Dunga – Ballverliebt https://ballverliebt.eu Fußball. Fußball. Fußball. Tue, 18 Nov 2014 21:30:13 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.7.2 Österreich testet gegen Brasilien Defensiv-Konzepte – erfolgreich, trotz 1:2 https://ballverliebt.eu/2014/11/18/oesterreich-testet-gegen-brasilien-defensiv-konzepte-erfolgreich-trotz-12/ https://ballverliebt.eu/2014/11/18/oesterreich-testet-gegen-brasilien-defensiv-konzepte-erfolgreich-trotz-12/#comments Tue, 18 Nov 2014 21:30:13 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=10691 Österreich testet gegen Brasilien Defensiv-Konzepte – erfolgreich, trotz 1:2 weiterlesen ]]> Wie verteidige ich gegen einen wirklich starken Gegner – von vorne bis hinten? Unter diesem Motto stand recht offensichtlich das letzte Länderspiel des Jahres für das ÖFB-Team. Obwohl ein an sich irreguläres Tor nach einem Eckball und ein unhaltbarer Weitschuss für einen 2:1-Sieg der weitgehend lustlosen Brasilianer sorgten, war es aber ein guter Test. Vor allem mit Blick auf die schweren Quali-Auswärtsspiele im Jahr 2015.

Österreich - Brasilien 1:2 (0:0)
Österreich – Brasilien 1:2 (0:0)

Grundsätzlich agierten beide Teams mit einem sehr ähnlichen System: Sowohl Marcel Koller als auch Carlos Dunga setzten auf ein 4-4-1-1, in dem die hängende Spitze (Junuzovic bzw. Neymar) oftmals praktisch auf einer Höhe mit dem vordersten Mann agierte. Die Aufgaben der beiden waren aber völlig unterschiedlich ausgelegt.

Hohes Verteidigen

Wenn sich der Ball bei Brasiliens Abwehrkette befand, rückten Junuzovic und Okotie auf annähernd eine Höhe und isolierten damit Luiz Gustavo. Weil gleichzeitig Fernandinho im Deckungsschatten der beiden (als zwischen Juno/Okotie und der brasilianischen Abwehr) befand, wurde der Aufbau der Brasilianer auf die Flügel gelockt – weg vom Zentrum, weg von Neymar. Zudem wurden die Außenverteidiger Danilo und Filipe Luis oft recht schnell attackiert.

Wirklich aktiv die brasilianische Spieleröffnung liefen Junuzovic und Okotie aber nur sehr selten an, am Auffälligsten in der 29. Minute, als man Brasilien zwang, den Ball zu Goalie Diego Alves zurückzuspielen, der die Kugel dann nach vorne drosch.

Verteidigen im Zentrum

Einen Stock weiter hinten, also im Mittelfeld, hatte Österreich ebenfalls eine Strategie am Start, wie man den Gegner behindern kann. Weder Luiz Gustavo noch Fernandinho sind echte Spielgestalter von hinten heraus, darum mussten Brasilien Flügelspieler Oscar und Willian immer wieder recht weit einrücken, um im Mittelkreis bzw. dessen Nähe so etwas wie Kreativität zu etablieren.

Im Gegenzug aber schoben Österreichs Mittelfeld-Außen Harnik und Aranautovic ebenso Richtung Ball, also ins Zentrum, und stellten somit eine Überzahl in Ballnähe her und verengten den Raum für den brasilianischen Aufbau gezielt. Nur hin und wieder gelang es, mal einen Ball zu Neymar durchzustecken. In diesen Fällen war aber vor allem der wie schon gegen Russland überragend agierende Dragovic zur Stellen.

Verteidigen mit Spezial-Variante

Gegen Ende der ersten Hälfte packte Österreich eine ganz besondere Variante aus, um die Räume eng zu machen. Die Vierer-Abwehrkette schob dabei eng zusammen; die Mittelfeld-Außen Harnik und Arnautovic gaben die Wing-Backs, und – der Clou: Zlatko Junuzovic ließ sich auf die halbrechte Seite zurück fallen.

So stand Ilsanker als Sechser vor einer dicht massierten Abwehr, mit Junuzovic rechts und Kavlak links vor ihm in den Halbpositionen. So war der Strafraum von allen Seiten massiv abgedeckt und die Brasilianer kamen erst recht nicht durch.

Mit diesen verschiedenen Verteidungs-Formen der Österreicher, verbunden mit der generellen Bewegungs-Armut der Seleção, bremste die Angriffsbemühungen der Gäste enorm. Brasilien hatte zwar bei zwei Drittel Ballbesitz, konnte aber recht wenig damit anfangen.

Brasilien ohne Esprit

Der WM-Vierte erinnerte so ein wenig an den Auftritt von England im Happel-Stadion beim Test-0:0 im Herbst 2007: Frei nach dem Motto „Wir sind hier, weil der Verband das für eine gute Idee hielt, aber wirklich interessieren tut’s uns nicht“. Es fehlte die Bewegung, es fehlte der Esprit, es fehlte das Tempo, es fehlte komplett die Verve eines Ernstkampfes.

Erst in der zweiten Hälfte packten die Brasilianer auch mal ein paar Varianten aus, die es den Österreichern ein wenig schwerer machen sollten, das Spielgeschehen zu kontrollieren. Vor allem, wenn der Ball tief in der österreichischen Hälfte war, pressten dann die Gäste auf die Spieleröffnung. War die erste Pressing-Linie aber überspielt, also der Ball rund 10 bis 15 Meter vor der Mittellinie folgte der blitzartige Rückzug in die Grundformation und wurden Räume enggemacht statt Österreicher angegangen.

Firmino zentral, Neymar weicht aus

Als Roberto Firmino für den kaum am Spiel teilnehmenden Luiz Adriano kam, übernahm der Hoffenheimer vermehrt alleine das offensive-Zentrum, während Neymar immer mehr auf die Flügel auswich. Das zwang im Gegenzug Weimann (der für Junuzovic gekommen war), gegen Firmino sehr tief zu agieren – also kaum höher als Kavlak und Ilsanker. Aus dem österreichischen 4-4-1-1 wurde so ein 4-5-1, in dem nur Harnik vorne agierte – der für Okotie eingewechselte Sabitzer wechselte dafür auf rechts.

Keines der drei Tore hatte im Übrigen viel mit taktischen Varianten oder einstudierten Spielformen zu tun – David Luiz‘ Tor nach einem Eckball ebensowenig wie Oscars patschertes Foul an Weimann, das zum Elfmeter führte, und Firminos Weitschuss zum 2:1-Sieg.

Fazit: Verteidigungs-Formen gut testen können

Dass Brasilien mit ziemlich deutlich angezogener Handbremse agierte und der Sieg eher schmeichelhaft war – ein Remis hätte der Partie sicherlich eher entsprochen – ist vielleicht etwas ärgerlich, aber das ÖFB-Team konnte dennoch verschiedene Verteidigungs-Formen testen, die gegen wirklich starke Gegner – und womöglich auch in den schweren Quali-Auswärtsspielen in Stockholm, Podgorica und (vermutlich) Moskau – durchaus zur Anwendung kommen können.

Bis zu einem gewissen Grad wurde mit diesem Test gegen den fünffachen Weltmeister also ein Auswärtsspiel getestet, in dem man auf verschiedene Varianten reagieren muss und zwischen diesen hin- und herswitchen können muss. Das ist über weiter Strecken absolut gelungen. Daher kann man auch trotz des Resultats von einem durchaus gelungenen Testlauf sprechen.

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WM-Geschichte für Einsteiger (4) https://ballverliebt.eu/2014/06/12/wm-geschichte-fuer-einsteiger-4/ https://ballverliebt.eu/2014/06/12/wm-geschichte-fuer-einsteiger-4/#comments Thu, 12 Jun 2014 04:16:12 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=10312 WM-Geschichte für Einsteiger (4) weiterlesen ]]> Eine Weltmeisterschaft, das war immer auch ein Treffen der Weltanschauungen. Die spielerischen Brasilianer, die giftigen Argentinier und die bärbeißigen Urus aus Südamerika. Dazu die athletischen Deutschen, die disziplinierten Italiener, die kampfstarken Engländer, die schöngeistigen Holländer und die permanent unter Wert geschlagenen Spanier. Dazu ein paar lustige, aber chancenlose Farbtupfer von anderswo her. In den 1990er-Jahren aber weichte dieses Bild aber zunehmend auf. Außenseiter aus allen Kontinenten stießen plötzlich in ungeahnte Gefilde vor. Die Fußballwelt globalisierte.

1994 – Auf zu neuen Ufern

Bei der 15. Endrunde betrat man erstmals geographisches Neuland – bis dahin hatte die WM immer in Europa oder Lateinamerika stattgefunden. Das Globalisierungsdenken der FIFA führte dazu, dass man Fußball-Entwicklungsland USA das Turnier veranstalten lässt, einem Land, das neun Jahre nach dem Ende der NASL nicht mal eine eigene Liga hatte, das seit 44 Jahren kein WM-Spiel gewonnen hatte und 1990 erstmals nach 40 Jahren überhaupt dabei war. Dennoch war der Zuschauer-Zuspruch enorm, der Schnitt von 69.000 pro Match wurde nie wieder auch nur annähernd erreicht. Es hat aber auch sonst kein Land eine derartige Masse an Riesen-Arenen, der NFL sei Dank.

Und waren es bislang immer nur einzelne Außenseiter, die im Turnierverlauf weit kommen, startete nun die Zeit, in der das zum Massenphänomen wurde. Natürlich auf Kosten der arrivierten Teams. Argentinien etwa wurde durch Diego Maradonas positiven Dopingtest nicht stärker, blieb im Achtelfinale hängen – an Rumänien. Top-Favorit Deutschland schwächte sich durch die Stinkefinger-Affäre von Stefan Effenberg selbst, scheiterte im Viertelfinale – an Bulgarien. Kolumbien, als Mitfavorit zur WM gefahren, überstand nicht einmal die Vorrunde und Verteidiger Andres Escobar wurde zehn Tage nach seinem Eigentor gegen die USA in der Heimat umgebracht. Andererseits kamen krasse Außenseiter mit gutklassigen Kadern und Spielern, die in ganz Europa verstreut spielten, sehr weit – wie die Semifinalisten Schweden und Bulgarien, wie Viertelfinalist Rumänien. Die Zeiten, in denen nur Nationalmannschaften aus Ländern mit starken Ligen erfolgreich sein konnten, war vorbei, weil nun auch die Kicker aus anderen Ländern in diesen guten Ligen spielten.

Brasilien - Italien 0:0 n.V., 4:2 i.E.
Brasilien – Italien 0:0 n.V., 4:2 i.E.

Nur zwei „Große“ hatten die Viertelfinals überstanden, und letztlich trafen sich Brasilien und Italien dann auch im Finale. Die Azzurri unter Arrigo Sacchi spielten jenes kompakte Raumdeckungs-Spiel, mit dem das große Milan unter Sacchi so erfolgreich war. Bei Brasilien wurde der etatmäßige Kapitän Raí schon in der Vorrunde wegen Verhaltens-Auffälligkeiten rasiert. Carlos Alberto Parreira ließ ein zutiefst un-brasilianisches Spiel spielen, pragmatisch, sichere Defensive, nichts zulassen. Die Folge war ein Finale, das sich zog.

120 Minuten lang kaum eine echte Torchance produzierte. Und so das erste WM-Finale wurde, das im Elfmeterschießen entschieden wurde. Nach dem Fehlschuss von Roby Baggio jubelte die Seleção über den vierten Titel. Dass Carlos Dunga, der wegen seiner taktischen Disziplin „der Deutsche“ genannt wurde, Kapitän dieses Teams war, war kein Zufall.

1998 – Intervention von oben

Auf der Bank saß beim Triumph in der Rose Bowl bereits ein 17-jähriger Nachwuchsstürmer, der vier Jahre später der große Star des Turniers in Frankreich werden sollte: Ronaldo. Mit Mario Zagallo hatte der Weltmeister-Trainer von 1970 das Ruder wieder übernommen und von einer (bedeutungslosen) Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen Norwegen abgesehen ging zunächst auch alles glatt. Was man von anderen nicht behaupten konnte, setzte sich doch der schon in Amerika begonnene Trend der starken Außenseiter und der schwächelnden vermeintlichen Top-Teams fort.

Spanien etwa blieb nach einer Pleite gegen Nigeria schon in der Vorrunde kleben, die Deutschen würgten sich ins Viertelfinale und wurden dort von Kroatien zerlegt, England spielte einen schönen Mist und musste nach Beckhams Auszucker im Achtelfinale auch früh heim. Dafür zeigte Dänemark herzerfrischenden Fußball und brachte Brasilien im Viertelfinale an den Rand der Niederlage, butterte Kroaten bei der ersten WM-Teilnahme als eigener Staat auf, wirbelte sich ins Halbfinale und führte dort sogar

Bei Gastgeber Frankreich war der störrische Teamchef Aimé Jacquet schon vor dem Turnier ein Feinbild der Medien, weil der Erz-Pragmatiker Weltklassespieler wie Eric Cantona und David Ginola nicht berief und er stattdessen auf eine gut zusammengeschweißte, aber auch irgendwie langweilige Truppe setzte. Verlängerung gegen Paraguay, Elferschießen gegen Italien, purer Wille gegen Kroatien – aber man schaffte es ins Finale.

Frankreich - Brasilien 3:0 (1:0)
Frankreich – Brasilien 3:0 (2:0)

Vor dem Ronaldo einen epileptischen Anfall erlitt, er daher auch von Zagallo nicht in die Start-Elf berufen wurde, zur allgemeinen Verwirrung. Es muss Druck von oben gegeben haben – Verband? Nike? Vielleicht sogar die FIFA? – jedenfalls spielte Ronaldo dann doch. Oder besser: Er war auf dem Platz, taumelte aber mehr nur über das Spielfeld und war von seiner Top-Form, die er beim Turnier zeigte, meilenweit entfernt.

Mit de facto zehn Mann am Platz und mit ihrem Besten im Grunde nicht involviert fand Brasilien keine Antwort auf die beiden Kopfballtore, die Zinedine Zidane jeweils nach Eckbällen erzielte. So gewann der aufstrebende Star seiner Zeit nach verlorenen Europacup-Finals 1996, 1997 und 1998 nun doch endlich mal was Großes. Nicht mal Marcel Desaillys Ausschluss halb durch die zweite Hälfte konnte daran etwas ändern und Emmanuel Petit sorgte in der Nachspielzeit den 3:0-Endstand. Frankreich war der erste neue Weltmeister seit 20 Jahren.

2002 – Sportliches Chaos

Die Equipe Tricolore dominierte in den Jahren danach den europäischen Fußball, wurde als klar beste Mannschaft des Turniers 2000 Europameister. In der Tat hieß es vor der WM 2002 in Japan und Südkorea – wieder betrat man mit der ersten Endrunde in Asien Neuland – dass nur zwei Teams Weltmeister werden können, weil sie um so viel besser sind als alle anderen: Frankreich und Argentinien.Schon im Achtelfinale aber war keines der beiden Teams übrig.

In einer WM, die man nicht nach rationalen Gesichtspunkten erklären kann. Japan und Südkorea, zwei historische Feinde, wurden zusammengespannt, aber jeder wollte eigentlich seine eigene WM haben. So kam jedes der beiden Länder mit zehn modernen Stadien daher – also 20 Arenen für die 64 Spiele. Durch die extreme Klub-Saison in Europa mit der Zwischenrunde in der Champions League, durch den ungewöhnlich frühen Start der WM bereits im Mai und durch die hohe Hitze und die Luftfeuchtigkeit waren alle Prognosen schnell für die Würste.

Neben Frankreich und Argentinien war auch EM-Halbfinalist Portugal schon nach der Vorrunde draußen, eine seltsam leblose italienische Auswahl nach dem Achtelfinale, mit der Folge, dass Perugia-Präsident Gaucci den bei ihm angestellten Ahn Jung-Hwan, dessen Tor Italien besiegt hatte, feuern wollte. Dafür trumpften Außenseiter auf. Der Senegal etwa, der Frankreich im Eröffnungsspiel besiegt hatte, eine davor und danach im Weltfußball absolut inexistente Mannschaft, kam ins Viertelfinale. Die Türkei, die eine der aufregendsten Mannschaften waren, kamen ins Halbfinale, ebenso wie Co-Gastgeber Südkorea (wenn auch mit ein wenig Hilfe der Referees), ein ausgesprochen biederes US-Team hatte im Viertelfinale Deutschland am Nasenring durchs Stadion gezogen und verlor mit sehr viel Pech 0:1.

In Deutschland hatte man im Vorfeld angesichts der nicht vorhandenen Klasse diskutiert, ob man überhaupt nach Asien fliegen und sich die Blamage des allseits erwarteten Vorrunden-Aus überhaupt antun sollte, Brasilien spielte eine Katastrophen-Quali, verschliss dabei zwei Trainer und erst Luiz Felipe Scolari brachte Ruhe rein und den RoRiRo-Angriff mit Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho so richtig zum funktionieren. Dass sich Kapitän und Mittelfeld-Stratege Emerson bei einem Jux-Kick im Training, wo er aus Gaudi als Torwart agierte und dabei die Schulter auskegelte, hatte angesichts des puren Chaos dieses Turniers keine aufhaltende Wirkung.

Brasilien - Deutschland 2:0 (0:0)
Brasilien – Deutschland 2:0 (0:0)

Vor allem, weil Ronaldo nach einer Serie von schweren Verletzungen und nach Jahren des Leidens ein nicht mehr für möglich gehaltenes Comeback feierte. Er traf in jedem einzelnen WM-Spiel und profitierte auch davon, dass sich der einzige Grund für die Final-Teilnahme der deutschen Mannschaft – der überragende Torhüter Oliver Kahn – seinen ersten echten Fehler bei diesem Turnier für die 67. Minute des Finales aufgehoben hatte. Kahn ließ, nachdem Deutschland auch ohne den gelbgesperrten Michael Ballack eine erstaunlich gute Figur gemacht hatte, einen Schuss von Rivaldo prallen und Ronaldo staubte ab. Elf Minuten später ließ Rivaldo für Ronaldo durch, dieser zog ab, das 2:0. Die Entscheidung, der fünfte Titel für Brasilien und die persönliche Wiedergutmachung für Ronaldo.

2006 – Sommermärchen

In Deutschland passierten 2006 drei erstaunliche Dinge, mit denen nach den Erfahrungen der Vergangenheit nicht unbedingt zu rechnen war. Zum einen, dass das Team des Gastgebers nach wenigen guten, aber ziemlich vielen ziemlich schlechten Turnieren seit dem Titel 1990 plötzlich wieder ein ernst zu nehmender Faktor war, den man sich angesichts der flotten Spielweise auch gut ansehen konnten. Zweitens, dass das im Land der Humorlosen und Stocksteifen so etwas wie einen neuen Patriotismus auslöste, bei dem man sich nicht gleichzeitig für den 2. Weltkrieg entschuldigen muss – Stichwort „Sommermärchen“.

Und drittens, dass es plötzlich mit allen anderen sportlichen Überraschungen vorbei war. Zwei Jahre davor hatte Griechenland noch die Europameisterschaft gewonnen, aber nach den vielen Mittelklasse-Teams in Viertel- und Halbfinals bei den drei WM-Turnieren davor lief nun wieder alles erstaunlich nach Plan. Schon im Viertelfinale war nur noch ein einziges Team dabei, das man dort vor dem Turnier nicht unbedingt erwartet hatte, und die Ukraine haben auch nur aufgrund einer günstigen Auslosung und eines Elferschießen-Sieges gegen die Schweizer im Achtelfinale dorthin. Und war beim 0:3 gegen Italien auch chancenlos. Doch sonst war alles irgendwie wie früher: Den Teams, die in der Vorrunde aufgeigen (diesmal: Argentinien, Spanien) ist ein frühes Aus beschieden. Den Teams, die langsam loslegen (diesmal: mal wieder Italien und ganz extrem Frankreich) gehören die entscheidenden Spiele. So beendete Italien mit Toren in den Minuten 119 und 122 die Finalhoffnungen der Gastgeber und in Zidanes letztem Turnier ein Elfer im Halbfinale die Finalhoffnungen von Figo in seinem letzten Turnier.

Italien - Frankreich 1:1 n.V. (1:1, 1:1), 5:3 i.E.
Italien – Frankreich 1:1 n.V. (1:1, 1:1), 5:3 i.E.

Wie schon 1982 kam Italien mit einem Serie-A-Skandal im Rücken zur Endrunde, und wie 1982 war es auch ein davon ausgelöstes „Jetzt-Erst-Recht“-Gefühl, das die Mannschaft immer mehr zusammen schweißte. Im Finale brachte ein frühes Gegentor von Zidane aus einem unter die Latte gezitterten Elfer Italien auch nicht aus der Ruhe, wenige Minuten später glich Innenverteidiger Materazzi nach einer Ecke aus.

Bei diesem 1:1 blieb es auch lange, bis in die Verlängerung, bis auch zu jenem Zeitpunkt, an dem sich Zidane vom nicht gerade mit Universitäts-Diploma überhäuften Materazzi provozieren ließ und zum Stier wurde, der seinen Gegner per Kopfstoß in die Brust fällte. Die rote Karte für Zidane in seinem letzten Spiel, einem WM-Finale, gab zwar ein emotionales Bild ab, als er am bereitstehenden Pokal vorbei in die Katakomben schlich, hatte aber für den Ausgang des Spiels bzw. des Elferschießens keine Auswirkung. Zidane wäre im Shoot-Out als letzter Franzose drangewesen. Dazu kam es nach Trezeguets Lattenschuss aber nicht mehr. Italien war Weltmeister.

2010 – Öööööööööööööööööööööööö

Sepp Blatter war beleidigt. Der FIFA-Boss hätte schon 2006 die WM gerne in Südafrika gesehen, das Exekutiv-Komitee machte ihm aber einen Strich durch die Rechnung. Also erfand sich der Blatter-Sepp ein wunderbares Prinzip, um seinen Willen durchzusetzen: Die Kontinental-Rotation. Blatter sagt, für die WM 2010 dürfen sich nur afrikanische Länder bewerben. Prompt bekam er mit Südafrika seinen Wunsch. Und nachdem auch endlich Südamerika 2014 wieder eine WM bekam, mit Brasilien als einzigem Bewerber (die wohl langweiligste Host Selection ever), war’s mit der Kontinental-Rotation auch schon wieder vorbei.

Schnell vorbei war die WM 2006 ja für Brasilien gewesen, man agierte wie eine Ansammlung von Feuerhydranten (eher bewegungsarm) und schied im Viertelfinale aus. Für das Turnier in Südafrika sollte Carlos Dunga die richtige Mischung aus Pragmatismus und Angriff finden – umsonst, wieder war im Viertelfinale Schluss. Der andere Favorit, Europameister Spanien, setzte dafür eher auf die ultimative Form des Defensiv-Fußballs – Ballbesitz Ballbesitz Ballbesitz. Und die Zuseher in Südafrika setzten auf ihr bewährtes Mittel zur Herstellung von Stadion-Sound: der Vuvuzela. Ööööööööö.

Auch die gewöhnungsbedürfte Kulisse konnte aber nicht verhindern, dass Südafrika als erster Gastgeber überhaupt jemals die Vorrunde nicht überstand. Einige Nebengeräusche gab es auch bei Frankreich, wo die Spieler ihren Teamchef Domenech, der ihnen mit seiner schrulligen, esoterischen und gleichzeitig überstrengen Art schon seit Jahren mächtig auf den Sack gegangen war, boykottiertern. Deutlich unspektakulärer war da schon das Vorrunden-Aus von Titelverteidiger Italien. Man war einfach nicht gut genug.

Das Turnier verlief weitgehend pannenfrei (wenn man vom englischen Torhüter Rob Green absieht) und es gab auch wieder die eine oder andere Überraschung, allen voran Uruguay. Das kleine Land zwischen Argentinien und Brasilien, das zuletzt über 50 Jahre davor so etwas wie echte fußballerische Relevanz hatte, schaffte es angetrieben von Diego Forlán und der Handarbeit von Luis Suárez bis ins Halbfinale. Auch mit Ghana und Paraguay unter den letzten Acht konnte man nicht unbedingt rechnen. So sehr das Turnier aber lange ein Festival der südamerikanischen Teams war – nur eines der 14 Vorrunden-Spiele verlor das CONMEBOL-Quintett und auch im Achtelfinale flog man nur gegen Seinesgleichen aus dem Turnier – trafen sich im Finale dennoch mit Europameister Spanien und mit Holland zwei euopäische Teams. Womit erstmals ein solches außerhalb des eigenen Kontinents Weltmeister wurde.

Spanien - Niederlande 1:0 n.V.
Spanien – Niederlande 1:0 n.V.

Im Endspiel tat Oranje dann alles, um das mühsam über Jahrzehnte aufgebaute Image des schöngeistigen Angriffs-Fußballs in Rekordzeit zu zerstören. Man trat auf alles ein, was sich nicht rechtzeitig aus dem Staub machen konnte, Nigel de Jong durfte trotz eines Kung-Fu-Tritts gegen Xabi Alonso weitermachen, insgesamt verteilte Referee Webb zehn gelbe Karten alleine gegen Holland, davon zwei gegen John Heitinga. Spanien behielt aber immer den Kopf oben, ließ sich nicht zu Revanche-Fouls hinreißen und wurde dafür belohnt, indem Arjen Robben alleine auf Casillas zulaufend vergab.

Als man sich schon auf ein Elfmeterschießen nach 120 torlosen Minuten eingestellt hatte, traf Andrés Iniesta nach 116 Zeigerumdrehungen doch noch zum Sieg. Womit Spanien der erste Premieren-Weltmeister seit Brasilien 52 Jahre davor wurde, der den ersten Titel nicht im eigenen Land eingefahren hat. Einen neuen Weltmeister kann es 2014 auch geben. Aber ein neuer Weltmeister mit Heimvorteil? Das geht sich nicht aus.

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VF1 – Die Seleção eliminiert sich selbst https://ballverliebt.eu/2010/07/02/die-selecao-eliminiert-sich-selbst/ https://ballverliebt.eu/2010/07/02/die-selecao-eliminiert-sich-selbst/#comments Fri, 02 Jul 2010 17:43:18 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=2416 VF1 – Die Seleção eliminiert sich selbst weiterlesen ]]> Südafrika 2010 – Viertelfinale 1 | Der erste der beiden Topfavoriten ist raus – wie vor vier Jahren scheitert Brasilien im Viertelfinale. Allerdings nicht nur an Holland, sondern zu einem großen Teil auch an sich selbst! Denn während Oranje im Rückstand ruhig blieb, schmiss die Seleção die Nerven weg.

Holland – Brasilien 2:1 (0:1)

Holland - Brasilien 2:1

Die schiefe Formation der Seleção sollte das eher starre 4-2-3-1 der Holländer vor Probleme stellen, so hatte es Dunga geplant – und im Grunde ging es auch auf. RV Gregory van der Wiel hatte mit Robinho, der wie gewohnt einen Linksaußen gab, viel zu tun und sowar Arjen Robben, der rechte Offensivmann im holländischen Team, ziemlich auf sich alleine gestellt. Gegen LV Bastos hatte er Probleme, weswegen er oft schon früh in die Mitte zu – zu früh, denn dort wartete erst Felipe Melo auf ihn, und in letzter Instanz immer noch Juan. Daher verpuffte Robben in der ersten Hälfte einigermaßen wirkungslos.

Robinho hatte links einige Freiheiten und wurde viel von Kaká und Luís Fabiano (denen allerdings nicht allzu viel gelang) ganz gut unterstützt – und er nützte auch die Abstimmungsschwierigkeiten in der holländischen Abwehr zum frühen 1:0 aus. Ooijer (der kurufristig für den beim Aufwärmen verletzten Mathijsen in der IV einsprang) und Van der Wiel passten nicht auf, Heitinga verlor ebenso den Überblick, sodass Felipe Melos Traumpass steil in den Lauf von Robinho die Brasilianer schnell in Front brachte.

Auf der rechten Offensivseite der Brasilianer gab es keinen echten Stürmer, dafür hatten Dani Alves als RM und Maicon als RV ziemlich Narrenfreiheit. Denn der holländische LV Van Bronckhorst hatte dem Tempo der beiden überhaupt nichts entgegen zu setzen, De Jong war mehr mit Kaká beschäftigt und Dirk Kuyt musste so extrem viel Defensivarbeit leisten, was sich logischerweise hemmend auf seinen Vorwärtsdrang auswirkte. Wenn sich Van Brockhorst auf die Verfolgung von Alves machte (was meistens der Fall war), hatte Maicon Platz ohne Ende – und wenn er sich von Alves löste, nützte dieser wiederum seine Freiheiten. So brachte Dunga auf seine rechte Seite ein Übergewicht, indem er weniger Leute aufgestellt hatte als auf seine linke.

Die beiden Sechser der Holländer, De Jong und Van Bommel, standen einigermaßen hoch und verlegten sich auf Zustellen der Passwege, anstatt auf das Zustellen der Anspielstationen für den brasilianischen Spielaufbau. Das war einigermaßen riskant und ging auch immer mal wieder schief, im Großen und Ganzen funktionierte das allerdings ganz okay. Wirklich gefählirch wurde die Seleção wenn, dann über die Außen. Viel Spielfluss kam in der ersten Hälfte aber ohnedies nicht zu Stande, und aus Standardsituationen wurde Oranje nicht allzu gefährlich. Sneijder und Van Persie versuchten, sich der Umklammerung des brasilianischen DM zu entziehen, indem sie sich noch weiter nach vorne postierten. Ohne allerdings, das dies viel gebracht hätte.

So hatte Brasilien das Spiel recht sicher im Griff und hätte eigentlich schon zur Pause höher führen können, wenn nicht müssen. Die Partie begann sich erst zu drehen, als die Holländer aus einer Zufallsaktion zum Ausgleich kamen – Sneijders an sich harmlose Flanke wurde von Felipe Melo über den ungestüm herauslaufenden Torhüter Júlio César verlängert, beide sahen dabei nicht gut aus. Somit stand es wie aus dem Nichts 1:1 und die Holländer waren zu einem Ausgleich gekommen, der aufgrund auch der taktischen Kräfteverhältnisse nicht berechtigt war.

Die Seleção zeigte aber schnell Nerven, und Dunga musste den gelb-rot-gefährdeten Bastos aus der Partie nehmen, um nicht eine vermeidbare Unterzahl zu riskieren. Da die Holländer nun Lunte gerochen hatten, ließen sie den Druck, der nun immer mehr auch über die Seite von Dirk Kuyt kam, nicht entweichen und gingen dann sogar in Führung – wieder nicht herausgespielt, aber doch. Bei einem simplen Eckball schlief die komplette Abwehr, Lúcio etwa war nicht einmal in der Nähe des Tores, und der wahrlich nicht als Kopfballungeheuer bekannte Wesley Sneijder köpfte aus einem Meter Entfernung zum Tor unbedrängt zum 2:1-Führungstreffer ein.

Die Brasilianer schmissen ob der völlig unnütig aus der Hand geglittenen Partie nun vollends die Nerven weg, vor allem Felipe Melo – er musste nach einem Tritt gegen den am Boden liegenden Robben korrekterweise mit Rot vom Platz. Die Stuktur im Spiel der Brasilianer war nun komplett dahin, und die Holländer konnten sich gegen die wild, aber völlig unkoordiniert anrennende Seleção einigermaßen sicher die Zeit hinunterticken lassen.

Dani Alves zog nun mehr ins Zentrum, Nilmar (für Luís Fabiano gekommen) sollte vorne mit etwas mehr Spielstärke für die Wende sorgen, zudem ging dann sogar Innenverteidiger Lúcio als kopfballstarker Brecher als zweite Spitze mit nach vorne; Júlio César war immer mehr Libero als Torhüter. Doch es fehlte ohne Felipe Melo zum einen und ohne die nötige Ruhe zum Anderen komplett an genau jener Struktur, welche den Brasilianern im Turnierverlauf die Souveränität verliehen hatte. So waren bis zum Schluss die Holländer über ihre Konter einem 3:1 näher als Brasilien dem Ausgleich.

Fazit: Brasilien hat nicht verloren, weil die Holländer die spielerisch oder inhaltlich bessere Mannschaft gewesen wäre, sondern weil Oranje auch im Rückstand die Nerven bewahrt hat und bei den Toren auch ein wenig Glück hatte. Die Seleção war zum ersten Mal in diesem Turnier in einem Spiel hinten und das Team konnte damit ver allem nervlich nicht umgehen. Und ohne die nötige Ruhe war ein geordnetes Angriffsspiel schlicht und einfach nicht möglich.

(phe)

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AF 5 & 6 | Trockene Favoriten https://ballverliebt.eu/2010/06/28/af-5-6-trockene-favoriten/ https://ballverliebt.eu/2010/06/28/af-5-6-trockene-favoriten/#respond Mon, 28 Jun 2010 21:28:40 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=2393 AF 5 & 6 | Trockene Favoriten weiterlesen ]]> Südafrika 2010 – Achtelfinals 5 und 6 | Die beiden Favoriten in der oberen Hälfte des WM-Brackets gaben sich keine Blöße: Holland kommt zu einem nie gefährdeten Sieg gegen biedere Slowaken, die Brasilianer zu einem klaren Erfolg gegen allerdings mutige Chilenen.

Holland – Slowakei 2:1 (1:0)

Holland - Slowakei 2:1

Arjen Robben von Beginn an – das war die große Änderung bei den Holländern. Der Bayern-Star ging auf die rechte Seite im 4-2-3-1, Kuyt rückte dafür auf links. Und die Tatsache, dass der taktisch undisziplinierte Van der Vaart nicht dabei war, tat dem Spiel der Holländer inhaltlich extrem gut: Ohne Van der Vaart, der ständig seine Flanke verließ, spielten die Holländer gleich wesentlich konsequenter über die Außen. Die Holländer wussten, dass sie gegen die Slowakei Favorit sind, und kontrollierten das Spiel von Beginn an. Eine Chance gab es für Van Persie, diese ging nicht hinein – setzte aber den Ton.

Oranje spielte es wie auch in der Vorrunde. Ohne den ganz großen Schwung, aber sehr kontrolliert; abwartend, aber die Slowaken mussten ständig auf der Hut vor dem entscheidenden Pass sein. Einmal war der WM-Debütant zu weit aufgerückt, der lange Ball auf Robben kam an, Van Persie kreuzte und verwirrte die Abwehr, und schon stand es 1:0 – der Schlüssel zum Spiel der Holländer. Denn nun konnten sie den Slowaken das Spiel aufdrängen, das diese partout nicht haben wollten, weil sie es auf diesem Niveau nicht können – nämlich selbst für die Akzente zu sorgen. Sneijder und Co. zogen sich zurück, machten das Mittelfeld dicht, und die Slowaken mussten nun kommen.

Und das taten sich nicht besonders gut. Sechser Kucka fand die Anspielstationen nicht, Hamšík tauchte einmal mehr völlig unter, Trainersohn Weiss konnte in der Zentrale gegen die sichere Defensive der Holländer nichts ausrichten, Jendrišek verließ zu oft seine linke Seite, Stoch brachte von rechts wenig in die Zentrale, und Vittek hing dort in der Luft. So plätscherte das Spiel vor sich hin, die Slowaken waren mit dem Gestalten überfordert, und die Holländer lauerten auf Löcher für den schnellen Gegenstoß.

Die Holländer langweilten sich wohl selbst ein wenig, denn zu Beginn der zweiten Hälfte wurde Oranje wieder aktiver und die Slowaken, bei denen Jendrišek nun in die Spitze ging, Vittek dafür zurück und Weiss nach rechts wurden um nichts besser – da konnten sie sogar bei ihrer Nicht-Leistung gegen Paraguay mehr zeigen. Und als sie nach 20 Minuten in der zweiten Hälfte erstmals wieder wirklich aufgerückt waren, hätten sie sich aus einem schnellen Konter beinahe das 0:2 eingefangen. So signalisierten die Holländer: „Wenn ihr selbst nix macht, trefft ihr nix. Und wenn ihr was macht, kontern wir euch aus. Wir haben euch, und ihr wisst das!“ Die erste wirklich gute Chance für die Slowaken durch Vittek kam nur zu Stande, weil hinten leichtfertig auf Abseits gespielt wurde.

Die Slowaken spürten nun, dass es nicht mehr reichen würden, es drängte nun alles in die Mitte und das zuvor recht disziplinierte Positionsspiel brach komplett in sich zusammen. Und zehn Minuten vor Schluss fingen sie sich das 0:2 dann doch noch ein – der sonst sichere Torhüter Mucha verschätzte sich bei einem 50m-Freistoß komplett, Kuyt schob den Ball unbedrängt in die Mitte und Sneijder verwertete das Zuspiel. Dass Vittek mit dem Schlusspfiff per Elfmeter das 1:2 markierte, war nur noch Kosmetik.

Fazit: Die Holländer zeigten, was sie schon in der Vorrunde zeigten: Das Spiel im Griff, und das unspektakulär und schnörkellos. Den Slowaken fehlten schlicht und einfach die Mittel, den souveränen Gegner ernsthaft in Gefahr zu bringen. Der Sieg ist natürlich hochverdient, aber es wurde nun auch im vierten Spiel nicht klar, zu was die Holländer wirklich in der Lage sind.

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Brasilien – Chile 3:0 (2:0)

Brasilien - Chile 3:0

„Diese kleinen, wuseligen Chilenen“, werden sich die Brasilianer vor dem Spiel gedacht haben, „die bekommen wir nicht auskombiniert.“ Darum hieß das unbrasilianische Konzept von Anfang an: Hohe Bälle, Freistöße, Ecken. So gesehen logisch, dass das 1:0 für die Brasilianer genau aus einem Eckball viel. Aber alles der Reihe nach.

Carlos Dunga spielte diesmal mit einer Raute im Mittelfeld: Dani Alves (statt dem angeschlagenen Elano) rechts, Ramires (statt dem angeschlagenen Felipe Melo) links, Gilberto Silva als klassischer Sechser, und Kaká als echter Zehner hinter den Spitzen Luís Fabiano und Robinho. Die Lücke, die zwischen den drei Offensiven und dem Rest aber immer wieder aufgerissen wurde, war recht groß und das brasilianische Mittelfeld fand gegen die flinken Chilenen zunächt kein echtes Mittel.

Beim Team von Marcelo Bielsa wurde schnell sichtbar, dass man mit Luís Fabiano als Solospitze gerechnet hatte, weil eine Viererkette spielte – und zwar eine völlig umgestellte. Für die gesperrten Medel und Ponce kamen Fuentes und Contreras in die Mannschaft, Isla war der geplante Rechts- und Vidal der geplante Linksverteidiger. Weil aber Robinho in der Tat einen zweiten echten Stürmer gab, musste schnell von Vierer- auf Dreierkette umgestellt werden. Arturo Vidal orientierte sich dafür mehr ins defensive halblinke Mittelfeld. Damit entstand ein Ungleichgewicht: Mit Vidal, González und Beausejour beackerten nun drei Mann die linke Seite, Alexis Sánchez war auf der rechten auf sich alleine gestellt und somit aus dem Spiel.

Die Brasilianer verteidigten das mit zunehmender Spieldauer immer besser, auch weil in der chilenischen Formation der normalerweise immer eingeplante Trequartista, der Spielmacher, im offensiven Zentrum fehlte. Dann kam das angesprochene 1:0, kurz darauf spielte Kaká, Robinho und Luís Fabiano die völlig umformierte Abwehr doch einmal aus und stellten auf 2:0. Damit war das Spiel im Grunde entschieden.

In der Pause stellte Bielsa wieder die gewohnte Grundordnung her: Mit Valdivia (für Contreras) kam nun ein Zehner für einen Verteidiger, Vidal ging dafür vom halblinken Mittelfeld in die Dreierkette und Tello ersetzte Mark González auf der linken Seite. Alleine, die Brasilianer spielten nun trocken ihr Spiel herunter und den Chilenen fehlte nach der engen Vorrunde und ihrem kräfteraubenden Spiel nun neben der individuellen Qualität auch die Luft, die Seleção wirklich noch einmal ins Wanken zu bringen. Die Brasilianer erlaubten mit konsequentem Doppeln und gutem Zustellen der Räume nur noch eine Schein-Druckphase, wie sie etwa die Engländer gegen Deutschland hatte. Torgefahr kam keine auf – und mit dem billigen Solo-Konter von Ramires, den Robinho zum 3:0 abschloss, waren die Chilenen endgültig erlegt.

Die Chilenen können nun mal nicht anders als nach vorne, und darum versuchten sie es gegen nun absolut souveräne Brasilianer weiterhin. Dennoch ist das Spiel mit einem Kampf eines kleinen Bruders gegen einen großen vergleichbar, der den tampferen, aber zu kleinen am ausgestrecken Arm sich austoben lässt. Dunga hatte sogar noch die Gelegenheit, ein paar Reservisten zu bringen. Und auch das Streben der Chilenen nach einem Ehrentor war letztlich nicht mehr von Erfolg gekrönt.

Fazit: Mit den Brasilianer setzte sich die reifere Mannschaft mit der höheren individuellen Qualität durch. Die Chilenen müssen sich aber nicht grämen: Sie haben ein wunderbares Turnier gezeigt und sich auch gegen die übermächtige Seleção nicht versteckt.

(phe)

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Day 15 / G – Tust du mir nix, tu ich dir nix https://ballverliebt.eu/2010/06/25/day-15-g-tust-du-mir-nix-tu-ich-dir-nix/ https://ballverliebt.eu/2010/06/25/day-15-g-tust-du-mir-nix-tu-ich-dir-nix/#respond Fri, 25 Jun 2010 17:56:07 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=2364 Day 15 / G – Tust du mir nix, tu ich dir nix weiterlesen ]]> Südafrika 2010 – Tag 15 – Gruppe G | Zu 99,9% war es ja ohnehin schon entschieden – darum war der letzte Spieltag dieser Staffel auch spannungsarm. Portugal und Brasilien langweilen sich und Publikum mit einem faden 0:0, und die Ivorer holten sich beim 3:0 gegen Nordkorea zumindest noch einen Sieg.

Brasilien – Portugal 0:0

Brasilien - Portugal 0:0

Nicht allzu hoch verlieren – das war wohl die Vorgabe von Queiroz vor dem Spiel seiner Portugiesen gegen Brasilien. Hinten sicher stehen, und kontern, wenn sich die Gelgenheit gibt. Dabei fingen Cristiano Ronaldo und Co. durchaus forsch an, mit einem 4-3-3 – und dem im Nordkorea-Spiel bewährten Tiago in der Mittelfeldzentrale statt des Bremsers Deco. Vor allem über die linke Seite, über die Shooting-Star Coentrão wieder viel Betrieb machte, lief in den ersten 15 bis 20 Minuten einiges. Doch war Cristiano Ronaldo, der als zentraler Stürmer aufgeboten wurde, wegen der brasilianischen Verteidigung nicht vergönnt, wirklich gefährliche Szenen auch vor dem Tor zu haben.

Mit Fortdauer der ersten Hälfte verlegten sich die Portugiesen immer mehr auf die Defensive, was aus der Grundformation eher ein 4-1-4-1 werden ließ. Vor allem die drei etatmäßigen Mittelfeldspieler (Tiago, Pepe und Meireles) standen sehr eng zusammen vor dem eigenen Strafraum, um den Gegnern nicht die Möglichkeit zu geben, sich in selbigen hinein zu kombinieren. Dazu zogen sich Linksaußen Duda (der ja in Málaga und auch im Team schon oft den LV spielt) und Rechtsaußen Danny oft sehr weit zurück, um die starken Flügel der Brasilianer zu bremsen.

Die Seleção war wieder im gewohnten 4-2-3-1 angetreten, aber mit eine komplett neuen Besetzung im offensiven Mittelfeld: Nilmar spielte für Robinho, zeigte aber eine äußerst diskrete Leistung und hat sich fraglos nicht für weitere Einsätze angeboten; Júlio Baptista ersetzte den gesperrten Kaká und spielte eher unauffällig; und Dani Alves durfte für den angeschlagenen Elano als Rechtsaußen ran. Eine Rolle, mit der sich der gelernte Rechtsverteidiger schnell anfreunden konnte, schließlich war er so viele seiner sonstigen Defensivaufgaben los. In der Tat agierten diese drei sehr weit nach vorne gerückt, sodass zuweilen fast eine Vierer-Angriffskette die portugiesische Defensive – zumeist vergeblich – auszumanövrieren versuchte.

Klar ging es für die Brasilianer in diesem Spiel im Grunde um nichts, und angesichts der Ungewissheit, wie die Spanier ihre Gruppe beenden würden, konnte man auch nicht das Resultat kontrollieren, um dem Mitfavoriten wenn möglich aus dem Weg zu gehen. Dass Dunga aber dennoch volle Disziplin einfordert, musste Felipe Melo sehen: Als sich der Sechser auf einen persönlichen Rachefeldzug gegen den ruppigen Pepe begab, musste er noch unmittelbar vor der Pause für Josué das Feld räumen. Die Höchststrafe.

In der zweiten Hälfte wurde noch ein wenig gewechselt und ein wenig der Ball hin und her geschoben, aber da Meldungen von einem möglichen Kantersieg der Ivorer ausblieben, verlor sich das Spiel in harmlosem Ballgeschiebe im Mittelfeld. Das Spiel, dass schon vor der Pause nicht viel hergab, schlief nun komplett ein; mehr als vereinzelte Versuche auf schnelle Vorstöße war von beiden Mannschaften nicht zu sehen. Der mit Abstand aktivste aller Beteiligten war Carlos Dunga, dem der lustlose Auftritt deutlich missfiel. Meireles konnte einen Querschläger von Lúcio nicht im Tor unterbringen; Der eingewechselte Ramires forderte mit seinem 25m-Schuss den portugiesischen Torhüter Eduardo erst in der Nachspielzeit zu einer ernsthaften Rettungstat – mehr war nicht.

Fazit: Es war kein zweites Gijon, aber man wurde von Beginn an das Gefühl nicht los, dass hier beide Mannschaften mit einem 0:0 bei geschonten Kräften vorzüglich leben konnten, zumal ja keiner wusste, mit welchem Resultat man Spanien aus dem Weg gehen kann. Womöglich war auch in den Köpfen der Brasilianer, dass sie mit einem Remis auch den Ivorern noch eine für deren Schweinereien im zweiten Spiel mitgeben könnte. So oder so, das war ohne Frage das bislang langweiligste und auch sinnloseste Spiel dieser WM.

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Côte d’Ivoire – Nordkorea 3:0 (2:0)

Nordkorea - Côte d'Ivoire 0:3

Die eingenordeten Koreaner begannen von der Formation genauso wie in den ersten beiden Spielen (also mit einem 5-3-2) und vom Spielverlauf her genauso wie in der zweiten Hälfte gegen Portugal: Völlig unterlegen. Die Ivorer haben die größte taktische Schwäche der Nordkoreaner – das Stellungsspiel der Außenverteidiger – natürlich erkannt und spielen daher konsequent über die Außen. Gervinho machte das besser, Kader Keita weniger effizient. Diese beiden tauschten auch permanent ihre Plätze, um die ohnehin schon überforderten Außenverteidiger Cha und Ji noch mehr zu verunsichern.

Zudem wurden die beiden gut von Eboué rechts (der sich als Außenverteidiger sichtlich wohler fühlt als noch im Mittelfeld) und Boka links unterstützt, weil diese beiden in der Rückwärtsbewegung praktisch nichts zu tun hatten. Yaya Touré machte den zentralen Ballverteiler, Didier Drogba zeigte im Sturmzentrum, was er draufhat – sinnbildlich die Szene, als sich ihm zwei Verteidiger in den Weg stellen und letztlich beide das Nachsehen haben. Zudem vermieden es die Koreaner, wie schon in den ersten beiden Spielen, allzu heftig in Zweikämpfe zu gehen. Logisch, aufgrund der körperlichen Statur der kleingewachsenen Asiaten. Aber dann hätte das Stellungsspiel wesentlich sicherer sein müssen und der Vorwärtsdrang, um Entlastung zu schaffen, viel deutlicher erkennbar.

So standen die komplett verunsicherten und körperlich um Lichtjahre unterlegenen Koreaner hinten drin und hofften, dass die Ivorer es nicht so flott angehen wie die Portugiesen. Weil aber die Ivorer wussten, dass nur ein Kantersieg ihnen die theoretische Chance auf das Achtelfinale erhalten würde, spielten sie natürlich gnadenlos nach vorne und führten folgerichtig nach zwanwzig Minuten schon mit 2:0. Die Afrikaner hatten Ballbesitz ohne Ende und nagelten den Gegner hinten weitgehend fest (mehr als einen Freistoß brachten die Nordkoreaner vor der Pause nicht zustande), verpassten es aber, die Führung noch weiter zu erhöhen.

Das führte sich auch in der zweiten Hälfte fort: Die Koreaner verteidigen viel zu nachlässig, standen oft viel zu weit von den Gegenspielern weg und sahen sich weiterhin rollenden Angriffen der Ivorer gegenüber. Diese realisierte dann aber doch, dass das Achtelfinale ein Wunschtraum bleiben wird, auch weil nicht annähernd das verdiente Kapital aus der drückenden Überlegenheit geschlagen wurde. So wurde das Tempo nach einer Stunde deutlich gedrosselt, auch die Genauigkeit der Angriffsbemühungen ging merklich zurück.

Der Sieg war nun sicher, allerdings auch, dass es nicht für das Achtelfinale reichen wird. Das sah man dem nun aufsteckenden Team der Ivorer auch an – da half auch die Einwechslung von Seydou Doumbia als viertem Stürmer nichts. Ja, es gab noch das 3:0, aber mehr als Kosmetik war das nicht mehr. Und bei den Koreanern? War es wieder einzig Jong Tae-Se, der sein durchaus vorhandenes Können zeigen konnte. Ein Mann von internationalem Format reichte aber um Längen nicht.

Fazit: „Sechs Stück waren locker drin“, bilanzierte der sky-Kommentator, und er hatte damit absolut Recht. Die Ivorer waren von der ersten bis zu letzten Minute das besser, reifere und gefährlichere Team. Die Koreaner versuchten von Anpfiff weg, die Niederlage im erträglichen Rahmen zu halten. Das gelang zwar, aber weniger wegen der eigenen Defensivstärke – von der war nichts mehr zu sehen – sondern am schlampigen Gegner.

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Das war die Gruppe G: Samba-Fußball war es nicht – aber das durfte auch keiner, der sich auch nur ein kleines bisschen mit Fußball beschäftigt, von diesem Team aus Brasilien erwarten. Unterkühlt und geduldig kamen sie zu zwei verdienten Siegen gegen die Koreaner und die Ivorer, im Spiel gegen Portugal tat sich dann keiner mehr weh. Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Spielweise in der K.o.-Runde ändern wird. Aber die Antwort auf die Frage, wie das Team auf einen Rückstand reagiert, steht noch aus.

Auch für Portugal geht’s ins Achtelfinale. In erster Linie war es natürlich das 7:0 über Nordkorea, das die Gruppe de facto schon am zweiten Spieltag entschied, der vorsichtigen Nullnummer zum Auftakt gegen die Ivorer zum Trotz. Das Minimalziel ist nun erreicht, aber wirklich Bemerkenswertes gegen Teams mit Achtelfinal-Format war noch nicht dabei. In erster Linie an sich selbst gescheitert ist Côte d’Ivoire: Nicht konsequent genug das an sich gute Spiel gegen Portugal genützt, gegen Nordkorea nicht annähernd das Ergebnis geholt, das der hochüberlegenen geführten Partie entsprochen hätte – und so ist das Aus womöglich die gerechte Strafe für die Attentate auf die Brasilianer.

Und dann wäre da noch Nordkorea. Keine Frage, das 1:2 zum Auftakt gegen Brasilien war die beste Leistung, aber dieses Spiel gegen ein Team, das sich nur für den Sieg und nicht für das Ergebnis interessiert hat, ließ die Koreaner auch glauben, man könne zumindest halbwegs mithalten. Doch gegen Portugal wurde der Mannschaft sehr drastisch aufgezeigt, wie viel zum WM-Format wirklich noch fehlt; gegen die Ivorer hätte es leicht ein ähnliches Debakel geben können. Wenn das Team nicht aus seiner (natürlich auch politisch bedingten) Isolation herauskommt und sich öfter mit guten Teams misst, wird die Konkurrenzfähigkeit nicht steigen.

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Day 10 – Diese Franzosen… https://ballverliebt.eu/2010/06/20/day-10/ https://ballverliebt.eu/2010/06/20/day-10/#respond Sun, 20 Jun 2010 13:32:52 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=2294 Day 10 – Diese Franzosen… weiterlesen ]]> Südafrika 2010 – Tag 10 | Die französische Mannschaft zerfällt, ein französischer Schiri lässt beim 1:3 der Ivorer gegen Brasilien diverse Attentate durchgehen. Außerdem: Paraguay (2:0 gegen die Slowakei) hat gegenüber Italien (nur 1:1 gegen Neuseeland) schon eine Hand am Gruppensieg!

Einschub: Die französische Mannschaft hat Raymond Domenech das Training verweigert, aus Solidarität zu Nicolas Anelka. Der Stürmer war aus dem Kader geflogen, weil er den Teamchef in der Halbzeit des Spiels gegen Mexiko übel beschimpft haben soll. Außerdem gab es mächtig Krach zwischen Kapitän Patrice Evra und dem Konditionstrainer; der französische Delegationsleiter quittierte seinen Dienst. Das kann als der ultimative Beweis gelten, dass Domenech in der Mannschaft nicht den geringsten Rückhalt hat und sich nach seinem Ende als Teamchef fraglos schwer tun wird, noch irgendwo einen Job zu bekommen.

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Slowakei – Paraguay 0:2 (0:1)

Slowakei - Paraguay 0:2

Die Vorsicht vom 1:1 gegen Italien hat Paraguay-Teamchef Gerardo Martino abgelegt: Er stellte auf ein 4-3-3 um; mit Valdez, Barrios und Santa Cruz als Dreier-Angriff. Das Trio agierte da vorne äußerst variabel, rochierte viel und stellte so die slowakische Defensive vor einige Probleme. Škrtel hatte alle Mühe, seine Abwehr zumindest halbwegs zu dirigieren, was allerdings kaum gelang, weil er mich sich selbst genug zu tun hatte.

Die Slowaken spielten mit einem nominellen 4-1-4-1, sie kamen aber nie auch nur annähernd dazu, das auszuspielen. Innenverteidiger Ďurica wurde auf die linke Seite gestellt. Das hatte den Effekt, dass die Paraguayer über diese Seite nicht ganz so gefährlich wurden, nach vorne brachte Ďurica aber exakt Null. Zudem hat er beim Gegentor fürchterlich gepennt und es so nicht mehr verhindern können. Vor ihm war in der offensiveren Viererkette mit Robert Vittek ein nomineller Stürmer aufgestellt, der gegen Bonet allerdings keinen Stich machte. Šesták hing in der Spitze völlig in der Luft, der gegen die Neuseeländer noch so starke Weiss junior fand überhaupt nicht statt und an Hamšík, der das Spiel aus dem zentralen Mittelfeld lenken sollte, lief die Partie komplett vorbei. Zudem zeigte Jan Kozák, der Hamšík zur Seite gestellt wurde, eine erschreckende Leistung.

Ganz anders die Paraguayer: Morel auf der linken Seite hatte alle Freiheiten, weil Weiss ihn defensiv nicht aufhalten konnte oder gleich ganz auf die andere Flanke auswich (und der dann auf der Position spielente Vittek erst recht nichts ausrichten konnte), Riveros im linken und Vera im rechten Halbfeld zeigten sich sehr aktiv. Vor allem aber störten die Paraguayer die gegnerischen Versuche, das eigene Spiel zu etablieren, konsequent extrem früh und zogen so den Slowaken, die zu Beginn mit Härte dagegen zu halten versuchten, dies aber nach etwa einer Viertelstunde mangels Wirkung eingestellt haben, den Zahn.

Nach der Pause verlegte sich das Team aus Paraguay darauf, die Slowaken in Schach zu halten, wenn möglich etwas herauszulocken und dann (vor allem über den bärenstarken Vera) den schnellen Gegenstoß zu suchen. Die Slowaken steigerten sich aber nicht grundsätzlich; kamen zwar zu etwas mehr Ballbesitz, konnten aber nichts wirklich Nennenswerten dabei herausschlagen. Zudem wartete Weiss senior an der Seitenlinie ab, und wartete und wartete, obwohl er sah, dass seiner Mannschaft kreativ nichts gelang. Dafür kam bei Paraguay Mittelfeldspieler Aureliano Torres für den fleißigen Stürmer Valdez, um im Mittelfeld das Spiel besser zu kontrollieren.

Bei den Slowaken kam indes Hološko für Šesták und gesellte sich zu Vittek in die Spitze, was aber nichts brachte, weil das slowakische Mittelfeld überhaupt nichts zu Stande brachte. Erst in der 83. Minute brachte Weiss senior Flügelmann Stoch für den (oft überforderten) Innenverteidiger Saláta, da aber unmittelbar darauf das 0:2 fiel (bei dem die slowakische Abwehr wieder in Ehrfurcht erstarrt war), blieb auch diese Maßnahme wirklungslos.

Fazit: Paraguay agierte absolut souverän und war zu jedem Zeitpunkt Herr der Lage, daher geht der Sieg absolut in Ordnung. Den Slowaken fehlte es schlicht und einfach an der Klasse und der internationalen Erfahrung, die Südamerikaner ernsthaft zu gefährden.

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Italien – Neuseeland 1:1 (1:1)

Italien - Neuseeland 1:1

Die Neuseeländer veränderten gegenüber ihrem Punktgewinn im Slowakei-Spiel nichts – warum auch. Marcello Lippi hingegen stellte auf ein 4-4-2 um, wie es in der zweiten Hälfte gegen Paraguay recht ordentlich funktioniert hatte. Allerdings nicht mit Camoranesi auf der linken Seite (mehr Luft als für eine Halbzeit har er nicht), sondern mit Marchisio. Der sich dort draußen allerdings sichtlich nicht wohl fühlte und wirkungslos blieb.

Auch nach dem frühen Führungstor für Neuseeland (auch wenn’s wohl Abseits war, schaut der stolpernde Cannavaro da nicht gut aus) änderte sich daran nichts – die Italiener waren es, die das Spiel gestalten mussten. Und das klappte überhaupt nicht, weil keiner da war, der es an sich reißen hätte können. De Rossi und Montolivo, die beiden Sechser, hatten zwar viel Ballbesitz, Zielstrebiges nach vorne fiel ihnen aber absolut nicht ein – auch natürlich, weil Gilardino und Iaquinta sich in der Mitte auf den Füßen standen, aber keiner den freien Weg über die Flanken suchte. Criscito war der Alleinunterhalter auf der linken Seite, weil Marchisio eben komplett blass blieb. Alleine die rechte Seite mit dem äußerst fleißigen Zambrotta zeigte so ein wenig, wie es gehen könnte.

Was beim Titelverteidiger aber komplett fehlte, waren echte Vorstöße bis zur Grundlinie, um dann auf die kopfballstarken Gilardino und Iaquinta zu flanken. So etwas kam gar nicht – und mit den langen Bällen aus der Tiefe hatte die neuseeländische Defensive keine Probleme. So war es schon ein wenig ein Geschenk von Tommy Smith, dass er mit seinem Trikotziehen den Elfmeter zum Ausgleich ermöglichte. Der war natürlich nicht unverdient, schließlich taten die Neuseeländer nach vorne nichts mehr, aber wirklich zwingend war er nicht.

In der Halbzeit stellte Lippi dann auch ein 4-2-3-1 um, indem er Di Natale (für Gilardino) brachte und auf die linke Seite stellte; dazu ersetzte Camoranesi (nun im Zentrum) den wirkungslosen Pepe. Die Formation war nun anders, das Spiel war gleich: Wenig Ideen von De Rossi und Montolivo, viel durch die Mitte, selbst die Außen zog es immer wieder ohne Not in die Zentrale – obwohl die Neuseeländer die Flanken nicht gerade konsequent zustellten.

Nach einer Stunde reagierte Lippi erneut auf das sich nicht bessernde Spiel und brachte mit Pazzini wieder eine zweite Spitze für den komplett überforderten Marchisio ging wieder auf ein 4-4-2 zurück. Pazzini und Iaquinta ließen sich nun aber beide vermhert zurückfallen und warteten auf steile Anspiele in die Spitze. Einige wenige kamen auch, die Neuseeländer hatten aber wenig Mühe, diese zu verteidigen. Und als die Kiwis merkten, dass den Italienern so überhaupt nichts einfällt – die beiden besten Chancen waren 25m-Schüsse von Montolivo – wurden sie gegen Ende sogar noch frech und drückten mit Jungspund Wood sogar noch in einigen Situationen auf das Siegtor.

Fazit: Die Italiener schicken sich an, den Engländern ernsthafte Konkurrenz zu machen. Kein Tempo, keine Ideen, keine Kreativität, überschaubare Torgefahr. Mehr als der eine Punkt wäre absolut nicht zu rechtfertigen gewesen. Die All Whites dafür setzen ihre Party fort und werden mit einem verdienten 1:1 für eine engagierte Leistung belohnt.

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Brasilien – Côte d’Ivoire 3:1 (1:0)

Brasilien - Côte d'Ivoire 3:1

Ein bissi unterkühlt war’s schon, was die beiden Mannschaften da zeigten. Beide darauf bedacht, keinen Fehler zu machen, beide darauf bedacht, nur dann den Weg nach vorne zu suchen, wenn’s auch ohne Gefahr möglich ist. Weil die Ivorer (mit Drogba als Solo-Stürmer, die Außen Dinane und Kalou rückten zurück in ein 4-1-4-1) aber wesentlich höher verteidigten und auch selbst den Ballbesitz suchten, war es bei den Brasilianern nicht mit dem Gegner zurechtlegen und schauen, wo denn die Schwächen sind, wie das im Spiel gegen Nordkorea noch der Fall war.

Im Gegenteil sahen sie sich einer wie schon gegen Portugal defensiv extrem diszipliniert agierenden Mittelfeldreihe gegenüber, die das Spiel durch die Mitte von Kaká sehr gut unterbinden konnte, Luís Fabiano vorne gut abschirmte und die Brasilianer nicht zur Entfatung kommen ließ. Andererseits war der sichtlich nicht fitte Drogba gegen Lúcio UND Juan natürlich völlig aus dem Spiel (sky-Kommentator Reif nannte es durchaus treffend „Geiselhaft“). Somit fehlten Demel und Dindane (rechts), sowie Tiené und Kalou (links) vorne die Anspielstadion, die ein wesentlich aktiverer und vor allem fitten Gervinho zweifellos eher gewesen wäre. Das Resultat: Rasenschach. Die erste Hälfte plätscherte ereignisarm vor sich hin.

Die Brasilianer werden aber sicher gewusst haben, dass sich das Spiel so darstellen wird. Darum wurde eben nicht der Schwachpunkt mit Geduld gesucht, sondern gleich beim ersten Mal beinhart ausgenützt. Dann gab’s bei Kolo Touré und Zokora doch mal eine Unzulänglichkeit gegen Kaká, Luís Fabinao stand plötzlich frei und mit seinem gefühlt ersten Ballkontakt nach fast anderthalb Spielen hämmerte er den Ball sofort zum 1:0 ins Netz. Ein Rückstand, der den Ivorern sichtlich einiges von ihrer anfänglichen Sicherheit nahm, aber weil Kaká weiterhin steraunlich schlechte Pässe schlug und die Flanken weiterhin gut zugemacht wurden, passierte auch bis zur Pause nichts mehr.

Auch die zweite Hälfte schickte sich an, ähnlich zu beginnen, eher Luís Fabiano zu seiner bemerktenswerten Solo-Aktion anlegte, drei Ivorer (Kolo Touré, Zokora und Tiené) versetzte und zum 2:0 abdrückte. Ja, der Oberarm/Schulter war dabei, aber wenn’s der Referee nicht pfeift, dann zählt’s halt. Die Brasilianer wurde darauf etwas sorglos, Bastos ließ für einmal seine Flanke offen, woraufhin Dindane zum ersten Mal im ganzen Spiel Drogba per Flanke einsetzen konnte. Gegen eine dermaßen sichere und effiziente brasilianische Mannschaft müsste so eine Chance aber auch verwertet werden.

So hatte das 0:2 aber nicht den Effekt, dass die Ivorer nun erst recht versuchten, aufzuholen, war ihr Spiel gebrochen. Das 3:0 (nach dem erst zweiten wirklich guten Pass von Kaká) durch Elano, unter gütiger Mithilfe des halb entschlummerten Tiené, war die Folge. Die Einwechslung von Gervinho für Dindane verpuffte angesichte der zerfallenden Mannschaft komplett. Denn leider kämpften die Ivorer nun nicht mehr um Bälle und Tore, sondern nur noch gegen die Beine der Gegenspieler. Leider war der französische Schiedsrichter mit der Leitung der nun extrem rabiaten Partie heillos überfordert. Tioté und der (für Kalou gekommene)  Keita hätten zwigend für ihre Attentate vom Platz gemusst, außerdem hätte Kaká, wenn es als Tätlichkeit bewertet wird, glatt mit Rot fliegen, und nicht mit Gelb-Rot. Wer mich kennt weiß, dass ich Kritik am Schiedsrichter im Normalfall grundsätzlich so weit wie möglich ablehne, aber Lannoy wusste ganz deutlich nicht, was er da tat.

Es brauchte einen 80m-Solosprint von Gervinho, um die Ivorer zumindest kurz wieder aus ihrem Sittenverfall zu reißen, aus dieser Aktion fiel auch das Anschlusstor, weil Juan das Abseits aufhob und Drogba alleine vor dem Tor keine Mühe hatte. Viele Sympathien hat sich das Team mit diesem Auftritt leider nicht gemacht.

Fazit: Die Brasilianer nützten die wenigen Fehler der Ivorer in der ersten Stunde eiskalt und gewinnen als effizientere Mannschaft verdient. Nach der Art und Weise, wie sie von den entnervten Ivorern behandelt wurde, steht nun zu vermuten, dass sie gegen Portugal nicht mit allerletztem Ernst zu Sache gehen – um die Ivorer für ihre Schweinereien im Nachhinein noch zu strafen. Und Lannoy? Der wird wohl im selben Flieger gen Heimat sitzen wie die Mannschaft aus seinem Land…

(phe)

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Day 5 – Innere Handbremse https://ballverliebt.eu/2010/06/15/day-5/ https://ballverliebt.eu/2010/06/15/day-5/#comments Tue, 15 Jun 2010 13:55:27 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=2244 Day 5 – Innere Handbremse weiterlesen ]]> Südafrika 2010 – Tag 5 | Im Spitzenspiel des Tages neutralisierten sich die Ivorer und die Portugiesen auf hohem Niveau, die innere Handbremse wurde aber nicht ganz gelöst. Die Brasilianer standen gegen Nordkorea zu lange am Bremspedal, die Slowaken stiegen gegen freche Kiwis zu früh drauf.

Neuseeland – Slowakei 1:1 (0:1)

Neuseeland - Slowakei 1:1

Damit haben die Slowaken ganz eindeutig nicht gerechnet: Die Neuseeländer, in einem etwas eigentümlichen 3-1-3-3 angetreten, spielten von Beginn an richtig mutig, ohne Angst und ohne übertriebenen Respekt auf. Die Dreierkette in der Abwehr mit Routinier Nelsen und den Jungspunden Reid und Smith bekam nicht mal allzu viel zu tun, weil Sechser Vicelich und die Mittelfeldkette schon sehr viel von den Slowaken abfingen und sich gleich auch selbst um den Spielaufbau kümmerten. Bälle nach vorne auf die drei Spitzen kamen zwar vornehmlich über lange Bälle, mit denen Škrtel und Ďurica zumindest aus dem Spiel keine allzu großen Probleme hatten, aber im Mittelfeld waren die erfrischend frechen Neuseeländer den vom spielerischen Potential auf dem Papier deutlich besseren Slowaken überlegen.

Das slowakische Mittelfeld fand dafür überhaupt nicht statt. Štrba, der Sechser, war eine Katastrophe im Spielaufbau, er schaffte es nie, den in der (nominell) offensiven Zentrale aufgestellten Hamšík in irgendeiner Weise zu unterstützen. Und überhaupt, der Star von Napoli. Hamšík war nicht in der Lage, gegen das massierte defensive Mittelfeld der Neuseeländer ein auch nur halbwegs taugliches Offensivspiel aufzuziehen. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Slowaken die Überraschung über und die Verunsicherung durch das so nicht erwartete neuseeländische Spiel abzulegen begann. Gegen einen stärkeren Gegner ist das natürlich zu lang.

Nicht zufällig wurde die erste spielerisch gute und schnelle Aktion nicht durch den blassen Hamšík, sondern den produktiveren Flügelspieler Weiss eingeleitet, natürlich über rechts, und natürich hatte die All-Whites-Abwehr sofort Probleme. Generell war das Spiel der Slowaken rechtslastig, einfach weil dort mit Weiss junior der aktivste Spieler beheimatet war. Der gelernte Stürmer Jendrišek war auf der linken Seite verschenkt: Weder konnte er dort seine Torgefährlichkeit ausspielen, noch irgend etwas für die Offensive produzieren. Dass Weiss senior in der Pause darauf nicht reagiert hat und Stoch brachte, lag daran, dass dieser angeschlagen war. Weiss junior belebte dann auch die linke Seite, als er gegen Ende der ersten Hälfte mit Jendrišek Platz tauschte. Und nach der Pause natürlich über seine rechte Seite das 1:0 für die Slowaken eingeleitet wurde. Dass es Abseits war: Pech für die Neuseeländer.

Nach dem 1:0 war das Spiel im Grunde entschieden: Die Neuseeländer fielen nun deutlich zurück, kamen kaum mehr vor das Tor, weil Weiss junior nun viel in die Mitte zu Gange war und die Agenden des weiterhin maßlos enttäuschenden Hamšík übernahm. Šesták rückte dafür von der Spitze auf die rechte Seite. Somit konnten die Schwächen von Hamšík und Štrba ausgeglichen werden. Je länger das Spiel dauerte und je besser die Slowaken es optisch in den Griff bekamen, desto mehr merkten aber auch die Neuseeländer die durchaus wackeligen Beine vor allem in der slowakischen Defensive.

Zwanzig Minuten vor Schluss kam mit dem jungen Wood ein Prellbock für die Spitze, um lange Bälle abzufangen; mit Christie statt Vicelich wurde in der Mittelfeldzentrale ein etwas offensiverer Spieler gebracht. Dass der Ausgleich tief in der Nachspielzeit noch fiel, haben sich die Slowaken selbst zuzuschreiben, sie ließen sich von den Neuseeländern einlullen, Fahrlässigkeiten des an sich besten Defensivspielers Škrtel waren dafür ein Anzeichen. Und es ist kein Zufall, dass gerade Štrba erst den Kopfball vor dem Assist zum Ausgleich verlor, als auch danach bei der Flanke schlief.

Fazit: Die Slowaken brauchten lange, um sich auf die lange frechen Kiwis einzustellen und hätten mit de facto zwei Mann in wichtigen Positionen weniger (Hamšík und Štrba) dennoch gewinnen müssen. Die taten es nicht, weil sie sich im Gegensatz zu den meisten Slowaken nicht vor dem Anlass in die Hose machten.

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Côte d’Ivoire – Portugal 0:0

Côte d'Ivoire - Portugal 0:0

In Port Elisabeth startete Portugal mit einigem Schwung in die Partie. Besonders Cristiano Ronaldo versuchte das Spiel an sich zu reissen. Nach etwa 10 Minuten bimmste der „Pfau“ den Ball aus großer Distanz auf die Stange und machte die Ivorer damit darauf aufmerksam, dass er eine Sonderbehandlung braucht. Die bekam er dann auch in Form von einigen Fouls. Der abgeklopfte Ronaldo verlor dann deutlich an Elan, besonders weil der Schiedsrichter aus Uruguay nicht besonders viel com Credo „Spielmacher schützen“ hielt und generell mit fragwürdigen Entscheidungen ein ruppiges Spiel verursachte. Die Elfenbeinküste nutzte das um sich eine leichte Feldüberlegenheit zu erarbeiten.

Beide Mannschaften spielten ein 4-3-3 mit rotierenden Spitzen und sehr dynamischen Adaptionen im Defensivspiel. Taktisch erste Sahne. Ausgelegt wurden die Systeme aber unterschiedlich. Während die Portugiesen den Ball in der eigenen Feldhälfte kontrollierten (die Innenverteidiger waren Hauptanspielstationen) und dann eher durch die Mitte vorstießen, ging es bei den Ivorern etwas flotter und vertikaler über die Seiten zur Sache – besonders über links, wo auch der rechts nominierte Gervinho immer wieder auftauchte. Die Außenverteidiger schalteten sich dabei gut ein.

Auffällig: Beide Mannschaften verteidigten sehr hoch und machten die Räume sehr eng – im Mittelfeld war Dauerstau. Das änderte sich in der zweiten Hälfte. Nach einem starken Beginn der Elfenbeinküste stellte Portugal um, ging stark in Richtung defensives 4-4-2 und zog sich eher bewusst zurück um den schnellen Attacken der Verteidigung der „Elefanten“ zu entgehen, die zu flotten Ballverlusten und schnellen Gegenstößen führten. Das machte im Mittelfeld Luft für alle und eine sehr attraktive Phase des Spiels war die Folge. Auf den Versuch von Carlos Queiroz, des Teamchefs der Europäer, die Mittelfeldhoheit zurück zu erobern, reagierte natürlich auch Sven-Göran Eriksson, seinerseits Coach der Afrikaner. Auch seine Mannschaft stabilisierte das defensive Mittelfeld, packte ein 4-2-3-1 aus.

In der 66. Minute jubelte das Stadion über die Einwechslung von Didier Drogba für seinen Chelsea-Kameraden Kalou. Mit diesem Tausch endete aber auch das gefährliche Rochadenspiel der Ivorer im Sturm und der Sturmlauf fand sein Ende. Portugals Taktik wirkte, die Iberer konnten wieder mehr Ballbesitz erringen und Druck aufbauen. Ihr System war dann sehr dynamisch, ließ den Spielern einige Freiheiten, ohne sie von zu vielen Aufgaben zu entbinden. Das Gegenmittel „Schnelle Konter“ wirkte für die Ivorer dann erst wieder in den letzten Minuten. Allerdings wurden auch die Räume auf diese Weise wieder enger, und damit endeten die 20-30 Minuten an sehenswert offenem Spiel. So ließ sich dann das 0:0 auch nicht mehr überwinden.

Fazit: Gerechtes Remis in einem und sehenswerten Spiel, dem nur Tore fehlten. Beide Mannschaften spielen hochklassigen Fußball und wären ein Verlust für die WM – sie werden in dieser Form aber auch Brasilien gefährden können.

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Brasilien – Nordkorea 2:1 (0:0)

Brasilien - Nordkorea 2:1

Die Rollen waren klar verteilt – aber so richtig flutschen wollte es für die Brasilianer vor allem vor der Pause nicht. Die Seleção war in einem 4-2-3-1 angetreten, mit dem statischen Luís Fabiano ganz vorne und mit den offensiven Elano (rechts) und Kaká (zentral, sehr unauffällig) und Robinho (links) an den Flanken. Grundsätzlich genug Potential, um der koreanischen Fünferkette zuzusetzen, aber es kam gar nichts. Die Brasilianer spielten um den Strafraum herum, recht behäbig. Keine versuchte mal, sich mehr zu bewegen, keiner bot sich an, so hatten es die Koreaner nicht allzu schwer, die Null zu halten.

Hauptachse der Brasilianer war die rechte Seite über Maicon, den mit Abstand besten Mann auf dem Platz. Praktisch alle Angriffe wurden über seine Seite eingeleitet, versandeten aber. Der Favorit verstand es nicht, die sich trotz der massierten Abwehr bietenden Freiräume auch auszunützen. Zu selten ging mal einer bis zur Grundlinie durch, immer wieder zog es alle in die Mitte, dorthin, wo die meisten Koreaner standen. Diese waren genau im erwarteten 5-3-2 angetreten, und ihr enorm fleißiger Stürmer Jong Tae-Se hielt als ständig drohende Gefahr für Konter die brasilianische Defensive vorsichtig.

An der Spielanlage änderte sich auch nach der Pause wenig: Die Koreaner mit drei sicheren Innenverteidigern, von denen maximal einer bei Standards im gegnerischen Gebiet nach vorne geht, und zwei durchaus fleißigen Außenverteidigern (vor allem Cha auf rechts war sehr engagiert). Davor Japan-Koreaner Ahn zentral, rechts der kleine, wuseligen Mun, und Kapitän Hong als Bindeglied zu Jong ganz vorne. Dunga musste seinerseits der Seleção in der Pause klar gemacht haben, dass es sich lohnen könnte, auch mal schnell in freie Räume zu spielen, denn genau so viel das 1:0 – nach einem Vorstoß waren die Koreaner noch nicht ganz sortiert, Elano spielte schlau hinter die Abwehr (LV Ji Yun-Nam war zu weit eingerückt), und Maicons Kunstschuss sorgte dann doch für die Führung. Dass es gerade Maicon war, ist kein Zufall, er war wie erwähnt noch der beste Brasilianer.

Auch das änderte aber nichts am Spiel der Koreaner. Ja, sie suchten nun etwas häufiger den Weg nach vorne, aber hinten blieb alles beim Alten. Brasilien atmete mit der Führung im Rücken deutlich auf und nützte einen der wenigen Unachtsamkeiten bei den Asiaten. Ri Kwang-Chon, der linke IV, rückte zwei Schritte raus um Luís Fabiano zu stellen, Zentral-IV Ri Jun-Il verschob nicht mit, und Elano sprintente hinter dem zu schon wieder zu weit eingerückten LV Ji Yun-Nam in das feine Zuspiel von Robinho und hatte keine Mühe mehr. Damit war das Spiel gelaufen, der Arbeitssieg des Favoriten fixiert. Dass Ji Yun-Nam seine beiden schlimmen Stellungsfehler mit dem (zu) späten Anschlusstor noch linderte, auf gute Vorlage von Jong Tae-Se, änderte nichts Grunsätzliches mehr.

Fazit: Vor der Pause enttäuschte die Seleção maßlos, danach ging es etwas besser, vor allem nach dem Führungstor. Ein Maßstab war dieses Spiel aber noch nicht. Die Koreaner verteidigten zumeist geschickt und können auch Portugal und Côte d’Ivoire noch Kopfschmerzen bereiten.

(phe/tsc)

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