Testspiel
Ernst Happel-Stadion, 26.3.2016
Österreich - Albanien
2 - 1
Tore: 6' Janko, 13' Harnik bzw. 47' Lenjani

Österreich-Test gegen Albanien: Zwei taktische Beobachtungen

Im ersten Test des EURO-Jahres 2016 besiegte Österreich am Samstag Albanien mit 2:1 (2:0). Tore von Marc Janko und Martin Harnik genügten dem ÖFB-Team mit gewohnter Aufstellung im Duell mit einem anderen EM-Teilnehmer zu einem verdienten aber nicht problemlosen Erfolg. Zwei Dinge möchte ich in taktischer Hinsicht besprechen. 

[Wir sprechen auch im aktuellen Podcast über das Spiel, sowie über Deutschlands Niederlage gegen England und den Tod von Johan Cruyff.]

1. Die Pressing-Problemzone

Österreich versuchte hohes Pressing und verlor in seinem Ballhunger gelegentlich die Kompatkheit. Das defensive Mittelfeld rückte zu weit nach und ließ große Räume vor der Innernverteidigung, die aber oft schon bis zur Mittellinie aufgerückt war und deshalb nicht höher pressen konnte. Albanien gelang immerhin, die Problematik anzudeuten und beim Treffer auszunutzen, bessere Gegner könnten das härter bestrafen.

Österreich vs. Albanien: Pressingproblem

Natürlich soll aber nicht verschwiegen werden, dass eben jenes hohe Pressing vor dem 1:0 durch Marc Janko zur Balleroberung führte. Man sollte aber über Varianten sprechen, um diese Löcher zu stopfen. Ob Alaba und Baumgartlinger wirklich so oft gleichzeitig aufrücken sollten? Ob man den Gegner nicht doch ein paar Meter weiter aufrücken lassen sollte um der Abwehr zu ermöglichen, näher ans Mittelfeld zu rücken? 

Marcel Koller führte die zentralen Raumaufteilungs-Probleme nach dem Spiel auf die 2-gegen-3-Unterzahl im Zentrum zurück, die sich strukturell daraus ergibt, dass Österreich im 4-4-2 verteidigt, während Albanien ein 4-3-3/4-1-4-1 pflegte. Der Teamchef bemängelte in diesem Zusammenhang ein wenig die mangelnde Laufbereitschaft und das Verhalten, der Außenspieler, die ihm zu wenig eingerückt waren, um diese strukturelle Minderheit auszugleichen. 

In der obenstehenden Situation hätte aber weder Laufbereitschaft noch Einrücken viel genützt, um die 4 gegen 6 Unterzahl zu verhindern. Diese entstand daraus, dass Baumgartlinger ohne Absicherung in ein erfolgloses Gegenpressing startete.  Auch beim Gegentor fehlte wie angemerkt ein defensiver Mittelfeldspieler, um den Zug von Lenjani auf die Innenverteidigung aufzuhalten.

Österreich vs Albanien: Gegentor
Kurz vor dem albanischen Treffer: Lenjani sprintet in Harniks Rücken zur Mitte los, die beiden ÖFB-Sechser stehen zu hoch, um ihn zu blocken. und die Innenverteidigung kann dem Tempo nichts entgegensetzen

2. Der Aufbau durch die Mitte

Im frühesten Spielaufbau setzte man vor allem in der ersten Hälfte häufiger auf ein 4-3-3. Ein zentraler Mittelfeldspieler (v.a. Baumgartlinger) kippt dazu zwischen oder leicht vor die Innenverteidiger ab und hat das Spiel vor sich. Das gibt ihm vier Anspielstationen in unmittelbarer Nähe. Wenn er nicht attackiert wird, rückt er entweder so weit wie möglich mit dem Ball auf, bis er eine attraktive Anspielstation findet oder sucht sofort die zwei zentralen Mittlefeldspieler (Alaba/Junuzovic) vor sich. Wird er doch attackiert, gibt er an einen Innenverteidiger ab, der diese Aufgabe eben dann übernimmt. Diese Aufbauform ist etwas langsam, dafür wirkt sie relativ risikolos und ist nur durch aggressiveres Stören des Gegners zu unterbinden.

Österreich vs. Albanien: Spielaufbau im 4-3-3
Spielaufbau im 4-3-3

In der zweiten Hälfte tat Albanien aber eben mehr dafür, Österreich zu stören – insbesondere die beiden Flügel waren deutlich aktiver. Deshalb baute Österreich primär im gewohnten 4-2-3-1 auf. Dabei bieten sich nur die beiden Sechser ballnah an, der Zehner bleibt höher aufgerückt. Er bietet einen zusätzlichen und direkteren Passweg durch die Mitte oder Hilfe beim Sichern weiter Bälle. Das gelang aber nicht so gut.

An dieser Stelle hätten sich vielleicht mehr weite Bälle auf die Außenspieler hinter die Abwehr angeboten (ca. wie jenen, den die albanische Abwehr beim 2:0 falsch eingeschätzt hat). Aber natürlich kann das auch bedeuten, dass der Ball schneller wieder weg ist. Und statt so nach einer höheren Führung zu jagen, wollte Koller, dass das Team mehr Ballbesitz anhäuft – möglicherweise auch weil es mit dem Ball besser darin ist, seine Kräfte zu schonen.

Diese Strategie resultierte zwar keinesfalls in einer Glanzleistung, aber so musste immerhin Albanien nicht nur dem Rückstand sondern auch dem Ball ständig nachjagen. Für Ergys Kace war diese Intensität möglicherweise zu hoch. Er kam gleich zwei Mal rotverdächtig zu spät in einen Zweikampf. Der unzweifelhafte Ausschluss nahm Albanien schließlich bessere Chancen auf den Ausgleich.

  • Pingback: Ohne Baumgartlinger keine Lösung nach Terims Umstellung - Ballverliebt()

  • Peda

    Hallo Tom, danke für die rasche Analyse!

    Ich habe zum Spiel ein paar Fragen:
    Österreich spielte zu Beginn mit einer Offensivroute, die hervorragend auf den Gegner abgestimmt war. Alaba als Quarterback vor (nicht zwischen) den IV spielte frühe lange Bälle auf den nach links ausweichenden Janko. Der – ebenfalls Linksfuß – konnte diese gut kontrollieren und erhielt die Zuspiele lange bevor sich die gegnerische Defensive zusammenziehen konnte.
    Nach dem frühen 2:0 wurde das eingestellt und die Österreicher schalteten generell zwei Gänge zurück. Wie weit war das deiner Meinung nach “geplant” bzw. angewiesen nach 20 Minuten anders und langsamer aufzubauen?

    Alaba und Baumgartlinger spielten in höheren Zonen meist halbrechts, Junuzovic halblinks. Normalerweise ist das ja eher umgekehrt. Kannst du dir den Sinn dahinter erklären?

    Als Albanien begann höher zu pressen, kippte dann auch häufiger ein Sechser ab bzw. standen sie zu zweit vor der IV. Dann standen sie aber auch höher und der eigentliche Sechserraum war häufig unbesetzt. Das hat aus meiner Sicht den Albaniern und deren Pressing enorm geholfen. Erst Ilsanker konnte den Aufbau wieder stabilisieren (schiebt nie so hoch auf wie Jules/David, läuft sich permanent frei). Sollte man von den ersten beiden nicht erwarten können das selbstständig zu beheben?

    Alaba ist als Aufbausechser sehr stark, in höheren Zonen aber mMn mittlerweile/momentan eher ein Hemmnis. Bei einigen Kombinationen wollte er sich im Gegnsatz zu den Mitspielern die Kugel stoppen und verlor nicht oft den Ball in ungünstigen Staffelungen. Hängt das mit seiner Rolle bei Bayern zusammen, dass er höher nicht mehr so effektiv ist? Und glaubst du, dass sich das in der Vorbereitungszeit noch ausbügeln lässt?

    Österreich zeigte in der zweiten Hälfte mMn ein grausames Umschaltverhalten. Nach Ballgewinnen stand die Viererkette oft sehr lange auf einer Linie anstatt umgehend aufzufächern, das lud ja förmlich zum Pressing ein. Immer öfter warteteten mehrere Spieler statisch an der letzten Linie, waren dadurch unanspielbar und konnten bei Ballverlust nicht ins Gegenpressing kommen. Das ZM agierte (bis Ilsanker kam) stark unbalanciert, meistens beide zu hoch.
    Das sah in Summe sehr unmotiviert aus. Hast du dafür auch eine Erklärung?

    • “Nach dem frühen 2:0 wurde das eingestellt und die Österreicher schalteten generell zwei Gänge zurück. Wie weit war das deiner Meinung nach “geplant” bzw. angewiesen nach 20 Minuten anders und langsamer aufzubauen?”

      Ich hätte das darauf zurückgeführt, dass Albanien danach doch noch beschloss, im Spiel aufzutauchen.

      “Alaba und Baumgartlinger spielten in höheren Zonen meist halbrechts, Junuzovic halblinks. Normalerweise ist das ja eher umgekehrt. Kannst du dir den Sinn dahinter erklären?”

      Im Zentrum spielt Österreich sehr fluid, ich denke das entsteht situationsbedingt. Hab mir dieses Detail nicht wirklich angesehen.

      “Erst Ilsanker konnte den Aufbau wieder stabilisieren”

      Ilsanker kam halt auch tatsächlich zeitgleich mit dem albanischen Ausgleich ins Spiel. ;)

      Bezüglich Alaba: Ich seh das nicht ganz so kritisch wie andere. Natürlich wird ihn die Rolle bei den Bayern prägen, aber er kann da wie dort auch weiter vorne spielen – gerade diese Qualität auf vielen Positionen begeistert ja auch Guardiola und ich werd mich hüten zu behaupten, Alaba besser als Pep einschätzen zu können. ;)

      “Das sah in Summe sehr unmotiviert aus. Hast du dafür auch eine Erklärung?”

      Nur, dass es ein Freundschaftsspiel war. Das ist keine Ausrede oder Rechtfertigung, aber in diesen war das in den vergangenen Jahren ein ziemlich häufiges Phänomen. Ich glaube, dass Ergebnisse hier einfach nicht so wichtig genommen werden, eher wohl spezifizierte Testzwecke und das Vermeiden von Verletzungen. Versteh ich auch, als sich Dragovic gestern am Boden gewunden hat war ich ebenso nervös wie als Kace Junuzovic in die Beine grätschte.

      • Benjamin

        Ich würde mir wünschen, dass Alaba auch im Nationalteam ernsthaft für die linke Abwehrseite in Frage kommen würde. Wenn Fuchs ausfällt, sind wir meiner Meinung nach mit Suttner zu anfällig. Hat man gestern wieder gesehen. Sogar Hinteregger wäre mir dort lieber.

        • ich fände es relativ absurd, alaba von einer position abzuziehen, weil er sie selten spielt, um ihn auf eine andere position zu tun, die er selten spielt, nur um dann erreicht zu haben, den besten fußballer österreichs auf eine spielerisch limitierte position verfrachtet zu haben.

          • Peda

            Najo, zu behaupten, dass Alaba selten als Außenverteidiger spielt, ist aber auch… relativ absurd.

            Zu Suttner: schade, dass Ulmer einigen Einberufungen verletzt absagen musste, den halte ich (obwohl er “nur” in unserer Liga spielt) immer noch für stabiler als den Ex-Austrianer. Gestern fand ich aber weniger die Leistung Suttners bedenklich als die fehlende Unterstützung aus dem ZM. Wäre Alaba – wie schon öfter gesehen – im Aufbau hinter Suttner herausgekippt, hätte man ihn erstens in seiner Komfortzone (linker Halbraum) in den Aufbau einbinden können, zweitens wären Suttner und Wimmer defensiv und offensiv besser unterstützt worden.

            In meiner Erinnerung kippte aber wenn, dann Jules zentral ab, meistens aber keiner (Sechserraum unbesetzt). Dadurch wurde den Ersatzleuten zu viel Verantwortung übertragen und Suttner fand nie die Balance zwischen Offensive und Defensive.

          • Wie oft hat er heuer bei den Bayern LV gespielt? 5-7 Mal? Er ist meistens einer der drei Innenverteidiger, der im Laufe des Spiels aber auch gern mal überall anders spielt (und die Position im Bayern-System ist dem was andere Defensives Mittelfeld nennen nicht so unähnlich).

            Und selbst wenn das nicht so wäre: Alaba aus dem Zentrum zu nehmen halte ich für einen völlig falschen Ansatz. Er bietet als Achter eine Gefahr aus der Tiefe, was sonst kein etablierter Spieler mitbringt. Seine besten Spieler drängt man nicht an die Seitenlinien.

            Zudem gibts links keinen Handlungsbedarf. Fuchs ist nicht verletzt. (Und Suttner war halt grade 3 Monate verletzt out, eine wacklige Performance muss man dann also IMO auch nicht gleich überbewerten.)