Frauen-EM-Quali für 2017
Vorwärtsstadion, Steyr, 10. April 2016
Österreich - Norwegen
0-1
Tore: 23' Mykjåland (p)

Erste Niederlage seit zwei Jahren für die ÖFB-Frauen

Beherzt gespielt und so lange die Kräfte da waren, alles versucht – aber nach zwei Jahren kassieren die ÖFB-Frauen beim 0:1 daheim gegen Norwegen in der EM-Quali mal wieder eine Niederlage. Die ist im Hinblick auf die EM-Chancen kein Beinbruch und die Leistung war auch voll okay – das Spiel hat aber auch gezeigt, was noch fehlt.

Österreich - Norwegen 0:1 (0:1)
Österreich – Norwegen 0:1 (0:1)

Was Norwegen nicht mag? Angepresst werden und schnelle, wendige Stürmerinnen gegen die robuste, aber nicht besonders schnelle Innenverteidigung. Was Norwegen dafür hat? Tonnenweise Erfahrung, auch wenn einige Stützen in der letzten Zeit aufgehört haben – oder verletzt sind, so wie Angriffs-Megatalent Caroline Hansen.

Klare Kontrolle gegen Norwegens 4-2-4

Österreich kam nach zwei Jahren ohne Niederlage mit viel Selbstvertrauen daher und übernahm auch gleich die Kontrolle, mit drei Chancen in den ersten zehn Minuten. Das norwegische Team spielte im erwarteten 4-4-2, das im Ballbesitz ein 4-2-4 wurde, mit zwei Ankern im zentralen Mittelfeld und langen Bällen.

Zu diesen langen Bällen wurde Norwegen auch zusätzlich gezwungen, weil Mjelde und Mykjåland im Zentrum sofort zwei Österreicherinnen auf den Füßen stehen hatten. Vor allem Sarah Puntigam reagierte im Umschalten von Offensive auf Defensive stark und antipizierte viel, Sarah Zadrazil konnte mit ihrer Technik einige Impulse nach vorne setzen.

Generell schaffte es Österreich gut, Überzahl in Ballnähe herzustellen und den norwegischen Aufbau über das Zentrum zu unterbinden, die langen Bälle brachten nichts ein – auch weil Viktoria Schnaderbeck im Abwehrzentrum die Mitspielerinnen mit viel Übersicht dirigierte.

Gegentreffer ein schwerer Schlag

Nach 22 Minuten folgte dann ein eher patschertes Foul von Gini Kirchberger (die gelernte IV ersetzte auf der linken Seite die angeschlagene Maierhofer) an Ada Hergerberg und Lene Mykjåland verwertete den fälligen Elfmeter. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es Norwegen erst ein einziges Mal geschafft, das österreichische Pressing im Aufbau ohne langen Ball zu umspielen (8.) und nur ein einziges Mal war etwas zu viel Platz zwischen Schiechtl, Feiersinger und Zadrazil auf der rechten Defensiv-Seite (17.). Österreich hatte alles fest im Griff.

Das änderte sich mit dem Gegentreffer. Wie schon beim letzten Pflicht-Heimspiel gegen ein Top-1-Team, dem Match gegen Frankreich in Ritzing, sorgte ein ärgerliches Gegentor nach einem mutigen Start für einen Bruch im Spiel. Zudem kristallisierte sich nun immer mehr heraus, dass Nici Billa einen schwarzen Tag hatte – sie traf im Angriffsdrittel zu viele falsche Entscheidungen, nahm oft das Tempo heraus anstatt einen Vertikalpass zu spielen, blieb mit wenigen Ausnahmen harmlos. Das merkte nun auch Norwegen.

Norwegens Passivität…

Kirchberger fremdelte merklich mit der Rolle als Linksverteidigerin, sie verlor 1-gegen-1-Situationen gegen die sich geschickter bewegende Kristine Minde, ihre Stellungsspiel war nicht immer optimal und sie war (als gelernte IV nicht ungewöhnlich) auch nach vorne nicht so effektiv. Kurz nach der Pause brachte daher ÖFB-Teamchef Thalhammer Nadine Prohaska für die linke Offensiv-Seite und stellte Aschauer auf die LV-Position.

Norwegen wurde immer passiver und stellte sich schon nach einer Stunde endgültig darauf ein, das knappe 1:0 über die Zeit zu bringen; die Stürmerinnen Hegerberg und Utland etwa gingen nicht einmal mehr auf vielversprechende freie Bälle. Dafür machte Norwegen extrem routinierten ZM mit Mjelde und Mykjåland mit ihrem guten Positionsspiel und ihrer überragenden Antizipation einen Aufbau der angreifenden Österreicherinnen durch das Zentrum unmöglich.

Da half es auch nichts, dass in dieser Phase oft Nina Burger zurück auf die Zehn ging und die unsichere Billa ganz vorne – wäre Lisa Makas fit gewesen, hätte sie mit ihrem Tempo und ihrem Schwung sicherlich neue Impulse setzen können, aber die Freiburg-Legionären laboriert an ihrem zweiten Kreuzbandriss innerhalb eines halben Jahres.

…und Österreichs Flügelfokus

Nicht zuletzt wegen des dichten Zentrums wich wich Österreich immer mehr auf die Außenpositionen aus, die nun auch beiden Seiten gut besetzt waren – Schiechtl und die aktive Feiersinger rechts, Aschauer und Prohaska passsicher auf links. Immer wieder gelang es Österreich nun über die Seiten, in den Strafraum zu kommen, vor allem Feiersinger setzte sich zunehmend öfter gegen Elise Thorsnes durch. Alleine der Abschluss passte oft nicht.

Norwegen setzte in der Schlussphase darauf, gegen die anstürmenden, aber zunehmend müden Österreicherinnen Nadelstiche zu setzen, und in einigen Situationen war es vor allem der überragenden Viktoria Schnaderbeck in der Innenverteidigung zu verdanken, dass diverse norwegische Angriffe gar nicht erst zum Abschluss kamen.

Aber auch ihr Aufrücken ins Mittelfeld für den Aufbau half nichts: Norwegen hielt bis zum Schluss stand.

Klarer Sieg zuvor gegen Kasachstan

Österreich - Kasachstan 6:1 (5:0)
Österreich – Kasachstan 6:1 (5:0)

Vier Tage vor dem Hit gegen Norwegen haben die ÖFB-Frauen schon ihren Pflichtsieg gegen Kasachstan eingefahren. Das 6:1 war der höchste Sieg seit zwei Jahren, die 5:0-Führung zur Pause der größte Halbzeit-Vorsprung seit 13 Jahren.

Viel muss man zu diesem Spiel nicht sagen – Österreich agierte sehr konzentriert und konsequent und war auch von der etwas seltsamen Raumaufteilung des kasachischen Teams nicht aus dem Takt zu bringen. Die Viererkette hinten rückte oft nach links und RM Nikolayeva beackerte ihre Seite alleine, während die rechte Seite doppelt besetzt war, Sechser Shanatayeva spielte im 4-1-4-1 oft sehr tief, dafür Achter Kirgisbayeva oft sehr hoch – da ergaben sich schöne Räume für Österreich.

Nici Billa spielte ihre Rolle als Acht recht offensiv und war oft zweite oder hängende Spitze, Zadrazil (die auf der Sechs begann, dann auf die Acht ging) und Puntigam (umgekehrt wie Zadrazil) sicherten dann eher ab. Das 1:0 fiel aus einem Freistoß per Kopfball, das 2:0 war ein Eigentor, das 3:0 eine Bogenlampe von der Seitenlinie, das 4:0 ein Pracht-Weitschuss, das 5:0 ein Abstauber. Dass es nach der Pause nicht noch viel höher wurde, lag nur daran, dass man recht offensichtlich drei Gänge zurückschaltete. Das Gegentor ist ärgerlich, aber unbedeutend.

Nach zwei Jahren wieder mal besiegt

Exakt zwei Jahre und einen Tag war Österreichs Frauen-Nationalteam ohne Niederlage geblieben – in 18 Spielen. Was heißt dies nun, und was heißt dieses 0:1 gegen Norwegen?

unbesiegtDie unbesiegte Serie bedeutet zweierlei. Zum einen, dass man gegen schwächere Teams (Matches gegen im FIFA-Ranking jeweils hinter Österreich gereihte Teams in grün) nicht mehr auf die Nase fliegt – und zwar überhaupt nicht. Das ist ein gutes Zeichen und das ist auch absolut notwendig, will man sich als Topf-2-Team (das Österreich mittlerweile ist) für eine Endrunde qualifizieren will.

Diese Zeit mit ihren vier Spielen gegen stärker gereihte Teams (in der Grafik rot), die allesamt nicht verloren wurden, zeigen außerdem, dass Österreich in der aktuellen Form für so gut wie jedes Team der Welt ein äußerst unangenehmer Gegner ist, den man nicht mal eben so besiegt. Vor allem Australien, der spätere WM-Viertelfinalist, musste das bei dessen sportlicher Hinrichtung in Villach vor einem Jahr erfahren. Aktuell sind wohl nur USA, Deutschland und Frankreich völlig außer Reichweite für Österreich.

Für jeden anderen ist man zumindest ein richtiger Tester.

Nicht auf jeder Position in Top-Form

Österreich verfügt über eine aufbauende Innenverteidigerin von gehobener internationaler Klasse (Schnaderbeck), eine kommende potenzielle Weltklasse-Spielerin (Zadrazil), und ein grundsolides, gutklassiges Team um sie herum. Allerdings nicht so gutklassig, dass man es einfach so verkraftet, wenn mal zwei auslassen oder nicht ganz auf der Höhe sind.

Spiele, vor allem Pflichtspiele, gegen Teams wie Norwegen sind deshalb so immens wichtig, weil man da aufgezeigt bekommt, was noch fehlt. Die österreichische Zentrale ist gut, aber sie hat nicht die Routine des norwegischen Zentrums. Österreichs Angriff kann an guten Tagen fünf Tore in einer Halbzeit gegen Kasachstan schießen, aber wenn wie derzeit eine Lisa Makas verletzt ist, fehlen die Alternativen.

Und – es wurde nach dem Gegentor augenscheinlich – nach einem Rückschlag braucht Österreich zuweilen noch eine gewisse Zeit, um wieder kollektiv vorhanden zu sein. Das sind so die kleinen Punkte, die kleinen Schwächen, die Österreich noch vom nächsten Schritt trennen. Oder die Fähigkeit, auch wenn nicht alle auf 100 % sind, nicht zu viele Chancen zu brauchen, und trotzdem ein Resultat zu bekommen.

Für die EM-Quali, im Übrigen, hat diese Niederlagen praktisch keine Auswirkungen: Man ist immer noch voll auf Kurs Platz zwei ohne Punktverlust gegen die drei “Kleinen”. Bleibt das so, ist Österreich auf jeden Fall bei der EM 2017 in Holland dabei.

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Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

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  • Ein Fan

    Danke wieder einmal für die Beobachtungen!

    Leider hab ich das Spiel nicht gesehen, daher ein paar Fragen:
    Warum hat Thalhammer wohl nur einen Wechsel vollzogen? Und auch Norwegen nur einen?
    Wollten beide ein knappes Spiel unbedingt mit der Einergarnitur durchspielen?
    Obwohl die Österreicherinnen, wie du schreibst, gegen Ende schon müde war, und Nicole Billa keinen guten Tag hatte?

    Und hat nicht Billa, die vier Jahre jünger ist als Zadrazil, auch noch das Potenzial, zur Weltklassespielerin zu werden?

    Warum spielte nach dem Ausfall von Maierhofer mit Kirchberger eine gelernte IV auf der linken Seite, bzw. warum spielte Aschauer links vorne?
    Heißt das, auf der linken Seite ist letztlich der Kader qualitativ noch nicht breit genug?