER NORDMAZEDONIEN: Tor: Magdalena Lekoska (Istatov), Viktoria Pančurova (Tivernia), Suarta Roči (United Struga). Abwehr: Ane Bošeska (Tivernia), Jovana Gjorgjioska (Despina Prilep), Pavlinka Inkolovska (Dragon Skopje), Dragana Koleska (Istatov), Dragana Kostova (Dragon Skopje), Simona Krstanoska (Bresnica/MNE). Mittelfeld: Nataša Andonova (Levante/ESP), Jana Čubrinovska (Despina Prilep), Alexandra Markovska (Despina Prilep), Katerina Mileska (Despina Prilep), Julia Živić (Dragon Skopje). Angriff: Teodora Dimoska (Tivernia), Eli Jakovska (Konak Belediyespor/TUR), Ulsa Maksuti (United Struga), Hava Mustafa (Škendija Tetovo), Gentjana Roči (Kuopio/FIN). Teamchef Kiril Isov.

Liga zündest Aufmerksamkeits-Rakete

Das ÖFB-Nationalteam hat seit dem EM-Erfolg 2017 ein solides Level an öffentlicher Aufmerksamkeit erreicht. Das Team ist bis zu einem gewissen Grad präsent, die Stärke relativ zur europäischen Konkurrenz ist auch Nebenbei-Konsumenten bekannt. Die Partien werden im TV übertragen – das zu erwartende Schützenfest gegen Nordmazedonien sogar auf ORF1 – und mit der Südstadt hat man nun auch endlich so etwas wie eine etablierte Heimstätte gefunden, die international immerhin 4.700 Zuseher fasst. Also: Völlig ausreichend groß genug und gleichzeitig nicht überdimensioniert und auch noch vor den Toren Wiens gelegen.

Die Liga kann da nicht ganz mit. Die fliegt völlig unter dem öffentlichen Radar.

Darum hat der ÖFB in Person des Frauen-Presseverantwortlichen Kevin Bell und der Social-Media-Experten Christian Wiesmayr und Simon Charamza – die beiden haben gemeinsam bei Rapid den Abschied von Steffen Hofmann inszeniert und selbiges mit jenem von Nina Burger gemacht – ein umfassendes Social-Media-Paket für und mit den Klubs der „Planet Pure Frauen-Bundesliga“ geschnürt.

Es gibt jeden Tag frischen Content über die Instagram– und Facebook-Kanäle der Liga sowie über ÖFB-TV auf YouTube. Die zehn Klubs konnten sich individuell vorstellen, die Sponsoren präsentieren und/oder irgendwas Ungewöhnliches machen, um sich zu zeigen. Diese Spots werden jeweils an Dienstagen und Donnerstagen auf ÖFB-TV ausgespielt, und wenn diese Beiträge versendet sind, ist auch schon ein Nachfolge-Programm fixiert.

An Freitagen wird die kommende Runde angeteasert, samstags und sonntags gibt’s dann die Spiele (ORF Sport+ und ÖFB-TV teilen sich die Spiele auf, es gibt an jedem Spieltag ein Live-Spiel; dazu zeigt Ländle-TV alle Heimauftritte des FFC Vorderland). Montags wird es einen Zusammenschnitt von allen Toren der Runde plus Voting des Tores des Spieltags präsentiert – das geht, weil auch erstmals alle 180 Spiele komplett gefilmt werden. Am Mittwoch wird schließlich das Tor der Runde aufgelöst.

Es wurde auf dem Sportclub-Platz in Hernals mit Spielerinnen aller zehn Klubs ein einheitliches TV-Intro produziert, ein eigener Hashtag kreiert (#MitHerz) und auch die ganze Ligenstruktur wurde adaptiert.

Die bisher zweigleisige 2. Liga, wo in den letzten Jahren vor allem die West-Staffel bis in den Koma-Zustand ausgeblutet war, wird nun eingleisig gefahren (womit auch das Aufstiegs-Playoff der beiden Staffel-Meister entfällt) und die 1b-Teams der Bundesligisten spielen in der „Future League“ nun eine eigene Meisterschaft aus, anstatt in der 2. Liga mitzuspielen. Der ÖFB unterstützt die Klubs mit Fahrtgeld und stellt für die Bundesligisten zudem ein Analyse-Tool (produziert vom deutschen Anbieter „Die Ligen“) mit allen Matches zur Verfügung.

Dieses Maßnahmen-Paket ist ein Quantensprung für eine Liga, die bis vor zwei Jahren noch de facto völlig unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt hat. Es bringt einen losen Haufen von Klubs – die es zum Teil nicht einmal geschafft haben, simple Kaderlisten an die Handvoll Enthusiasten zu senden, die sich um Berichterstattung bemüht haben – auf eine gemeinsame Linie, was den Auftritt nach Außen angeht.

Die heimische Meisterschaft wird eine klare Ausbildungsliga bleiben und mit der vom steirischen Verband und Sturm Graz getragenen neuen Frauenfußball-Akademie in Graz wird sich das noch verstärken. Aber es wird nun einiges unternommen, um Öffentlichkeit herzustellen – vor allem auf jenen Wegen, die junge Mädchen erreichen.

Die Zahl der angemeldeten, Fußball spielenden Frauen und Mädchen ist in Österreich nämlich immer noch zu klein.

 

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Geschichte geschrieben. Und jetzt? https://ballverliebt.eu/2017/08/05/geschichte-geschrieben-und-jetzt-oesterreich-frauen/ https://ballverliebt.eu/2017/08/05/geschichte-geschrieben-und-jetzt-oesterreich-frauen/#comments Sat, 05 Aug 2017 12:16:12 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=13926 Geschichte geschrieben. Und jetzt? weiterlesen ]]> 1,3 Millionen TV-Zuseher im Halbfinale, davor 1,2 Millionen im Viertelfinale. Am Wiener Rathausplatz waren 12.000 Menschen beim Public Viewing, zwei Wochen lang lachten sie fast jeden Tag von den Titelseiten der großen Zeitungen des Landes. Der Hype um die erfolgreichen ÖFB-Frauen kannte in den letzten Tagen kaum eine Grenze.

Und jetzt?

AUSTRIA.. you are amazing! 🇦🇹 DANKE für den tollen Empfang!! ❤️

Ein Beitrag geteilt von Sarah Zadrazil (@sarah_zadrazil27) am

In sechs Wochen startet die WM-Qualifikation. Da spielen Schnaderbeck, Puntigam und Co. nicht mehr vor 11.000 im Stadion (wie beim Halbfinale) und einem Millionen-Publikum vor den TV-Geräten. Sondern vor kaum 200 Leuten in Krusevac im Süden Serbiens. Ob überhaupt eine Fernseh-Übertragung produziert wird, ist fraglich.

Im ganzen Herbst gibt es nur ein Heimspiel, im November gegen das weder sportlich besonders starke noch vom Namen besonders attraktive Team aus Israel.

Realistische Erwartungen bewahren (Fans)

Die immense Aufmerksamkeit, die große Begeisterung und die enormen Beliebtheitswerte, welche die ÖFB-Frauen bei dieser EM nicht nur in Österreich, sondern in der ganzen Frauenfußball-Welt genossen und erworben haben, sind unbezahlbar. Selbst Menschen, die mit dem Sport wegen der natürlich vorhandenen Unterschiede zum Männerfußball nicht viel anfangen können, zeigten sich beeindruckt vom unbändigen Kampfgeist und dem natürlich-fröhlichen und bodenständigen Auftreten des Teams.

Aber dem Halbfinal-Einzug bei der ersten EM-Teilnahme zum Trotz: Nein, Österreich ist von seiner Stärke her natürlich nicht das drittbeste Team Europas. In der Weltrangliste werden die ÖFB-Frauen von aktuell Platz 24 auf (plus/minus) Platz 20 klettern, innereuropäisch wird man von derzeit Rang 14 zumindest in Schlagdistanz zu den Top-10 kommen.

Es ist vermutlich vernünftig, sich beispielsweise an Dänemark zu orientieren. Das ist ein Team, das Österreich an einem guten Tag schlagen kann (siehe September 2012, siehe Juli 2017), das vernünftig gecoacht wird, das mit geringen Erwartungen in Turniere geht und jederzeit positiv überraschen kann (intern rechnete man in Dänemark nicht einmal damit, die Vorrunde zu überstehen – geschweige denn, ins Finale zu kommen). Es ist aber auch ein Team, dass allzuviele Ausfälle nicht zu kompensieren vermag.

Realistische Erwartungen bewahren (ÖFB)

Die ÖFB-Frauen haben jetzt sechs Spiele hintereinander gegen besser klassierte Teams (Test gegen Dänemark, EM gegen Schweiz, Frankreich, Island, Spanien und Dänemark) nicht verloren, bei der EM nur ein einziges Gegentor in 510 Minuten hinnehmen müssen. Und zwar mit einer exakt auf die eigene Mannschaft und auf den jeweiligen Gegner abgestimmte Spielweise.

Allerdings: Auch mit einem relativ kleinen Pool an Spielerinnen. 98,7 Prozent der Einsatzzeit bei der EM entfällt auf lediglich 13 Spielerinnen, nur drei weitere wurden zumindest einmal eingewechselt. Sprich: Die absolute Spitze ist noch recht dünn. Und auf Lisa Makas und Nici Billa wird man verletzungsbedingt jetzt mehr oder weniger lange verzichten müssen.

Das heißt: Österreich wird auch in Zukunft nicht alles und jeden mit schönem Spiel ausmanövrieren können, gegen jedes Team Dominanz ausüben und Dauergast in EM- und WM-Halbfinals sein. Es wäre töricht, das zu glauben und es wäre auch von Seiten des ÖFB fatal, das zu erwarten. Daran kann man nur Scheitern.

Andererseits gibt es natürlich Punkte, die man auch von anderen Ländern lernen kann. Dass man etwa die Mädchen schon mit 14 Jahren per Statut aus den Burschen-Teams herausnimmt, ist deutlich zu früh – das hat das Auftreten, das Abschneiden und auch die jüngste Entwicklung des holländischen Teams gezeigt. Dass es andererseits richtig ist, die Mädchen im Nationalen Zentrum dazu anzuhalten, so schnell wie möglich ins Ausland zu wechseln, ist in den allermeisten Fällen notwendig und richtig – auch, wenn darunter natürlich die Attraktivität der Liga leidet.

Was etwa macht Kathi Naschenweng noch in Österreich? Sie ist schon jetzt viel zu gut für diese Liga, kann hier nichts mehr lernen und sich nicht mehr weiterentwickeln.

Was wirklich entscheidend ist

Wenn man das Heimspiel gegen WM-Quali-Gruppenkopf Spanien gleich im September in einem vernünftigen Stadion hätte, würde man das schön voll bekommen. Hat man aber nicht. Ist halt so. Aber auch, ob zu dem Heimspiel gegen Israel im November jetzt 1.200 oder 2.500 Menschen kommen, ist letztlich zweitrangig. Natürlich wäre es schön, wenn man den Hype jetzt nützen könnte, um dauerhaft etwas mehr mediale Aufmerksamkeit für den Sport generieren zu können. Aber wirklich entscheidend ist etwas anderes.

„Wir haben nach wie vor Probleme in der Breite“, sagte Dominik Thalhammer schon im vergangenen Herbst: „Die Gesamtzahl der Mädchen, die Fußball spielen, stagniert. Vielleicht gibt die EM-Teilnahme einen Push!“ DARAUF kommt es an. Mädchen zu inspirieren, mit dem Fußballspielen zu beginnen, in einen Verein zu gehen. In Österreich sind derzeit etwa 20.000 fußballspielende Frauen und Mädchen registriert.

In Dänemark sind es mehr als dreimal so viele, obwohl Dänemark ein Drittel weniger Einwohner hat als Österreich.

Auf Klub-Ebene liegt vieles im Argen

Dafür braucht es aber auch Strukturen. Die West-Staffel der zweithöchsten Liga blutet zunehmend aus, weil sich vor allem die OÖ-Klubs mit einem Budget von kaum mehr als ein paar tausend Euro pro Saison die (je nach Besetzung) drei Wochenend-Trips nach Vorarlberg und Tirol ganz einfach nicht leisten können, während die Ländle-Klubs großzügig mit Kilometergeld gefördert werden.

Die 2. Liga Mitte/West ist in der demnächst startenden Saison auf sechs Klubs geschrumpft. Und da sind Absteiger Wacker Innsbruck (das vereinsintern kurz vorm Zusperren war) und das 1b-Team von Bundesligist Bergheim schon dabei. Alleine in den letzten fünf Jahren haben sich fünf OÖ-Klubs freiwillig aus dieser Liga zurückgezogen. Die 2. Liga Ost/Süd hat zwar immerhin zwölf Teilnehmer, fünf davon sind aber die Reserve-Teams von Bundesligisten.

Heimische Liga auf- statt abwerten

Dass die meisten Klubs der österreichischen Frauen-Bundesliga von der Hand in den Mund leben und ohne Einzelinitiativen schlicht nicht existieren würden, ist weder neu noch unbekannt. Da sie aber als Spielwiese für aktuell bis zu 32 Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren fungiert, die im Nationalen Zentrum zur künftigen Elite des heimischen Frauenfußballs ausgebildet werden, ist aber das Niveau in der Breite zuletzt deutlich gestiegen.

Umso kontraproduktiver ist die in der neuen Saison geltende Regelung, dass Abstellungen zum U-17-Nationalteam nicht mehr zu Verschiebungen gleichzeitig angesetzter Ligaspiele sind – unglaublicherweise wurde das von den meisten Klubs abgenickt. Ein an Dämlichkeit kaum zu überbietender Irrsinn: Ein Klub wie Union Kleinmünchen muss antreten, obwohl vier Stammkräfte nicht da sind.

Sprich: Man hält die Klubs an, auf junge Spielerinnen zu setzen, ihnen Einsatzminuten zu geben und Verantwortung auf dem Feld zu übertragen. Und bestraft gleichzeitig Klubs, die das tatsächlich tun. Auch Neulengbach wird unter dieser Regel leiden, Altenmarkt und Sturm Graz werden zumindest vereinzelt auf junge Spielerinnen verzichten müssen.

Was bringt die mittelfristige Zukunft?

Bei der WM in Frankreich in zwei Jahren, da trumpft Österreich wieder auf und sorgt für das nächste Sommermärchen, oder? Immer langsam: Es wird schon ein immenser Kraftakt, sich überhaupt (erstmals!) für eine WM-Endrunde zu qualifizieren.  Dafür müsste man entweder Gruppensieger werden – vor dem Team aus Spanien, dem man im Viertelfinale ein 0:0 abgerungen hat. Oder man kommt unter die vier besten Gruppenzweiten und gewinnt danach noch zwei K.o.-Duelle – gegen Teams wie Norwegen, Island oder Dänemark.

Alles nicht unmöglich, klar. Aber auch wirklich, wirklich nicht leicht. Es sind neben Gastgeber Frankreich nur acht europäische Teams bei der WM startberechtigt. Das ist ein extrem enger Flaschenhals. Und hier kommt wieder Dänemark ins Spiel.

Harder und Co. waren 2013 im EM-Halbfinale und haben dieses erst im Elfmeterschießen verloren – ehe sie danach das WM-Ticket für 2015 deutlich verpasst haben. Keiner war ihnen böse, sogar der Trainer durfte weitermachen. Kontinuität, Ruhe, eine Export-Liga und eine klare Strategie wird belohnt. Und das hat ja auch das österreichische Team bei dieser EM gezeigt.

Wird alles so superduper-toll, wie es der Hype suggeriert? Nein, natürlich nicht. Wird alles auf einer realistischen Basis okay sein bzw. bleiben? Ja, das sollte klappen.

 

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EM-Reise der ÖFB-Frauen endet in der Schlacht von Breda https://ballverliebt.eu/2017/08/04/oesterreich-frauen-daenemark-halbfinale-em/ https://ballverliebt.eu/2017/08/04/oesterreich-frauen-daenemark-halbfinale-em/#comments Thu, 03 Aug 2017 22:48:27 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=13903 EM-Reise der ÖFB-Frauen endet in der Schlacht von Breda weiterlesen ]]> Die großartige EM-Reise der ÖFB-Frauen ist zu Ende: In einem physisch recht harten und taktisch zuweilen recht wilden Semifinale gegen Dänemark fallen 120 Minuten lang keine Tore, ehe Österreich im Elfmeterschießen unterliegt. Geprägt wurde die Partie aus österreichischer Sicht durch die Mischung aus unbedingtem Willen und sich leerenden Kraftreserven.

Dänemark – Österreich 0:0 n.V.

Vor exakt vier Wochen hatte Österreich das dänische Team im letzten EM-Test regelrecht vorgeführt. Dass man jenes Spiel aber in keinster Weise als Referenz für das Halbfinale des EM-Turniers heranziehen kann, wurde schnell klar.

ÖFB-Teamchef Dominik Thalhammer vertraute wieder dem 5-4-1 / 4-4-2 – Hybridsystem, allerdings wegen des Kreuzbandrisses von Lisa Makas mit verändertem Personal und leicht adaptierten Rollenverteilungen. Statt Makas rückte Nici Billa ins linke Mittelfeld, dafür übernahm Sarah Zadrazil die zentral-offensive Rolle von Billa. Kirchberger war wieder retour in der Innenverteidigung, Schnaderbeck rückte auf die Sechs.

Schnelles Aufrücken bei Ballgewinn

Auffällig war, dass seitens der ÖFB-Frauen von Beginn an ins 5-4-1 geswitcht wurde, sobald Dänemark in die Aufbau-Formation kam. Andererseits wurde die defensive Struktur aber schnell aufgelöst, sobald Österreich den Ball in der gegnerischen Hälfte hatte. In diesen Situationen wurde konsequent aufgerückt – so sehr, dass selbst Carina Wenninger in der Nähe des dänischen Strafraums auftauchte, um zu pressen.

In einer dieser Situationen prallte der Ball aus kurzer Distanz auf die über Kopfhöhe gestreckten Arme von Maja Kildemoes, aber Sarah Puntigam zielte beim fälligen Elfmeter zu hoch.

Wie schon gegen Spanien wurde bei Österreich vorwiegend mit langen Bällen aufgebaut (ein Stilmittel, das schon im Dänemark-Test vermehrt eingesetzt wurde). Vorteil ist, dass man damit nicht anfällig dafür, im Mittelfeld in der Vorwärtsbewegung den Ball zu verlieren (wie das etwas beim Test in Holland sehr oft und mit schwerwiegenden Folgen passiert war). Andererseits war es von Burger, Feiersinger und Zadrazil schon sehr viel verlangt, vorne Bälle zu behaupten.

Dänemark viel vertikaler als Spanien

Dänemark spielte wieder mit dem asymetrischen 3-4-1-2, in dem der rechte Wing-Back (Theresa Nielsen) im Zweifel zurück rückte und Sanne Troelsgaard rechts ausfüllte, während der linke Wing-Back (Katrine Veje) auch gegen den Ball eher im Mittelfeld blieb. Pernille Harder spielte als etwas zurückgezogene Spitze zumeist hinter Nadim und Troelsgaard, genoss aber viele Freiheiten in jede Richtung.

Die dänische Reaktion auf die extrem statische und damit sehr harmlose Spielweise von Spanien gegen Österreichs 5-4-1 war, dass man nicht so horizontal spielte wie Spanien im Viertelfinale, sondern deutlich schneller den Vertikalball suchte, oder von den Außenpositionen in bzw. vor den Strafraum in den Zwischenlinienraum flankte – oder mit Dribblings versuchte, Österreicherinnen in 1-gegen-1-Situationen zu verwickeln und so durchzukommen.

Eine Schlacht mit vielen Opfern

Die Folge waren vor allem mehr und schnellere dänische Ballverluste, die wiederum von Österreich dazu genützt wurden, selbst wieder den Ball schnell nach vorne zu bringen, nachzurücken und Dänemark so zum vorübergehenden Rückzug zu zwingen. So entstand ein Spiel, das wenig wirkliche Struktur entwickeln konnte und oft eher wild wirkte.

Außerdem begünstigte dieses gehetzte Spiel Zweikämpfe von hoher Intensität. Das bekam etwa Nici Billa zu spüren, die noch vor der Pause mit einem Knochenmarksödem an der Fußwurzel ausgewechselt werden musste. So wie auch Line Jensen, deren Bänder im Knie bei einem unglücklichen Duell mit Nadine Prohaska Schaden genommen haben, auch sie musste raus. Sarah Puntigam wurde von einer Gegenspielern im Gesicht getroffen, was zu Zahnschmerzen führte – und Manu Zinsberger bekam einen Schlag auf’s Jochbein.

Zu umständlich und zu ungenau

Wenn Österreich vorne in Strafraumnähe kam, wurde augenscheinlich versucht, sich in möglichst gute Schusspositionen zu bringen. Dabei wurden aber sehr oft die mittelguten Shot Locations nicht genommen – das sah sehr umständlich aus und ermöglichte es der dänischen Abwehr, letztlich die Szenen zu klären, bevor ein österreichischer Abschluss kam.

Laura Feiersinger kann symbolhaft für die Vorstellung ihres Teams gelten: Vollster Einsatz, gerannt und gekämpft und sich bis zur letzten Erschöpfung in das Spiel festgebissen, aber im entscheidenden Moment zu ungenau und nicht mit der geistigen Frische gesegnet, mit der Österreich durch das bisherige Turnier gesegelt ist. Dass sich der Kraft-Tank der ÖFB-Frauen nach vier intensiven Spielen leerte, merkte man mit Fortdauer des Spiels immer deutlicher.

Dänemark adaptiert System und Besetzung

2. Halbzeit

In der zweiten Hälfte adaptierte Dänemarks Trainer Nils Nielsen seine Formation ein wenig, diese ging – obwohl im Ballbesitz weiterhin eine Dreierkette hinten verteidigte – nun deutlicher in Richtung 4-2-3-1. Mit Frederikke Thøgersen kam eine dribbelstarke als neue Gegenspielerin für Aschauer, die eher kraftvolle Troelsgaard ging ins Mittelfeld-Zentrum – die schwer gelb-rot-gefährdete Maja Kildemoes hatte weichen müssen.

Mit dieser Umstellung konnte Nielsen für sein Team ein zuvor tendenziell ausgeglichenes Match immer mehr zu Gunsten seines Teams drehen. Troelsgaard schaffte es zunehmend besser, die Kreise der nach innen ziehenden Prohaska und der nach vorne pressenden Zadrazil einzuengen – umso mehr war Österreich offensiv auf den langen Ball in Richtung Feiersinger oder Burger limitiert. Und Aschauer war weiterhin viel defensiv gebunden und konnte selten gefahrlos nach vorne mitgehen.

Kaum noch Kraft

Österreich wollte zwar immer noch bei möglichst jedem Ballgewinn nach vorne aufrücken, aber es gelang immer seltener, sich vorne festzusetzen. Auf der anderen Seite häuften sich nun dafür die Chancen für Dänemark: Einmal rettete Zinsberger aus kürzester Distanz gegen Simone Boye, einmal entschärfte sie einen scharfen Schuss von Pernille Harder, dann war sie gegen Katrine Veje da. Auch bei den vielen Halbchancen der Däninnen war die Bayern-Legionärin sicher zur Stelle.

Als nach 90 torlosen Minuten die Verlängerung folgte, waren die leeren Akkus bei Österreich – wo nun Viktoria Pinther den Platz von Sarah Puntigam eingenommen hatte – immer deutlicher zu erkennen. Dänemark war in dieser halben Stunde die strukturiertere Mannschaft. Das Turnier zum einen, vor allem aber sicherlich auch das extrem physisch intensiv geführte Halbfinale sorgten dafür, dass sich Österreich nur noch ins Elfmeterschießen schleppen konnte.

Dort hielt Manuela Zinsberger zwar wieder einen Schuss, aber weder Feiersinger, noch Pinther oder Aschauer konnte ihre Versuche verwerten. Dänemark steht damit im Endspiel.

Fazit: Dänemark routinierter und mit mehr Reserven

Dass Sarah Zadrazil einmal recht früh im Spiel vorne draufpresste und nach danach verwundert die Arme gehoben hat, weil niemand mitgemacht hatte, zeigt, wie extrem diszipliniert die ÖFB-Frauen über das ganze Turnier gespielt haben – weil diese kleine und im Grunde bedeutungslose taktische Unsauberkeit so unüblich war, dass sie auffiel.

So weit es die Kräfte zuließen, war Österreich auch in diesem Halbfinale gegen Dänemark wieder taktisch diszipliniert und trat als absolute Einheit auf; aber wie schon gegen Spanien war die Präzision im Angriffsdrittel zu gering und damit die Torchancen kaum vorhanden. Andererseits schaffte man es aber – auch dank der einmal mehr sehr starken Manuela Zinsberger im Tor – wieder ohne Gegentor zu bleiben.

Österreich hat in 510 Turnierminuten nur ein einziges Gegentor kassiert – das ist die beste Quote von allen 16 Teilnehmern (auch Finalist Holland hat nur einen Gegentreffer geschluckt, aber 60 Minuten weniger gespielt). Wohlgemerkt aber ist Österreich vor dem Turnier im FIFA-Ranking nur die Nr. 14 unter den 16 Teilnehmern gewesen.

In diesem Halbfinale, dessen Erreichen alleine schon eine der größten Sensationen in der Geschichte des Frauenfußballs darstellt, war Dänemark die etwas bessere, etwas routiniertere Mannschaft. Und auch jene, die noch mehr Kraftreserven übrig hatte.

Holland – England 3:0

Holland – England 3:0 (1:0)

Der Gegner im Finale – und zweifellos der Favorit im Endspiel – ist Gastgeber Holland. Wie Dänemark stehen die niederländischen Frauen ebenso zum ersten Mal überhaupt in einem großen Finale. Und zwar hochverdient: Gegen das bislang recht souveräne Team aus England war man in allen Belangen besser. Nach 22 Minuten sorgte Miedema per Kopf für die Führung, damit hatte Holland den Gegner, wo Holland den Gegner haben wollte.

Das englische Spiel ist davon abhängig, nicht in Rückstand zu geraten. Da nämlich treten die Schwächen in der eigenen Spielgestaltung zu Tage, vor allem gegen ein Team von hoher Qualität. Dass Holland speziell im Mittelfeld das beste Team dieser EM ist, zeigten Danielle van de Donk und vor allem die einmal mehr überragende Jackie Groenen in der Folge. Man ließ England nie wirklich gefährlich werden, hielt die Lionesses immer auf Distanz – und als Van de Donk nach einer Stunde einen völlig verunglückten Rückas von Fara Williams zum 2:0 verwertete, war das die Entscheidung. Das 3:0 in der Nachspielzeit (Millie Bright fälschte nach einem Konter ins eigene Tor ab) war nur noch Draufgabe.

Vor allem die relative Leichtigkeit, mit der Holland dieses (auf dem Papier) vorweggenommene Finale für sich entschied, war extrem beeindruckend. Oranje ist bisher sicherlich jenes Team, das am stabilsten gespielt hat und die wenigsten Schwächen offenbarte. In einem Finale, mit dem vor dieser EM wirklich niemand gerechnet hat, ist Dänemark der klare Außenseiter.

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Aus Spaß am Gegner ärgern: ÖFB-Frauen eliminieren Spanien https://ballverliebt.eu/2017/08/01/frauen-em-oesterreich-spanien-viertelfinale/ https://ballverliebt.eu/2017/08/01/frauen-em-oesterreich-spanien-viertelfinale/#comments Tue, 01 Aug 2017 13:52:09 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=13887 Aus Spaß am Gegner ärgern: ÖFB-Frauen eliminieren Spanien weiterlesen ]]> Mit einer über 120 Minuten sehr konzentrierten Leistung und guten Nerven im Elfmeterschießen eliminieren die ÖFB-Frauen Spanien und stehen damit sensationell im Halbfinale der Europameisterschaft. Der Schlüssel dazu war, wie schon gegen Frankreich, das die gegnerische Offensivreihe von den restlichen Spielerinnen des Gegners abschnitt.

Österreich – Spanien 0:0 n.V.

Spanien zeigte bei den bisherigen Spielen – vor allem beim 0:2 gegen England, aber auch bei der von viel Panik begleiteten, peinlichen 0:1-Niederlage gegen Schottland – die Tendenz, viel Ballbesitz zu haben, aber wenig daraus zu machen. Das war auch gegen Österreich nicht anders, allerdings auch aus viel eigenem Verschulden.

Links die spanische Offensiv-Reihe, rechts die beiden Sechser und die Abwehrkette. Dazwischen: Viel Platz für Österreich, mit disziplinierter Positionierung die Zufuhr für die Angreiferinnen aus Spanien zu kappen.

Das nominelle 4-3-3 des spanischen Teams wurde wegen der hohen Positionierung von Amanda Sampedro (eigentlich ein Achter) in der Realität eher zu einem 4-2-4. War es in der Vorbereitung – vor allem beim Algarve Cup, wo Spanien ungeheuer stark war – so, dass die Abstände zwischen den Mannschaftteilen sehr eng gehalten wurden, so war hier die Offensive durch den großen Abstand von Vornherein vom restlichen Team abgetrennt.

Jagd auf zweite Bälle

Das zwang Spanien vermehrt zu längeren Bällen aus dem Rückraum. Was wohl eine Reaktion auf die viel zu horizontale Spielweise aus dem England-Spiel war, konnte durch den großen Abstand der Mannschaftsteile hier aber nicht funktionieren. Und zwar auch, weil sich Österreich die perfekte Antwort auf diese Spielanlage des spanischen Teams parat hatte.

Die ÖFB-Frauen machten diesmal nicht so sehr Jagd auf die Ballführende, sondern auf zweite Bälle. Sprich: Wenn ein längerer Ball in Richtung der spanischen Offensive segelte, wurde konsequent auf den Abpraller gegangen. Das selbe galt, wenn eine Spanierin ein kurzes Anspiel nicht sofort unter Kontrolle bringen konnte. Sofort klebte ihr eine Österreicherin auf den Füßen, sofort war der Ball weg.

Viele Weitschüsse von Spanien

Nachdem sie sich kaum in den Strafraum kombinierten konnten, versuchten es die Spanierinnen vermehrt mit Schüssen aus der zweiten Reihe. Über den Tag hatte es in Tilburg zwei, dreimal ordentlich geschüttet – der Rasen war also alles andere als staubtrocken. Aber: Die wenigsten dieser Schüsse kamen wirklich auf das Tor, und wenn, war Zinsberger zur Stelle. Auch kleine Fehler in der Abwehr (Viktoria Schnaderbeck ließ sich z.B. zweimal etwas zu viel aus der Position ziehen, zog aber jeweils das Offensivfoul) wurden nicht genützt.

Bei Österreich wurde nach Ballgewinnen schnell umgeschaltet, im die Pässe im Offensivdrittel wurden aber oft überhastet gespielt, waren zu ungenau und damit für die spanische Defensive ohne größere Probleme zu verteidigen. Im Grunde hatte Österreich im ganzen Spiel nur zwei wirkliche Torchancen (Billa 18., Prohaska 53.) – aber laut Expected-Goals-Statistik waren diese beiden Chancen alleine gefährlicher als alle spanischen Versuche.

Man sieht also: Die Torschuss-Statistik von 20:4 für Spanien erzählt nicht einmal annähernd die ganze Wahrheit. Die vermeintliche Riesen-Chance für Burger in der 70. Minute, die den Ball etwas zu spät von Feiersinger zugesteckt bekommen hat, war übrigens Abseits – das passierte Österreich recht häufig, nämlich achtmal.

Reaktionen auf entstehende Defizite

In der zweiten Halbzeit stand Österreich als Ganzes ein wenig höher und ging nun auch vermehrt auf Ballgewinne schon im Mittelfeld los, das hieß: Gezielteres Pressing auf Losada und Meseguer im Zentrum, aber auch auf die Außenspielerinnen. Auch hier allerdings wurden die Ballgewinne oftmals nicht genützt, die für die verletzte Lisa Makas eingewechselte Nadine Prohaska beispielsweise verlor relativ viele der gut erkämpften Bälle schnell wieder. Und mit Fortdauer des Spiels fand auch das Nachrücken aus dem Mittelfeld nicht mehr wie gewünscht statt, das monierte Teamchef Dominik Thalhammer in der 72. Minute auch lautstark.

Vermutlich als Reaktion darauf – also, um Spanien in Umschaltphasen nicht zu große Räume zwischen Mittelfeld und Angriff anzubieten – und wegen der in dieser Phase bemerkbaren Häufung von eher billigen Fouls, um spanische Gegenstöße zu verhindern, wurde in dieser Phase vermehrt auf 5-4-1 umgestellt. Also auf jenes System, das Österreich auch gegen Frankreich mit hoher Präzision und mit großem Erfolg eingesetzt hatte.

Österreichische Fünfer-Abwehr (links) und davor das Vierer-Mittelfeld: Kein Platz und keine Anspielmöglichkeit für Spanien im Raum zwischen den beiden Ketten.

Thalhammer meinte am Tag nach dem Spanien-Spiel sinngemäß, dass es seinem Team eine diebische Freude bereiten würde, wenn es gelingt, dass sich starke Gegner daran die Zähne ausbeißen würde. Das Stellen von Deckungsschatten (Aufgabe der Mittelfeld-Kette) und das Herstellen des richtigen Abstands der beiden Ketten (Aufgabe der Abwehr-Kette) funktionierte auch gegen Spanien annähernd perfekt.

Kleine Adaption in der Verlängerung

Verlängerung: Österreich im 5-3-1-1

Auch nach 90 Minuten hatte kein Team ein Tor erzielt, so ging es in die Verlängerung. Auch dort aber veränderte Spaniens Trainer Jorge Vilda die Spielanlage und auch das System seines Teams nicht: Sogar die eingewechselte Alexia Putellas, eigentlich eine Flügelstürmerin, übernahm genau die Sechser-Position von Vicky Losada, für die sie eingewechselt worden war.

Dominik Thalhammer jedoch adaptierte das System sehr wohl: Aus dem 5-4-1 wurde immer mehr ein 5-3-1-1, in dem Laura Feiersinger sich zentral zwischen dem Mittelfeld und Stürmerin Nina Burger positionierte. Daran änderte sich auch nichts, als Viktoria Pinther (eigentlich eine klare Sturmspitze) für Sarah Zadrazil eingewechselt wurde: Pinther reihte sich genau auf der Zadrazil-Position ein und rückte auch in die Mitte, wenn sich Feiersinger situativ wieder zurück in ihre Position im rechten Mittelfeld fallen ließ.

Gemeinsam mit Nina Burger presste Feiersinger weiterhin auf Meseguer und Putellas und nahmen ihnen so die Zeit für gezielte lange Bälle. Aber auch ganz vorne blieben sie aktiv: Noch in der 115. Minute lief Burger die spanische Torfrau Panos in hohem Tempo an, als diese einen Ball nicht sofort unter Kontrolle brachte.

Spanien versuchte es weiterhin vor allem mit Weitschüssen, die auch immer den Geruch von Gefahr hatten, aber praktisch immer nicht genau genug waren. Genau gepasst hätte nur ein Heber der eingewechselte Torrecilla in Minute 115, da war Zinsberger allerdings gerade noch zur Stelle.

So wie auch danach beim Elfmeter von Silvia Meseguer – das war, neben den fünf verwandelten Versuchen von Feiersinger, Burger, Aschauer, Pinther und Puntigam der Schlüssel zum Sieg im Elfmeterschießen.

Fazit: „Diese Mannschaft hat’n Plan!“

ARD-Kommentator Bernd Schmelzer kam nach dem Spiel mit einer begeisterten Miene in den Medienbereich unterhalb der Tribüne: „Da hat man’s wieder gesehen: Diese Mannschaft hat’n Plan!“ Und dieser wurde auch gegen Spanien immer wieder leicht adaptiert und neuen Gegebenheiten bzw. dem Kraftlevel des Teams angepasst.

Spaniens Teamchef Jorge Vilda hingegen änderte über 120 Minuten nur das Personal, aber weder wurde die Spielanlage geändert, noch das System – und auch an dem großen Loch zwischen Aufbau und Offensivreihe hat sich nichts geändert. Im Mittelfeld wurde durchaus versucht, vertikal zu agieren, aber es fehlten vorne die freien Anspielstationen.

Österreich ließ sich nie aus der Ruhe bringen, machte diszipliniert die Räume eng und hielt Spanien überwiegend bei Weitschüssen. Dass man selbst nur selten Torgefahr erzeugen konnte, rüttelte nicht am Vertrauen der ÖFB-Frauen in ihre grundsätzlichen Stärken – das sah man dann auch beim Elfmeterschießen.

Vor allem dort sprach aus den Gesichtern der österreichischen Schützinnen die Freude an ihrem Tun, und nicht die Angst vor dem Scheitern.

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ÖFB-Frauen nach klarem 3:0-Sieg Gruppensieger https://ballverliebt.eu/2017/07/27/oesterreich-frauen-island-gruppensieg/ https://ballverliebt.eu/2017/07/27/oesterreich-frauen-island-gruppensieg/#comments Wed, 26 Jul 2017 23:15:46 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=13840 ÖFB-Frauen nach klarem 3:0-Sieg Gruppensieger weiterlesen ]]> Mit einer überzeugenden Vorstellung und einem verdienten 3:0-Erfolg über Island fixieren die ÖFB-Frauen endgültig den Viertelfinal-Einzug bei der EM in Holland. Dank Schweizer Schützenhilfe ist Österreich sogar Gruppensieger vor Frankreich – eine absolute Sensation. Die auch möglich war, weil man die eigenen Hausaufgaben machte und Island vor allem dank der überlegenen Strategie klar besiegte.

Österreich – Island 3:0 (2:0)

Was Island gut kann: Dafür sorgen, dass man nicht von hinten heraus spielen kann, weil ihre bevorzugte Spielanlage genau darauf ausgelegt ist – vor allem im neuen, erst für diese EM impementierten 3-4-3-System. Was Island nicht gut kann: Damit umgehen, wenn der Gegner mit Tempo und hohem Pressing Druck ausübt.

Was ÖFB-Frauen-Teamchef Dominik Thalhammer sehr gut kann: Gegnerspezifische, punktgenaue Matchpläne zu erarbeiten.

Mit Pressing kontrollieren und die Lust nehmen

Also presste Österreich gleich von Beginn an volle Hütte auf alles, was ein blaues Trikot anhatte. Egal, ob Wing-Back, Innenverteidigung oder Torhüterin: Sofort liefen zwei, drei Österreicherin auf die ballführende Isländerin zu. Die Folge: Befreiungsschläge blinder Natur.

Island ist als knochenharte Truppe berüchtigt – das mussten auch die Schweizerinnen erfahren, gegen die die Isländerinnen einige eher derbe Attacken auspackten. Umso entscheidender war es für Österreich, die Pressingwege auch eisenhart durchzuziehen. Da gab schon mal Nici Billa einer Gegenspielerin bewusst noch einen kleinen Schulter-Check mit. Da rannte Katharina Schiechtl eine Isländerin gleich ganz über den Haufen.

Normal ist Dominik Thalhammer kein Fan von Fouls im Pressingspiel – it beats the purpose. Aber die Konsequenz, mit der die ÖFB-Frauen durchliefen, sorgte bei Island sichtlich für Frust. Nicht vergessen: Island war trotz anderthalb sehr vorzeigbarer Leistungen schon vor dem Match fix eliminiert. Natürlich war Island darauf aus, sich nicht mit einem maximal enttäuschenden Nuller von der EM zu verabschieden. Da ist es wichtig, einem solchen Team ganz schnell die Lust zu nehmen.

Schnell nach vorne, auch mit Weitschüssen

Bei Ballgewinnen im Mittelfeld wurde bei Österreich sehr darauf geachtet, möglichst schnell einen ersten Vertikalpass zu setzen – erst dann wurde der Ballbesitz an der gegnerischen Strafraumgrenze konsolidiert. So kam man nicht in die Gefahr, aus dem Mittelfeld heraus selbst in isländische Umschalt-Aktionen zu laufen. Defensiv ließ es Island andererseits nicht zu, dass Österreich in Umschaltmomenten gleich in den Strafraum ziehen konnte.

Ein Stilmittel, das die ÖFB-Frauen recht häufig einsetzten, waren jedoch Weitschüsse von der Strafraumgrenze. Aufgrund des auch in Holland seit Tagen herrschenden Dauerregens muss der Rasen den Bällen eine für Torhüter wirklich grausige Glitschigkeit geben. Zwar gilt Gudbjörg Gunnarsdottir als eine der besseren Torhüterinnen der relativ starken schwedischen Liga, aber wenn Keeper bei solchen Bedingungen nicht die Chance bekommen, Fehler zu machen, werden sie auch keine machen.

Es war ein von Gunnarsdottir fallengelassener Ball, der Sarah Zadrazil vor die Füße fiel. Sie drückte zum 1:0 ab.

Außenverteidiger drehen den Spieß um

Auffällig war, dass Österreichs Außenverteidigerinnen relativ weit hinten blieben. Durch die hohe Positionierung der Wing-Backs im 3-4-3 konnten die Isländerinnen so Frankreich sehr gut kontrollieren, weil Frankreich vornehmlich über die Außenverteidiger aufbaut – das verhinderte Island da geschickt.

Aschauer und Schiechtl drehten den Spieß ein wenig um: Dadurch, dass sie ihre Position eher konservativ interpretierten und in weiterer Folge eher wenig in den Aufbau eingriffen, nahmen sie Islands Wing-Backs ihre taktische Existenzberechtigung. Das gab Thalhammer wiederum die Möglichkeit, mit den Mittelfeld-Außen (Makas und Feiersinger) gefahrlos Überladungen rund um den Mittelkreis herzustellen. Auch Nina Burger orientierte sich von der Spitze oft sehr weit zurück, holte sich dort Bälle, unterstützte das Pressing.

So standen Sara-Björk Gunnarsdóttir und Dagny Brynjarsdóttir – die beiden klar besten Spielerinnen Islands – im Mittelfeld-Zentrum einer permanenten, massiven Unterzahl gegenüber und gleichzeitig konnte Österreich bei Ballgewinn immer wieder mit Tempo auf die isländische Dreier-Abwehr zugehen. Damit war es Island über weite Strecken auch unmöglich, die eigenen drei Spitzen sinnstiftend einzusetzen.

Erst Rückzugsphase, dann Erleichterung

Nach 25 Minuten, noch vor dem Führungstreffer, gab es die erste Rückzugsphase der Österreicherinnen. Bis dahin war man zwar nicht zwingend vor das isländische Tor gekommen, hatte den Gegner aber gut im Griff. Erst in dieser Phase nach einer halben Stunde kam Island innerhalb kurzer Zeit zu zwei gefährlichen Szenen.

In der 37. Minute, Österreich hatte die Daumenschrauben schon wieder angesetzt, schenkte Island den ÖFB-Frauen das 1:0. Das war auch dahingehend eine Erleichterung, da die Schweiz ja zeitgleich gegen Frankreich führte und auch in Überzahl war – eine Niederlage gegen Island hätte bei diesem Stand zum österreichischen Aus geführt.

Nachdem Österreich per Eckball noch vor der Pause auf 2:0 gestellt hat (Burger? Zadrazil? Wir werden’s wohl nie endgültig klären), war die Gefahr auszuscheiden de facto gebannt.

Ein wenig an den Systemen drehen

In der zweiten Halbzeit versuchte Österreich zunächst, den Griff einigermaßen beizubehalten; stellte kurzzeitig auch auf das in der Vorbereitung immer mal wieder angetestete 3-2-2-3 um (mit den Außenverteidigerinnen Aschauer und Schiechtl auf der Sechs und Puntigam-Kirchberger-Wenninger hinten), allerdings nur situativ und nicht besonders lange.

Als sich Österreich um die 65. bis 75. Minute sicher auch aufgrund schwindender Kraftreserven mit erhöhter isländischer Präsenz um den eigenen Strafraum konfrontiert sah, wurde ebenso situativ auch wieder auf das gegen Frankreich sehr konzentriert angewendete 5-4-1 umgestellt. Nach einer längeren Phase, in der viele Fouls zwar Zeit von der Uhr nahmen, aber Island auch diverse heikle Freistoß-Positionen gewährt wurden, bekam Österreich so auch wieder Ruhe in das Spiel hinein.

Ab der 80. Minute steckte Island auf. Auf jede Aktion war innerhalb kurzer Zeit die passende österrechische Reaktion gefolgt – ein trotz ganz guter Leistungen frustrierend verlaufenes Turnier endete für Island in der vollständigen taktischen Unterlegenheit gegen Österreich. Und das erste Nationalteam-Tor der erst kurz davor eingewechselten Stefanie Enzinger zum 3:0-Endstand – aufgelegt von der ebenfalls eingewechselten Nadine Prohaska – war dann noch das i-Tüpfelchen.

Fazit: Der Grandmaster of Matchplan hat wieder zugeschlagen

„Island trat den Beweis an, dass auch nur zwei wirklich guten Spielerinnen (Viðarsdóttir und Gunnarsdóttir), eine solide Torfrau und guter Teamgeist in einer sonst ziemlich durchschnittlich besetzten Truppe reichen können, um ins Viertelfinale zu kommen.“ So hieß es in unserer Abschluss-Analyse zur Frauen-EM 2013. Dass Österreich eine solide Torfrau und einen überragenden Teamgeist hat, war bekannt. Mittlerweile sind die ÖFB-Frauen aber auch individuell breiter aufgestellt als Island – und taktisch ist man dem Viertelfinalisten von 2013 ohnehin meilenweit überlegen.

Wie kaum ein zweiter Trainer bei dieser EM kann Dominik Thalhammer sein Team zentimetergenau auf jeden Gegner vorbereiten – umso mehr, wenn er ein halbes Jahr dafür Zeit hat. Das kann in dieser Präzision vermutlich sonst nur noch der englische Teamchef Mark Sampson. Island wurde, der plötzlichen Systemumstellung bei der EM zum Trotz, von Thalhammer durchschaut. Auch das In-Game-Coaching praktisch immer punktgenau sitzt. Das war auch in diesem Spiel gegen Island so.

Auf dem Platz steht dann noch ein Team, das die Vorgaben umsetzt und auch die Umstellungen während des Spiels richtig hinbekommt. Mal nicht so gut, wie im Test gegen England im April. Mal annähernd perfekt, wie in diesem Spiel gegen Island. Der Lohn dafür ist das souveräne erreichen des EM-Viertelfinales als Gruppensieger. Vor dem (vermeintlichen) Titelkandidaten Frankreich, das einen fürchterlichen Fehler der Schweizer Torfrau brauchte, um nicht gar schon in der Vorrunde auszuscheiden.

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1:1 gegen Frankreich – wieder zeigen ÖFB-Frauen auf https://ballverliebt.eu/2017/07/23/oesterreich-frankreich-frauen-em-remis/ https://ballverliebt.eu/2017/07/23/oesterreich-frankreich-frauen-em-remis/#comments Sat, 22 Jul 2017 22:39:33 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=13803 1:1 gegen Frankreich – wieder zeigen ÖFB-Frauen auf weiterlesen ]]> Österreichs Fußballerinnen haben bei der Frauen-EM auch im zweiten Spiel für Aufsehen gesorgt: Gegen den Titelkandidaten Frankreich erreichten die ÖFB-Frauen ein erstaunliches 1:1, womit die Tür zum sensationellen Viertelfinal-Einzug nun schon relativ weit offen steht. Wie schon beim Auftakt-Sieg gegen die Schweiz waren auch gegen Frankreich die passende Taktik und das Quäntchen Glück entscheidend.

Österreich – Frankreich 1:1 (1:0)

Mit einer zweigeteilten Taktik gingen die ÖFB-Frauen in ihr zweites EM-Spiel: Abwechselnd tief stehen und hoch Druck ausüben war die Devise. Für diese zwei verschiedenen Spielanlagen kamen auch zwei verschiedene Systeme zum Einsatz.

Zwei Systeme

Variante mit Viererkette

Wenn Österreich agierte, hoch stand und die französische Eröffnung anpresste, geschah das aus einem 4-2-3-1 heraus, dass auch schnell zu einem 4-4-2 werden konnte (Billa rückte dann von der Zehn nach vorne). So ergaben sich geschickte Anlaufwinkel auf die eindimensionale und vorhersehbare Spieleröffnung des französischen Teams.

Wenn Österreich defensiv agierte, rückte Puntigam aus dem Mittelfeld zurück – allerdings, wie in dieser Variante schon öfter gesehen und üblich, nicht zwischen die beiden Innenverteidigerinnen, sondern zwischen Kirchberger und der Linksverteidigerin Aschauer. Billa nahm dann den Platz im Mittelfeld-Zentrum ein und Österreich machte mit einem 5-4-1 die Räume eng.

Dass die Variante 5-4-1 deutlich mehr Spielzeit bekam als die Variante 4-2-3-1, lag auch am Spielverlauf – und an der Art und Weise, wie das französische Team spielt, wenn es das Spiel gestalten muss.

EINSCHUB: Das französische Team

Dazu muss man etwas ausholen. Frankreich ist grundsätzlich ein Team, das den Ball gerne hat und dem Gegner das Spiel aufdrücken will. Das war schon unter den früheren Trainern Bini und Bergeroo so, das hat sich unter Echouafni – zumindest gegen auf dem Papier unterlegene Teams – nicht geändert. Vor allem aber, wenn Frankreich gegen ein gutes Team spielt, das defensiv agiert, gibt es Probleme bzw. eindeutige Auffälligkeiten.

Hier die Passweg-Grafik von der zweiten Halbzeit gegen England beim SheBelieves-Cup im März – England versuchte da, eine Führung mit einer defensiven Spielweise über die Zeit zu bringen.

Man sieht: Viel Herumgefummel an den Außenbahnen und wenig Ideen, um durch Ketten durch in den Strafraum zu kommen. Unter Echouafni hat sich (anders als beim Spiel gegen England praktiziert) aber eher ein 4-1-4-1 eingebürgert.

Beim Test gegen Südafrika – also ein deutlich unterlegenes Team, gegen das Frankreich sehr viel Ballbesitz hat – spielte zwar Sandrine Toletti statt Amandine Henry auf der Sechs, aber das Prinzip ist auch mit Henry sehr ähnlich. Der Aufbau bei Frankreich funktioniert vornehmlich über die Außenverteidiger, im Zentrum wird das Spiel nur verlagert – von der einen Seite zur anderen und, wenn dort nix weitergeht, wieder zurück zur einen.

Wenn man um diese französischen Eigenheiten weiß – viel Zusammenspiel auf den Flügeln, wenig konkreter Aufbau im Zentrum und, wenn die Ideen ausgehen, eher sinnlose hohe Flanken – kann man sich wunderbar darauf einstellen. Und genau das hat ÖFB-Teamchef Dominik Thalhammer gemacht.

Lass sie ruhig den Ball haben

Frankreichs Trainer Olivier Echouafni brachte ein recht klares 4-3-3 auf das Feld, in dem zunächst Delie (eigentlich Mittelstürmerin) rechts agierte, dafür Thiney (eigentlich auf dem Flügel daheim) im Zentrum. Dieses Trio versuchte, sich zwischen den beiden österreichischen Ketten so zu bewegen, dass sie Löcher rissen und diese dann bearbeiten konnten. Die Österreicherinnen spielten in ihrem 5-4-1 aber extrem diszipliniert und auch kompakt, dass der französische Angriff kaum zur Geltung kam.

Im Gegenteil: Frankreich wurde durch den österreichischen Riegel dazu gezwungen, das Spiel rund 35 bis 40 Meter vor dem Tor von Manuela Zinsberger sehr horizontal anzulegen. Das bedeutete viel Ballbesitz (rund zwei Drittel) bei wenig Raumgewinn. Das Motto schien quasi zu sein: Lass den Französinnen ruhig den Ball, wenn wir diszipliniert stehen, wird nicht viel passieren.

Nadelstiche gegen Panik-anfällige Spielerinnen

Eine Schüttelfrost-Taktik – also tatsächlich alle paar Minuten konsequent zwischen den beiden Spielanlagen hin- und herwechseln – gab es nicht. Eher wurden immer mal wieder Nadelstiche gesetzt, denn noch etwas ist bei Frankreich bekannt: Die Zentralverteidigung (vor allem Renard) und Torhüterin Bouhaddi verfallen schnell in Panik, wenn sie angepresst werden.

Bouhaddi verbockte alleine in der ersten Halbzeit zwei Abstöße, die postwendend wieder gefährlich auf ihr Tor zurück kamen. Das war nicht überraschend. Sehr wohl überraschend war aber, dass sich das bei Standards eigentlich recht gute französische Team nach einer halben Stunde von einem Einwurf übertölpeln ließ. Lisa Makas zog von der Strafraumgrenze ab, traf und brüllte sich den geballten Frust von zwei Seuchenjahren (18 Monate out wegen zwei Kreuzbandrissen) von der Seele.

Kraftschwund nach der Pause

Nach der Halbzeitpause kam Frankreich relativ schnell nach einem Eckball zum Ausgleich (Zinsberger war etwas zu klein, Schnaderbeck stand gegen Henry nicht richtig). Angesichts der Spielanteile nicht ganz unverdient, aber aus österreichischer Sicht natürlich ärgerlich.

In der Folge merkte man bei Österreich so zwischen der 60. und 70. Minute – wie schon gegen die Schweiz – dass das laufintensive und in seiner Diszipliniertheit sehr fordernde Spiel gegen einen starken Gegner seinen Tribut forderte: Die beiden Ketten gingen in einigen Situationen zu weit auf. Das erlaubte es den Französinnen – wo in der Offensive mittlerweile die angestammten Positionen eingenommen wordern waren, also Delie zentral und Le Sommer bzw. Thiney und dann Diani auf den Flügeln – sich konkreter in Richtung österreichisches Tor zu spielen.

Hier zeichnete sich aber einige Male Manuela Zinsberger aus, die gefährliche Schüsse entschärfte. Da die grundsätzliche Taktik allerdings funktionierte, brachte Trainer Thalhammer nur frischen Ersatz, nahm aber keine Verschiebungen vor. Heißt: Pinther ersetzte die müdegelaufene und vorne etwas isolierte Burger. Prohaska löste Makas ab und zog wie gewohnt etwas mehr ins Zentrum als die Torschützin. Und Eder nahm genau die Position der sichtlich kaputten Billa ein.

Mit etwas Glück in der Schlussphase bei einigen französischen Angriffen brachte Österreich das 1:1 dann auch drüber.

Fazit: Guter Plan und das nötige Glück

Natürlich braucht es auch eine Portion Glück, um gegen einen so starken Gegner in einem Pflichtspiel einen Punkt zu holen. Das hatte Österreich durchaus. Aber man neutralisierte auch über weite Strecken, so gut es eben ging, das französische Aufbauspiel. Das Trainerteam erarbeitete gegen Frankreichs Spielanlage die richtige Taktik und das Team setzte diese, so lange es kräftemäßig drin war, auch diszipliniert um.

Der Lohn für die gute Arbeit bisher ist, dass es schon wirklich sehr gut mit dem Viertelfinale aussieht. Dieses ist Östererich nämlich nur noch dann zu nehmen, wenn die Schweiz am letzten Gruppenspieltag gegen Frankreich gewinnt (was sehr unwahrscheinlich ist) und Österreich gleichzeitig noch höher gegen Island verliert. Aktuell ist übrigens Frankreich Tabellenführer: Bei einem Unentschieden im direkten Duell und gleichter Tordifferenz entscheiden die weniger erhaltenen gelben und roten Karten.

Da hat Österreich bisher drei, Frankreich nur zwei. Island, Österreichs Gegner im letzten Gruppenspiel am Mittwoch, ist übrigens nach dem 1:2 gegen die Schweiz bereits fix ausgeschieden.

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