Advocaat – Ballverliebt https://ballverliebt.eu Fußball. Fußball. Fußball. Tue, 12 Jun 2012 21:59:18 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.7.2 Błaszczykowski schießt Polen zurück ins Turnier – Tschechen wackeln wieder https://ballverliebt.eu/2012/06/12/blaszczykowski-schiest-polen-zuruck-ins-turnier-tschechen-wackeln-wieder/ https://ballverliebt.eu/2012/06/12/blaszczykowski-schiest-polen-zuruck-ins-turnier-tschechen-wackeln-wieder/#respond Tue, 12 Jun 2012 21:57:50 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=7471 Błaszczykowski schießt Polen zurück ins Turnier – Tschechen wackeln wieder weiterlesen ]]> Nein, einen Sieg hat es für Polen auch im zweiten Spiel der Heim-EM nicht gegeben. Aber das 1:1 gegen die Russen fühlt sich fast wie einer an, zumal man es nach dem Traumtor von Błaszczykowski und einer ansprechenden Leistung in der eigenen Hand hat, ins Viertelfinale zu kommen. Jetzt muss nur noch ein Sieg gegen die Tschechen her – und das scheint möglich, weil diese trotz Blitz-Führung zum 2:0 gegen Griechenland wieder keine gute Figur gemacht haben.

Polen - Russland 1:1 (0:1)

Russland hatte gegen die Tschechen viele Freiheiten. Was daran lag, dass die Tschechen im eigenen defensiven Mittelfeld zu viel Räume gewährt haben – genau diesen Fehler wollte Franciszek Smuda, der polnische Teamchef, natürlich nicht machen. Darum machte er aus dem 4-4-1-1 der ersten Partie nun gegen die Russen ein 4-1-4-1, um eben genau den Aufbau der Russen über Shirokov und Siryanov zu verhindern, und die Sbornaja damit auf die Flügel zu drängen.

Dort lauerten zwar Arshavin und Dzagoyev, dazu die Außenverteidiger Shirkov und Anyukov, aber für erstere standen ja als Hilfe für Boenisch und Piszczek die Kollegen aus dem Halbfeld bereit, und auf Letztere sollten Błaszczykowski und Obraniak Druck ausüben, sodass diese gar nicht erst zu ihren gefährlichen Vorstößen kommen konnten.

Polens Strategie gegen den Ball

Teil A des Plans ging ganz gut auf. Shirokov versuchte zwar wiederum, mit seinen vertiaklen Vorstößen auch ohne Ball Unruhe zu stiften, aber Dudka agierte recht umsichtig und die polnische Defensive als Ganze ließ sich davon überhaupt nicht beeindrucken. Siryanov postierte sich deutlich tiefer, mitunter auf eine Höhe mit Sechser Denisov; er hatte so zwar mehr vom Ball, aber weil Polanski und Murawski die Räume exzellent zustellten, kamen kaum russische Anspiele an – da brauchte es gar kein Pressing von Seiten der Polen.

Das Verteidigen gegen die Außenstürmer Arshavin und Dzagoyev klappte dagegen nur so halb. Obraniak arbeitete sehr gut defensiv und half Boenisch – mit Abstand dem schlechtesten Teil der polnischen Mannschaft – so gut er konnte. Dzagoyev war über die meiste Zeit des Spiels kaltgestellt. Aber Arshavin war überall zu finden: Er sah schnell, dass er gegen Błaszczykowski und Piszczek wenig anrichten konnte und verlegte sich schnell darauf, sich ins Halbfeld zu positionieren, den Raum zwischen polnischem Mittelfeld und Abwehr zu bearbeiten und verließ sich auf seine Qualitäten am Ball.

Russland nicht so gut wie gegen Tschechien

Man kann auch sagen: Arshavin agierte oftmals recht eigensinnig, verpasste regelmäßig den Zeitpunkt zum Abspiel und rannte sich immer wieder in der polnischen Verteidigung fest. Aus dem Spiel heraus waren die Russen etwas zu statisch und ausrechenbar, um gegen die diszipliniert und kompakt stehenden Polen etwas auszurichten. Fast logisch daher, dass das 1:0 für Russland in der 37. Minute nach einem Standard fiel: Dzagoyev verwertete einen Arshavin-Freistoß per Kopf.

Die Polen zeigten sich gegenüber dem 1:1 gegen die Griechen also deutlich verbessert, was ihre Abwehrarbeit anging und auch, was die generelle psychische Lage betrifft: Die Übernervosität von gerade der zweiten Hälfte gegen Griechenland war deutlich verfolgen. Was aber in den vier Tagen natürlich nicht korrigiert werden kann, ist die unglaubliche Rechtslastigkeit im Spiel. Piszczek und Błaszczykowski tragen das Aufbauspiel quasi alleine.

Polen versuchen, ihre Stärken ins Spiel zu bringen

Das ist zwar sehr eindimensional, aber wenn man vorne einen Robert Lewandowski hat, kann sich das trotzdem ausgehen. In der abgelaufenen Saison gab es kaum Stürmer in Europa, die Bälle besser halten können, abdecken, Zeit gewinnen bis die Mitspieler aufgerückt sind – und dabei dennoch so gedanken- und handlungsschnell sind, dabei jederzeit den Abschluss suchen zu können. Seine unbestrittenen Tempo- und Technik-Vorteile gegen Beresutski und Ignashevitch (die beiden russischen Innenverteidiger sind fraglos die limitiertesten Kicker in ihrem Team) konnte er zwar kaum ausspielen, aber alleine seine Präsenz sorgte für Entlastung.

Bei alldem war aber doch klar, dass die Polen um den Umstand wussten, fußballerisch nicht mit den Russen mithalten zu können. Natürlich war das Einziehen einen Zerstörers im Mittelfeld und das damit verbundene Verzichten auf eine hängende Spitze dem geschuldet und, keine Frage, die Polen überließen den Russen ganz bewusst die Initiative. Weil sie wussten: Die größten Chancen, zum Torerfolg zu kommen, bestehen, wenn man nach Ballgewinn in den Rücken der aufgerückten Außenverteidiger kommt und die gegnerischen Innenverteidiger mit Tempo kommt.

Nach Ausgleich nicht auf Defensive umgestellt

Natürlich war das Ausgleichstor von Błaszczykowski nach einer Stunde in erster Linie ein herausragender Schuss, den Malafeev nie im Leben halten kann, aber die Entstehung war genau so: Schneller Gegenzug, der spätere Torschütze bekommt einen Ball in den Lauf hinter Shirkov, Lewandowski zieht einen Innenverteidiger, und Błaszczykowski kann abziehen.

Interessanterweise gab Smuda in der Folge seinen Vorsichts-Kurs auf: Er hatte einerseits bemerkt, dass die Russen an diesem Tag nicht so stark in der Vorwärtsbewegung waren und wollte daher zweitens etwas mehr Struktur in die eigene Spielgestaltung bringen. Daher nahm er Dudka vom Feld und brachte mit Mierzejewski einen kreativeren Mittelfeld-Spieler, der genauere Pässe mit mehr Übersicht spielen kann.

Und tatsächlich: Das Zentrum der Polen verlor nicht etwa an Balance, sondern konnte nun Bälle auch besser halten. Das bewirkte, dass Shirokov und Siryanov sind nun endgültig aus dem russischen Spielaufbau verabschiedeten. Advocaat versuchte daher, mit Ismailov statt dem (trotz seines Tores) diesmal nicht so starken Dzagoyev jenen Flügel zu stärken, auf dem Boenisch stand. Ein Wechsel dessen Wirkung verpuffte, womit es beim korrekten 1:1 blieb.

Fazit: Polen verdient sich den Punkt, von den Russen kam zu wenig

Die Polen haben gezeigt, dass sie mit der passenden taktischen Marschroute auch einem Gegner wie Russland Paroli bieten können. Sie haben das Zentrum der Sbornaja sehr gut neutralisiert und sie damit ausrechenbarer gemacht. Zudem gelang es Lewandowski hervorragend, die russische Abwehr zu beschäftigen und die starke rechte Seite muss als Punktsieger gegen Shirkov gelten.

Die Russen verließen sich zu sehr auf Einzelaktionen von Arshavin. Im Mittelfeld fehlte es an den nötigen Laufwegen, um das kompakte und robuste, aber spielerisch nicht unbedingt auf Top-Niveau stehende polnische Zentrum auseinander zu reißen. Vor allem Siryanov und Shirokov müssen sich anlasten lassen, einen etwas lustlosen Eindruck gemacht zu haben, als man nicht so leicht durchkam wie gegen das recht offene tschechische Zentrum.

Im Endeffekt war es ein interessantes und flottes Spiel, nachdem wohl beide Teams mit dem Resultat leben können. Die Russen, weil die die Gruppe immer noch anführen und sie mit einem Sieg gegen die Griechen diese auch gewinnen. Und die Polen, weil sie den Einzug ins Viertelfinale in eigener Hand haben: Ein Erfolg gegen Tschechien, und alles ist gut. Und der ist allemal möglich.

Überfahren ist er worden, im ersten Spiel, von Blaszczykowski und Piszczek. Dennoch durfte José Holebas auch gegen die Tschechen als Linksverteidiger anfangen – und wieder ging’s schief. Einmal ließ er Jiráček innen entwischen, einmal Gebre Selassie außen, und nach fünf Minuten waren die Tschechen schon mit 2:0 voran. Die schnellste Zwei-Tore-Führung der EM-Geschichte…

Tschechien - Griechenland 2:1 (2:0)

Was die Tschechen aber auch gut heraus gefordert haben. Michal Bilek reagierte auch von der Aufstellung her gut auf die Problemstellen beim 1:4 gegen Russland. Oder, viel mehr, setzte er dort fort, wo er schon beim ersten Spiel reagiert hatte: Statt nämlich Plašil auf die Sechs zu stellen, ohne einen Tackler um sich herum – was sie gegen die flinken Russen anfällig für Konter gemacht hatte – zog er Plašil auf die Acht und ließ Hübschmann hinter ihm die Aufräum-Arbeit machen.

Das klappte zunächst hervorragend, weil Plašil und Rosický ein ganz gutes Verständnis untereinander hatten, und weil Jirácek den defensiv wie erwähnt überforderten Holebas permanent narrte, ihn überlief, ihn aus der Position zog – was auch für den exzellenten Theo Gebre Selassie ein Fest war. Die Tschechen kontrollierten das Spiel.

Tschechen lassen Zügel schleifen

Man könnte allerdings auch sagen, dass sie sich selbst einlullten. Mit der billigen frühen Führung im Rücken ließ schon im Laufe der ersten Hälfte die Initiative immer mehr ein. Was der selbe Fehler war, den die Polen schon gegen die Griechen gemacht hatten. Und in selbem Maße kam auch Holebas, defensiv entlastet, immer besser ins Spiel.

Natürlich war das sich anbahnende Angriffsspiel der Hellenen eher durchschaubar. Setzte auf lange Bälle Richtung Samaras, mehr auf Willen als auf Klasse. Und auf die Tatsache, dass die Tschechen das Spiel schon gewonnen glaubten. Aber Maniatis und Fotakis im Zentrum bekamen nun immer mehr Zeit am Ball und das Bemühen, das Spiel von hinten heraus zu lenken, war durchaus erkennbar.

Griechen versuchen es, aber es fehlt das Zwingende

Natürlich: Dass Petr Čech den Griechen mit einem ähnlichen Aussetzer wie vor vier Jahren gegen die Türkei den Anschlusstreffer schenkte, half natürlich. Aber man darf auch nicht verschweigen, dass bei Fernando Santos wie schon im ersten Spiel die Wechsel gut funktioniert haben. Mit Gekas kam ein schnellerer, wendigerer Mann für das Sturmzentrum, dafür ging Samaras auf den Flügel; dazu konnte Fortounis seine Pässe aus dem Zentrum heraus besser gestalten als zuvor auf dem Flügel. Als Santos merkte, dass Fortounis‘ Pässe (und wohl auch seine Kräfte) nachließen, warf er Kostas Mitroglou in die Schlacht: Einen grimmigen, robusten Spieler, der den Tschechen zusätzliche Probleme bereitete.

Anders hingegen die Wechsel von Michal Bilek. Er sah sich in der Pause gezwungen, den am Rande der gelb-roten Karte wandelnden Rosický in der Kabine zu lassen. Sein Ersatz Kolař agierte zwar giftig, aber hat natürlich nicht annähernd die Klasse von Rosický, wenn es um das Lenken und das Gestalten des Spiels geht. In der Spitze bewegte sich Milan Baroš schlecht und war so kaum eine Anspiel-Option. Und Jiráček, so gut er im Vorwärtsgang ist, zeigte ungewohnte Schwächen in den Zweikämpfen.

So konnten die Griechen in der Schlussphase mit de facto vier Stürmern angreifen, aber in der letzten Konsequenz fehlte dann doch die Klasse. Die Tschechen hatten das Spiel komplett aus der Hand gegeben und hingen in den Seilen wie ein überraschend getroffener Boxer, aber die wirklich zwingenden Chancen auf das 2:2 konnten sich die Hellenen nicht mehr heraus arbeiten.

Fazit: Tschechen fühlen sich zu früh sicher, Griechen können es nicht nützen

Vielleicht ging es am Beginn des Spiels zu einfach – aber das wäre auch als Erklärung zu einfach. Die Tschechen standen zunächst zwar im Zentrum durch die höhere Positionierung und die Absicherung hinter Plašil deutlich sicherer als noch gegen die Russen, aber dennoch fehlt es im restlichen Team – den wirklich exzellenten Rechtsverteidiger Gebre Selassie mal ausgenommen – an der Qualität. Und wenn dann noch ein Gefühl von vermeintlich sicherem Sieg hinzu kommt, kann die Mannschaft den Schalter nicht mehr umlegen.

Die Griechen, das muss man ihnen zu Gute halten, sind unter Fernando Santos längst nicht mehr so negativ wie in den späten Rehhagel-Jahren (in den früheren war das ja durchaus offensiver, auch bei der vermeintlich so negativ angelegten Euro 2004). Allerdings fehlt es an einem Passgeber im Mittelfeld, der das Auge und die Klasse hat, so einem Spiel eine Struktur zu geben; an echten Flügelstürmern, die auch mal brauchbare Flanken schlagen können; an Außenverteidigern, wo man nicht entweder gegen den Ball Angst haben muss (Holebas) oder in der Vorwärtsbewegung beim Gegner keine Angst verbreiten (Torosidis).

Beide haben das Viertelfinal-Ticket zwar noch in eigener Hand. Aber ob es für die Griechen gegen die Russen reicht, nachdem diese beim 1:1 gegen Polen gesehen haben, dass es mit Halbgas nicht geht? Zweifelhaft. Und auch die Tschechen werden am letzten Spieltag gegen den Gastgeber Probleme haben, wenn man wieder so nachlässig agiert und so bereitwillig dem Gegner das Spiel überlässt.

(phe)

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Reality Check für Polen, verdienter Sieg für Russland https://ballverliebt.eu/2012/06/09/reality-check-fur-polen-verdienter-sieg-fur-russland/ https://ballverliebt.eu/2012/06/09/reality-check-fur-polen-verdienter-sieg-fur-russland/#comments Sat, 09 Jun 2012 02:29:11 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=7412 Reality Check für Polen, verdienter Sieg für Russland weiterlesen ]]> EURO 2012 / Tag 1 | Die Russen machen’s nicht ungeschickt. Kräfte eher ein wenig sparen und, wie beim 4:1-Sieg zum Start in die EM gegen Tschechien, die Post nur in ausgewählten Aktionen abgehen lassen – dort aber so richtig. Beim Gastgeber Polen ging die Post nur eine Viertelstunde lang ab. Dann verlor man gegen Griechenland den Faden und letztlich sogar fast noch das Spiel…

Russland - Tschechien 4:1 (2:0)

Sie sind zur Ausnahme geworden, die Teams, die zu einem großen Teil von einem einzelnen Spieler abhängig sind. Die Tschechen aber sind so eine Mannschaft: Tomáš Rosický ausgenommen, ist das tschechische Team Anno 2012 eine recht gesichtslose Truppe, der es an der individuellen Klasse fehlt. Umso größer war die Erleichterung, dass der Mann von Arsenal doch noch rechtzeitig fit geworden ist. Oder zumindest fit genug, um dabei zu sein.

Gerenell ist bei den Tschechen das Zentrum das Prunkstück. Nicht nur wegen Rosický, sondern auch wegen Jaroslav Plašil: War er in der Vergangenheit oft am Flügel zu finden, stellt ihn Teamchef Michal Bilek als tief stehenden Sechser auf, der die Bälle verteilt. Zwischen Plašil und Rosický war dann noch Petr Jiráček zu finden, der etwas hinter Rosický versetzt ebenso viel vertikal verschob. Mit dieser gesunden Mischung aus Energie (Jiráček), Technik (Rosický) und Übersicht (Plašil) hielt man das russische Dreier-Mittelfeld zunächst gut in Schach.

Ab durch die Schnittstelle

Was auch an Theo Gebre Selassie lag. Der Rechtsverteidiger mit dem typisch tschechischen Namen nützte die zuweilen recht zentrale Positionierung von Arshavin aus um einiges an Betrieb nach vorne zu veranstalten. Gefährlich wurden die Tschechen in dieser Phase zwar nicht, aber es gelang zumindest, die Russen vom eigenen Strafraum fernzuhalten.

Die Strategie im Spiel nach vorne bei den Russen war hingegen ebenso simpel wie erfolgreich: Schnelles Umschalten nach Ballgewinn, und vor allem: Mit so wenigen Pässen wie möglich vor das gegnerische Tor zu kommen. Hoch wurde dabei gar nicht gespielt – sondern praktisch alles flach und vor allem mit einer ganz klaren Stoßrichtung: Ab durch die Schnittstellen zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger. Fast immer, wenn mehrere Russen auf Čech zuliefen, kam der Pass zwischen Sivok und Kadlec bzw. zwischen Hubník und Gebre Selassie durch. Was möglich war, weil Kershakov innen immer zumindest einen Innenverteidiger auf sich zog und der entsprechende Außenverteidiger im Zustellen des entstehenden Raumes den russischen Gegenspieler im Rücken aus den Augen verlor. So stand’s schnell 2:0, ohne dass die Russen viel für das Spiel gemacht hätten.

Rosickýs Bindung zum Spiel gekappt

Die Tschechen blieben zwar auch in der Folge das Team mit mehr Ballbesitz, aber weil sich Rosický innerhalb des russischen Mittelfeld-Dreiecks immer mehr aufrieb, war von ihm immer weniger zu sehen. Jiráček merkte das zwar und versuchte, durch höhere Positionierung Rosickýs fehlende Bindung zum Spiel auszugleichen, aber es gelang nicht, Zugriff auf den Strafraum zu bekommen. Baroš konnte seine Tempo-Vorteile gegenüber Ignashevich und Beresutski nie ausspielen.

Im Gegenteil: Immer mehr gelang es dem russischen Mittelfeld-Trio, das fehlen eines Tacklers im tschechischen Mittelfeld auszunützen und mit schnellem Ausschwärmen der Offensiv-Spieler – also der der Angreifer plus einem aus dem Mittelfeld – die tschechische Abwehr immer wieder in 4-gegen-4-Situationen zu verwickeln und damit schwer in Verlegenheit zu bringen.

Sicherung im Mittelfeld, aber hinten bleibt’s problematisch

Bilek erkannte das Problem und brachte mit Tomáš Hübschmann einen echten, gelernten Sechser statt des auf der rechten Flanke eher glücklosen Rezek. Das hatte den Effekt – auch nach dem Anschlusstreffer durch Pilař – dass die Tschechen im Zentrum zunächst etwas sicherer standen, es aber Rosický immer mehr an Unterstützung im Spiel nach vorne Fehler. Im Laufe der zweiten Hälfte tauchte er immer mehr unter, war fast unsichtbar. Womit seine Mannschaft im Spiel nach vorne ein ziemliches Problem hatte.

Anders als die Russen. Sie stießen weiterhin nach Ballgewinn schnell vor und durch die starken Laufwegen von Kershakov war in der tschechischen Innenverteidigung (die mit Hubník und Sivok auch nicht gerade auf internationalem Niveau besetzt ist) ständig Chaos. Mit den permanenten Schnittstellen-Pässen wurde das Duo zusätzlich zermürbt. Das ermöglichte Kershakov einige gute Möglichkeiten, die er aber allesamt recht fahrlässig vernebelte; was schade ist, denn seine Leistung an sich war ansprechend.

Die Russen schafften es gut, die Tschechen kein Tempo aufnehmen zu lassen und schonten so letztlich auch ihre eigenen. Ehe es in der Schlussphase noch zweimal gelang, die tschechische Abwehr auszuhebeln: Erst mit einem starken Steilpass auf Dzagoyev, dann mit einer starken Einzelleistung des eingewechselten Pavlyuchenko.

Fazit: Ohne große Anstrengung zum 4:1

Die Russen haben eigentlich alles richtig gemacht: Das Tempo des Spiels kontrolliert und nach dem 2:0 niedrig gehalten, somit die Kräfte nicht überansprucht und dennoch die Schwächen des Gegners gnadenlos angebohrt und letztlich klar mit 4:1 gewonnen.

Bei den Tschechen darf es durchaus für Kopfschmerzen sorgen, wie sehr die Mannschaft von Rosický abhängig ist und wie sehr sie in der Luft hängt, wenn der Mann von Arsenal vom Gegner aus dem Spiel genommen wird. Was übrig bleibt ist, wie erwähnt, eine etwas konturlose Mannschaft ohne echten Plan, wie man einen Gegner von der Klasse der Russen aushebeln kann.

Wo ist der Gastgeber aus Polen am Stärksten? Natürlich über die rechte Seite mit den Dortmunder Meister-Kickern Piszczek und Błaszczykowski. Umso erstaunlicher, wie sehr die Griechen diese Seite defensiv zunächst offen ließen! In das Eröffnungsspiel dieser Europameisterschaft startete der Champion von 2004 mit einem 4-3-3, in dem Linksaußen Giorgios Samaras sehr hoch stand und hinter ihm José Holebas (einer von drei „Deutschen“ auf dem Feld, neben Boenisch und Polanski bei den Polen) die Aufgabe überließ, mit dem Power-Duo der Borussia alleine fertig zu werden.

Polen - Griechenland 1:1 (1:0)

Wenig überraschend war der schmächtige Holebas mit den beiden, die immer wieder auf ihn zukamen, heillos überfordert und die Polen dominierten das Spiel über die rechte Seite. Auch deshalb, weil vor allem Holebas zu billigen Abspielfehlern neigte. Das Umschalten bei den Polen klappte schnell, und immer wieder wurde Lewandowski in der Mitte bedient. Das 1:0 nach einer Viertelstunde – Błaszczykowski schickt Piszczek, dessen Flanke landet bei Lewandowski – hatte sich abgezeichnet.

Schwachstelle Boenisch

So stark beim Gastgeber die rechte Seite war, so überschaubar waren die Bemühungen auf der linken. Sebastian Boenisch, der als Linksverteidiger aufgestellt war, lieferte eine zuweilien grausame Vorstellung ab. Er war nur damit beschäftigt, die Kreise des keineswegs überragenden Ninis einzuengen – was ihm auch nicht gelang, und er nur das Glück hatte, dass die Flanken von Ninis auch schwach waren. Maciej Rybus vor ihm musste viel alleine machen.

Die Polen müssen sich aber nicht nur vorwerfen lassen, aus den vorhandenen Chancen nicht das zweite und das dritte Tor nachgelegt zu haben, sondern danach auch Spiel aus der Hand gleiten lassen zu haben. Hier muss vor allem die Mittelfeld-Zentrale erwähnt werden: Murawski und Polanski brachten im Spiel nach vorne sehr wenig und das merkten die Griechen dann auch. Vor allem Maniatis auf der halbrechten Position stellte sein Positionsspiel entsprechend um.

Griechen langsam und unkreativ

War er zuvor noch eher ziellos aufgerückt und zwischen Ninis und Gekas eine verschmähte Option gewesen, beschäftigte der mit Abstand jüngste und beweglichste Grieche im Zentrum dann vermehrt Murawski. Seinen Vorwärtsdrang vermissten die Polen in der Folge, weil Polanski keine Kreativität zeigte.

Freilich: Genau diese Kreativität ging bei Griechenland komplett ab. Mehr als lange Bälle in die grobe Richtung von Samaras und Gekas gab es kaum, die Flanken von Ninis waren nicht der Rede wert, das Zentrum machte zwar gut Druck, aber verlangsamte eigene Angriffe zumeist und legte den Rückwärtsgang ein. Der (völlig überzogene) Ausschluss von Sokratis Papastathopoulos und die Änderung, die Greichenlands Teamchef Fernando Santos für die zweite Hälfte vornahm, zeigten allerdings Wirkung.

Gute Änderungen von Santos

Santos ersetzte Ninis durch Salpingidis. Er hatte natürlich erkannt, dass Boenisch die ganz große Schwachstelle in der polnischen Defensive ist, und wollte die durch den gelernten Stürmer Salpingidis vermehrt anbohren. Was der Mann von PAOK auch sehr geschickt machte, auch unterstützt von Mainatis im Mittelfeld. Dieser hat das Auge für schnelle Pässe in den Lauf. Das kam in der ersten Halbzeit nicht zur Geltung, weil niemand da war, den Maniatis schicken hätte können. Doch nun erwischten Manaitis und Salpingidis Boenisch ein ums andere mal auf dem falschen Fuß, sodass sich im Rücken von Boenisch die Griechen gut ausbreiten konnten. Auf diese Weise fiel das 1:1 wenige Minuten nach Wiederanpfiff.

Was den Griechen erlaubte, aus dem eher risikoreichen 4-2-3 in den Minuten zwischen Ausschluss und Ausgleich ein 4-4-1 machen zu können, in dem sich die Flügelspieler Samaras und Salpindigis zurückzogen. Darauf reagierten die Polen nicht besonders intelligent: Błaszczykowski zog immer mehr ins Zentrum und ließ Piszczek die Flanke alleine zur Bearbeitung. Das klappte aber nicht, weil Samaras defensiv nur deutlich mehr tat und somit auch Holebas Sicherheit verlieh. Piszczek alleine konnte das nicht aushebeln, und im Zentrum war Błaszczykowski verschenkt.

Polen immer schwächer

Ehe es in der 68. Minute einmal mehr Boenisch war, der weiteres Unheil für seine Mannschaft anrichtete. Bei einem Pass in den Rücken der Viererkette war es Boenisch, der die Abseitsfalle komplett verschlief, Salpingidis somit in eine reguläre Position stellte und dem polnischen Goalie Szczęsny nichts anderes übrig blieb, als den Griechen zu legen. Klares Foul, klare Torchance verhindert – und damit klarerweise die rote Karte. Der Keeper von Arsenal wusste, was los war, und begab sich ohne zu protestieren vom Feld.

Dass sein Ersatzmann Przemysław Tytoń den Elfmeter von Karagounis parierte, hielt die Polen im Spiel – denn angesichts der Tatsache, wie sie das Spiel ab der 20. Minute aus der Hand gegeben hatten, wären sie wohl kaum wieder zurückgekommen. Die Abstände zwischen Verteidigung und Mittelfeld waren nun oft viel zu groß, die griechischen Angreifer konnten sich dort genüsslich breitmachen. Zusammenhängende Aktionen gab es kaum noch, Lewandowski war kaum im Spiel – und auch von der Bank kamen keine Impulse. Der erzwungene Wechsel von Tytoń (für Rybus) war der einzige, den der polnische Teamchef Smuda während der gesamten Partie vornahm.

Fazit: Zumindest ist noch nichts verloren

Spannend war das Spiel, keine Frage. Aber hohe Qualität hatte es über weite Strecken nicht zu bieten: Das Aufbauspiel war langsam, baute praktisch nur auf die Eingespieltheit der Dortmund-Connection (bei den Polen) bzw. auf lange Bälle (bei den Griechen). Der Gastgeber hätte das Spiel klar gewinnen müssen, ließ sich von den leichten Adjustierungen beim Gegner aber aus dem Konzept bringen.

Dabei waren die Hauptfaktoren sicherlich zum einen die fehlende Eingespieltheit in einer doch eher bunt aus Polen, Deutschen und Franzosen zusammen gewürfelten Mannschaft – und natürlich die enorme nervliche Belastung einem EM-Spiels im eigenen Land. Die höhere Qualität haben zweifellos dennoch die Polen, und mit dem Remis ist zumindest noch nicht allzu viel in Scherben.

Aber nun wartet mit Russland die mit sehr viel Abstand beste Mannschaft der Gruppe.

(phe)

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Bären, Falken und Pharaonen – Gemeinsam im Urlaub https://ballverliebt.eu/2010/04/22/baren-falken-und-pharaonen-gemeinsam-im-urlaub/ https://ballverliebt.eu/2010/04/22/baren-falken-und-pharaonen-gemeinsam-im-urlaub/#comments Thu, 22 Apr 2010 12:07:33 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=1935 Bären, Falken und Pharaonen – Gemeinsam im Urlaub weiterlesen ]]> WM-SERIE: “LEIDER NEIN”, Teil 2 | Russland, der EM-Semifinalist? Nicht dabei. Schweden, Dauergast seit vielen Jahren? Auch nicht dabei. Ägypten, zuletzt dreimal in Serie Afrikacup-Sieger? Auch nicht! Nicht alle Favoriten haben’s nach Südafrika geschafft…

Es war eine vermeintlich leichte Aufgabe. Slowenien. In einer leichten Gruppe an die zweite Stelle gespült worden. Für einen amtierenden EM-Semifinalisten doch kein Problem! Und genauso traten die Russen im Playoff-Hinspiel in Moskau auch auf: Drückend überlegen, dem Gegner in allen Belangen überlegen. Nur das mit dem Torabschluss, das wollte nicht so richtig klappen – so stand es kurz vor Schluss nur 2:0 für den schon zu dem Zeitpunkt als WM-Mitfavoriten gehandelten russischen Bären. Es hätte mindestens 5:0 stehen müssen! Doch so kam wie aus dem nichts Nejc Pečnik und erzielte das Auswärtstor für die Slowenen. So gewannen die Russen ein hochüberlegen geführtes Match nur mit 2:1. Immer noch kein Problem, beim Rückspiel in Maribor ist auch ein knapper Vorsprung eigentlich nur da, um über die Zeit gebracht zu werden. Aber dann…

Aber dann spielten die Slowenen, die plötzliche WM-Chance vor Augen, groß auf und gingen vor der Halbzeit durch Bochum-Legionär Zlatko Dedič in Führung. Und die Russen warfen die Nerven weg! Alexander Kershakov flog nach 65 Minuten vom Platz, der Ausgleich wollte nicht gelingen. Und spätenstens, als in der Nachspielzeit auch noch Juri Shirkov vorzeitig vom Platz musste, war klar: Russland ist raus! Ein hoch gehandelter Mitfavorit, mit Trainerfuchs Guus Hiddink, mit so vielen Klassespielern in den eigenen Reihen – gescheitert an der eigenen Überheblichkeit. Das Desater kostete Hiddink den Job, vielen Spielern ihr gutes Image in Russland. Und einem wie Andrej Arshavin verhagelte es die komplette Saison bei Arsenal, er wirkte daskomplette restliche Jahr deutlich gehemmt.

Die Russen bauen nun schon vor, in Richtung Euro2012. Dick Advocaat ist neuer Teamchef, eine logische Wahl, schließlich holte der Holländer schon mit Zenit St. Petersburg 2008 zum ersten Mal einen Europacup nach Russland. Er vollzog einen fliegenden Wechsel von Belgien nach Russland, um es besser zu machen als sein Landsmann.

Nicht nur die Russen sind es allerdings, die die Qualifikation als zumindest sicherer Tipp für die Endrude verpasst haben. Auch die Schweden haben es nicht geschafft. Erstmals seit der WM 1998 sind die Skandinavier damit nicht dabei, Teamchef Lars Lagerbäck nahm seinen Hut selbst, Zlatan Ibrahimovic zumindest bis zum nächsten Turnier ebenso. Bei den Schweden muss allerdings angemerkt werden, dass sich ihr Scheitern schon bei ihrer äußerst matten EM in Österreich angedeutet hat. Das überalterte Team wirkte langsam und hölzern, wurde so vor allem von den Russen regelrecht vorgeführt. In der Gruppe zogen die Schweden gegen Dänemark und Portugal den Kürzeren, immerhin konnten die Ungarn noch eingeholt werden.

Auf ein Neues nach der WM heißt es auch bei den Tschechen, bei dene nach dem unnötigen Vorrudenaus in der Schweiz das pure Chaos folgte. Neuer Teamchef, neue Verbandsspitze, und eine Horror-Qualifikation. Als Verbandsboss Hašek für die letzten Spiele selbst den Teamchef-Posten übernahm, war es schon zu spät und die Tschechen in einer wirklich leichten Gruppe an der Slowakei und Slowenien gescheitert. Michal Bilek ist der neue sportliche Verantwortliche. Für die nächste Europameisterschaft soll der Generationswechsel, wie bei den Schweden, vollzogen sein.

Und um den Haken zu den Russen zu schlagen: Auch der zweite unterlegene Semifinalist der letzten Europameisterschaft hat den Sprung nach Südafrika verpasst. Die Türken! Sie standen gegen die überragenden Spanier und die dank ihrer Weltklasse-Offensive tatsächlich bärenstarken Bosnien von Anfang an auf verlorenem Posten. Der Nachfolger von Fatih Terim auf der Kommandobrücke? Ausgerechnet der mit den Russen gescheiterte Guus Hiddink… Die Türken eliminierten im Viertelfinale von Wien die Kroaten, welche ebenso fehlen. Zweimal gegen England verloren, zweimal gegen die Ukraine nicht gewonnen – das war zu viel. Und von den beiden Gastgebern der nächsten Europameisterschaft schaffte es kein einziger zur WM-Endrunde. Die Ukrainer blieben im Playoff gegen die Griechen hängen. Und die Polen waren in der leichten Tschechien-Gruppe sogar noch schlechter als der Nachbar…

Verlassen wir aber nun Europa – denn auch anderswo blieben namhafte Mannschaften auf der Strecke. Wie etwa in Afrika! Die „Pharaonen“ aus Ägypten sind zweifelsfrei die beste Mannschaft ihres Kontinents, gewannen die Afrikacups von 2006, 2008 und 2010. Und scheiterten dennoch auch dieses Mal! Ausgerechnet gegen Erzfeind Algerien, im Entscheidugsspiel – weil am Ende der Gruppenphase die beiden Teams exakt punkt- und torgleich waren. Zuzuschreiben haben sich die Ägypter das Aus vor allem selbst, denn hätten sie im Heimspiel gegen Sambia nicht Punkte gelassen, alles wäre im Lot gewesen. Auch Tunesien scheiterte vornehmlich an sich selbst: Der WM-Teilnehmer von 98, 02 und 06 hatte Nigeria im Griff und hätte in Mosambik wohl nur ein Remis gebraucht. Die Tunesier verloren aber mit 0:1, so schnappten ihnen die Nigerianer im letzten Moment doch noch das WM-Ticket weg!

Meilenweit von einer Teilnahme entfernt waren indes die Marokkaner – sieglos, mit nur drei Toren in den sechs Finalrundenspielen müssen sie daheimbleiben. Wie auch der Senegal, der Viertelfinalist von 2002! Die neue Generation der Senegalesen überstand nicht einmal die Vorrunde, wie auch Angola. Der Gastgeber des Afrikacups hielt sich zwar dort mit dem erneuten Viertelfinal-Einzug schadlos, aber die WM geht ohne die „Schwarzen Antilopen“ in Szene.

Ordentlich gerupft wurde in der Qualifikation vor allem der arabische Raum. Neben den Ägyptern verpassen schließlich auch Stammgäste wie der Iran (trotz nur einer Niederlage, aber mit zu vielen Remis) und die „Falken“ aus Saudi-Arabien (im Playoff gegen Bahrain) das WM-Ticket. Und Bahrain zog ja dann auch noch gegen Neuseeland den Kürzeren! Auch der amtierende Asien-Meister Irak fehlt. Und die Chinesen standen völlig auf verlorenem Posten.

Vor alle diese Teams gilt nun die Hoffnung auf die Endrunde in Brasilien 2014. Dort wollen sie alle wieder dabei sein. Aber sicher nicht alle werden es auch schaffen!

Ballverliebt-WM-Serie | Leider Nein!
Teil 1 – Zwerge / Teil 2 – Favoriten / Teil 3 – Stars

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