Die EURO-Top-8: Überraschungen und zu kurz Gekommene

Weltmeister Deutschland, Gastgeber Frankreich, Geheimfavorit Belgien: Solche Teams hat man unter den besten acht Mannschaften des Turniers erwartet. Island und Wales hingegen eher weniger. Hier der dritte und letzte Teil unserer Team-Analysen der EM 2016: Jene acht Teams, die im Viertelfinale, Semifinale und Finale dabei waren.

Portugal: Pragmatisch zum Titel

Team PortugalMit Spielern wie Rui Costa, Figo und Ronaldo stand Portugal in der Vergangenheit in erster Linie für schöngeistigen Angriffs-Fußball, dem es auch in Ermangelung eines echten Knipsers ein wenig am Endzweck mangelt. Die portugiesische Mannschaft, die nun endlich den Bann gebrochen und jenen großen Titel einfuhr, den sich Portugal längst verdient hatte, ist genau das nicht. Oder: War genau das in der K.o.-Phase dieser EM nicht.

In der Gruppenphase hatte Ronaldo alleine mehr Torschüsse als neun Teams bei diesem Turnier, er rettete in einem Chaos-Spiel noch das 3:3 gegen Ungarn und damit den Platz im Achtelfinale. Von da an konzentrierte man sich darauf, die Gegner zu neutralisieren – und das klappte vorzüglich. Adrien Silva, nominell auf der Zehn, war eher vorderster Manndecker als Spielgestalter; weil es weiterhin keinen wirklichen Center-Forward von adäquatem Niveau gibt, spielte Trainer Fernando Santos gleich ganz ohne einen solchen. Der Pragmatiker stellte sein Team punktgenau auf jeden Gegner ein, ohne Rücksicht darauf, ob das nun attraktiv aussieht oder nicht.

Portugal agierte bei dieser EM nicht herzerwärmend und hat wohl kaum neue Fans dazugewonnen. Mit einem Blick auf die Trophäe, die sich der Verband ab sofort in den Wandschrank stellen darf, werden Ronaldo und Co. das aber verschmerzen können.

Frankreich: Fast nie das Optimum erreicht

Team FrankreichDer Gastgeber landete im schweren Turnier-Ast und hat auf dem Weg ins Finale trotzdem nur eine einzige Klassemannschaft vorgesetzt bekommen. Der Halbfinal-Sieg gegen Deutschland hatte auch deutlich mehr mit Glück zu tun als mit einem patenten Matchplan – man stand 80 der 90 Minuten eingeschnürt am eigenen Strafraum.

Wie überhaupt Frankreich individuell einige herausragende Leistungen präsentierte. Allen voran natürlich Torschützenkönig Antoine Grizemann, aber auch Spätzünder Dimitri Payet und das für 25 Millionen Euro zu Barcelona wechselnde Abwehr-Juwel Samuel Umtiti. Aber als Deschamps im Achtelfinale seine Formation gefunden hat – aus dem 4-3-3 bzw. 4-2-3-1 der Vorrunde wurde ein 4-4-2 mit Grizemann als etwas hängender Spitze neben Giroud, dafür musste Kanté aus dem Mittelfeld-Zentrum weichen – wurde nichts mehr verändert.

Es kamen auch keine Impulse mehr von Deschamps. Der einstige Weltklasse-Mittelfeld-Regisseur vermochte es wie schon vor zwei Jahren bei der WM nicht, seinem Team eine neue Richtung zu geben, wenn es nicht funktionierte. Damals rannte man 80 Viertelfinal-Minuten ohne wirklichen Plan einem 0:1 gegen Deutschland hinterher, hier verließ sich Deschamps im Finale darauf, dass einer seiner Einzelkönner schon noch für die Entscheidung sorgen würde.

Hinzu kamen die immer gleichen Wechsel (Gignac für Giroud, Coman für Payet). Obwohl Frankreich das Finale erreichte und dort erst durch einen Weitschuss in der Verlängerung bezwungen wurde: Man wird das Gefühl nicht los, dass Deschamps das gigantische Potenzial dieses Kader nicht auszuschöpfen vermag.

Deutschland: Sehr solide, aber nicht perfekt

Team DeutschlandSehr stabil, gruppentaktisch extrem unanfällig für Fehler, flexibel im Gestalten der Matchpläne: Von alles 24 Teams bei diesem Turnier war jenes von Weltmeister Deutschland vermutlich das Kompletteste.

Man kam gegen schwächere Gegner nie in die Gefahr, etwas liegen zu lassen; begnügte sich gegen Mittelklasse-Team Polen mit einem 0:0, als man merkte, dass man nicht durchkommt; überraschte und kontrollierte Italien und dominierte Frankreich beinahe nach Belieben. Letztlich waren es zwei Punkte, die den Deutschen den Titel raubten: Individuelle Fehler (Handspiele im Strafraum, in erster Linie) und die Tatsache, dass man auf zwei, drei Positionen halt doch nicht ganz optimal besetzt ist. Nach dem Ausfall von Mario Gomez (eh auch schon nur im äußerst weiteren Sinne ein europäischer Klassespieler) gab es bei aller Dominanz keine Präsenz mehr im Strafraum; Linksverteidiger Jonas Hector macht nichts kaputt, er bringt aber auch nichts; und Joshua Kimmich war – wie schon bei den Bayern – offensiv stark, aber defensiv wechselten sich grandiose Aktionen mit Anfängerfehlern ab.

Das Turnier war beliebe kein Fehlschlag für den DFB und mit Leuten wie Julian Weigl und Leroy Sané (die schon im Kader waren) sowie Julian Brandt und Mahmoud Daoud (die noch nicht dabei waren) gibt es gerade im Mittelfeld spannende junge Spieler mit großer Zukunft. Die Problemstellen Außenverteidiger und Stoßstürmer bleiben aber weiterhin eher dünn besetzt.

Wales: Alles auf das Top-Quartett ausgerichtet

Team WalesMit Deutschland im Halbfinale hatte man rechnen können, mit Wales eher nicht. Das ist nicht nur mit einer nicht übertrieben problematischen Auslosung (Russland und Slowakei in der Gruppe, Nordirland im Achtelfinale) zu erklären. Die Waliser verfügen über eine äußerst intelligent zusammen gesetzte Truppe mit vier Schlüsselspielern – Joe Allen als Taktgeber auf der Sechs, für den Bartträger Joe Ledley die Drecksarbeit erledigt, davor/daneben Aaron Ramsey als raumübergreifender Verbindungs-Spieler zwischen Mittelfeld und Angriff und natürlich Superstar Gareth Bale.

Um alle vier aus diesem Quartett bestmöglich in Szene setzen zu können, adaptierte der clevere Chris Coleman sein System dahingehend. Weil er nicht links und rechts jeweils zwei Spieler einsetzen konnte (wie im 4-2-3-1 oder 4-4-2) UND einen weiteren Stürmer an die Seite von Gareth Bale stellen, besetzte er die Außenbahnen nur Singulär und installierte dafür hinten eine Dreierkette. So hat er noch einen zehnten Feldspieler übrig, den er neben/vor Bale und Ramsey stellen konnte. Meistens war das Hal Robson-Kanu, auch Sam Vokes kam als Stürmer zum Einsatz.

Wales war eines der wenigen Teams, die sowohl das Heft in die Hand nehmen, als auch defensiv stehen und Druck absorbieren können. Bei aller Qualität der ersten Elf muss aber auch gesagt werden: Wenn aus dem Schlüssel-Quartett einer ausfällt, gibt der Kader keinen annähernd gleichwertigen Ersatz her. Das wurde vor allem im Halbfinale gegen Portugal deutlich, als Aaron Ramsey gesperrt fehlte. Dennoch kann Wales mit dem Turnier überaus glücklich sein und es besteht absolut die Möglichkeit, dass man mit dieser Gruppe von Spielern auch noch die WM 2018 und die EM 2020 erreicht.

Italien: Erfrischend großartiges Coaching

Team ItalienZu beneiden war Antonio Conte ja nicht, als er vor zwei Jahren die Squadra Azzurra übernahm. Das Loch einer verlorenen Generation, das sich nach den heute 30-Jährigen auftut, wird immer mehr deutlich. Im Grunde geht es für Italiens Teamchefs dieser Tage nur darum, die Zeit möglichst ohne Blamage zu überbrücken, bis wieder eine breitere Basis an jungen Spielern durchkommt.

Neben dem verletzten Marco Verratti (23) gibt es nur zwei Spieler (Florenzi und De Sciglio), die deutlich unter 30 Jahre alt sind, auf die sich Conte (und vorläufig auch Nachfolger Ventura) verlassen können; nur für Buffon steht ein designierter Nachfolger bereit (Milan-Wunderkind Gigio Donnarumma nämlich). So war es Contes Aufgabe, aus den routinierten, aber gerade in Mittelfeld un Angriff nicht höchsten Ansprüchen genügenden Spielern eine patente Truppe zu formen.

Und das ist Conte vollauf gelungen. Mit den vier alten Herren von Juventus in der Abwehr hatte Conte eine hervorragende Basis, auf der er sein restliches Team aufbauen konnte. Das italienische Team ist taktisch eines der am besten ausgerüsteten des ganzen Turniers, jeder weiß immer was die anderen tun und vorhaben. Als einziger Trainer dieser EM ließ Conte außerdem signifikant asynchron spielen – mit Giaccherini, nominell linker Achter, als de-facto-Außenstürmer vor dem defensiven De Sciglio; dafür übernahm rechts Wing-Back Florenzi die offensive Außenbahn und Parolo sicherte im Halbraum ab.

Mit extrem viel Hirnschmalz, großartiger taktischer Einstellung und ohne den Druck allzu hoheer Erwartungen war der vermutlich schwächste italienische Kader seit Jahrzehnten eine der positiven Überraschungen des Turniers. Der Gedanke ist nicht einmal abwegig, dass Italien Europameister geworden wäre, hätte man das Elferschießen gegen die Deutschen gewonnen.

Belgien: Erschreckend schwaches Coaching

Team BelgienSo großartig die Italiener gecoacht wurden, so übel war die Figur, die Belgien in diesem Bereich machte. Zyniker sagen, dass es im Team unter Marc Wilmots keine Trennlinien mehr zwischen Flamen und Wallonen gibt – weil diese nun zwischen Befürwortern (um Eden Hazard) und Gegnern (um Thibaut Courtois und Kevin de Bruyne) des Teamchefs verläuft.

Kaum ein Kader bei dieser EM war individuell so stark besetzt, annähernd ohne markante Schwachstellen, wie jene der Belgier. Ein Weltklasse-Goalie, eine starke Innenvertdigiung (auch ohne den verletzten Kompany), ein gleichermaßen energiegeladenes wie kreatives Mittelfeld-Zentrum, junge und extrem talentierte Außenspieler und ein gutklassiger Stürmer – Belgien hatte alles, was es zum EM-Titel braucht. Außer einem Trainer, der das auch drauf hat. Gerade gegen geschickte Teams wie Italien und Wales wurde überdeutlich, wie unsagbar schlecht Belgien gecoacht war.

Wilmots stellte, überspitzt formuliert, elf Leute auf, und verließ sich darauf, dass einem davon schon was Sinnvolles einfallen würde – gerade Hazard nimmt sich viele Freiheiten, was dem Vernehmen nach sogar einigen Mitspielern (wie De Bruyne) merklich missfällt. Ein tiefergreifendes Verständnis für die Pläne der Nebenspieler war aber ebenso wenig erkennbar wie eingeübte oder gar überraschende Varianten bei Standards.

Von selbst wird Wilmots, der noch Vertrag bis zur WM 2018, keinesfalls zurücktreten und seine Entlassung würde dem klammen Verband eine Million Euro an Abfindung kosten – außerdem bekam Michel Preud’Homme, Wunschkandidat der Verbandsspitze, gerade erst seine Kompetenzen bei Meister Club Brügge erweitert.

Polen: Wenig gezeigt, viel erreicht

Team Polen„Nicht enttäuschend, aber doch zumindest unterwältigend – trotz des Einzugs ins Viertelfinale.“ So hieß es an dieser Stelle vor zwei Jahren über Belgien. Dieser Satz gilt praktisch baugleich über das polnische Team bei dieser EM. Und auch: „Ihr Spiel hatte immer so ein wenig die Aura von Dienst-nach-Vorschrift, von Uninspiriert- und Biederkeit.“ Genau.

Grundsätzlich baute Adam Nawalka eine funktionierende Mischung als Klasseleuten wie Glik, Krychowiak, Milik und Lewandowski mit unbekannten Spielern aus der polnischen Liga (wie Pazdan, Jedrzejczyk, Maczynski und Kapustka). Weil sich die gegnerischen Abwehrreihen auf Lewandowski konzentrierte, öffenten sich für Arek Milik die Räume, so war er der deutlich gefährlichere der beiden Stürmer.

Allerdings: Das den Gegner stets kontrollierende, aber zurückgenommene und kontrollierte Spiel der Polen vor allem in den Spielen gegen die Ukraine und die Schweiz, aber auch bis zu einem gewissen Grad gegen die geschickten Portugiesen, versprühte nicht nur keinen Glanz – bei aller internationalen Routine wird man auch das Gefühl nicht los, dass dieser Kader mit einer etwas mehr nach vorne gerichteten Spielanlage besser fahren würde.

Aber auch so reichte es für den Sicherheits-Fußball von Adam Nawalka zu einem Viertelfinale, das dem Potenzial des Teams auch durchaus entspricht. Es ist vermutlich die beste polnische Mannschaft seit 34 Jahren.

Island: Langweiliger Fußball, mitreißender Anhang

Team IslandDie beste Nationalmannschaft des Landes seit immer stellt die derzeitige Truppe von Island. Zwar deutete sich die Qualität der Truppe schon seit Jahren an – etwa mit dem WM-Playoff 2013, aber auch mit den Siegen über Holland und die Türkei in der EM-Quali. Aber dass sich die Isländer gar ins Viertelfinale durchkämpfen würden, kam dann doch ein wenig überraschend.

Dabei klafft auch bei keinem Team die Attraktivität des Spiels und die wahrgenommene Attraktivität bei den Fans und Sympathisanten weiter auseinander als bei Island. Keine der 23 anderen Mannschaften spielte einen simpleren, langweiligeren und vorhersehbareren Fußball als Island. Knallhartes Verteidigen in zwei mitteltief stehenden Ketten, eisenhartes Einhalten der Abstände, strikte Zonen-Verteidigung und nicht einmal der Versuch von spielerischem Glanz prägten das Team von Lars Lagerbäck und Heimir Hallgrimsson. Dass die weiten Einwürfe von Aron Gunnarsson das mit Abstand auffälligste Element in Islands Angriffsspiel ist, spricht Bände.

In krassem Gegensatz dazu steht die aufgeschlossene, fröhliche und einladende Grundstimmung der großartigen Fans genauso wie innerhalb der Mannschaft – ein Phänomen, das auch schon vor drei Jahren bei Islands Frauen bei ihrer EM („Was die Mannschaft an Glamour am Platz vermissen ließ – biederes 4-4-2, kompakt stehen, schnell kontern – machte sie durch ihre überbordende Freude an ihrem Tun wett“) extrem positiv auffiel. Und der isländische Aufschwung ist auch kein Zufall im Sinne einer plötzlichen goldenen Generation, sondern das Produkt einer extremen Infrastruktur-Offensive und zielgerichteter Nachwuchsarbeit.

Gylfi Sigurdsson, Gunnarsson, Bjarnason, Sightorsson und Finnbogason waren 2011 bei der U-21-EM dabei und haben auf dem Weg dorthin Deutschland (mit Hummels, Höwedes, Schmelzer, Großkreutz und Lars Bender) mit 4:1 abgeschossen; 18 Mann aus dem damaligen 23er-Kader haben bereits Länderspiele absolviert. Und auch die aktuelle U-21 ist nach einem Sieg über Frankreich auf dem Weg zur Endrunde.

Es ist also durchaus möglich, dass sich der brutal simple, aber gleichzeitig extrem zielgerichtete isländische Fußball in Zukunft öfter bei Endrunden-Turnieren zeigt.

Das war’s

Damit ist das Kapitel „EURO 2016“ geschlossen und der Blick geht nach vorne. Erstmal auf die demnächst startende Qualifikation für die WM in zwei Jahren in Russland. Dann, zwischendurch, ist auch der Confed-Cup (im Juni 2017, mit Europameister Portugal, Weltmeister Deutschland und Gastgeber Russland). Und natürlich die Nations League, das Quasi-Freundschtsspiel-Turnier, mit drei Doppelspieltagen im Herbst 2018.

Die nächste EM-Endrunde (deren Quali von März bis November 2019  steigt) wird bekanntlich über ganz Europa verstreut ausgetragen: Vorrunden- und Achtelfinalspiele in Amsterdam, Bilbao, Budapest, Bukarest, Brüssel, Dublin, Glasgow und Kopenhagen; Vorrunden- und Viertelfinalspiele in Baku, München, Rom und St. Petersburg und dem „Final Four“ in London.

Link-Tipps:
Analyse der Vorrunden-Verlierer (ALB, AUT, CZE, ROU, RUS, SWE, TUR, UKR)
Analyse der Achtelfinal-Verlierer (CRO, ENG, ESP, HUN, IRL, NIR, SVK, SUI)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

  • Martidas

    Gute, nette Zusammenfassung mit einigen interessanten Aspekten. Persönlich hätte ich mir nur eine ausführlichere Analyse des Europameisters gewünscht. Spannend wäre vor allem ein Vergleich zu Portugal in den vergangenen Turnieren. Man kann es mir jetzt glauben oder nicht, aber ich habe nach dem Match Island gegen Portugal prophezeit, dass Portugal Europameister wird. Weil sie zum ersten Mal einen Plan für ein Turnier hatten und nicht bloß für ein Spiel.

    Generell ist die Arbeit von Santos sehr interessant (der hat noch nie ein Pflichtspiel mit dem Team verloren!). Er hat völlig richtig erkannt, dass Portugal besser ohne drittklassigen Stoßstürmer spielt als mit einem, aber seine Lösung ist genauso unheimlich, wie effizient. Wer stellt schon seine beiden besten Spieler mit dem Ball (Ronaldo und Nani) als Stürmer auf, wo sie 90 Minuten auf den Ball warten müssen, was eigentlich überhaupt nicht ihr Spiel ist. Und dann kommen auch kaum lange Bälle auf die beiden schnellen Spitzen, Konter wurden eher immer verschleppt. Der Grund: Sicherheit und Kondition. Die Abwehrarbeit des Teams war gut genug um einen Großteil der Angriffe abzufangen, im Gegensatz zu rein defensiven Teams spielte man aber nicht auf Konter, sondern hielt nach der Eroberung den Ball aufgrund der eigenen Klasse (Ronaldo und Nani) in den eigenen Reihen. Der Gegner muss also nicht bloß einen langen Ball abfangen, um wieder einen Angriff zu kriegen (wie beim Konter), sondern er muss selbst ziemlich lange um den Ball kämpfen. Portugal muss für seinen Ballbesitz jedoch bloß wieder warten, bis der Angriff kommt. Die Folge waren unglaubliche konditionelle Vorteile der Portugiesen, trotz zweier Verlängerungen in den Beinen waren die Franzosen in der Verlängerung des Finales gefühlte hundertmal müder. Ein extrem interessanter taktischer Ansatz, wenn auch nicht sehr schön anzuschauen.

    Und zweitens hat Santos ein unfassbares Gespür für den richtigen Zeitpunkt für Korrekturen im Match. Höhepunkt dieser Kunst: Das Finale. Jeder sah, dass nach dem Ronaldo-Ausfall nach vorne nichts mehr ging. Die Flügel kamen zwar ganz gut nach vorne (nach der Umstellung auf eine Spitze), aber in der Mitte war Nani auf verlorenen Posten. Der Stürmer mit Kopfballstärke fehlte so unfassbar augenscheinlich, dass es schon weh tat. Trotzdem lässt Santos Nani fast 50 Minuten vorne verhungern. Der Grund: Wieder Sicherheit und Kondition. Käme Eder früher, muss Nani auf den Flügel, was defensiv eine Schwächung wäre. Zweitens ist Eder bloße Mittelklasse, gegen müde Gegner ist er aber mit seiner Physis extrem unangenehm. Und so kam es dann auch. Die Defensive so belassen, Frankreich anrennen lassen und dann mit dem Wechsel (überraschend für den Gegner, der augenscheinlich mit keiner offensiven Einwechslung Portugals gerechnet hat) alles auf eine Karte gesetzt. Sehr mutig in einem Finale, aber letztlich entscheidend. Frankreich konnte nicht mehr zusetzen und Eder zermürbte schon vor seinem Tor die Defensive Frankreichs nach Belieben. Gute Arbeit, Santos.

    Und zuletzt noch ein Lob an die beiden “Unsung Heros” der EM: Fonte und Carvalho. Warum Pepe der IV der EM sein soll ist mir schleierhaft, Mister “Staubtrocken” Fonte hat mit seinem Stellungsspiel Unfassbares bei der EM geleistet, sowie mit seinen Blocks und seinem sensationellen Zweikampfverhalten. Und Carvalho ist einfach der coolste Hund unter der Sonne. Drei Spitzenspieler pressen ihn an und er spielt den Pass mit einer Lässigkeit, als würde er gerade mit seinem Sohn spielen. Besser geht DM nicht.

    Und natürlich Rui Patricio, großes Kino. Aber das ist eine andere Geschichte.

    • Danke für deinen erneut sehr interessanten Beitrag.

      Wir haben diese Dinge über Portugal in unserem Podcast im Lauf des Turniers großteils angesprochen. Vielleicht ist der in Zukunft auch was für dich. :)

      • Martidas

        Ach ja, dieser Podcast! Den gibt es ja auch noch. Ich muss mich mal selbst bei der Nase nehmen und meine Textlastigkeit beenden oder mich ein wenig breiter aufstellen. Ich werde mal reinhören. Aber hört nicht auf mit den Texten! Es gibt Menschen, die brauchen was zum Lesen.

        • Haben wir nicht vor. Der Podcast soll ein reguläres Feature der Seite sein und sie nicht ersetzen. Aber es wird halt nicht immer alles überall geben, dazu müssten wir von Ballverliebt leben können. ;)

          PS: Podcasts sind großartig. Falls du abseits unseres Fußball-Podcasts was zum reinfinden ins Medium brauchst, hab ich hier heute gerade eine Liste geschrieben: http://zurpolitik.com/2016/07/13/21-top-podcasts-die-ihr-horen-solltet/ Eine Fußball-spezifische Liste werd ich hier auf BV auch mal machen.

          • Martidas

            Vielen Dank für die Infos. Ein paar Berühungspunkte hatte ich schon mit diesem Medium, ich finde es sehr praktisch für passiven Konsum (Nachrichten, Informationen, Unterhaltung). Aber ich halte es nur bedingt für Diskussionen geeignet (und Fußball ist ja bekanntlich ein ernstes Diskussionsthema). Nachlesen und Zitieren ist halt doch um vieles praktischer am Text und man kann im Podcast nur sehr schlecht zu bestimmten Stellen springen (es gibt ja keine Überschriften oder Verweise auf den Inhalt wie im Text, wo ich ohne Mühe zum Absatz über Island finde). Und im Fußball-Podcast fehlen halt auch sehr die Bilder mit den Aufstellungen, ein großer und sehr informativer Pluspunkt eurer Texte.

            Und zurück zum Thema noch mein Fazit der EM bzw. mein Appell an die Zukunft: Der Fußball verlauft seit jeher in defensiven und offensiven Zyklen. Es gab immer eine Antwort auf eine gerade moderne Spielweise. Die Antwort auf den Ballbesitzfußball ist ein defensives Verhindern eben dieses Fußballs. Doch wie antwortet man auf diesen defensiven Fußball? Darauf kann es nur eine Antwort geben: Ein zweiter Stürmer muss wieder her. Diese Antwort hat Portugal gefunden (Nani und Ronaldo) und diese Antwort hatte auch schon die aufregendste Mannschaft des Turniers (Italien) parat. Alle Stoßstürmertruppen sind letztlich daran gescheitert im Dickickt der Abwehrreihen alternative Anspielstationen zu haben (Polen, Deutschland, Kroatien als Beispiele). Frankreich war dabei das interessante Zwitterwesen. Griezmann spielte von selbst so offensiv, dass er Dechamps damit mehr Möglichkeiten gab, als dieser eigentlich auf dem Papier erdachte. Und darum ist Deutschland auch zurecht gegen Frankreich ausgescheiden. Der in Unform agierende Müller als Stoßstürmer gegen acht defensive Franzosen war für mich der taktische Flop der EM (mit Belgien). Dominanz im Mittelfeld ist nicht mehr alles, wie schon Italien gegen Spanien eindrucksvoll gezeigt hat. Insofern ist also der kleine Franzose zurecht der Spieler der EM geworden. Denn er hat die Zukunft gezeigt.