EM 2021 – Ballverliebt https://ballverliebt.eu Fußball. Fußball. Fußball. Wed, 14 Jul 2021 21:11:42 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.7.2 EURO 2020: Italien ist Europameister https://ballverliebt.eu/2021/07/14/euro-2020-italien-ist-europameister/ https://ballverliebt.eu/2021/07/14/euro-2020-italien-ist-europameister/#respond Wed, 14 Jul 2021 20:46:54 +0000 Italien ist Europameister. Die Mannschaft von Roberto Mancini schlägt die von Gareth Southgate im Elfmeterschießen in Wembley. Die Führung der Engländer und die Elferschützen sorgen für Debatten.

Tom und Philipp fällen die ultimativen Urteile über das Spiel, das Turnier und die Welt des Fußballs. Viel Spaß mit dem letzten Podcast zur EURO 2020.

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Was uns die EM 2021 gezeigt hat: Die große Abschluss-Bilanz https://ballverliebt.eu/2021/07/13/was-uns-die-em-2021-gezeigt-hat-die-grosse-abschluss-bilanz/ https://ballverliebt.eu/2021/07/13/was-uns-die-em-2021-gezeigt-hat-die-grosse-abschluss-bilanz/#comments Tue, 13 Jul 2021 20:59:04 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=17697 Was uns die EM 2021 gezeigt hat: Die große Abschluss-Bilanz weiterlesen ]]> Die zweite EM mit 24 Teams ist vorüber, Italien hat sie gewonnen und es waren unerwartet viele attraktive Spiele dabei. Ein Turnier, dass vor Beginn „niemand so ganz dringend gebraucht hat“, wurde zu einer flotten Angelegenheit, von der man such – sportlich betrachtet, denn volle Stadien wirken in Corona-Zeiten immer noch befremdlich bis beklemmend – gerne mitreißen ließ.

Und was hat uns dieses Turnier gelehrt? Hier unsere gewohnte Abschluss-Bilanz.

Offensive sorgt für attraktive Spiele

142 Tore. Nach der historisch zähen EM vor fünf Jahren folgte nun die torreichste, seit sie 1980 als echtes Endrunden-Turnier ausgetragen wird. Und das nach einer super-vollgepackten Saison, in der die gleiche Anzahl Spiele in ein bis zwei Monaten weniger Zeit durchgepeitscht worden war. Was ist da los?

Banal gesagt: Der Nationalteam-Fußball folgt tendenziell dem Klubfußball. Die Ausschläge sind wegen der geringen Sample Size größer, aber die Tendenz bleibt. In den großen vier Ligen ist die Zahl der Tore pro Spiel von 2,72 (2001) bis auf die Marke von 2,49 (2007) gesunken, ehe sie bis 2017 wieder auf 2,84 hochschnellte – seither pendelt die Zahl zwischen 2,7 und 2,8.

Bei den Großturnieren war der Höhepunkt 2000 mit 2,74 bis zur Trendwende 2010 mit 2,27 gesunken, seither geht sie wieder nach oben – bis eben nun auf 2,78. Es gab einen Ausschlag nach oben (2014 mit 2,67) und einen nach unten (2016 mit 2,12). Ob die Tatsache, dass nach einem ganzen Jahr mit Geisterspielen wieder Zuseher in den Stadien waren und die Spieler womöglich dadurch animiert wurden, müsste man psychologisch untersuchen. Fix ist jedenfalls, dass die Anzahl der Tore in der Corona-Saison 2020/21 in den großen Ligen gegenüber der letzten komplett „normalen“ Saison 2018/19 etwas geringer geworden ist (in England -0,13 und in Spanien -0,08 und in Deutschland -0,15)

Einzige Außnahme: Italien (+0,38).

Der Europameister: Auf fruchtbarem Boden

Der Quantensprung, den die Serie A bei den Toren in der Liga seit der verpassten WM-Teilnahme 2018 gemacht hat, ist zu einem großen Teil auf die konsequente Offensivausrichtung von Atalanta und Sassuolo zurückzuführen. Von dem Plus von 146 Toren pro Saison ligaweit seit 2018 sind alleine die Teams von Gian Piero Gasperini und Roberto de Zerbi für 68 verantwortlich.

Zwar waren kaum Spieler dieser Klubs ernsthaft an der italienischen EM-Kampagne beteiligt – im Grunde nur Berardi und Locatelli von Sassuolo – aber dieser Trend zu mehr Offensive wurde von Mancini nur allzu gerne aufgegriffen. Es ist nicht so, dass das mit vergangenen Spielergenerationen nicht auch möglich gewesen wäre. Aber dieser Kulturwandel, der sich in Italien in den letzten Jahren vollzogen hat, sorgte dafür, dass die angriffigere, kreativere Spielweise auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Die Squadra Azzurra ist nach dem Finale bereits seit 34 Spielen ungeschlagen.

Finale: Italien – England 1:1 n.V und 3:2 i.E.

Der Pool an Spielern wird zwar immer kleiner – von 70 Prozent Einsatzzeit für Italiener in der Serie A in der Saison 2005/06 (vor dem WM-Titel) über 41 Prozent im Jahr 2017 (als das WM-Ticket vergeben wurde) ist der Anteil nun auf 33 Prozent geschrumpft. Aber die nachrückenden Spieler, die in Frage kommen, sind von ansprechender Qualität: Alleine bei den letzten drei U-21-EM-Turnieren, bei denen Italien immer dabei war, sind bereits neun nun Europameister geworden (und es wären zehn, wenn nicht Pellegrini coronabedigt im letzten Moment aus dem Kader gestrichen worden wäre).

Der Erfolg von Italien ist kein Zufall und Italien sollte auch mit der nun nachgekommenen Generation – Leute wie Tonali und Zaniolo sind auch noch in der Hinterhand – eine gute Rolle spielen können. Nur: Auf allzu breiten strukturellen Füßen steht er immer noch nicht.

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Comeback der Außenspieler

Überhaupt hat sich die Spielanlage der Teams gegenüber 2016 massiv verändert. Damals war man unter dem Eindruck der gerade abgeflauten Pressingwelle der frühen 2010er-Jahre, die buchstäblich müde Beine bekommen hat und auf Nationalteam-Ebene auch schwierig zu implementieren war. So setzten 2016 viele Teams auf Mannorientierungen im Mittelfeld und daruf, die Spielgestalter im Zentrum – von Modric über Iniesta bis Krychowiak – aus der Gleichung zu decken. Auch bei der WM 2018 waren die Außenverteidiger eher Mitläufer ohne entscheidende Rolle im Aufbauspiel.

Die zunehmende Knubbelung im Zentrum machte die Außenspieler nun aber wieder wichtiger. Leonardo Spinazzola bei Italien, Joakim Mæhle bei Dänemark, Kimmich und Gosens bei Deutschland, Luke Shaw bei England, Andy Robertson bei Schottland, Steven Zuber bei der Schweiz: Sehr viele Mannschaften trugen ihre Angriffe über die Seiten vor, vornehmlich über die linke.

Fröhliche Urständ der Fünferkette

Das geht auch mit dem Umstand einher, dass zehn der 24 Teams quasi Vollzeit eine Dreier-/Fünferkette in der Abwehr gespielt haben, drei weitere zumindest zeitweilig. Zum Vergleich: Bei der WM 2018 in Brasilien waren es nur vier von 32 Teams, davon zwei aus Europa – Belgien und England. Und selbst in der im Jahr 2019 gespielten EM-Quali setzten nur 22 Prozent der Teams vornehmlich auf eine solche Abwehr-Formation: Albanien, Aserbaidschan, Belgien, Estland, Färöer, Israel, Kasachstan, Malta, Moldawien, Nordmazedonien, Schweiz und Zypern. Also zumeist nicht gerade die Creme de la Creme.

Nun war es aber eben bei der EM so, dass es einen Weg nach vorne geben musste, ohne durch das dichte Zentrum zu kommen. Die Benützung von Wing-Backs neben einer Dreier-Kette im Zentrum bietet den bekannten Vorteil, dass diese höher schieben können und weniger akut in der Defensive ihre Aufgaben verrichten müssen. Zudem werden klassische Außenverteidiger in Viererketten-Systemen nach hinten gedrückt.

Der Deal, den man mit einem Wingback-System eingeht, ist das Fehlen eines Spielers entweder im Mittelfeld-Zentrum oder im Zehnerraum. Für viele Trainer bei dieser EM war das aber ein Umstand, den sie in Kauf genommen haben. Diese Herangehensweise hatte auch eine Folge, die sehr auffällig war:

Die vielen Eigentore

Elf Eigentore – das sind mehr, als in allen bisherigen EM-Endrunden zusammen. Sieht man sich diese genauer an, erkennt man aber ein klares Muster: Sieben davon sind aus Stanglpässen entstanden, welche der Verteidiger vor einem Stürmer in seinem Rücken vergeblich zu klären versuchte.

Das ist kein Zufall, denn solche Spielzüge sah man sehr häufig. Rund 25 Prozent aller Tore fielen aus Stanglpässen und Flanken von außerhalb des Strafraums vor das Tor – also mehr als es Treffer aus Standardsituationen gab. Es sind dies Spielzüge, die prädestiniert sind für Turniere mit zusammengewürfelten Mannschaften, weil sie kaum komplizierte Muster brauchen: Hinter die letzte Abwehrreihe kommen, Ball vor das Tor bringen – und irgendwer wird schon seinen Fuß reinhalten, egal ob ein Mit- oder ein Gegenspieler.

Dreimal legten sich Torhüter von Latte oder Pfosten abgeprallte Bälle selbst über die Linie (zweimal davon ungeschickt, einmal unglücklich). Den von Zakaria abgefälschte Weitschuss hätte man genausogut auch Alba geben können – und dann war noch Pedris Rückpass über 50 Meter, der Unai Simón über den Fuß gerutscht ist.

Relativ wenig Tore aus Standards

Bei der WM 2018 fiel in der Gruppenphase fast jedes zweite Tore aus einer Standardsituation, am Turnier-Ende waren es immer noch 41 Prozent. Sprung nach heute: Nicht mal ein Viertel aller Tore resultierte aus einem ruhenden Ball. Gar nur ein einziges der 142 Tore fiel aus einem direkt verwandelten Freistoß – im vorletzten Spiel, Damsgaards Treffer gegen England.

Wie beim generellen Trend nach mehr Toren glich sich der Wert auch hier nach einem Ausreißer wieder der generellen, aus dem Klubfußball bekannten Gegend an. In allen großen Ligen ist der Anteil der Tore aus Standardsituationen in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen: Lag der Anteil 2014/15 noch zwischen 22 und 24 Prozent, war er in der abgelaufenen Saison zwischen 16,5 und 18,6 Prozent angesiedelt.

So gesehen sind die 24 Prozent bei dieser EM sogar noch relativ hoch.

Massive Breite

Man mag über den Modus jammern und der High-End-Qualität einer EM mit 16 Teams nachweinen – und man kann beides mit Berechtung machen – aber klar ist auch: Die grundsätzliche Qualität ist am Kontinent für eine Endrunde mit 24 Teilnehmern durchaus gegeben. Was das Team Nummer 16 kann, kann das Team Nummer 24 auch annähernd, da ist kein dramatisches Gefälle gegeben und einige Länder, die ein höheres Potenzial haben als Finnland – soweit man das objektiv beurteilen kann – haben sich gar nicht qualifiziert.

Wir reden da von Serbien beispielsweise, von Griechenland oder Norwegen, Island oder Bosnien. Diese Teams hätten die EM vielleicht nicht reicher gemacht. Ärmer aber auch nicht, man denke nur an Erling Håland.

Die (vermeintlich) Großen mussten sich auch gegen (vermeintlich) Kleine kräftig strecken – selbst Mazedonien und Finnland, aber auch die nach altem Modus ohne Teilnahme-Chance gewesenen Ungarn haben ihre Daseinsberechtung mit disziplinierten und/oder couragierten Auftritten bestätigt. Frankreich, Portugal, Deutschland, Holland und Kroatien haben sich im Achtelfinale verabschiedet und es waren immer noch genug Teams übrig, die einen realistischen Claim auf den Titel stellen konnten.

Ob es dennoch gescheit ist, so ein Turnier mit 24 oder gar, wie offenbar angedacht wird, bald mit 32 Teams durchzuführen, sei dahingestellt. Es sollte bei einer EM dann womöglich doch eher wie beim Kapitalismus generell sein: JEDER kann reich werden, aber es können nicht ALLE schaffen.

EM der Teams, nicht der Stars

Wie hieß es in unserer Bilanz zur EM 2016? „Individuelles Genie ist immer noch wichtig und kann in engen Spielen entscheidend sein; aber jeder stellte sich voll in den Dienst der Mannschaft.“ Die EM 2021 ging noch einen Schritt weiter: Es war keine EM der Stars. Die fünf Tore von Ronaldo konnten Portugals Achtelfinal-Aus nicht verhindern, der bei Man United so groß aufspielende Bruno Fernandes war ein Fremdkörper. Kevin de Bruyne schleppte sich verletzt durch das Turnier, konnte seine Klasse nur aufblitzen lassen. Frankreich spielte eine gute Gruppenphase, aber die vielen Stars des Weltmeisters waren in Wahrheit ein zerstrittener Haufen. Lewandowski erzielte drei der vier polnischen Tore, kam aber nicht mal ins Achtelfinale. Modric wirkte phasenweise ausgelaugt. Ja, Bale war sehr gut, aber das Team um ihn herum eben nicht.

Dafür war es schon vor der EM ein oft herausgestrichener Punkt, dass Italien keine echtes Stars hat, sondern als Team funktioniert. Dänemark kann nach dem Eriksen-Vorfall exemplarisch dafür stehen, dass es eine EM der Teams war, keine der Stars. Gareth Southgate und Luis Enrique setzten jeweils (fast) ihren kompletten Feldspieler-Kader ein, rotierten je nach Bedarf, Matchplan und Gegner. Auch der überraschende Viertelfinalist Tschechien funktioniert rein als Team, die Schweizer genauso.

Referees und VAR

Die Vorgabe von UEFA-Schiedsrichter-Chef Roberto Rosetti (der 2008 in Wien das EM-Finale geleitet hat) war ganz klar: Der VAR greift nur bei Abseits-Entscheidungen ein, und wenn eine Entscheidung auf dem Feld komplett daneben ist. Das war sie in 51 Spielen nie – darum wurde auch kein Judgement-Call eines Referees auf dem Feld vom Video-Assistenten kassiert. Die drei Elfmeter-Entscheidungen, die nach allgemeinem Empfinden verkehrt waren (der französische gegen Portugal, der russische gegen Dänemark und der englische ebenfalls gegen Dänemark), waren nun mal keine gänzlich berühungslose Schwalben. Damit blieben die Entscheide bestehen – die Entscheidungsgewalt des Referees auf dem Platz sollte betont werden.

Für die beiden Referees, die ihre zweifelhaften Elfer in der Gruppenphase gaben – Turpin und Mateu-Lahoz – gab es allerdings keine Einsätze mehr. Für Makkelie nach dem Halbfinale sowieso nicht mehr. Wir haben jetzt erst vier Jahre mit dem VAR in den Büchern, dass es ein Jahrzehnt des „mal zu viel, mal zu wenig“ brauchen wird, bis sich alles halbwegs konstakt eingespielt hat, deutet sich immer mehr an.

Die Leistungen waren im Ganzen sehr ansprechend, der VAR hat zusätzlich so gut wie alles ausgebügelt – entgegen dem Empfingen sogar etwas häufiger (alle 2,83 Spiele eine umgedrehte Entscheidung) als etwa in der Premier League (alle 2,97 Spiele). Dafür wurden weniger Fouls gepfiffen als noch 2016 (damals 25,2 pro Spiel, diesmal 23,3).

Die unmittelbare Zukunft

Im September, Oktober und November werden die sieben verbleibenden Spieltage für die WM-Quali ausgespielt, die im März begonnen hat. Im Oktober steht zusätzlich das Final-Four der Nations League an – Italien, Spanien, Belgien und Frankreich treffen sich in Turin bzw. Mailand.

Im März 2022 ist das WM-Playoff geplant. Im Juni 2022 (vier Spiele) und September 2022 (zwei Spiele) steht die nächste Nations League an, im November und Dezember 2022 die WM in Katar.

Die letzten drei Weltmeister (Frankreich, Deutschland, Spanien) waren bei der EM davor jeweils mindestens im Halbfinale. Italien, England, Spanien und vielleicht sogar Dänemark könnten also eine schon jetzt platzierte Langzeit-Wette wert sein.

Link Tipps:
Analyse der Vorrunden-Verlierer (FIN, HUN, MKD, POL, RUS, SCO, SVK, TUR)
Analyse der Achtelfinalisten (AUT, CRO, FRA, GER, NED, POR, SWE, WAL)
Analyse der Top-8 (ITA, ENG, ESP, DEN, BEL, SUI, CZE, UKR)

Link-Tipps:
Balance, Absicherung, Video-Referee: Das war die WM 2018
10 Erkenntnisse der EM 2016 in Frankreich
WM 2014: Rückkehr der Dreierkette, gute Goalies und die ewige Diskussion um die Refs
WM 2010: Toter zweiter Mann, besoffene Schiefe und andere Erkenntnisse

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Die Top-8 der EM: Echte Top-Teams und einige Glücksritter https://ballverliebt.eu/2021/07/12/die-top-8-der-em-echte-top-teams-und-einige-gluecksritter/ https://ballverliebt.eu/2021/07/12/die-top-8-der-em-echte-top-teams-und-einige-gluecksritter/#comments Mon, 12 Jul 2021 15:38:02 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=17680 Die Top-8 der EM: Echte Top-Teams und einige Glücksritter weiterlesen ]]> Europameister Italien, Finalist England, Halbfinalist Spanien: Auch wenn sich viele prominente Namen schon im Achtelfinale aus dieser EM verabschiedet haben, hatte die Finalphase immer noch einiges an Prominenz zu bieten. Die meisten Teams, die im Viertelfinale vertreten waren, haben sich den Platz unter den Top-8 der EM redlich verdient. Es waren aber auch Glücksritter dabei, die es bei einem Turnier mit 16 Teams wohl eher nicht so weit geschafft hätten.

Hier der dritte und letzte Teil unserer Team-Analysen der nun zu Ende gegangenen EM: Jene acht Teams, die im Viertelfinale, Semifinale und Finale dabei waren.

Italien: Stabil, balanciert, clever

Da schau her: Italien kann auch feinen, attraktiven Vorwärts-Fußball spielen. Die Truppe ohne echte Superstars begeisterte in der Vorrunde, in der sie – zugegeben ohne allzu große Gegenwehr – dreimal locker gewann. In der K.o.-Runde zeigte Italien, dass man auch harzige Spiele (wie gegen Österreich im Achtelfinale) gewinnen, solche gegen wirklich starke Teams drüberverteidigen (wie gegen Belgien im Viertelfinale) und solche gegen dominante Teams ohne großen Schaden aussitzen kann (wie gegen Spanien im Halbfinale).

Das prominenteste Feature war die asymmetrische Angriffsformation, in der links der Außenverteidiger Leonardo Spinazzola – bis zu seiner Verletzung gegen Belgien – hoch aufrückte, um Insigne nach innen dribbeln zu lassen, während rechts der Achter Nicolò Barella erst Berardi, dann Chiesa ähnlich unterstützte. Dafür sorgten Jorginho und Verratti aus dem Sechserraum für die Gestaltung und der defensivere Rechtsverteidiger Di Lorenzo gemainsam mit den Juve-Zwillingen für die stabile Abwehr.

Italien zeigte sich als gut balanciertes Team mit einer Handvoll Alternativen im Kader – Locatelli vertrat Verratti in der Vorrunde stark, Emerson war als Spinazzola-Ersatz sehr ordentlich, Belotti und Bernardeschi sorgten im Angriff für Entlastung der Starter. Mancini musste allerdings auch nie wirklich tief in seinen Kader greifen.

Ob das jetzt wirklich der strukturelle Neustart ist, der nach der verpassten WM-Teilnahme von 2018 nötig war, oder doch „nur“ wieder ein gutes Abschneiden aufgrund von sehr gutem Coaching, wie 2012 mit Prandelli und 2016 mit Conte, bleibt aber trotz des EM-Titels noch abzuwarten. Gerade die Innenverteidigung wird spannend – denn hinter Bonucci und Chiellini ist aktuell nur Inters Alessandro Bastoni als gutklassiger Nachrücker in Sicht.

England: Viel Talent, tendenziell zu zögerlich

45 Minuten lang hatte England die Dänen im Halbfinale hergespielt. Als das Tor in der 104. Minute endlich fiel, stellte Southgate auf ein 5-4-1 um und erweckte den Halbfinal-Gegner wieder zum Leben. Im Endspiel gelang schon in der 2. Minute das Führungstor, aber danach kam nicht mehr allzu viel – und bis zur 120. Minute gab es nur einen einzigen offensiven Wechsel.

Das junge englische Team, das ein Produkt von 10 Jahren gezielter Aufbauarbeit (Stichwort „England DNA“) ist, langweilte sich kraftsparend durch die Vorrunde, trieb im Achtelfinale die deutschen Geister der Vergangenheit aus und überfuhr ein defensiv heillos überfordertes Team der Ukraine im Viertelfinale mühelos. Aber Southgate scheute in Halbfinale und vor allem im Finale, nach einem sich erarbeiteten Vorteil weiter die Daumenschrauben anzuziehen. Die Defensive war mega-stabil (kein einziges Gegentor aus dem Spiel in sieben Partien), das Mittelfeld mit Rice und Phillips defensive herausragend, aber die Verbindung ins Angriffsdrittel war ausbaufähig. Es war am Ende etwas zu viel Kontrolle und etwas zu wenig Kaltblütigkeit.

England hatte den ersten großen Titel seit 1966 mit sechs Heimspielen, einer unproblematischen Gruppe und den jeweils leichteren Gegnern in Viertel- und Halbfinale auf dem Tablett, ließ die Möglichkeit aber aus den Händen flutschen. Dieses englische Team kann über Jahre hinweg eine starke Rolle bei WM- und EM-Turnieren einnehmen. Aber ob die Chance noch einmal so groß wird wie 2021?

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Spanien: Neue Spieler, alter Stil

Es ist ein neues Spanien, aber mit altbekannten Tugenden. Es war das Team mit dem meisten Ballbesitz der EM (67,2 Prozent) und der höchste Passgenauigkeit (89,6 Prozent), übte damit Dominanz über die Spiele aus – wobei sich zumindest fünf der sechs Gegner auch bewusst defensiv eingestellt hatten. Es gab unzählige Halbchancen, von denen in den ersten zwei Spielen nur eine genützt wurde. Es gab auch zahlreiche Top-Chancen – in den kommenden zwei Matches erzielte Spanien ZEHN Tore.

Aber am Ende, als es darauf an kam, fehlten einfach wieder die Tore. Es war wieder der ewige spanische Grat zwischen einem Stürmer, der sich aufreibt, aber im Strafraum präsent ist (Morata) und einer falschen Neun, die für mehr Dominanz in Mittelfeld und Zehnerraum sorgt, dafür ist im Strafraum zu wenig los. Das geht sich mit einer starken Abwehr aus – wie 2010 und 2012, als man in zusammen 13 Spielen nur drei Tore kassierte, davon kein einziges in einem K.o.-Spiel.

Diesmal war das Mittelfeld mit dem unfassbaren Pedri extrem stark, die Angriffsreihe zumindest in Ordnung, aber die Abwehr der Schwachpunkt. Weder die Paarung Laporte/Pau Torres noch die Paarung Laporte/Eric Garcia überzeugte vollends und Unai Simón war ein ständiger Unsicherheitsfaktor. Fünf Gegentore in drei K.o.-Spielen, das geht sich einfach irgendwann nicht mehr aus.

Dennoch: Die stark verjüngte Truppe hat Zukunft. Mit Pedri (der für seine 18 Jahre eine nicht zu glaubende Reife und Übersicht bewies) als legitinem Xavi-Nachfogler, mit den jungen Flügelspielern Ferrán Torres und Dani Olmo, mit dem immer noch erst 24-jährigen Rodri als demjenigen, der Busquets auf der Sechs ablösen wird und, durchaus bemerkenswert, keinem einzigen Kaderspieler von Real Madrid. Luis Enrique ist vor der EM alles andere als unumstritten gewesen. Im Ganzen hat er und sein Team aber für überwiegend zufriedene Gemüter im eigenen Land gesorgt.

Dänemark: Kein normales Turnier

Mit normalen Maßstäben ist die Performance des dänischen Teams bei diesem Turnier nicht zu beurteilen. Der Herzstillstand von Christian Eriksen nach 44 Minuten des ersten Spiels hat alles verändert: Von der mentalen Einstellung des Teams über die Wahrnehmung von Außen bis hin zum System und auch ein wenig des Spielstils.

Ohne Eriksen fehlte Hjulmand der Zehner, um den herum das 4-2-3-1 aufgebaut war. Also installierte er ein 3-4-3 ohne Zehner, dafür mit einer offensiveren Doppelbesetzung der Außenbahnen – vor allem das Duo mit dem großartigen Joakim Mæhle und dem jungen Mikkel Damsgaard auf der linken Seite sorgte für ordentlich Wirbel. Da Damsgaard erst für Eriksen ins Team gerutscht war, hätte es dieses Wirbelwind-Duo sonst gar nicht gegeben.

Ein weiterer Aspekt der dänischen Flexibilität war das situative Aufrücken von Andreas Christensen in den Sechserraum – vor allem gegen Russland beim 4:1-Sieg im emotionalen dritten Gruppenspiel im gefühlt randvollen Parken – um im Mittelfeld-Zentrum schon für mehr Stabilität zu sorgen. Das Aufrücken eines Innenverteidigers wurde somit zum defensiven Move.

Der körperliche Stress, den vor allem die drei Spiele gegen Russland (daheim), Wales (in Amsterdam) und Tschechien (in Baku) verursacht haben sorgte in Kombination mit dem nicht besonders tiefen Kader dafür, dass die emotionale Welle, auf der Dänemark ins Halbfinale geritten ist, dort an einer englischen Mauer gebrochen wurde. Ja, den entscheidenden Elfmeter hätte es eher nicht geben sollen. Aber das Team war einfach leer.

Dennoch: Diese EM war für Dänemark mit der dritten EM-Halbfinal-Teilnahme nicht nur ein sportlicher Team-Erfolg – und für den überragenden Kasper Schmeichel auch ein persönlicher – sondern sie hat auch den Weg in eine wahrscheinliche Zukunft ohne Eriksen vorgezeigt. Und, dass es Danish Dynamite nach der quälend lähmenden Spielweise unter Hjulmands Vorgänger Åge Hareide doch noch gibt.

Belgien: Letzte Chance… vorbei?

Durch die Vorrunde war Belgien im Cruise-Modus gegangen, mit kurzen Tempo-Verschärfungen. Eden Hazard und Kevin de Bruyne, angeschlagen ins Turnier gegangen, wurden geschont. Die betagten Herren in der Abwehr rotierten raus und wieder rein. Das Achtelfinale gegen Portugal wurde zu einer Demonstration in der richtigen Balance aus Vorsicht und und Gegner locken, einem Katz-und-Maus-Spiel mit den ähnlich veranlagten Portugiesen, das ein Glücksschuss entschied.

Belgien schien sich immer irgendwie für die spätere Turnierphase schonen zu wollen, ja nicht zu früh zu viele Körner verpulvern, die man später brauchen könnte. Zu diesem „später“ ist es aber nicht mehr gekommen. Weil man im Viertelfinale im wahrscheinlich hochklassigsten Spiel dieses Turnieres den Italienern zweimal einen halben Meter zu viel Platz ließ, aus wenig zwei Tore kassierte, und man das gegen Italien nun mal nicht wieder gut machen kann.

Natürlich werden Kevin de Bruyne und Romelu Lukaku, die beide ein recht vernünftiges Turnier gespielt haben, zumindest noch einen EM-Zyklus zur Weltspitze gehören; wird Youri Tielemans ein großartiger Sechser bleiben und Jérémy Doku ein großartiger Außenstürmer werden. Und doch fühlt es sich so an, als wäre dies die letzte Chance für Belgien gewesen. Die Abwehr ist zu alt und zunehmend zu langsam, das hat das Italien-Spiel gezeigt. Kein Innenverteidiger im Kader war jünger als 25 Jahre, zehn Spieler gehören schon zur Ü-30-Fraktion.

Das auf Augenhöhe geführte, aber durch einen Eckball 0:1 verlorene WM-Halbfinale gegen Frankreich 2018 – ein Wendepunkt wie das gegen Maradona verlorene WM-Halbfinale von 1986?

Schweiz: Gläsernen Plafond durchbrochen

Die Vorrunden-Spiele der Schweiz ließen einen Exploit wie jenen im Achtelfinale gegen Frankreich nicht gerade erahnen. Tempolos beim 1:1 gegen Wales, heillos überfordert beim 0:3 gegen Italien und, ja, klar besser beim 3:1 über die Türkei, aber die Türken waren bei dieser EM auch wirklich unterirdisch schlecht.

Teamchef Petkovic baute nach den ersten beiden Spielen seine linke Seite etwas um – Rodriguez einen Schritt nach hinten, dafür der gerade gegen die Türkei überragende Zuber rein und Innenverteidiger Schär raus – und das sorgte für spürbare Belebung. Ebenso viel wird es aber wohl die psychologische Gemengelage gewesen sein, welche den Schweizern das erstmalige Durchbrechen des gläsernen Achtelfinal-Plafonds ermöglicht hat. Man ging die Franzosen von Beginn an aktiv an und erkannte die französische Arroganz, als der Weltmeister das Match vermeintlich doch gewonnen hatte.

Man sah Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri an, dass sie das Gefühl hatten, allen etwas beweisen zu müssen. Für Seferovic galt ähnliches. Sie trugen die Nati gemeinsam mit dem gewohnt starken Torhüter Yann Sommer, sie führten das Comeback gegen Frankreich an und auch ohne den im Viertelfinale gelbgesperrten Xhaka setzten sie dem Gegner 120 Minuten lang zu, weil dieser es wiederum mit verringertem Tempo versucht hatte, einen Führung gegen die Schweizer über die Zeit zu bringen.

Ein wenig erinnerten die K.o.-Partien der Schweizer an jene der ÖFB-Frauen bei der EM 2017: Im ersten Spiel einen auf dem Papier deutlich besseren Kontrahenten ins Elferschießen hinein nerven und ihn dort mit breiter Brust bezwingen, aber in der nächsten Runde – trotz bester Absichten – mit der noch historischeren Chance vor Augen nicht mehr die 100 Prozent im Kopf zusammen zu bekommen. Gegen Frankreich haben alle fünf Schweizer getroffen. Gegen Spanien haben drei von vier vergeben.

Was machen die Schweizer nun mit diesem Turnier? Der als etwas unbeweglich gescholtene Vladimir Petkovic geht auf jeden Fall gestärkt aus der EM hervor. Die Teilnahme an der WM in Katar wird dennoch ein Kraftakt. Man ist in der Quali-Gruppe mit Italien gelandet – und wird vermutlich durch die Playoff-Lotterie müssen.

Tschechien: Solide wie immer

Gehört Tschechien zu den besten acht Teams Europas? Nein, ganz sicher nicht. Aber man machte das Maximum aus den Möglichkeiten. Bezwang ein im Spiel klar besseres, aber auch sehr harmloses schottisches Team. Kam gegen ein undynamisches und suchendes Kroatien zu einem 1:1, was schon für das Achtelfinale reichte. Neutralisierte dort Holland geschickt und schlug zu, als sich Oranje dezimierte.

Patrik Schick machte die Tore, fünf an der Zahl, niemand traf bei dieser EM öfter. Souček war ein umsichtiger und fleißiger Motor im Mittelfeldzentrum, man merkt ihm die Erfahrung aus der Premier League an. Slavia Prag war in den letzten drei Jahren zweimal im Europa-League-Viertelfinale, hat dabei etwa Sevilla und Leicester besiegt, holte in der Champions League Auswärtspunkte bei Inter und in Barcelona. An Qualität fehlt es nicht.

Die Tschechen verstanden es gut, den Gegnern – vor allem Kroatien in der ersten Hälfte, Holland im Achtelfinale und Dänemark im Viertelfinale in der zweiten Hälfte – die Zeit zum Spielaufbau zu nehmen. Die Anlaufstrukturen waren gut, Tschechien ein unangenehmer und vor allem einigermaßen furchtloser Gegner. Die eigene Kreation lief vor allem über Außenverteidiger Coufal, Souček und lange Bälle, aber in erster Linie war das Spiel darauf angelegt, den Gegner nicht zur Entfaltung kommen zu lassen.

Immerhin: Das war deutlich weniger plump als der ultra-defensive Zugang, der 2016 zum EM-Desaster geführt hat. Und es war auch erfolgreicher. Gute Mittelklasse kann man den Tschechen nun guten Gewissens zuschreiben. Vom Unterhaltungswert war es eher nur so mittel, aber was die Tschechen gemacht haben, hat durchaus funktioniert.

Ukraine: Mehr als zugestanden

Was ist jetzt die wahre Ukraine? Jene, die sich gegen Holland und Schweden ins Spiel zurück gekämpft hat? Oder jene, die sich Österreich und England ohne spürbare Gegenwehr opferte und dabei erstaunliche defensive Unzulänglichkeiten offenbarte?

Dass die erste Wahl auf der Sechs (Taras Stepanenko) verletzungsbedingt nur sporadisch zur Verfügung stand, merkte man vor allem, wenn er nicht dabei war (also gegen Österreich und England). Dass Shevchenko die erste Wahl auf der linken Außenbahn (Viktor Tsygankov) verletzungsbedingt nur sporadisch und dessen Back-up (Marlos) aus dem gleichen Grund de facto gar nicht zur Verfügung stand, merkte man vor allem, weil die linke Seite immer die Problemzone war. Malinovski, eigentlich ein Achter, war dort so schwach, dass der Teamchef ihn in der K.o.-Phase strich und lieber auf ein 5-3-2 umstellte.

Das hat im Achtelfinale gegen Schweden funktioniert, weil er Alexander Zinchenko als linken Wing-Back postierte und dieser dort Raum vorfand, den er bespielen konnte. Das ging im Viertelfinale gegen England gar nicht, weil Zinchenko als Achter von Rice und Phillips aufgeschluckt wurde. Hinzu kam, dass Jarmolenko als einzige wirkliche Alternative im Vorwärtsspiel gewohnt unkonstant war und gegen starke Gegenspieler wie Alaba oder Maguire kein Land sah.

Die Ukraine hat zumindest eine Runde mehr erreicht, als dem jungen und nicht gänzlich talentfreien, aber doch überwiegend biederem Team mit zwei bis drei Spielern von internationalem Potenzial zustehen würde. Denn die Limits nicht nur in der Offensive, sondern vor allem in der Abwehr wurden beim 0:4 gegen England im Viertelfinale nur allzu offensichtlich.

Kurzer Ausblick

Die zweite EM-Endrunde mit 24 Teams war wesentlich unterhaltsamer und kurzweiliger als die ausgesprochen zähe Erstauflage von 2016. Die kommende Europameisterschaft steigt in drei Jahren in Deutschland, die zehn Spielorte sind Berlin, Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt, Gelsenkirchen, Hamburg, Köln, Leipzig, München und Stuttgart.

Schon zuvor ist natürlich die WM in eineinhalb Jahren in Katar auf dem Spielplan, zu der die Qualifikation ja bereits im Gange ist und für die sich 13 europäische Teams qualifizieren werden – die offensichtlichen Kandidaten auf die zehn Direkt-Tickets sind Italien, England, Spanien, Dänemark, Belgien, Frankreich, Portugal, Deutschland, Kroatien und Holland. Die zehn Gruppenzweiten und die zwei besten nicht anderweitig qualifizierten Nations-League-Gruppensieger spielen im März 2022 um die verbleibenden drei Plätze. Das wird ein Gemetzel.

Link Tipps:
Analyse der Vorrunden-Verlierer (FIN, HUN, MKD, POL, RUS, SCO, SVK, TUR)
Analyse der Achtelfinalisten (AUT, CRO, FRA, GER, NED, POR, SWE, WAL)

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EURO 2020 – Finale: England – Italien https://ballverliebt.eu/2021/07/09/euro-2020-finale-england-italien/ https://ballverliebt.eu/2021/07/09/euro-2020-finale-england-italien/#respond Fri, 09 Jul 2021 17:55:29 +0000 Bringt England den Fußball heim oder holt Italien sich den Titel? Tom & Philipp beraten im Ballverliebt Fußball Podcast vor dem EURO 2020-Finale über die Stärken und Schwächen der beiden Finalisten und ihre Leistungen im Halbfinale.

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Die EM-Turniere und ihre Halbfinals: Klassiker und vergessene Matches https://ballverliebt.eu/2021/07/08/die-em-turniere-und-ihre-halbfinals-klassiker-und-vergessene-matches/ https://ballverliebt.eu/2021/07/08/die-em-turniere-und-ihre-halbfinals-klassiker-und-vergessene-matches/#respond Thu, 08 Jul 2021 09:44:54 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=17652 Die EM-Turniere und ihre Halbfinals: Klassiker und vergessene Matches weiterlesen ]]> England und Italien haben sich in ihren Halbfinalspielen durchgesetzt und treffen am Sonntag aufeinander, um sich den Titel untereinander auszumachen. Für Italien wäre es der erste EM-Triumph seit 1968, für England ist es überhaupt das erste große Finale seit 1966.

Es waren zwei Matches, die in Erinnerung bleiben werden, vor allem jenes zwischen England und Dänemark. Damit reihen sie sich in eine Ahnengalerie aus diversen EM-Halbfinals ein, an die man sich heute noch erinnert, die echten Klassiker-Status haben – und in der es auch einige Matches gibt, an die man sich eher nicht mehr so gut erinnern kann. Hier eine Übersicht.

Euro 2020 in ganz Europa

Nach 48 Spielen in elf europäischen Städten von Sevilla bis Baku blieben in der coronabedingt um ein Jahr verschobenen EM vier Teams übrig, die in London die Finalteilnehmer ausmachten. Für England – die bis dahin praktischerweise nur ein einziges Mal London verlassen hatten müssen – endete mit dem 2:1-Sieg nach Verlängerung über Dänemark eine 55-jährige Leidenszeit ohne Finale; es brauchte aber bei aller Überlegenheit einen kontrovers diskutierten Elfmeter; Kasper Schmeichel hatte die körperlich leeren Dänen mit einer Weltklasse-Leistung im Spiel gehalten. Schon zuvor hatte sich Italien 120 Minuten lang recht erfolgreich seiner Haut gegen Spanien erwehrt, um im Elfmeterschießen die besseren Nerven zu haben. Die Azzurri hatten zuvor im Turnier mit aktivem Vorwärtsfußball geglänzt.

Es ist das erste Mal, dass sich Italien und England in einem großen Finale treffen.

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Euro 2016 in Frankreich

Durch einige ungewöhnliche Ergebnisse in der Gruppenphase gab es 2016 zwei sehr unterschiedlich starke Turnier-Äste. Im einen war u.a. Deutschland, Frankreich, Italien, England und Spanien – und im anderen Kroatien, Polen, Belgien, Portugal und Wales. Portugal und Sensations-Team Wales machten sich dort einen Finalteilnehmer aus, Portugal gewann 2:0, Wales konnte ohne den gesperrtey Ramsey nicht viel entgegensetzen. Tags darauf bestimmte Deutschland gegen Frankreich zwar das Spiel, aber ein unglücklicher Handelfmeter kurz vor der Pause brachte den 2:0-Sieg der Gastgeber auf Schiene.

Im Endspiel gewann Portugal 1:0 nach Verlängerung.

Euro 2012 in Polen und der Ukraine

Wie ist die unerbittliche Pass- und Ballbesitzmaschine von Spanien zu stoppen? Das war 2012 die große Frage. Die meisten Teams ließen die Spanier über sich ergehen und erlitten Schiffbruch. Portugal versuchte es im Halbfinale damit, Spanien früh zu stören und hatte damit guten Erfolg. Nach 120 torlosen, aber recht unterhaltsamen Minuten ging es ins Elferschießen, dort vergaben Moutinho und Bruno Alves. Spaniens logischer Finalgegner schien immer Deutschland, aber im Semifinale gegen Italien änderte Löw seine Formation (Kroos als Manndecker für Pirlo, Özil auf die Außenbahn, Müller auf die Bank) und erlitt Schiffbruch. Ein Balotelli-Doppelpack brachte Italien 2:0 in Front, Özil gelang in der Nachspielzeit nur noch der Anschlusstreffer per Elfmeter

Spanien gewann das Endspiel 4:0.

Euro 2008 in Österreich und der Schweiz

Drei der vier Gruppensieger haben sich 2008 im Viertelfinale verabschiedet, dafür sind zwei Außenseiter in die Vorschlussrunde gekommen: Die extrem flexiblen Türken und der russische Wirbelwind von Guus Hiddink. Der Türkei fehlten vier verletzte und drei gesperrte Spieler, das Match gegen Deutschland plätscherte einem deutschen 1:0-Sieg entgegen, ehe in der Schlussviertelstunde erst der Himmel und dann die Abwehrreihen die Schleusen öffneten und die DFB-Elf ein 3:2 rettete. Danach bekam es Spanien mit Russland zu tun, und obwohl die folgende Ballbesitz-Dominanz 2008 nur in kleinen Spurenelementen zu erkennen war, hatten die Russen keine Chance – 3:0 für Spanien.

Im Finale von Wien gewann Spanien 1:0.

Euro 2004 in Portugal

Es ist eine Tragik der Fußballgeschichte, dass Pavel Nedved früh im Halbfinale 2004 gegen Griechenland verletzt vom Platz musste. Ohne ihn war das mit großem Abstand beste und aufregendste Team der 2004 nicht in der Lage, den griechischen Beton zu knacken, in der Verlängerung kassierten die Tschechen das entscheidende 0:1. Schon am Tag zuvor war Gastgeber Portugal mit einem 19-jährigen Cristiano Ronaldo und einem 31-jährigen Luis Figo gegen ein holländisches Team siegreich gewesen, das wohl etwas weiter gekommen war, als ihm in der Verfassung von 2004 zugestanden wäre.

Griechenland wurde mit einem 1:0 im Finale sensationell Europameister.

Euro 2000 in Belgien und den Niederlanden

Zwei Allzeit-Größen von Halbfinale innerhalb von zwei Tagen: Erst zwangen die wunderbaren Portugiesen den überragenden Weltmeister Frankreich an den Rand des Elferschießens, ehe der österreichische Referee Günter Benkö in der 115. Minute nach Abel Xaviers klarem Handspiel auf den Punkt zeigte und Zidane verwandelte. Dann legten zehn Italiener – Zambrotta hatte früh die gelb-rote Karte kassiert – gegen stürmende Holländer in einem orangen Stadion eine klassisch-italienische Defensiv-Performance hin. Oranje verballerte zwei Strafstöße im Match und hatte dann auch im Elferschießen das Nachsehen.

Frankreich gewann das Endspiel 2:1 nach Verlängerung.

Euro 96 in England

Das Match zwischen Deutschland und England im Wembley ist legendär – weil Southgates Fehlschuss im Elferschießen auch 25 Jahre später noch ein Thema ist; weil es das zweite Mal innerhalb weniger Jahre war, dass die Deutschen die Engländer im Shoot-Out eines Halbfinales bezwangen; auch wegen der Gravitas des Austragungsortes. An das andere Halbfinale 1996 kann sich kaum noch jemand erinnern – was auch daran liegen dürfte, dass 120 Minuten lang nichts passiert ist. Zwei Teams in personellen Troubles (den Tschechen fehlten die gesperrten Kuka, Bejbl, Látal und Suchopárek, den Franzosen der angeschlagene Deschamps und der gesperrte Karembeu) versuchten, keinen entscheidenden Fehler zu machen. Im Elferschießen vergab Frankreichs Raynald Pedros als Einziger.

Deutschland gewann das Finale 2:1 nach Verlängerung.

Euro 92 in Schweden

Das EM-Halbfinale 1988 war an Holland gegangen, die WM-Quali-Spiele 1989 endeten 1:1 und 0:0, das WM-Achtelfinale 1990 ging an Deutschland, die EM-Vorrubden-Partie 1992 ging 3:1 an Holland – Europa war bereit für die Neuauflage des hoch-emotionalen Nachbarschafts-Duells im EM-Finale von 1992. Deutschland erfüllte zunächst die Pflicht gegen den Gastgeber in einem der wenigen wirklich unterhaltsamen Spiele einer überwiegend faden EM, gewann 3:2 gegen Schweden. Einen Tag später aber hatten die unbekümmerten Dänen – für die wegen des Bürgerkriegs ausgeschlossenen Jugoslawen nachgerückt und in der Gruppenphase Mitfavorit Frankreich eliminiert – die Holländer an der Leine. Oranje rettete sich mit Müh und Not ins Elfmeterschießen, dort setzte sich Dänemark dank Van Bastens Fehlschuss durch.

Dänemark gewann das Endspiel 2:0.

Euro 88 in der BR Deutschland

Als große Revanche für das WM-Finale 1974 wurde das Halbfinale zwischen Gastgeber BRD und Holland tituliert, und die Revanche gelang. Zwar gingen die Deutschen durch einen Matthäus-Elfer in Front, aber Ronald Koeman glich nach einem eher soften Strafstoß-Pfiff aus, ehe Marco van Basten kurz vor Schluss Manndecker Kohler versetzte und zum 2:1 traf. Das andere Semifinale war dafür eine klare Angelegenheit, die Sowjetunion (mit sieben Ukrainern, zwei Russen und zwei Weißrussen) überfuhr Italien mit Lobanovskis Pressingspiel. Bitter war nur die gelbe Karte von Libero Oleg Kusnetsov, die das Hirn des Teams für das Finale sperrte.

So gewann Holland das Endspiel mit 2:0.

Euro 84 in Frankreich

Die EM 1984 war das Turnier von Michel Platini. Dabei war er im Halbfinale gegen Portugal – bei der ersten Turnierteilnahme nach 18 Jahren hatten die Portugiesen Deutschland eliminiert – kaum zu sehen. Ein Domergue-Freistoß brachte die Franzosen in Führung, aber Portugal glich erst aus und ging in der Verlängerung sogar in Führung. Bis zur 115. Minute sah Portugal wie der Finalist aus, ehe wiederum Domergue aus einem Gestocher traf und Platini kurz darauf das 3:2 erzielte. Auch im zweiten Halbfinale gab es ein Überraschungs-Team: Dänemark. Aus Quali-Topf 4 gekommen schalteten sie dort England aus, in der Gruppe auch die starken Belgier. Auch im Halbfinale gegen Spanien ging man durch einen Abstauber von Søren Lerby früh in Führung, aber die Spanier warfen immer mehr alles nach vorne. Die Dänen zitterten sich ins Elfmeterschießen, wo Preben Elkjaer – schon mit einem Millionenvertrag in der Serie A in der Tasche – verschoss.

Frankreich gewann das an einem Mittwoch gespielte Finale dank eines Arconada-Patzers mit 2:0.

Bei der EM 1980 – dem ersten als echte Endrunde ausgetragenen Turnier – gab es kein Halbfinale. Die beiden Gruppensieger (Deutschland und Belgien) spielten im Finale.

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EURO 2020-Halbfinale: England gegen Dänemark https://ballverliebt.eu/2021/07/05/euro-2020-halbfinale-england-gegen-daenemark/ https://ballverliebt.eu/2021/07/05/euro-2020-halbfinale-england-gegen-daenemark/#respond Mon, 05 Jul 2021 18:34:40 +0000 Das zweite Halbfinale der EURO 2020 steht am Mittwoch an. In Wembley treffen England und Dänemark aufeinander.

Tom nimmt sich in Abwesenheit von Philipp spontan ein paar Minuten, um darüber zu sprechen, was er von den beiden Mannschaften hält und wie er die Chancen für den Finaleinzug verteilt.

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Polen, Russen, Türken als Verlierer einer EM-Vorrunde mit Farbtupfern https://ballverliebt.eu/2021/06/25/polen-russen-tuerken-als-verlierer-einer-em-vorrunde-mit-farbtupfern/ https://ballverliebt.eu/2021/06/25/polen-russen-tuerken-als-verlierer-einer-em-vorrunde-mit-farbtupfern/#comments Fri, 25 Jun 2021 09:14:12 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=17583 Polen, Russen, Türken als Verlierer einer EM-Vorrunde mit Farbtupfern weiterlesen ]]> Die Gruppenphase der EM dieses Jahres 2021 ist beendet. Das heißt, dass wir uns von den ersten acht Teams verabschieden müssen. Darunter sind einige relativ prominente Namen – wie etwa Polen, Russland und die Türkei – aber sie alle haben genug Schwächen gezeigt, um das Vorrunden-Aus zu rechtfertigen. Niemand kann sagen, dass es nur Pech oder unkontrollierbare äußere Einflüsse waren, die zum Aus geführt haben.

Hier die Bilanz der acht EM-Teilnehmer, die nach der Vorrunde die Segel streichen mussten.

Polen: Unter Wert geschlagen

Nein, natürlich wären die Polen nicht Europameister geworden, selbst wenn sie aus der Gruppe E herausgekommen wären. Aber die Truppe um Weltfußballer Robert Lewandowski ist doch unter Wert geschlagen worden und vieles erinnerte an den Auftritt von Österreich bei der EM 2016.

Polen spielt bei jedem Turnier die drei gleichen Spiele, ätzen Fans in der Heimat: Das Auftaktspiel, das Spiel der letzten Chance und das Spiel, um zumindest erhobenen Hauptes nach Hause zu fahren. Diesmal machte man gegen die Slowakei gar nicht so arg viel verkehrt, verlor aber durch einen Energieanfall von Róbert Mak und einen Eckball. Gegen Spanien war man zwar größtenteils am Verteidigen, holte aber immerhin das Remis ab. Und gegen Schweden kämpfte man sich nach 0:2 zurück, drückte auf den nötigen Sieg und lief in der Nachspielzeit in einen Konter – 2:3.

Es ist dennoch nicht nur Pech, weswegen Polen als einziger der zehn Quali-Gruppensieger vorzeitig ausscheidet. Es fehlt – wie so vielen der Mittelklasse-Mannschaften – an einem höherklassigen kreativen Aufbau, um einen tief stehenden Gegner zu knacken. Das wurde vor allem gegen die Slowakei evident, lange kam man auch gegen Schweden nicht so recht in Abschlusspositionen. Wenn das gelang, war Lewandowski sofort zur Stelle, er erzielte drei der vier polnischen Tore, aber von Krychowiak (Ausschluss im ersten Spiel) und Klich kam zu wenig.

Es gibt einige junge, nachrückende Spieler – Kozłowski (17, vermutlich zu Dortmund), Piątkowski (20, zu Salzburg), Puchacz (22, zu Union Berlin) – aber ohne die Klasse eines Lewandowski kommt Polen (noch?) nicht aus.

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Russland: Am Boden der Tatsachen

Vorrunden-Aus bei der EM 2012, bei der WM 2014 und bei der EM 2016 – jeweils mit sehr biederem, oft hilflosen Fußball. Dann mauerte sich Russland vor zwei Jahren ins WM-Viertelfinale, nun ist die Sbornaja aber wieder am bitteren Boden der Tatsachen angekommen.

Das Mittelfeld hat in drei Spielen nicht einen einzigen kreativen Pass zu Stande gebracht, was den Russen das Leben gegen Finnland ziemlich schwer gemacht hat. Die Abwehr war fehleranfällig, was den Belgiern einen leichten Sieg ermöglicht hat. Und als man gegen Dänemark gezwungen war, Risiko zu gehen, lief man sofort in die Gegentore.

Vor allem die völlige Abwesenheit jeglicher Kreativität – mehr als lange Bälle in die grobe Richtung von Angriffs-Leuchtturm Dzyuba fiel den Russen kaum ein – macht den letzten Gruppenplatz, sogar hinter Debütant Finnland, zu einem korrekten Resultat. Denn der Anspruch von Russland muss es sein, zumindest unter die 16 besten Teams Europas zu kommen. Mit Golovin und Miranchuk gab es zwei Hoffnungsträger, aber sie sind auch schon Mitte 20 und können dem russischen Spiel noch immer nicht ihren Stempel aufdrücken.

Ungarn: Beinahe Sensation geschafft

84 Minuten hielt man Portugal bei einem Remis, die Franzosen sogar bis zum Schlusspfiff und gegen die Deutschen fehlten auch nur zehn Minuten auf den Sieg: Dass Ungarn auch ohne den verletzten Dominik Szoboszlai beinahe die „Todesgruppe“ überstanden hätte, darf als eine der größeren Überraschungen des Turniers gelten.

Freilich, ein besonders unterhaltsames Vergnüngen war es für den neutralen Zuseher nicht, wie man die individuell massiv überlegenen Gegner zum mühsamen Steineklopfen zwang. Aber die Disziplin, mit der die Magyaren verteidigten, wie sie nie die Ruhe verloren und nach dem zwischenzeitlichen deutschen Ausgleich binnen Sekunden wieder in Führung gingen, war durchaus beeindruckend.

Zu überlegen, ob es mit Szoboszlai tatsächlich für die Situation gereicht hätte oder was in einer anderen Gruppe möglich gewesen wäre – etwa jener mit Spanien, Schweden und der Slowakei – ist müßig. Attila Szalai soll in eine größere Liga wechseln, es gibt noch einige weitere nachrückende Spieler. Damit ist das einzige Team, das als Viertplatzierter seiner Qualifikation-Gruppe über das Nations-League-Playoff zur EM gekommen ist, wohl zumindest im Kampf um weitere EM-Teilnahmen gerüstet. Mehr? Schwierig.

Türkei: Die große Enttäuschung

Guter Kader mit diversen Spielern, die von einer Saison als Meister (Lille) oder Vizemeister (Milan) oder Cupsieger (Leicester) in guten Ligen zur EM gefahren sind. Der Trainer, mit dem die Türkei 2002 ein verdienter WM-Dritter geworden ist. Starke Resultate, wie der 4:2-Sieg gegen Holland, im Vorfeld. Und eine nicht besonders problematische Gruppe. Alles war angerichtet für ein starkes türkisches Turnier. Und dann das.

Das chancenlose 0:3 im Auftaktspiel in Italien durfte man noch am starken Gegner festmachen. Aber auch gegen Wales (0:2) und die Schweiz (1:3) haben die Türken nichts angeboten. Im Vorwärtsgang war es reiner Zufallsfußball: Kaum drei zusammenhängende Pässe, viel Improvisation, enorme Ungenauigkeit. Hakan Çalhanoğlu konnte weder von der linken Außenbahn noch von der Acht/Zehn in Güneş‘ 4141/4231-Hybridsystem irgendeine Form von Struktur hinein bringen.

Das defensive Mittelfeld mit Okay und Ozan war so durchlässig, dass Güneş sie in den ersten beiden Spielen jeweils beide auswechselte und vermehrt den gelernten Innenverteidiger Ayhan auf die Sechs stellte. Die auf dem Papier gutklassige Abwehr war durchlässig; Demiral merkte man die fehlende Spielpraxis bei Juventus deutlich an. Und Uğurcan Çakır im Tor offenbarte einige technische Schwächen.

Die Türkei fährt mit der schlechtesten Bilanz alle EM-Teilnehmer – 0 Punkte, 1:8 Tore – nach Hause. Und das mit einem Team, das auch im Viertelfinale keine Sensation gewesen wäre.

Nordmazedonien: Achtbares Turnier-Debüt

Auch wenn es letztlich drei Niederlagen gab: Der Debütant hat eine gute Figur abgegeben und gezeigt, dass man eben nicht mehr das sportliche Anhängsel als traditionell schlechtestes Team aus dem ehemaligen Jugoslawien ist. Man machte Österreich und der Ukraine das Leben schwer, Goran Pandev erzielte beim Höhe- und Schlusspunkt seiner 20-jährigen Nationalteam-Karriere sogar noch ein EM-Tor und einige Junge lieferten Talentproben ab.

Vor allem die beiden Achter Eljif Elmas und Enis Bardhi – die auch beide jeweils als hängende Spitze hinter Pandev betätigten – dürften das Team in den kommenden Jahren prägen; Rayo Vallecano hat sich in Abwesenheit von Stammgoalie Stole Dimitrievski im Playoff um den Aufstieg in die La Liga durchgesetzt. Der routinierte Arjan Ademi hat auch sicher noch eine EM in den Beinen, der giftige Egzjan Alioski (Arnautovic‘ Spezial-Freund) auch.

Die Grundausrichtung war defensiv, aber die Mazedonien bunkerten sich nicht nur hinten ein, sondern hatten zuweilen – vor allem gegen die Ukraine – durchaus die Ambition, auch selbst nach vorne zu spielen. Zwar fährt man mit dem höchsten Gegentor-Wert bei den Expected Goals nach Hause, aber man hat sich keineswegs als der chancenlose Prügelknabe präsentiert, den man vom Team aus der hintersten Nations-League-Zug befürchtet hatte.

Und ja, Mazedonien hat sich über die Nations League qualifiziert und diese Bewerbsspiele, in denen man sich ohne Angst vor Debakeln entwickeln konnte, haben definitiv geholfen. Man darf aber nicht vergessen, dass sich das Team auch im alten Quali-Modus ohne NL-Hintertür zumindest für das Playoff qualifiziert hätte. Man war Gruppendritter hinter Polen und Österreich, und noch vor Slowenien und Israel. Auch in der WM-Quali für 2022 hat man mit dem Sieg in Deutschland schon ein Ausrufezeichen gesetzt.

Schottland: Bemüht, aber nicht gut genug

Erstmals seit der WM 1998 hat sich Schottland wieder für ein großes Turnier qualifiziert. Bei der elften Teilnahme an einer WM- oder EM-Endrunde steht letztlich zum elften Mal das Aus in der Vorrunde, aber neben einigen allzu offensichtlichen Schwächen gibt es auch Anzeichen, die eine gewisse Zuversicht geben können.

Die Schotten verfügen aktuell über drei Spieler, die höheren Ansprüchen in der Premier League genügen. Zwei davon sind Linksverteidiger (Robertson und Tierney), einer ist Sechser (McTominay). Steve Clarke etablierte in den letzten Monaten ein 5-3-2, in dem er sie alle drei unterbrachte – McTominay dabei in der Abwehrkette. Die Folge: Schottland legte alles hinein, spielte stets mit vollem Einsatz und hatte vor allem nach dem 0:0 gegen England den Applaus auf seiner Seite.

Am Ende war’s trotzdem deutlich zu wenig. Das Problem war, wie bei so vielen anderen Teams, die Kreativität im Mittelfeld und das Leistungsgefälle schon innerhalb der ersten Elf. Billy Gilmour hat viel Talent und spielte gegen England stark, fehlte gegen Kroatien aber nach einem positiven Corona-Test. Ché Adams brachte Belebung in den Angriff, er macht aber – wie auch in Southampton – etwas zu wenig daraus.

Dafür ist Stephen O’Donnell auf der rechten Seite ein braver Kämpfer, aber technisch zu schwach für eine EM. Lyndon Dykes, der alle drei Spiele starten durfte, brachte im Angriff keinerlei Mehrwert. Und Optionen von der Bank, die über Zweitliga-Niveau hinausgehen würden, hat Clarke ganz einfach nicht zur Verfügung. Realistisch betrachtet wird auch in absehbarer Zukunft schon die Qualifikation für eine EM ein Kraftakt bleiben.

Finnland: Kein zweites Island

Die Strategie des zweiten EM-Debütanten war erwartet simpel: Hinten mit Fünfer-Kette und drei defensiven Mittelfeldspielern davon nichts zulassen; und vorne auf die Torgefahr von Joel Pohjanpalo und vor allem Teemu Pukki hoffen. So holte Finnland tatsächlich annähernd das Optimum aus dem Turnier heraus, es gab sogar einen Sieg, über den man sich angesichts der Umstände (Stichwort Eriksen) in dem Moment kaum freuen konnte.

Der stets freudig lachende Paulus Arajuuri versinnbidlicht den finnischen Turnier-Erstauftritt. Man genoss die Spiele im Scheinwerferlicht, so weit das möglich war, und hatte sichtlich Freude daran, die individuell besser besetzten Gegner zu nerven. Es reichte zwar in der Offensive kaum kaum mehr als vier vernünftige Torschüsse in den drei Spielen (davon war einer drin, beim 1:0-Sieg über Dänemark). Aber man stellte die Gegner vor Probleme.

Und wer weiß, ob ohne Hradeckys unglücklichem Reflex, der die späte Niederlage gegen Belgien gebracht hat, nicht sogar noch ein vierter Punkt und damit die Achtelfinal-Teilnahme gestanden wäre. Dort hätte Wales gewartet, ein Viertelfinale wie vor fünf Jahren bei Island war also keineswegs völlig außerhalb der Reichweite. Man hat sich vorerst im zweiten Zug der Nations League etabliert, für die WM-Quali in den dritten Topf nach vorne gekämpft und wird mit der Ukraine um den zweiten Gruppenplatz in der Gruppe hinter Frankreich kämpfen.

Tatsache ist aber auch: Leistungsträger wie Pukki, Sparv, Arajuuri und Toivio nähern sich dem Herbst ihrer Karrieren und es gibt kaum nennenswert talentierten Nachwuchs.

Slowakei: Harmlos, langweilig, abgeschossen

Der Expected-Goals-Wert der Slowakei beträgt etwa 1,1 Tore. Wohlgemerkt: In allen drei Spielen zusammen. Es reichte zu einem glücklichen Sieg über ratlose Polen, der durch ein Solo-Dribbling und einen Eckball gesichert wurde – aber kreiert haben die Slowaken praktisch nichts. Man war das harmloseste und langweiligste Team der EM und gegen Spanien gab es einen der hilflosesten Auftritte eines EM-Teilnehmers ever.

Dass nach vorne nichts los ist, ließ sich schon beim 0:0 im letzten Test in Wien erahnen, daran änderte auch die Rückkehr des gegen Österreich noch geschonten Marek Hamšík nichts. Trainer Tarkovič spielte dann auch ohne gelernten Stürmer: Denn Hamšík ist immer eher auf der Acht daheim gewesen und Duda ist ein Zehner. Stürmer Ďuriš kam zweimal erst in den Schlussminuten. Der junge Robert Boženík, der in der Qualifikation vorne gespielt hatte, kommt bei Feyenoord kaum zum Zug und war in der der drei slowakischen EM-Spiele nicht einmal im 23er-Kader.

Dieses Team kann nur verteidigen und beim 0:5 gegen die Spanier – wo die Slowakei nicht einen einzigen Torschuss verzeichnete – nicht einmal das. Auch die mittelfristige Aussicht ist nicht rosig. In der Nations League ist man relativ krachend in den dritten Zug abgestiegen, die Qualifikation für Katar 2022 hat man mit Unentschieden gegen Malta und Zypern begonnen. Trotz des überraschenden Sieges gegen Russland: Die Chance selbst auf das Playoff ist schon jetzt stark beschädigt.

Fazit: Nur Fußnoten zu verabschieden

Wie schon vor fünf Jahre gilt: Die Erweiterung von 16 auf 24 Teams macht das Turnier größer, aber nicht unterhaltsamer. Haben wir in der Vorrunde eine Mannschaft verloren, die wirklich das Zeug für ein EM-Viertelfinale hätte? Eher nicht. Die Polen unter Umständen, die waren 2016 nur ein Elfmeterschießen vom Halbfinale entfernt. Die Russen? Trotz des WM-Viertelfinales von 2018, nein, das war einfach überhaupt gar nichts da.

Die Finnen und die Mazedonier haben sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten anständig verkauft, die Schotten in Wahrheit auch, aber das sind Farbtupfer, die im Ganzen kaum mehr als Fußnoten sind. Ungarn? Haben sich in der schwere Gruppe wacker verteidigt, immerhin. Die Türkei, gutes Potenzial, auf dem Platz ein Desaster. Die Slowakei? Schön für sie, dass sie dabei waren. Sollen sich über den Sieg gegen Polen freuen. Aber bitte reden wir nicht mehr drüber.

Im Achtelfinale gibt es immer noch einige Duelle von Teams, die man nicht zwingend als Bank für das Viertelfinale gesehen hätte, aber hier braucht es doch schon ernsthafte Qualität in dem, was man tut, um dorthin zu kommen. Das ist manchmal nicht so lustig anzushen (looking at you, Sweden), manchmal wirklich mitreißend (Dänemark!).

Oder sagen wir so: Die Vorrunde 2021 war deutlich unterhaltsamer als die Vorrunde 2016. Das lag aber nur zu einem kleinen Teil an den nun ausgeschiedenen Teams.

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1:0 über die Ukraine: Starke erste Hälfte bringt Österreich ins Achtelfinale https://ballverliebt.eu/2021/06/21/10-ueber-die-ukraine-starke-erste-haelfte-bringt-oesterreich-ins-achtelfinale/ https://ballverliebt.eu/2021/06/21/10-ueber-die-ukraine-starke-erste-haelfte-bringt-oesterreich-ins-achtelfinale/#comments Mon, 21 Jun 2021 20:10:45 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=17573 1:0 über die Ukraine: Starke erste Hälfte bringt Österreich ins Achtelfinale weiterlesen ]]> Mit einem 1:0-Sieg über die Ukraine springt Österreich zum Abschluss der EM-Gruppenphase auf den zweiten Platz der Gruppe C und hat damit erstmals seit der WM 1982 die Vorrunde eines großen Turniers überstanden. Schlüssel zum Erfolg war ein mutiger Auftritt in der ersten Halbzeit: Hier nagelte man die Ukrainer hinten fest, sorgte mit wirksamem Offensiv- und giftigem Gegenpressing für viele Ballgewinne im Angriffsdrittel. Zwar lehnte sich das ÖFB-Team etwas gar früh zurück, aber es reichte zum Sieg.

Österreich – Ukraine 1:0 (1:0)

Die Formationen

Franco Foda stellte umfassend um: Erstmals im Turnier war das Team wieder in einem 4-2-3-1 formiert. Alaba war statt als zentraler Verteidiger auf der linken Seite aufgeboten, dafür musste Ulmer weichen. Grillitsch und Schlager waren hinter Sabitzer im Mittelfeld-Zentrum daheim, Konrad Laimer wurde auf die rechte Außenbahn geschoben. Vorne begann Arnautovic nach abgesessener Sperre.

Bei der Ukraine kehrte gegenüber dem 2:1-Sieg über Nordmazedonien auf der Sechs Sidorchuk wieder für den am Knie lädierten Stepanenko zurück, ansonsten war es das gleiche Personal in der gleichen 4-1-4-1-Formation.

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Druckvoller Beginn

Statt einem langsamen Beginn ohne Risiko – schließlich konnten beide Mannschaften davon ausgehen, mit einem Remis weiter zu sein – wollte das ÖFB-Team von Beginn an nichts wissen. Im Gegenteil: Bei Ballverlusten im Angriffsdrittel wurde sofort ein giftiges Gegenpressing gezeigt. Auch die Spieleröffnung der Ukraine wurde aggressiv angelaufen, und zwar aus einem sehr frontalen Winkel. Damit war es den Ukrainern nicht möglich, den Rückraum der österreichischen Pressingwelle zu bespielen.

Das Team der Ukraine produzierte derart unter Druck gesetzt viele Ballverluste und blinde Bälle ins Nirgendwo. Vor allem Grillitsch und Sabitzer waren extrem aufmerksam und sammelten solche freien Bälle beinahe im Minutentakt auf. Der druckvolle Beginn der Österreicher zeigte früh Wirkung, wie Matvienkos unbedrängter 40-Meter-Querpass ins Seitenaus nach etwa einer Viertelstunde zeigte.

Hilflose Ukrainer – direkte Österreicher

Andrej Shevchenko und sein Team hatten einen derart forschen Gegner offenkundig nicht erwartet, zumal nach dem behäbigen und eher leblosen Auftritt des ÖFB-Teams zuletzt in Holland. Die Ukrainer kamen überhaupt nicht in Kontersituationen (von einem schnellen Einwurf in der 2. Minute abgesehen), und wenn, war sich im österreichischen Team niemand zu schade, auch nach hinten zu arbeiten. Das zeigte beispielsweise Christoph Baumgartner, der für den aufgerückten Alaba am eigenen Strafraum einen ukrainischen Angriff entschärfte

War es gegen Holland noch ein großer Schwachpunkt, dass das Spiel in die Spitze so gut wie gar nicht vorkam – und wenn doch, dann viel zu langsam – war Österreich in diesem Spiel darauf bedacht, möglichst schnell und direkt ins Angriffsdrittel zu kommen. Die Genauigkeit beim Pass aus dem Zentrum nach vorne war dabei gar nicht so entscheidend, weil schnell auf den zweiten Ball gepresst wurde, um vorne den Ballbesitz etablieren zu können.

Der Lohn für die dominant geführte erste halbe Stunde war das hochverdiente 1:0 durch Christoph Baumgartner nach einem Eckball. Schon zuvor hatte es ein

Leichter Bruch nach einer halben Stunde

Baumgartner war zuvor bei einem Kopfballduell mit Zabarny zusammengestoßen, nach einer halben Stunde musste er vom Feld. Der für ihn eingewechselte Alessandro Schöpf ging auf die rechte Seite, Laimer auf die linke. In der Folge wurde die Intensität beim ÖFB-Team spürbar zurückgefahren.

Das ist nach einer solchen Phase wie den ersten 30 Minuten kein Wunder und es muss gar nicht zwingend am Fehlen des starken und umtriebigen Baumgartner liegen. Jedenfalls konnten die Ukrainer mit etwas mehr Ruhe im Spiel ein wenig durchatmen und sie konnten Ballbesitzphasen verlängern, gefährlich wurden sie aber nicht – sie schlossen die erste Halbzeit mit einem geradezu peinlichen xG-Wert von 0,04 ab.

Das ist noch weniger, als Österreich in den ersten 45 Minuten in Amsterdam produziert hatte. Das ÖFB-Team hätte hingegen durch Schlager (37.) und Arnautovic (43.) auf 2:0 stellen können.

Die zentrale Figur: Florian Grillitsch

Dass die Ukraine so harmlos war, lag zu einem großen Teil an David Alaba. Als Linksverteidiger neutralisierte er Andrej Jarmolenko komplett, womit den Ukrainern viel von ihrer Gefährlichkeit genommen wurde. Das Team von Shevchenko wurde damit gezwungen, mehr durch das Zentrum zu spielen.

Und dort war Florian Grillitsch. Er hatte Alexander Zinchenko, immerhin in Manchester bei Pep Guardiola im Training, so bombenfest im Griff, dass der 24-Jährige schon früh sich selbst mental fertig machte. Wo und wann immer Zinchenko einen Ball annehmen und was damit machen wollte, war Grillitsch längst da. Auch die Außenbahnen – der gegen Mazedonien so starke Malinovski und der flinke Jarmolenko – entfalteten keine Wirkung, Linksverteidiger Alaba hatte Jarmolenko sprichwörtlich in der Westentasche eingesteckt.

Grillitsch war aber auch der Dirigent im österreichischen Zentrum. Ukrainische Versuche, ihn anzupressen, prallten wirkungslos an ihm ab. Dafür fand er fast immer einen Raum in seiner Nähe, in den er den Ball hinein spielen konnte. Bei ihm war der Ball sicher: 85 Prozent seiner Pässe fanden einen Abnehmer, nur Innenverteidiger Dragovic (der fast jeden zweiten Ball bei Lainer oder eben Grillitsch ablieferte) kam auf einen höheren Wert.

Weniger direkte in die Tiefe nach der Pause

Das österreichische Spiel nach der Pause wirkte deutlich weniger offensiv, das lag aber nicht daran, dass man den Ukrainern mehr Zeit ließ. Zumindest nicht generell. Denn die Ukrainer bekamen immer noch kaum Zeit für ein zielgerichtete Spieleröffnung. Was sich allerdings änderte: Es gab deutlich weniger direkte Bälle in die Spitze, wie das noch vor der Pause der Fall gewesen war.

Die Folge war, dass es den Ukrainern leichter fiel, im eigenen Verteidigungsdrittel an den Ball zu kommen. Aber das Spiel nach vorne war immer noch davon geprägt, dass dem Mittelfeld keinerlei Wirkung zugestanden wurde.

Durch die fehlenden Pässe in die Tiefe sah das eigene Offensivspiel der Österreicher aber ähnlich bruchstückhaft aus wie gegen die Niederlande. Es gab einige Pässe im Aufbau, die in die Isolation führte; Laimer wurde einige Male in den Schwitzkasten zwischen Außenlinie auf der einen und zwei bis drei Ukrainern auf der anderen Seite geschickt.

Über die Zeit gelangweilt

Der Expected-Goals-Wert in der zweiten Halbzeit weist 0,19 für Österreich und 0,20 für die Ukraine aus. Das heißt: Was Torszenen angeht, war in den zweiten 45 Minuten auf beiden Seiten bis auf einige (bestenfall) Halbchancen so gut wie nichts mehr los. Österreich drehte an der Uhr: Ilsanker kam für Laimer und ging auf die Sechs neben Grillitsch, dafür wechselte Schlager auf jene linke Abwehrseite, auf der eingewechslte Marlos und Jarmolenko mit Tempo durchstoßen sollten.

Österreich machte es sehr geschickt, den Ukrainern ihre größte Stärke – das schnelle Konterspiel – nicht zuzugestehen und zwang ihnen auf, das Spiel in einem Rückstand selbst gestalten zu müssen. Das ÖFB-Team störte diese Versuche über weite Stecken gut: Wenn ein Spieler aus dem Verbund herausrückte, wurde hinter ihm abgesichert; die generelle Struktur wurde beibehalten, die Ukrainer hatten nicht die zündenden Ideen.

In den letzten 15 Minuten zog Österreich die Daumenschrauben sogar wieder ein wenig an. Man hatte nie den Eindruck, dass sich die Ukrainer ernsthaft einem Ausgleich annähernd würden.

Fazit: Eines der besten Spiele unter Foda

Das 90-minütige Nichts von Amsterdam wurde etwa in der Totally Football Show von The Athletic als „grindige Ödnis“ verrissen, der Guardian bezeichnete das ÖFB-Team als „deutlich schlechter als die Summer seiner Einzelteile“. Einem der inhaltslosesten und planlosesten Auftritte der Ära Foda folgte noch eines der besten Spiele unter dem Teamchef, der seit Herbst 2017 die Geschicke der Mannschaft leitet.

Man hat die Ukrainer, die sich offenbar geistig auf eine Mischung aus Vorsicht und Nichtangriffspakt eingestellt hatte, komplett überrumpelt. Die erste halbe Stunde war wie aus einem Guss, auf den Punkt ausgeführt und das 1:0 das Minimum, was man sich verdient hat. In dieser Phase hat man die Ukrainer so mürbe gemacht, dass sie selbst dann noch verzagt waren, als der Druck längst nachgelassen hatte.

Bis auf Shaparenkos Schuss von der linken Seite und der von Lainer abgefälschten Flanke musste Bachmann kaum eingreifen. Österreich habe die taktische Herangehensweise verändert „and bulldozed right over Ukraine“ konstatierte Between The Posts. Österreich habe der Ukraine „Angst eingeflößt und weiche Beine verursacht“, kommentierte die Gazzetta dello Sport, die sich schon auf ein Duell mit Ex-Milan-Star Shevchenko gefreut hatte.

Was das Spiel vor allem gezeigt hat: Wie gut Österreich sein kann, wenn das Team das spielen darf, was es am besten kann.

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Erschütternd harmlos: Österreich in Holland ohne echte Torchance https://ballverliebt.eu/2021/06/17/erschuetternd-harmlos-oesterreich-in-holland-ohne-torchance/ https://ballverliebt.eu/2021/06/17/erschuetternd-harmlos-oesterreich-in-holland-ohne-torchance/#comments Thu, 17 Jun 2021 21:57:52 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=17552 Erschütternd harmlos: Österreich in Holland ohne echte Torchance weiterlesen ]]> Mit einer ausgesprochen dünnen Vorstellung verliert Österreich das zweite Gruppenspiel der EM gegen Holland in Amsterdam mit 0:2. Nach dem frühen Rückstand gab es keine Idee, wie man in Abschlusspositionen kommen sollte. Je länger das Match dauerte, umso mehr fiel das österreichische Spiel in sich zusammen. Letztlich muss man nach dieser erschütternd harmlosen Darbietung froh sein, nur 0:2 verloren zu haben.

Holland – Österreich 2:0 (1:0)

Die Formationen

Foda brachte die exakt gleiche Formation im grundsätzlich gleichen System wie beim Auftaktsieg gegen Nordmazedonien. Einziger Unterschied: Gregoritsch begann in der Spitze statt Kalajdzic. Im Ganzen standen die Wing-Backs aber deutlich tiefer. War vor allem Ulmer im ersten Spiel noch auf Höhe des gegnerischen Sechzehners herumgeturnt, war gegen die Niederlande das System ein klares 5-3-2.

Bei Oranje war De Ligt nach seiner leichten Blessur zurück, er spielte zentral in der Abwehr-Dreierkette; De Vrij rückte nach rechts, Timber rotierte auf die Bank. Wie beim turbulenten 3:2 gegen die Ukraine war es wieder ein 3-5-2 mit einem sehr fluiden Mittelfeld-Zentrum.

Die Anfangsphase

Die Niederländer überließen Österreich zu Beginn den Ball und ließen es zu, dass das ÖFB-Team sich damit ins Mittelfeld spielt – dort wurde aber schnell um den Ballführenden verdichtet und österreichische Ballverluste provoziert. Die Österreicher liefen ihrerseits bereits die holländische Spieleröffnung an und es wurde in dieser Anfangsphase auch gut von hinten nachgepresst – so hatten es auch die Gastgeber schwer, sich zu befreien.

Aus einem der provozierten Ballverluste im Mittelfeld resultierte letztlich auch die Szene nach acht Minuten, in der Alaba Dumfries an genau dem einen Körperteil traf, den der Holländer innerhalb des Strafraumes hatte. Depay ließ sich die Chance nicht entgehen und traf per Elfmeter zum frühen 1:0 für die Niederlande.

Holland mit vollem Zugriff im Zentrum

Gegen die Ukraine wirkte das extrem fluide Zentrum mit De Jong, De Roon und Wijnaldum eher wie ein Risikofaktor. Das war gegen Österreich anders, und das hatte einen simplen Grund: Die Ukraine zwangen Holland den Ball auf – nun hatte Österreich den Ball. So konnte sich das Trio genüsslich so positionieren, dass man idealen Zugriff auf den ballführenden Österreicher bekam bzw. die Dreierkette des ÖFB-Teams so anlaufen, dass deren Möglichkeiten im Aufbau streng limitiert waren.

So stellte sich nämlich Wijnaldum, nominell als Zehner aufgeboten, gegen den Ball de facto als Rechtsaußen auf und verunmöglichte so Martin Hintereggers Eröffnungspässe sehr geschickt. Weil auch Alaba und Dragovic mit Weghorst und Depay quasi direkte Gegenspieler hatten, die sie beim Herausspielen störten, kam das ÖFB-Spiel nie mehr wirklich in Schwung.

Österreich macht Pressinglöcher auf

Nach etwa 25 Minuten rückte Xaver Schlager von der Sechs vermehrt nach vorne auf, um im Anlaufen der holländischen Eröffnung zu helfen. Anders als in den ersten 10 Minuten des Spiels erfolgte nun aber keinerlei Abdecken im Rücken der „Pressing“-Welle mehr, wodurch sich Löcher ergaben.

Noch deutlich auffälliger war dies bei Konrad Laimer, der in mehreren Situationen einen Holländer anlief – zumeist war es De Jong – aber Lainer hinter ihm nichts tat, um zu verhindern, dass die Gastgeber genau in den in Laimers Rücken entstandenen Freiraum spielen konnte. Dadurch passierte genau das und der Ball war in kürzester Zeit am österreichischen Strafraum.

Lainer offensiv ohne Impulse – aus Gründen

War Lainer gegen Mazedonien noch ein offensiver Schwungbringer auf der rechten Außenbahn, gab es diesmal praktisch überhaupt keine Impulse von ihm. Das hat einen ganz simplen Grund: Er war einfach völlig in der Defensive gebunden, da das Quartett mit Blind, De Jong, Van Aanholt und Depay nach Belieben schalten konnte und mit Laimer und Lainer nur zwei echte Gegenspieler auf dem Weg nach vorne hatte.

So war das österreichische Team im 5-3-2 nach hinten gedrückt, ohne jegliche Strategie, wie man mit der limitierten Manpower nach vorne kommen sollte, geschweige denn, sich in Abschlusspositionen zu bringen. Der Expected-Goals-Wert in der ersten Hälfte betrug erschütternde 0,06 Tore – verglichen mit 1,68 bei den Niederländern. Neben dem Elfmeter hatte Depay noch zwei weitere gute Chance (24., Außennetz sowie 40., aus kurzer Distanz drüber); auch Wijnaldum hätte schon für das 2:0 sorgen können (41.).

Das Spiel zerfällt in die Einzelteile

Für die zweite Halbzeit war genau gar kein Impuls zu sehen, der dem Team in der Pause mitgegeben worden wäre. Im Gegenteil: Man lief die Holländer immer wieder an, aber völlig ohne Strukturen dahinter. Man versuchte schon aufzubauen, aber ohne jeden Esprit und Plan. Man war schon versucht, keinen weiteren Gegentreffer zu kassieren, aber konsequent verteidigt wurde auch nicht.

Das Spiel des ÖFB-Teams zerfiel komplett in seine Einzelteile. Es wirkte, als wären elf Spieler auf dem Feld, von denen jeder einzelne eine Idee suchte, wie man das Match irgendwie in die Hand nehmen könnte, und letztlich spielten darin alle aneinander vorbei.

Keine Idee vorhanden

Holland überließ Österreich in dieser Phase wieder mehr den Ball – am Ende standen 53 Prozent Ballbesitz für das ÖFB-Team zu Buche – und die Österreicher rückten auch mit der Abwehrlinie bis zur Mittelinie auf. Es waren nur überhaupt keine Laufwege zu erkennen, kein übergeordneter Plan. So war der Raumgewinn überschaubar, es gab keinen Druck auf den Gegner bei den sich nun dramatisch häufenden Fehlpässen.

Beim 0:2 nach rund einer halben Stunde wurde einer dieser Ballverluste genützt, um schnell umzuschalten, innerhalb von wenigen Sekunden in eine gute Abschlussposition zu kommen und durch den rechten Wing-Back Dumfries zu treffen.

Österreich hingegen blieb behäbig, ideenlos und auf der Suche nach Einzelaktionen, die nicht kamen. Der ballführende Österreicher musste stets schauen, sich selbst aus Drucksituationen zu befreien, weil niemand zur Hilfe kam.

Seltsame Umstellung

Nach 70 Minuten wechselten Alaba und Hinteregger wieder ihre Plätze. Der Move, der gegen die Mazedonier das Spiel wieder unter Kontrolle brachte, verpuffte aber wirkungslos. Etwa zur gleichen Zeit kam Lazaro für Baumgartner, wodurch sich bei Österreich ein eher seltsames 3-1-5-1 ergab. Auch diese Umstellung verpuffte: Weder erhielt man dadurch verstärkten Zugriff auf das Zentrum, noch wurde dadurch irgendetwas in puncto Strafraumbesetzung besser.

Ab der 70. Minute packte Österreich endgültig die Brechstange aus – aber mit nur einem Stürmer (Kalajdzic), und selbst der zog sich immer wieder ins Mittelfeld zurück.

Im Gegenteil, der nach einer Stunde für den wirkungslosen Gregoritsch eingewechselte Kalajdzic ließ sich teilweise sogar in die eigene Hälfte fallen, um sich dort die Bälle abzuholen. Erst die Einwechslung von Onisiwo in den letzten Minuten brachte eine Ahnung von Schwung ins österreichische Spiel, aber es war natürlich too little, too late.

Fazit: Man machte es Holland leicht

Der holländische Sieg stand spätestens mit dem Tor zum 1:0 nach elf Minuten niemals auch nur im Ansatz in Frage. Der Umstand, dass das ÖFB-Team zunächst im Mittelfeld die Nerven verlor und Pressingläufe nicht abgedeckt wurden, machte es Oranje leicht, Kontrolle auszuüben. Dass die Vorstellung des österreichischen Teams in der zweiten Halbzeit selbst mit „Stückwerk“ noch wohlwollend umschrieben ist, erlaubte der Niederlande einen Heimsieg, der ohne größere Anstreungung unter Dach und Fach gebracht werden konnte.

Man konnte die eklatanten Schwächen des ÖFB-Teams durch die offenkundig nicht vorhandenen einstudierten Spielzüge mit Leichtigkeit nützen. Man konnte den ballführenden Österreicher stets schnell isolieren, weil niemand zum helfen nachrückte. Man konnte die hohe Abwehrlinie der Gäste nützen, weil Österreich extrem viele leichte Ballverluste provozierte. Und man kam defensiv nie ins Wackeln, weil das Team von Franco Foda stets das Tempo herausnahm, anstatt im Vorwärtsgang Tempo aufzunehmen.

Eben weil niemand da war, der die gleiche Idee hatte wie ein Teamkollege.

Das 0:2 bedeutet nun, dass ein Remis gegen die Ukraine nicht reicht, um die Gruppe als Zweiter zu beenden. Die Rechnung ist nun also relativ leicht: Besiegt man die Ukraine, ist Österreich als Gruppenzweiter weiter und trifft höchstwahrscheinlich im Achtelfinale auf Italien. Mit einem Remis ist man auf vier Punkten und damit als Gruppendritter so gut wie sicher auch im Achtelfinale. Und bei einer Niederlage muss man hoffen, dass es sich mit drei Punkten und einer negativen Tordifferenz noch ausgeht.

Das kann klappen. Kann aber auch danebengehen.

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3:1 zum EM-Start: Sabitzer bei Österreichs Arbeitssieg stark https://ballverliebt.eu/2021/06/13/31-zum-em-start-sabitzer-bei-oesterreichs-arbeitssieg-stark/ https://ballverliebt.eu/2021/06/13/31-zum-em-start-sabitzer-bei-oesterreichs-arbeitssieg-stark/#comments Sun, 13 Jun 2021 21:52:52 +0000 https://ballverliebt.eu/?p=17536 3:1 zum EM-Start: Sabitzer bei Österreichs Arbeitssieg stark weiterlesen ]]> Ein Spiel mit altbekannten Schwächen, guten individuellen Leistungen und einer funktionierenden Adaptierung des Plans in der zweiten Hälfte bringt dem ÖFB-Team den erhofften – und erwarteten – Pflichtsieg zum EM-Auftakt. Zwar machte man sich das Leben gegen Nordmazedonien zuweilen selbst schwer, aber die höhere Qualität bei Österreich setzte sich letztlich durch.

Österreich – Nordmazedonien 3:1 (1:1)

Die Formation

Besonders auffällig bei Österreich war die Formation. Das Personal legte das aus den letzten Spielen bekannte 4-4-1-1 nahe, das gab man auch bei der UEFA so an, in der Praxis aber ließ Foda ein sehr spezielles 3-5-1-1 aufs Feld. Zum ersten Mal überhaupt im Nationalteam begann Alaba als Innenverteidiger – und zwar als zentraler Mann zwischen Dragovic und Hinteregger.

Xaver Schlager sollte vor der Abwehr für die defensive Stabilität sorgen, der Clou war aber die Position von Marcel Sabitzer. Er war im linken Halbfeld als Achter in der Regel tiefer postiert als Linksverteidiger Ulmer, der extrem hoch stand – aus gutem Grund, wie sich zeigen sollte.

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Der stehende Aufbau

Mit welchem Hintergedanken diese Formation aufs Feld geschickt wurde? Die Vermutung liegt nahe, dass man damit Alaba und Hinteregger die Absicherung gibt, dass jeweils einer von ihnen nach vorne aufrückt – so wie sie das gerne machen. Das passierte in der ersten Halbzeit jedoch nur situativ und brachte keinen echten Mehrwert. Aus dem Mittelfeld rückte keiner zurück, alle versteckten sich gekonnt im Deckungsschatten – das war ein durchgängiges Motiv, auch eine Etage weiter vorne.

Bis auf den Ballführenden bewegte sich bei Österreich praktisch niemand. Das Spiel war extrem statisch, niemand bot sich an, keiner suchte sich den Ballführenden, um Optionen zu geben. Marcel Sabitzer hob schon nach 12 Minuten halb fragend, halb hilflos die Hände, weil sich so gar keiner in irgendeine Position bewegen wollte, die einigermaßen sinnvoll anspielbar gewesen wäre.

Geschicktes Freispielen von Sabitzer

Überhaupt, Sabitzer. Oft durfte er im Nationalteam noch nicht auf der Acht in einem Dreiermittelfeld spielen – also jener Position, die er in Leipzig mit hoher Klasse einnimmt. Diesmal durfte er, und er war der mit einigem Abstand beste Spieler auf dem Feld.

Durch die auffällig weit vorgezogene Rolle von Andreas Ulmer wurde der mazedonische Rechtsverteidiger Nikolov hinten festgenagelt. Sabitzer zog es permanent in Ulmers Rücken in Richtung Außenbahn, weg vom rechten mazedonischen Achter Bardhi – dieser war in der Doppelmühle: Ging er mit Sabitzer mit, öffnete er Räume für Schlager und den zurückfallenden Baumgartner. Blieb er im Halbfeld, hatte Sabitzer viel Platz.

Bardhi entschied sich in der Regel dafür, im Halbfeld zu bleiben, und Sabitzer freute sich über ungeahnte Räume. Im Laufe der ersten Halbzeit riss Sabitzer das Spiel zunehmend an sich. Dass seine Hereingabe von Lainer nach 18 Minuten zum 1:0 für Österreich verwertet wurde, belohnte die geschickte Taktik.

Wie zentral Sabitzer eingebunden war, wird auch dadurch verdeutlicht, dass er von drei Spielern zehnmal oder öfter angespielt wurde (Ulmer, Hinteregger, Alaba) – ansonsten hat nur Alaba mehr als einen Spieler, der ihn zehnmal oder öfter angespielt hat.

Gute Absicherung im Gegenpressing…

Anders als in den letzten Spielen war auch die Absicherung in Gegenpressing-Situationen recht gut. Bei Ballverlusten im Angriffsdrittel gingen konsequent zwei bis drei Österreicher auf den Gegenspieler, dieser wurde damit gut daran gehindert, gezielt von hinten herausspielen zu können. Die hohe Position von Ulmer half dabei ungemein. Wenn sich die Mazedonier doch aus diesen Situationen befreien konnten, zog sich Österreich zurück und erwartete den Gegner in der eigenen Hälfte.

Vom Tor abgesehen, kreierte der Turnier-Debütant praktisch nichts von Belang – und selbst der Treffer war eigentlich keine herausgespielte Torchance, sondern eine zu riskante Entscheidung von Hinteregger beim Klären einer Flanke zwischen die Linien, wodurch der Ball in den Strafraum flipperte, wo ihn Bachmann wiederum nicht festmachen konnte.

Je nach xG-Modell kam Nordmazedonien auf 0,5 (Between The Posts) bzw. 0,7 (Caley Graphics) oder 0,8 (xGPhilosophy) – alleine das Tor sind rund zwei Drittel davon. Österreich beendete das Match mit 2,1 (BtP) bzw. 2,2 (Caley) oder 2,6 (xGP).

…aber wieder großes Loch beim Aufrücken

Sehr wohl deutlich zu erkennen war allerdings wiederum das große Loch zwischen aufgerücktem Mittelfeld und zumeist wieder maximal bis zur Mittellinie aufrückender Abwehr. Wie schon in den beiden Qualifikationsspielen (4:1 in Skopje und 2:1 in Wien) bespielten die Mazedonier dieses Loch nicht mit großem Erfolg: Die Dreierkette ermöglichte es Österreich, sich unter der Regie von Alaba passender zu staffeln und letzlich fehlte es den Mazedoniern auch einfach an der Qualität.

Sich darauf zu verlassen, dass solche potenziellen Kontersituationen aber auch gegen Holland und die Ukraine so wegverzögert werden wie gegen Nordmazedonien, ist aber wohl ein gefährliches Spiel. Dänemark hat’s im März gezeigt.

Adaptierung von Alabas Rolle

Ab ca. Minute 65

Sabitzer genoss seine Freiheiten in der ersten Hälfte zwar, aber ansonsten war nicht viel zu sehen, was Laufwege anging. Nicht nur, dass sich selten Mitspieler für kurze Pässe anboten, es wurden auch keine anderen Räume mit geschickten Laufwegen aufgemacht, der Verbund der Mazedonien getestet oder sich gar in den Strafraum kombiniert.

Nach etwa einer Stunde wurde bei Österreich die Rolle von David Alaba adaptiert. Er wechselte mit Martin Hinteregger die Plätze: Hinteregger war damit der zentrale Mann in der Dreierkette, Alaba der linke. Somit konnte Alaba in den extrem offenen freien Raum vor ihm beinahe nach Belieben vorstoßen – Mazedoniens Trainer Angelovski hatte zu diesem Zeitpunkt Bardhi von Sabitzer abgezogen und mit Kostadinov einen neuen, defensiveren Spieler zum Leipzig-Legionär gestellt.

Schwächen der Mazedonier angebohrt

So hatte Österreich nun einen Spieler mehr, der mit Tempo aus der Tiefe in die Räume stoßen konnten; mit Arnautovic und Gregoritsch waren auch zwei frische Spitzen auf dem Feld. Das ÖFB-Team hatte seit Kalajdzic‘ von Dimitrievski pariertem Schuss in der 22. Minute keinen einzigen Torschuss mehr abgegeben. Mit diesen vorgenommenen Umstellungen brachte man wieder Schwung in das kontrollierte, aber ohne Torgefahr vor sich hin plätschernde Spiel zu bringen.

Man kam nun zwar immer noch nicht in den Strafraum, bohrte aber eine markante Schwäche bei den Mazedoniern an: Obwohl drei Innenverteidiger vor Torhüter Dimitrievski lauerten und die Box verbarrikadierten, waren sie erstaunlich anfällig bei weiten Hereingaben von den Außenbahnen. Das 1:0 durch Lainer war schon so entstanden, Kalajdzic‘ Chance kurz danach ebenso, und in der 78. Minute fand sich auch niemand, der Gregoritsch nach Alabas Flanke entscheidend am Treffer hinderte.

Rückzug und Konter zur Entscheidung

Mit dem 2:1 im Rücken zog sich Österreich wie gewohnt weit zurück und erwartete die Mazedonien in der eigenen Hälfte – so weit hinten stand Andi Ulmer im ganzen Spiel nicht wie in der Schlussivertelstunde. Was schon in einer Phase nach Beginn der zweiten Halbzeit so gewirkt hatte, war nun auf jeden Fall so: Mazedonien musste kommen, es ergaben sich Räume für Österreich.

In der 89. Minute schloss Arnautovic einen solchen Gegenstoß zum 3:1-Endstand ab. Der erste Sieg für Österreichs Herren bei der dritten EM-Teilnahme war in trockenen Tüchern.

Fazit: Zunächst zäh, aber Umstellungen wirkten

Das durchdachte Freispielen von Sabitzer war in einer recht zähen ersten Hälfte das einzige, was bei Österreich wirklich gut funktionierte. Der Aufbau war statisch, produktive Laufwege kaum Vorhanden; wieder mussten sich die Ballführenden die Mitspieler suchen anstatt umgekehrt. Das 1:0-Führungstor fiel praktisch aus dem Nichts und danach kam auch 40 Minuten lang wieder so gut wie Nichts. Nordmazedonien war bemüht, aber zumeist harmlos.

Anders als gewohnt war es diesmal aber Franco Foda, der nach einer Stunde an den Stellschrauben drehte und damit das Spiel in Österreichs Richtung kippen ließ – es wurde nicht gewartet, dass der andere was macht, sondern selbst agiert. Die Belohnung war eine deutliche Steigerung in der Schlussviertelstunde, die mit dem verdienten Arbeitssieg belohnt wurde.

Da Holland das Abendspiel gegen die Ukraine nach einer turbulenten Schlussphase doch noch gewonnen hat und die Ukraine damit eben nicht den Bonuspunkt gegen den Gruppenfavoriten geholt hat, kann das ÖFB-Team nun am Donnerstag in Amsterdam ohne den ganz großen Druck auflaufen. Das ist ein Luxus, den man nach dem 0:2 vor fünf Jahren gegen Ungarn nicht hatte, als gegen Portugal im zweiten Match schon „Verlieren Verboten“ galt.

Der 3:1 über Nordmazedonien ist dabei der erste Endrunden-Sieg für Österreich nach neun sieglosen Spielen (vier Remis, fünf Niederlagen). Beim letzten Erfolg, dem 2:1 über die USA in Florenz im letzten Gruppenspiel der WM 1990, gab es den nunmehrigen Gegner noch gar nicht als eigenständiger Staat.

Der letzte Sieg Österreichs bei einer Endrunde: Der 2:1-Erfolg über die USA bei der WM 1990.
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