Neuer WM-Quali-Modus: Concacaf und die Golgafrincham-Taktik

Der Kontinentalverband von Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik (CONCACAF) hat seinen Quali-Modus für die WM 2022 in Katar vorgestellt. Dieser ist… eigentümlich. Es beginnt nämlich mit der Finalrunde und jeder, der nicht darin vertreten ist, hat auch keine theoretische Chance auf ein direktes WM-Ticket.


So war es bisher

Bislang bestand die Concacaf-WM-Quali aus drei Teilen. Zunächst wurden die kleinen Teams ausgesiebt. Der zweite Schritt war eine Gruppenphase mit 12 Teams (in drei Vierergruppen), von denen sich die Top-2 jeweils für die Finalrunde qualifizierten. Dort, im sogenannten “Hexagonal”, spielten sich sechs Teams die drei Fixplätze und den einen Slot im interkontinentalen Playoff aus.

So wird es jetzt

Für Katar 2022 zäumt der Concacaf-Verband das Pferd von hinten auf. Die Finalrunde kommt ab sofort nämlich ganz am Anfang. Die sechs besten Teams laut FIFA-Ranking (aktuell Mexiko, USA, Costa Rica, Jamaika, Honduras und El Salvador) sind automatisch im Hexagonal gesetzt, wo sie wiederum um drei Fixplätze bei der WM spielen.

Alle anderen Teams von (nach aktuellem Stand) WM-2018-Teilnehmer Panama über Flächenstaat Kanada bis hin zu den Turks-und-Caicos-Inseln spielen gleichzeitig quasi eine “Zweite Liga” – zunächst in einer Gruppenphase, danach ermitteln die acht Gruppensieger in drei K.o.-Runden einen Gewinner dieser Zweiten Liga.

Dieser spielt dann ein Playoff gegen den Hexagonal-Vierten, um sich für das internationale Playoff zu qualifizieren.

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Wer davon profitiert

Natürlich, Mexiko und die USA haben sich auch bisher immer für die Finalrunde qualifiziert und bis auf die letzte WM haben auch immer beide ohne größere Probleme die WM-Endrunde erreicht. Diese beiden (und Costa Rica) ersparen sich nun sechs Spiele in der Zwischenrunde, die sie zu 99% sowieso siegreich bestritten hätten.

Laut Concacaf-Präsident Victor Montagliani (ein Kanadier) war es das Ziel, den ganz kleinen Verbänden über die Gruppenspiele der Zweiten Liga mehr ernsthafte Spiele zu gewähren. Bisher waren sie nach einer, maximal zwei K.o.-Runden längst ausgeschieden, bevor die regionalen Großmächte überhaupt eingestiegen sind. Antigua, die Virgin Islands und Barbados sind jetzt genauso chancenlos auf ein WM-Ticket wie zuvor, aber sie bekommen immerhin mehr Matches.

So sichert sich Montagliani die einflussreichen Stimmen der großen Verbände und auch die zahlreichen Stimmen der kleinen Verbände, wenn es um seine Wiederwahl geht. Wie es Luis Paez-Pumar von Deadspin ausdrückt: “Montaglianis politische Strategie ist jene, die sich in der berüchtigt anrüchigen und korrputen Welt der FIFA als so erfolgreich erwiesen hat: Die Spitze und der Bodensatz arbeiten zusammen gegen die in der Mitte.”

Im Grunde ist es die Golgafrincham-Taktik.

Wer die G’schnapsten sind

Die Reform ist also gut für die Großen (die sich sechs Spiele ersparen) und die ganz Kleinen (die mehr Bewerbsspiele bekommen als bisher). Die dazwischen erwischt es hingegen mit voller Härte.

Die Goldcup-Überraschungsteams wie Haiti (Halbfinale) oder Curacao (Viertelfinale) zum Beispiel, auch Kanada, Trinidad und Panama nach aktuellem Stand: Sie alle werden nun sogar der theoretischen Chance beraubt, sich eine WM-Teilnahme zu sichern, ohne nicht FÜNF K.o.-Duelle überstanden zu haben.

Was das nun bedeutet

Mexiko, USA und Costa Rica müssen sich keine Sorgen machen. Dahinter aber liegen sechs Teams mit sehr geringem Abstand zueinander (Jamaika, Honduras, El Salvador, Panama, Kanada und Curacao).

Das heißt, dass die nun im Herbst nach europäischem Vorbild erstmals ausgetragene Concacaf Nations League ungemein an Bedeutung gewonnen haben, weil es offiziell Pflichtspiele sind und Siege darin entsprechend viele Punkte im FIFA-Ranking bringen.

Die A-Liga der Conacaf Nations League (Herbst 2019)

Und womöglich gereicht es Jamaika und El Salvador sogar zum Vorteil, sich nicht für die A-Liga, sondern für die B-Klasse der Nations League qualifiziert zu haben – mehr Siege sind da fast schon garantiert als etwa für Kanada.

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.