De Rossi – Ballverliebt https://ballverliebt.eu Fußball. Fußball. Fußball. Fri, 28 Jun 2013 10:53:45 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.7.2 Frustrieren statt aktiv ärgern: Fast wäre Italiens Strategie aufgegangen https://ballverliebt.eu/2013/06/28/frustrieren-statt-aktiv-argern-fast-ware-italiens-strategie-aufgegangen/ https://ballverliebt.eu/2013/06/28/frustrieren-statt-aktiv-argern-fast-ware-italiens-strategie-aufgegangen/#comments Thu, 27 Jun 2013 23:20:03 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=8942 Frustrieren statt aktiv ärgern: Fast wäre Italiens Strategie aufgegangen weiterlesen ]]> Spanien, Spanien, immer wieder Spanien! Doch wie schon letztes Jahr im EM-Halbfinale rettete sich der Welt- und Europameister gegen einen taktisch hervorragend agierenden Gegner nur mit viel Mühe ins Elferschießen und zog über diesen Umweg doch wieder ins Finale ein. Dabei hatte in diesem Confed-Cup-Semifinale Italien eigentlich alles richtig gemacht. Man frustrierte die Spanier, anstatt sie aktiv zu ärgern. Eine etwas bessere Chancen-Verwertung, und der Plan wäre aufgegangen.

Spanien - Italien 0:0 n.V.
Spanien – Italien 0:0 n.V.

Kein europäisches Spitzen-Nationalteam ist, was das verwendete System angeht, so flexibel wie Italien. In der Vorrunde experimentierte Prandelli mit einem 4-3-2-1, in dem mit Marchisio und Aquilani zwei Achter bzw. mit Giaccherini in Wing-Back die Positionen hinter Balotelli einnahmen; danach gab es gegen Brasilien ein 4-4-1-1 mit Diamanti hinter der Solo-Spitze; dazu Candreva – tatsächlich gelernter Flügelstürmer – und wiederum Marchisio auf den Außenbahnen.

Genau angepasstes System

Gegen Spanien packte Prandelli die in Italien weit verbreitete Dreierkette in der Juve-Besetzung aus. Weil sich die Wing-Backs Maggio und Giaccherini im nominellen 3-4-2-1 aber sehr weit zurückzogen und sich Candreva und Marchisio, auf dem Papier hinter Gilardino (der den verletzten Balotelli ersetzte) dafür die zentralen Mittelfeld-Leute Pirlo und De Rossi flankierten, entstand ein 5-4-1, wie es Tahiti bei diesem Confed-Cup verwendete.

Damit passte Prandelli System und Spielweise exakt dem Gegner und den Gegenbenheiten an. Im Zentrum entstand so eine 4-gegen-3-Überzahl der Italiener. Auf der linken Abwehrseite ein 2-gegen-1, weil Arbeloa am Aufbauspiel de facto nicht teilnahm, sondern nur Querpässe auf Piqué oder Xavi ablieferte. Und auf der rechten Abwehrseite gab es im Grunde ebenfalls eine 2-gegen-1-Überzahl für Italien, weil zwar Alba sehr oft vorne auftauchte, David Silva hingegen im Halbfeld untertauchte.

Pressing der Italiener gab es allerdings keines – das war wohl aber wiederum den Gegebenheiten geschuldet. Das EM-Halbfinale gegen Portugal hat ebenso wie das CL-Semifinale von Barça gegen die Bayern gezeigt, dass es die Spanier überhaupt nicht mögen, wenn sich ein Gegner traut, sie aktiv und relativ hoch anzupressen. Bei Temperaturen um die 30 Grad und einer Luftfeuchte von an die 80 Prozent ist das aber schlicht nicht praktikabel. Weshalb Italien nach dem Motto „Frustrieren statt Ärgern“ spielte.

Spanien ratlos

Man hielt Spanien also vom eigenen Tor fern, indem man die Mitte überlud und das (ohnehin bei Spanien nur mäßig ausgeprägte) Flügelspiel unterband. Gleichzeitig wurde kein Druck auf den ballführenden Spanier ausgeübt – allerdings wurde blitzschnell umgeschaltet, sobald die Italiener den Ball hatten. Zwei schnelle Pässe in der Mitte, eine Verlagerung auf Candreva rechts oder Giaccherini links, eine Hereingabe auf Gilardino. Es war gar nicht notwendig, dass mehr als drei Italiener vorne ankamen, gegen das ungewohnt langsame Umschalten der Spanier reichte es aus, um einige gefährliche Situationen zu provozieren.

Wie überhaupt das Spiel der Spanier ungewohnt langsam und behäbig wirkte. Was womöglich auch an den klimatischen Bedingungen lag, vor allem aber zweifelsfrei daran, dass es die Italiener extrem geschickt verstanden, dem Welt- und Europameister jene Dreiecke im Aufbau zuzustellen, die für die Spanier so extrem wichtig sind – ebenso wie die Optionen auf den Steilpass. Torres rieb sich zwischen der Fünfer- und der Viererkette auf, Silva und Pedro hatten permanent drei Gegenspieler, und so fehlten von hinten heraus einfach die Optionen.

Und hinzu kam noch, dass nach dem zweiten, dritten gefährlichen Konter deutlich wurde, dass Spanien eine Heidenangst vorm schnellen italienischen Umschalten hatte und so die Risiko-Pässe nach vorne noch mehr vermied.

De Rossi zurück in die Abwehr

Für die zweite Hälfte brachte Prandelli dann Montolivo statt Barzagli. Damit rückte Daniele de Rossi ins Zentrum der Dreier-Abwehr zurück, wie er das bei der EM schon gegen Spanien und gegen Kroatien gemacht hatte. Damit hatte Italien nun drei Ballverteiler im defensiven Zentrum, außerdem gingen die Wing-Backs nun deutlich mehr nach vorne. Die Spanier waren in der ersten Hälfte so mürbe gemacht worden, dass sie dem italienischen Treiben recht wenig entgegen zu setzen hatten.

Del Bosque versuchte, den entstehenden Platz hinter Giaccherini besser zu nützen, indem er mit Jesus Navas einen echten Flügelstürmer statt David Silva brachte. Der Andalusier konnte diese Vorgabe allerdings überhaupt nicht erfüllen, er war kaum einmal ins Spiel eingebunden. In der zweiten Halbzeit hatte Italien deutlich mehr Ballbesitz als Spanien (!) und konnte so den Gesamtprozentsatz annähernd auf 50 Prozent heben.

Was auch daran lag, dass es bei den Spaniern überhaupt kein Umschalten gab. Viel zu langsam brachte man Spieler vor den Ball, das Spiel wurde nach Ballgewinn nicht beschleunigt, so konnte sich Italien problemlos stellen und so etwas wie Torgefahr kam eigentlich nie auf.

Wilde Variante von Del Bosque

Was zu Beginn aussah wie eine Taktik, die ausgelegt war, nicht zu verlieren, entpuppte sich als taugliches Mittel, gegen Spanien zu gewinnen. Dazu hätte eine der durchaus vorhandenen Torchancen der Italiener aber auch verwertet werden müssen. Das geschah nicht, darum ging es in die Verlängerung.

Verlängerung
Verlängerung

In der Vicente del Bosque etwas ganz Wildes probierte: Er brachte Javi Martínez, der bei den Bayern eine grandiose Saison als umsichtiger und de facto fehlerfreier Stabilisator im defensiven Mittelfeld absolviert hatte – und der Baske ersetzte Fernando Torres positionsgetreu.

Martínez versuchte, durch seine Laufwege Löcher im italenischen Defensiv-Verbund zu reißen, anders als Torres der eher auf Zuspiele gelauert hatte. Außerdem war er wegen seiner Kopfballstärke ein willkommener Anspielpunkt auch für lange Bälle.

Bis kurz vor Schluss kontrollierte Italien das Geschehen weiterhin recht sicher, wurde aber selbst kaum mehr wirklich gefährlich. Erst in den letzten Minuten vorm Elfmeterschießen kam man noch ziemlich ins Schwitzen, Spanien konnte trotz zwei, drei großer Chancen den Shoot-Out aber nicht mehr verhindern.

In dem alle Schützen sicher trafen, ehe mit Leonardo Bonucci der 13. Spieler scheiterte. Und Spanien damit nach 120 Minuten wohl nicht ganz verdient ins Finale gegen Brasilien einzieht.

Fazit: Italien machte eigentlich alles richtig

Wie schon letztes Jahr in Danzig war Italien auch diesmal der klare taktische Punktsieger, holte wie im Vorrundenspiel der EM ein Remis – und scheiterte letztlich im Elferschießen. Was aber nicht darüber hinweg täuschen darf, dass die Taktik von Prandelli, die von seiner gewohnt italienisch-disziplinierten Truppe fast perfekt umgesetzt wurde, punktgenau passte. Nur ein starker Casillas und eine damit verbunden nicht ausreichende Chancenverwertung verhinderte einen verdienten italienischen Sieg.

Das sah alles nicht spektuakulär aus und vor allem in der 2. Hälfte fehlte der Partie deutlich das Tempo dafür, es wirklich als großes Spiel bezeichnen zu können. Zudem wären beide in gleicher Situation in einem „echten“ Bewerbsspiel sicher mit noch etwas mehr Punch am Werk (wiewohl die tropischen Bedingungen da sicher ein verhinderndes Wort mitgesprochen hätten). Aber es war ein weiteres Beispiel dafür, dass Spanien eben doch nicht unschlagbar ist.

Für die WM nächstes Jahr ja keine ganz unwichtige Erkenntnis.

(phe)

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England mal wieder bieder, aber Italien braucht zum Sieg das Elferschießen https://ballverliebt.eu/2012/06/25/england-mal-wieder-bieder-aber-italien-braucht-zum-sieg-das-elferschiesen/ https://ballverliebt.eu/2012/06/25/england-mal-wieder-bieder-aber-italien-braucht-zum-sieg-das-elferschiesen/#comments Sun, 24 Jun 2012 23:12:38 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=7604 England mal wieder bieder, aber Italien braucht zum Sieg das Elferschießen weiterlesen ]]> Es dauerte 120 Minuten und neun Elfmeter. Doch am Ende hat das letzte Viertelfinale des Turniers mit Italien einen verdienten Sieger gefunden, weil die Azzurri, von einer recht aktiven englischen Anfangsphase einmal abgesehen, deutlich mehr für das Spiel taten. Überraschend war das nicht, schließlich war England schon in der Gruppenphase eine der unprickelndsten Mannschaften des Turniers.

England - Italien 0:0 n.V., 2:4 i.E.

Dass die Engländer gegen das von Haus aus sehr eng angelegte Spiel der Italiener das Zentrum verdichten würden, war klar – umso mehr kam auf die Flügel an. Und hier versuchte Hodgson sehr wohl, den natürlichen Nachteil des typisch italienischen 4-3-1-2 auszunützen: Anders als in den Gruppenspielen waren Ashley Cole und vor allem Glen Johnson extrem aktiv nach vorne, unterstützten Young und Milner nach Kräften und stellten so 2-gegen-1-Situationen gegen die italienischen Außenverteidiger her.

Damit hatte Italien zunächst große Probleme, weil es selbst nicht nach Wunsch gelang, einerseits in den Rücken der aufgerückten Engländer zu kommen. Was aber nichts daran änderte, dass auch sie über die Flügel das Spiel nach vorne tragen wollten: Abate und Balzaretti hatten durchaus Platz, weil die Engländer gegen den Ball vornehmlich gegen das Zentrum arbeiteten. Durch die guten Laufwege und die starke Technik von Balotelli und Cassano wurden auch Italien durchaus gefährlich.

Pirlo und De Rossi

Dass Italien vor allem nach dem Umschalten von Offensive auf Defensive immer wieder auf den Flügeln überrannt wurden, minderte sich erst, als De Rossi und Marchisio begannen, dort abzusichern, sobald Abate und Balzaretti aufgerückt waren. So konnten die Engländer nicht mehr ungehindert nach vorne preschen, die Italiener bekamen Kontrolle und Struktur in ihr Mittelfeld und damit zunehmend die Kontrolle im Spiel.

Auffallend war dabei, dass De Rossi oft sehr weit hinten blieb, kaum höher stand als Pirlo und dessen Position übernahm, wenn Pirlo horizontal verschob. Vor allem auf die eigenen rechte Seite wich er immer wieder aus, was möglich war, da Marchisio sich deutlich weiter nach vorne schob als De Rossi auf der anderen Seite. Im Gegenzug ließ sich Montolivo gerne in jenes Halbfeld zurückfallen, in dem Pirlo gerade nicht war.

Die Rolle von Montolivo

Montolivo wich viel auf die Flügel aus - recht mit veritkalem Spiel, rechts mit horizontalem.

Die Rolle des 27-Jährigen, der nach sieben Jahren bei der Fiorentina (wo er übrigens unter Prandelli den Durchbruch geschafft hatte) für die neue Saison zu Milan wechselt, war überhaupt sehr interessant und sie sagt auch einiges über das Spiel der Italiener aus. Er war zwar nominell als Trequartista aufgestellt, also als Zehner hinter den zwei Spitzen, aber diese Rolle ist nicht die von Montolivo.

Er ist eher jemand, der mit guten Pässen aus dem Halbfeld heraus das Spiel lenkt. Außerdem hatte er zwischen Gerrard und Parker auch so gut wie nie den Platz, sich gewinnbringend in dieser Zone zu bewegen. Also verteilte er nicht aus dem Zentrum heraus die Bälle nach vorne, sondern wich auf die Flügel aus oder ließ sich zurückfallen.

Erstaunlich ist dabei auch der Unterschied in seinen Pässen, abhängig davon, ober er auf die linke Seite (mit Balzaretti und dem eher defensiven De Rossi) ging, oder auf die rechte Seite (mit Abate und dem höher agierenden Marchisio). Auf dem rechten Flügel nämlich spielte Montolivo hauptsächlich vertikale Pässe, oft in den Lauf von Abate und auch von Cassano. Links hingegen war das alles eher horziontal, ohne wirklichen Zug zum Tor.

Was sich dann natürlich auch fortsetzte: Während Abate immer versucht war, Flanken in den Strafraum zu bringen, traute sich Balzaretti das wesentlich weniger zu. Wenig Wunder also, dass die Abate-Seite jene war, die den Engländern viel mehr Kopfzerbrechen bereiten muste.

Erlahmende Flügel und der Walcott-Boykott

Was sich gegen Ende der ersten Hälfte schon angedeutet hatte, setzte sich in der zweiten Halbzeit fort: Die Flügel der Engländer erlahmten immer mehr. Johnson und Cole hielten sich immer mehr zurück, wordurch die Italiener immer mehr Kontrolle ausüben konnten. So brachte Hodgson nach genau einer Stunde Carroll für Welbeck (wohl um einen Anspielpunkt für lange Bälle zu haben) und Walcott statt Milner – um wieder für etwas Schwung über jene Seite zu veranstalten, über die die Italiener ohnehin nicht viel Konkretes angeboten haben.

Doch warum auch immer – aber Walcott wurde, sobald er im Spiel war, von seiner Mannschaft richtiggehend boykottiert. Es war, als herrschte ein Verbot, den Ball auch nur in die Nähe von Walcott zu spielen, so sehr wurde fast krampfhaft versucht, Entlastungsangriffe über die andere Seite aufzuziehen. Durch die gute Defensiv-Arbeit von Marchisio war da aber nicht viel möglich.

Verlängerung

Drei Neue für Italien

Prandelli brachte in der Folge mit Diamanti und Nocerino (statt Cassano und De Rossi) ebenfalls zwei neue Spieler. Diese beiden wurden deutlich besser eingebunden als das neue Duo bei England: Diamanti spielte tiefer als Cassano und stellte mit seiner Wucht etwas mehr Körperlichkeit entgegen als das Cassano möglich war. Noch wichtiger war aber zunächst die Rolle von Antonio Nocerino: Er spielte eine wesentlich vorgerücktere Rolle als De Rossi vor ihm, statt kluger Pässe waren nun tatsächliche Vorstöße gefragt. Da die Engländer aber standhielten, ging es mit einem 0:0 in die Verlängerung

Dafür kam statt des immer aktiven, aber langsam etwas müde werdenden Abate mit Christian Maggio ein gelernter Wing-Back für die rechte Seite. Nun waren also Maggio und Diamanti für die rechte Außenbahn zuständig, Nocerino und Balzaretti für die linke; Montolivo und Marchisio sicherten ab.

Vor allem Maggio belebte das italienische Spiel. Was aber nichts daran änderte, dass die restliche Mannschaft immer müder wurde. Italien dominierte die Partie zwar nach Belieben, es fehlte aber die Konsequenz und der echte Zug zum Tor – selbst gegen einen Gegner, der schon längst stehend K.o. war. Womit es ins Elfmeterschießen ging – das mit den Italienern jene Mannschaft völlig zu Recht gewann, die zuvor die klar aktivere gewesen war.

Fazit: Italien bleibt interessant, England bleibt langweilig

Das Bemühen war bei den Engländern erkennbar, den systembedingten Vorteil auf den Außenbahnen auszunützen – allerdings zu wenig konsequent und vor allem zu wenig lang. Eine halbe Stunde, dann war der Spuk vorbei, und es spielte nur noch Italien. Diese Squadra Azzurra ist individuell sicherlich weit von der Klasse der Spanier und der Deutschen entfernt, aber durch ihre taktische Flexibilität kann sie den Turnier-Favoriten auf jeden Fall zumindest äußerst unangenehm werden.

Die Engländer fahren (mal wieder) nach einem verlorenen Elfmeterschießen heim. Beschweren darf sich dort aber keiner: Angesichts des Chaos im Vorfeld des Turniers ist der Viertelfinal-Einzug ohnehin ein herzeigbares Ergebnis. Einen Funkenflug, eine Initialzündung für eine mögliche bessere Zukunft konnten die Three Lions aber nicht setzen. Die unglaublich biedere, um nicht zu sagen todlangweilige Spielweise von Roy Hodgson hat funktioniert, um den sportlichen Totalschaden bei diesem Turnier abzuwenden. Zu mehr ist sie aber nicht gut.

Von eingefleischten England-Fans einmal abgesehen wird diesem Team aber keiner nachtrauern.

(phe)

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Dreierkette gegen Falsche Neun: Italien taktischer Punktsieger über Spanien https://ballverliebt.eu/2012/06/11/dreierkette-gegen-falsche-neun-italien-taktischer-punktsieger-uber-spanien/ https://ballverliebt.eu/2012/06/11/dreierkette-gegen-falsche-neun-italien-taktischer-punktsieger-uber-spanien/#comments Mon, 11 Jun 2012 01:17:07 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=7442 Dreierkette gegen Falsche Neun: Italien taktischer Punktsieger über Spanien weiterlesen ]]> Endlich mal etwas Abwechslung im Einheitsbrei der Systeme: Spanien und Italien lieferten sich ein hochinteressantes Spiel. Die Spanier kamen ohne echten Stürmer, die Italiener hielten mit einer Dreierkette dagegen – und trugen beim 1:1 wohl den taktischen Punktsieg davon. Beide Teams müssen aber als eine Klasse stärker als die zwei Gruppengegner gelten. Der Qualitäts-Unterschied zum 3:1 der Kroaten gegen Irland war enorm.

Spanien - Italien 1:1 (0:0)

Hinten einen Viererkette, vorne ein Stoßstürmer, ein Drei-Mann-Zentrum im Mittelfeld – bei den meisten Teams bei dieser Europameisterschaft unterscheiden sich die Systeme kaum. Da war dieses Spiel zwischen den letzten beiden Weltmeistern ganz anders: Spanien spielte in einem Barça nachempfundenen 4-3-3 ohne Stoßstürmer, dafür mit Fàbregas als Falsche Neun; die Italiener hielten mit einem 3-5-2 dagegen, mit dem gelernten Sechser De Rossi als zentralen Mann in der Dreier-Abwehrkette.

Und vor allem: Mit Wing-Backs. Maggio und Giaccherini waren für das Gelingen der italienischen Taktik von ganz eminenter Bedeutung. Weil Silva und Iniesta, die Fàbregas flankierten, keine Flügelspieler sind, die die Linie halten und ohne einen körperlich robusten Spieler in der Offensive, der Flanken verwerten könnte, war es vollkommen klar, dass das Vorwärtsspiel der Spanier nur durch das Zentrum kommen konnte und die Außenvertedigier Alba und Arbeloa hauptsächlich dafür zuständig sind, die gegnerische Abwehrkette auseinander zu ziehen, um für die techisch guten Kollegen in der Mitte Räume zu schaffen.

Das klappte allerdings überhaupt nicht, was am exzellenten Positionsspiel von Maggio und Giaccherini lag. Hatte Spanien den Ball, zogen sie sich recht weit zurück, wodurch eine Fünferkette entstand – die kann man kaum auseinander ziehen. Im Ballbesitz aber preschten die beiden extrem nach vorne, was ihre Gegenspieler zwang, selbst weit zurück zu weichen.

Das System Juventus

Juve beim 1:1 bei Milan am 25. Februar

Zwar war es auf den Flügeln jeweils 1-gegen-1, aber wegen des zusätzlichen Spielers in der Abwehr konnten die Italienischen Außenspieler wesentlich gefahrloser Aufrücken. So war dem spanischen Spiel die Breite genommen und im Zentrum lief es sich auf zwei 3-gegen-3 Duelle hinaus – die Mittelfeld-Reihen gegeneinander und die drei vorderen Spanier gegen die italienische Dreierkette.

Die Italiener hatten den zusätzlichen Vorteil, dass sie nicht in ein völlig ungewohntes System gepresst wurden. Zwar wurde das im Nationalteam noch nicht praktiziert. Aber erstens hat sich Prandelli diese Möglichkeit immer offen gehalten, und zweitens spiele fünf Feldspieler (Bonucci, Chiellini, Pirlo, Giaccherini und Marchisio) dieses 3-5-2 bei Juventus, dazu ist Maggio im 3-4-2-1 von Napoli ebenso die Rolle als rechter Wing-Back gewohnt.

Spanisches Pressing greift nicht

Zusätzlich gingen die Italiener die Spanier recht früh an und störten damit zusätzlich das geplante iberische Kurzpass-Spiel. Die einzige Möglichkeit, zum Torabschluss zu kommen, waren Vorstöße von David Silva, aber da die Italiener hinten immer in Überzahl waren, fischten sie auch dem Mann von Man City die Bälle immer wieder vom Fuß.

Das geschickte Positionsspiel der italienischen Wing-Backs störte zu allem Überfluss auch noch das spanische Pressing. Weil sich Maggio und Giaccherini gegen den Ball recht weit hinten positionierten, mussten die spanischen Außenverteidiger recht weit nach vorne kommen – schließlich waren sonst die italienischen Außenspieler immer frei und das spanische Pressing im Zentrum wäre sinnlos. Wenn sie allerdings aufrückten, ließen sie hinter sich viel Raum für Balotelli und Cassano, den die beiden ungemein schnellen und trickreichen Stürmer gut ausnützen konnten.

Was natürlich auch für den für Balotelli eingewechselten Antonio di Natale gilt, der nach einer Stunde richtig startete und einen von Pirlo kommenden Pass in seinen Lauf zum 1:0 verwertete; vier Minuten später ließ sich De Rossi einmal kurz aus der Position ziehen und hinter im Fàbregas entwischen, was das 1:1 bedeutete.

Adjustierungen von Del Bosque

Nach den beiden Toren stellte der spanische Teamchef Del Bosque etwas um. Statt dem sehr zentral agierenden Silva kam nun Jesús Navas in die Partie, der, wie er das auch bei Sevilla macht, recht konsequent die Linie hielt. Logische Folge: Giaccherini wurde nun hinten mehr gebunden und Chiellini rückte immer wieder etwas raus, wodurch nun tatsächlich etwas Platz in der italienischen Abwehr entstand. Diesen wollte Del Bosque ausnützen, in dem er in der Folge Fàbregas rausnahm und mit Torres einen echten, gelernten Stürmer brachte.

Die immer mehr steigende Müdigkeit bei den Italienern wurde in der letzten Viertelstunde recht offensichtlich, zeigte sich aber mehr im unpräzise werdenden Aufbau- und Konterspiel, weniger in der Abwehr. De Rossi zeigte gute Übersicht und konnte den Ball mit gutem Auge an den Mitspieler bringen, und drosch die Kugel nicht blind nach vorne. Torres hatte zwar sehr wohl noch zwei ausgezeichnete Chancen, aber einmal klärte Buffon überragend und einmal zog er zu überhastet ab.

Prandelli ging bis zum Ende nicht von seinem System ab. Warum auch, es funktionierte ja – er hatte am Ende nur ein anderes Sturmduo (Di Natale und Giovinco) auf dem Feld als zu Beginn, in der Nachspielzeit wechselte er noch einmal, um an der Uhr zu drehen. Italien war recht deutlich mit dem 1:1 zufrieden und auch die Spanier konnten nicht so schlecht damit leben. Die letzte Konsequenz fehlte gegen Schluss beiden Teams.

Fazit: Hochinteressante Partie, korrektes Remis

Diese Partie war taktisch mal etwas anderes als im bisherigen Turnier. Klar – es sind die einzigen beiden Mannschaften, die vom in Europa so gut wie einheitlichen System abweichen. Dreierketten und tief spielende Neuner ohne Stoßstürmer gibt’s bei den anderen Teilnehmern nicht.

Cesare Prandelli fand das richtige Rezept gegen den Welt- und Europameister, indem er mit seinen Wing-Backs die Flanken kontrollierte, die Spanier noch mehr in die Mitte zwang als diese das wollten und dort geschickt zumachte. Die Spanier hatten einige Probleme, weil sie erst nach den Wechseln eine Alternative zur gewohnten, diesmal aber nicht zielführenden Spielanlage hatten.

Das Remis geht voll in Ordnung, aber wenn man so will, darf man Cesare Prandelli durchaus als Punktsieger im Duell der Strategen bezeichnen.

So aufregend das Spiel der beiden Top-Teams der Gruppe war, so wenig gab das Aufeinandertreffen von Kroatien mit Irland her. Was in erster Linie an den Iren lag. Die Mischung aus dem beschränkten technischen Rüstzeug der Mannen von der grünen Insel, verbunden mit der grundsätzlichen Vorsicht eines Giovanni Trapattoni, ist nicht gerade anspruchsvoll. Einsatz, Kampf und Härte sind Trumpf. Spielerische Mittel, nun ja, nicht so sehr.

Kroatien - Irland 3:1 (2:1)

Die Marschrichtung ist simpel: Über die Mittelfeld-Außen im extrem altbackenen 4-4-2 (Duff und McGeady) nach vorne kommen, in den Strafraum flanken, und dort darauf bauen, dass sich Keane und Doyle durchsetzen. Die beiden Spieler im Mittefeld-Zentrum (Andrews und Whelan) sind reine Zerstörer und im Spielaufbau unbrauchbar. Ihre einzige Aufgabe bestand darin, Modrić so gut es geht aus dem Spiel zu nehmen.

Kroatiens 4-4-2

Auch der kroatische Teamchef Slaven Bilić baute auf ein 4-4-2, allerdings wurde dieses deutlich offensiver interpretiert. In der Zentrale war Vukojević der einzige Sechser, er sicherte für Luka Modrić ab. Die Mittelfeld-Außen (Perišić und vor allem Rakitić) rückten ein, um den sehr fleißigen Außenvertedigiern das Aufrücken zu ermöglichen.

So spielte Rakitić fast einen zweiten Spielmacher neben Modrić, während Srna neben ihm praktisch die Linie auf- und abwetzte. Das schränkte Duff und McGeady ziemlich ein. Doch trotz der Überlegenheit in eigentlich jedem Bereich auf dem Feld brauchte es zwei Standardsituationen, um zum Erfolg zu kommen – denn so sehr sich Jelavić und Mandžukić auch bemühten, gegen die kompromisslosen irischen Innenverteidiger kamen sie kaum zum Zug.

Kroaten kontrollieren das Spiel

Natürlich musste auch bei den Iren ein Freistoß herhalten, um den zwischenzeitlichen Ausgleich zu erzielen. Aber nach dem 1:3 kurz nach der Pause, dem zweiten Tor von Mandžukić, fühlten sich die Kroaten sicher genug, um den Druck etwas entweichen zu lassen. Er war einfach zu offensichtlich, dass die Iren nur eine einzige Strategie hatten und diese von den nicht nur variableren, sondern auch individuell klar besser besetzten Kroaten recht locker unter Kontrolle zu halten war.

Die größte Gefahr für das Team von Slaven Bilić bestand in einem klaren Elferfoul von Schildenfeld an Keane, das Referee Kuipers allerdings unverständlicherweise nicht ahndete. Selbst die Wechsel bedeuteten bei den Iren keine Veränderung: Long und Walters erstetzten Doyle und Keane auf deren Positionen, und Cox ging statt McGeady auf die linke Seite.

Fazit: Wohl beide nicht gut genug für’s Viertelfinale

Die Iren sind ein sympatisches Völkchen mit originellen Fans. Die auf Einsatz und Kampfkraft bauende Spielweise der Nationalmannschaft ist für Freunde des erdigen Fußballs genau das richtige. Nur: Taktisch gibt es kaum langweiligere Teams. Das System ist stockkonservativ, extrem ausrechenbar und ein seiner Simplizität enorm anspruchslos. Das ging sich in der Quali-Gruppe gegen die ambitionierten, aber international unerfahrenen Armenier aus und im Playoff gegen das andere Überraschungsteam aus Estland – aber gegen eine auch nicht gerade überragend aufspielende kroatische Mannschaft ist das nicht annähernd genug.

Die Mannschaft um Luka Modrić muss sich aber ebenso noch deutlich steigern, um gegen Italien und Spanien bestehen zu können. Der Auftritt gegen Irland war alles andere als beeindruckend, vor allem die Innenverteidigung mit Ćorluka und Schildenfeld ist nicht gerade internationale Spitzenklasse und dass Modrić Probleme hat, wenn ihm Gegenspieler mit vollem Körpereinsatz kommen, wurde in diesem Spiel schon deutlich.

Klar ist nach dem ersten Spieltag der Gruppe C: Wenn es nicht Spanien und Italien sind, die hier ins Viertelfinale einziehen, käme das einer kleinen Sensation gleich.

(phe)

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