EURO 2016
Stade Matmut Atlantique, Bordeaux, 14. Juni 2016
Österreich - Ungarn
0-2
Tore: 62' Szalai, 87' Stieber

Ungarn ziehen ÖFB-Team auf ihr Niveau runter und siegen 2:0

Das ÖFB-Team verhaut den Start in die EM gründlich: Mit einer ungewohnt schwachen Leistung wurde das unansehnlich schwache Spiel gegen Ungarn mit 0:2 verloren. Ungarn verstand es gut, das Spiel der Österreicher zu verhindern und schlug zu, nachdem man die Angriffswege nach dem Seitenwechsel adaptiert hatte. Österreich, dann ohne den verletzten Junuzovic und den ausgeschlossenen Dragovic, fand keinen Weg mehr zurück.

Österreich - Ungarn 0:2 (0:1)
Österreich – Ungarn 0:2 (0:1)

Die Ungarn waren, logisch, zunächst einmal darauf bedacht, die größte Stärke Österreichs zu neutralisieren: Die linke Seite. Arnautovic hatte sofort, wenn er in der Nähe des Balles war, drei Gegenspieler auf sich kleben. Zwei-, dreimal geriet Arnautovic in eine solche Traube. Nicht, dass darauf dramatische Umschaltmomente zu Gusten der Ungarn entstanden, aber es zeigte doch Wirkung.

Die Ungarn spielten in einem 4-1-3-1-1, das perfekt auf die Aufteilung des ÖFB-Teams abgestimmt war: Ádam Nágy, der Sechser, stand recht tief, half wenn nötig der Abwehr beim Herausspielen und engte den Wirkungskreis von Zlatko Junuzovic ein. Dzsudzsák berarbeitete Arnautovic, der routinierte Gera übernahm die Achter-Position rund um Alaba.

Vorne bildeten Kleinheisler und Sturmspitze Szalai ein Zweiergespann, dass es Österreich durch geschicktes Aufbauen von Decksungsschatten die Eröffnung durch das Zentrum kappte. Dragovic und Hinteregger konnten diese Situationen durch Aufrücken ein paar Mal auflösen, aber das hinterließ natürlich Löcher hinten. Darum machten sie das auch nicht allzu oft.

So verhinderten die Ungarn einen gezielten österreichischen Aufbau und es gelang ihnen schnell bei jedem Österreicher zu sein, der doch in ihre Gefahrenzone eindrang.

Geordneter Rückzug

Österreich erkannte, dass man die Ungarn so nicht ausgespielt bekam, und zog sich in der Folge etwas zurück. So zwang man Ungarn dazu, selbst etwas für den Aufbau zu tun. Es wurde schnell klar, dass ihnen recht schnell die Ideen ausgingen, sobald sie im Mittelfeld waren: Einstudierte Laufwege oder ein anderweitig gearteter Plan, wie man da sinnvoll in die Nähe des Strafraums kommen sollte, war nicht vorhanden.

Allenfalls, dass die es vermehrt über die Abwehrseite von Klein und Harnik versuchten, war auffällig – ist aber auch logisch. Generell aber deckte vor allem Baumgartlinger in der von ihm bekannten Aufmerksamkeit extrem stark viele Passwege zu, scheute keinen Zweikampf und gewann auch einige Bälle.

Auch der Raum zwischen den Linien, der bei Österreich zuweilen ja etwas weit aufzugehen droht, wurde gut kontrolliert.

Grausame Passquote

Wenn Österreich durch den Rückzug Ungarn locken und Umschaltmomente für sich selbst kreieren wollte, ging der Plan aber nicht wirklich auf: Zu viele einmal gewonnene Bälle wurde durch ungenaues Passspiel schnell wieder verschenkt. Die Passquote bei Österreich bewegte sich nur knapp über der 60-Prozent-Marke, das ist ziemlich schlecht. Auch Martin Harnik lieferte eine ziemlich dürftige Leistung ab.

Dass man dennoch zu zwei, drei guten Chancen kam (auch wenn man von Alabas Weitschuss nach ein paar Sekunden absieht), und jedes Mal, wenn man nach vorne kam, deutlich mehr Gefahr ausstrahlte als jeder ungarische Angriff (mit Ausnahme des verzogenen Schusses von Dzsudzsák) war ein kleiner Mutmacher für die zweite Hälfte.

Ungarn adaptiert die Angriffswege

Genau in der Phase nach Wiederanpfiff deuteten die Ungarn schon an, wie es gehen kann: Sie haben ihren Angriffsfokus nämlich auf die andere Seite verlegt. Nicht mehr gegen Harnik und Klein, sondern gegen die Seite mit Fuchs und Arnautovic liefen nun die Mehrzahl der Gegenstöße. Zu denen kamen sie, weil sie sich nun wieder zurück zogen und Österreich wieder weiter aufgerückt war.

Der Plan, den Storck seinem Team in der Pause ganz offensichtlich mitgegeben hatte: Nach Ballgewinn vertikal an Arnautovic vorbei, dann der kurzen Pass ins Halbfeld, und der nachrückende Ungar spielt den Ball wieder vertikal in Richtung österreichischem Strafraum. Logischer Grund: Das war das Halbfeld von Alaba – dieser war höher aufgerückt als Baumgartlinger, so ergab sich in genau diesem Halbfeld Platz.

Diesen exakten Move zeigte Ungarn in der 49. Minute, in der 52. Minute wieder. Und in der 62. Minute führte genau dieser Spielzug zum 1:0 für die Ungarn.

Chaos in Unterzahl

Drei Minuten davor musste Junuzovic angeschlagen endgültig raus (Sabitzer kam), nachdem er sich schon längere Zeit nach einem Foul auf eingeschränktem Kraftniveau durch die Partie geschleppt hatte; drei Minuten nach dem Tor folgte der nächste Tiefschlag für Österreich in Form der gelb-roten Karte für Dragovic (dem man die fehlende Wettkampf-Praxis nach seiner längeren Verletzungspause deutlich ansah).

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Nach dem Dragovic-Ausschluss (65.)

In der Folge ließ Österreich die Dragovic-Planstelle halb offen, Baumgartlinger rückte bei Bedarf nach hinten; andererseits agierte der Rest des Teams nun umso höher. Arnautovic war nun mehr im Zentrum zu finden als auf dem Flügel, Sabitzer agierte mehr als zweite Spitze denn als Zehner – indem er eher vorne auf Anspiele wartete als (wie Junuzovic) sich in den Aufbau einzubinden.

Die Folge war eine komplett über Bord geworfene Kompaktheit im Zentrum und tonnenweise Platz für die Ungarn, um zu kontern. Weder der Sechserraum noch das Abwehrzentrum war adäquat besetzt, und so schien es schon kurz nach dem Dragovic-Ausschluss nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Ungarn einen Konter zum 2:0 abschlossen.

Denn das Passspiel der Österreicher blieb ob der nun natürlich immer mehr fehlenden Ruhe auf einem unterirdischen Niveau. So war es den Ungarn letztlich ein leichtes, genau ihre Stärken auszuspielen: Einen blindlings anrennenden und angeschlagenen Gegner mit einem offenen Zentrum zu verteidigen und zu kontern.

Kurz vor Schluss haben sie es dann doch noch geschafft, Stieber schloss einen dieser Gegenstöße in den offenen Raum zum 2:0-Endstand ab.

Fazit: Erst ungenau, dann panisch

Vielleicht haben die mäßigen Testspiele doch eine größere Wirkung hinterlassen als erhofft, ganz sicher haben es aber die Ungarn erfolgreich geschafft, das ÖFB-Team auf ihr Niveau herunter zu ziehen.

Ungarn brachte über weite Strecken des Spiels keine drei vernünftigen Vertikalpässe in einer Ballbesitzphase unter, hatten vor allem vor der Pause keinen wirklichen Plan zur Spielgestaltung und waren entsprechend harmlos. Weil es ihnen Österreich aber vor allem in puncto Passgenauigkeit gleich tat, konnte das ÖFB-Team diese Schwäche bei Ungarn nicht entsprechend nützen.

Natürlich, es gab vor allem vor der Pause drei wirkliche Chancen, um das Spiel auf Kurs zu bringen. Aber mit der neu gewonnenen Bürde des Favoriten-Daseins (und der entsprechenden Herangehensweise von auf dem Papier schwächeren, aber nicht heillosen Gegnern, wie etwa Ungarn) hat sich Österreich noch nicht angefreundet.

Diese Partie qualifiziert locker für die Top-3 der schlechtesten Performances unter Marcel Koller. Ist ein blöder Zeitpunkt dafür.

Wichtiges zum Lesen

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

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  • Phil

    Es gab schon vor dem Tor teils so grausame Staffelungen. Die Abwehr mit Alaba als Ballführenden und die Nächsten waren Arni, Janko, Zladdi und Harnik auf einer Horizontallinie (!!) die auf den Ball warten. Kein einziger Mann im Mittelfeld, das darf absolut nicht passieren, war aber kein Einzelfall.

  • Josef

    Die wirkliche Aufgabe des ÖFB im Gesamten beginnt erst in der Bewertung dieser EM, die in meiner Wahrnehmung nichts anderes ist als der Beginn einer gesamten strukturellen Änderung im österreichischem Fußball. “Die 78er und 90er haben lange genug ihren Schatten geworfen”. In den bisherigen Qualifikationen unter M.K. wurde gezeigt, dass ein österreichisches Nationalteam in der Lage ist sich zu entwickeln und kontinuierlich die Spielqualität (in allen Bereichen) zu steigern. Die Qualifikation zur EM hat und sogar auf 10/11 im Ranking gebracht (Was aber wirklich nur bedeutend für die nächste Quali-Auslosung ist).
    Die EM bringt für mich über das Team folgende Erkenntnis:
    I. wir sind noch weit entfernt davon, Substanz zu etablieren und ein vergangenes aufgezeigtes Leistungsniveau auch als Selbstverständnis unserer Spielweise abzurufen und einzusetzen.
    II. Es fehlt der PLAN B in soferne, dass sich auch M.K. den Vorwurf gefallen lassen muss, dass eine fallende, erkennbare Formkurve auch eine andere Spielanlage benötigt. Gerade gegen Ungarn wurde aufgezeigt, dass wir in der gegenwärtigen Situation Spieler in Topform brauchen (was aber bei Großereignissen, die immer am Ende einer mehr oder weniger aufreibenden Saison ausgetragen werden, fraglich ist), um eben den PLAN A bestens zu erfüllen.
    In der laufenden EM wird sicher die Art und Weise wie Ergebnisse zustande kommen, immer Diskussionsthema sein, selbstverständlich. Für mich aber beginnt die tatsächliche Arbeit nach der EM, nämlich in den beiden nächsten Qualis (WM – EM), da ein großer Teil der Mannschaft diese Qualis bestreiten wird. Und da wird sich zeigen, ob ein bereits aufgezeigtes Leistungsniveau tatsächlich strukturell – als Substanz des Teams – so etabliert werden kann, dass diese Spielqualität zum Selbstverständnis im Spiel wird.

    • Stefan Urschler

      da kann man nur 100% zustimmen. der plan b fehlt und der plan a wenn die leistungskurve zurückgeht ist zudem auch noch durchschaubar für alle unsere gegner. man hat das heuer bereits bei den testspielen gemerkt, das sich die gegner bereits sehr gut auf uns eingestellt haben und wir nur unseren matchplan können. koller hat, und das muss man auch sagen, eine gute mannschaft geformt die weit besser ist als das wir davor zu bieten hatten. geduld ist gefragt und das bedeutet wahrscheinlich erst in 2 oder 4 jahren soweit zu sein um die vorrunde zu überstzehen. deutschland hat 8 jahre für einen neuerlichen titel gebraucht, und ist oft an sich selbst gescheitert. “die mannschaft” hat soviel lehrgeld gezahlt…österreich wird ebenso brauchen bis der weg abgeschlossen ist und wir genügend substanz haben um eine vorrunde zu überstehen.

      • Teiwaz

        Man muss aber auch sagen, dass es so schnell keine (vom Papier her) derart einfache Gruppe mehr geben wird – vom Modus ganz zu schweigen.

        Man hat sich sicherlich auch ein wenig von der (mMn) sehr einfachen Qualigruppe blenden lassen, weil – ganz ehrlich – “schwere” Gegner sehen anders aus als biedere Schweden, die oft nur Ibrahimovic sind, oder Russen, die komplett am Sand sind.

  • Martidas

    Stimme der Analyse zu. Für mich wirft es aber die grundsätzliche Frage auf, ob Kollers Team sich nicht etwas zu leicht ausrechnen lässt. Taktische Varianten wie das überraschende 4-1-4-1 in der WM Quali gegen Schweden gab es im letzten Jahr gar nicht. Gerade desktruktiven Teams macht man so die Vorbereitung leicht und sich selbst noch mehr von der Form der Spieler abhängig.

    Die EM zeigt für mich eines: Die Zeiten des 1-Mann-Sturms sind (endlich) vorbei. Die Mannschaften haben defensiv ordentlich aufgerüstet und selbst kleine Teams kassieren kaum mehr Tore gegen übermächtige Gegner. Deutschland (fast bei jedem Angriff drei bis vier Mann im Strafraum) und Italien (zwei nominelle Stürmer) haben das als erste Mannschaften begriffen und dementsprechend souverän gewonnnen (als einzige Mannschaften im Turnier bisher). Mut zur Offensive muss also die Devise sein und zwar an vorderster Front. Anders wird es vor allem gegen Island nicht gehen.

    Für den weiteren Verlauf der EM sehe ich eher schwarz. Im Duell der ähnlichen Systeme haben die Portugiesen mit ihrer Klasse deutlich die Nase vorne und Island ist halt noch eine Spur unangenehmer zu spielen als Ungarn.

    Für die kommende WM Quali muss auf jeden Fall mehr taktische Flexibilität in der Grundformation gegeben sein. Ich kann mir sowohl ein 4-4-2 mit Raute [Almer – Klein, Dragovic, Hinteregger, Fuchs – Baumgartlinger – Alaba (links), Arnautovic (rechts) – Junuzovic – Janko, Okotie] als auch ein 4-3-3 [Almer – Klein, Dragovic, Hinteregger, Fuchs – Baumgartlinger – Junuzovic (halbrechts), Alaba (halblinks) – Arnautovic, Janko, Harnik] vorstellen.

    • Stefan Urschler

      Im Gegensatz zu den vielen “es is jetzt alles Scheisse” Kommentaren in den diversen Foren, hier nicht nur eine gute Analyse sondern auch ein gutes Kommentar. Denn genau das mit der Berechenbarkeit ist das Problem unseres Teams in den letzen Spielen geworden. Es fehlt wie es Martin Blumenau so gut immer sagt, meist der Plan B. Und das hat leider Marcel Koller bisher nicht geschafft. Taktische Flexibilität und Variantenreichtum ist da nicht vorhanden. Heute fehlte zwar zudem auch die Form der Schlüsselspieler die über die ganze Saison nicht überrangend war bei einigen, und dann war es auch zu wenig Leidenschaft sich ins Zeug zu hauen.

      Gerade Ungarn war heute das bessere Österreich. SIe haben aus ihre Aussenseiterrolle genau das gemacht was wir immer wieder gezeigt haben. Jetzt sind wir in der Favoritenrolle gewesen, werden nicht mehr unterschätzt und so stellen sich die Gegner ganz anders ein.

      Ja, die EM ist wahrscheinlich durch. Aber die WM Quali sollte uns dann voran bringen so das die Quali zu schaffen ist und auch die Performance in Russland dann besser ist als jene bisher. Es ist ein langer Weg der vor dem Team liegt, aber mit der Erfahrung aus dem jetzigen Turnier können sie viel für die WM mitnehmen. Und dann sollte es defintiv mehrere Varianten geben, so das wir nicht mehr so leicht zu durchschauen sind.