Weltmeisterschaft 2014 | Halbfinale
Mineirão, Belo Horizonte, 8. Juli 2014
Brasilien - Deutschland
1-7
Tore: 90' Oscar bzw. 11' Müller, 23' Klose, 24' und 26' Kroos, 29' Khedira, 69' und 79' Schürrle

Analyse: Deutschland schlägt Brasilien in unglaublichem WM-Halbfinale 7:1

Es ist das wohl denkwürdigste Halbfinale in der 84-jährigen WM-Geschichte – Gastgeber Brasilien, für den nur der Titel zählte, bekam von den Deutschen den Hintern verdroschen, wie noch nie einem Halbfinalisten der Hintern verdroschen wurde. Am Ende steht ein 7:1 in den Geschichtsbüchern, dass sogar ein 7:0 hätte werden können, wenn nicht Oscar doch noch einen reingebracht hätte. Aber wie konnte es dazu kommen, dass Brasilien zwischen der 23. und der 29. Minute vier Tore schluckte?

Brasilien - Deutschland 1:7 (0:5)
Brasilien – Deutschland 1:7 (0:5)

Brasilien begann eigentlich recht schwungvoll – anders als im Turnierverlauf oft, eher so, wie man vor einem Jahr den Confed-Cup angelegt hatte. Ohne ersichtlichen Grund aber nahm die Selção nach fünf Minuten das Tempo völlig raus. Hinten spielten sich David Luiz, Dante und Luiz Gustavo den Ball plötzlich nur noch gemütlich hin und her. Folge war: Der ganze deutsche Mannschaftsverbund, der nach dem frühen Druck recht weit hinten gestaffelt war, rückte Meter um Meter auf. Quasi zum Austesten, wie die Brasilianer reagieren.

Sie reagierten gar nicht. Großer Fehler.

Khedira fing recht schnell immer mehr an, vor allem Dante anzulaufen. Bein einem Ballgewinn reagierte Deutschland nun im Verbund mit kollektivem, raschen nach-vorne-rücken. Die Brasilianer zeigten in zwei, drei Szenen schnell Wirkung – ein ungenauer Abschlag von Júlio César, ein überhasteter und meilenweit von jedem Mitspieler entfernter langer Ball in Richtung Bernard: Deutschland hatte schon vor dem 1:0 die Kontrolle übernommen.

Kompaktheit geht völlig verloren

Dass man bei einer Ecke Müller am langen Pfosten erstaunlich frei lässt, ist zwar nicht besonders geschickt (wiewohl von Deutschland auch gut gemacht), kann aber schon mal passieren und ist eigentlich kein Grund, in sich zusammen zu fallen, vor allem dann nicht, wenn noch 79 Minuten zu spielen sind. Doch die Brasilianer verloren in der Folge jegliche Kompaktheit vor allem im Zentrum – obwohl Marcelo (wie im ganzen Turnier) einen ziemlichen Drall nach innen hatte und sich auch Aufbau-Versuche bei Brasilien oftmals ins Zentrum verlagerten.

David Luiz marschierte öfter nach vorne mit, ohne abgedeckt zu werden. Wie überhaupt sich die Offensiv-Kräfte Brasiliens noch weiter vorne postierten, der Defensiv-Verbund aber nicht geschlossen nachrückte. Gleichzeitig fuhren die Deutschen nun ein Pressing-Brett, dem der Gastgeber nichts entgegen zu setzen hatte.Nach Ballgewinnen hatten die Deutschen nicht nur Überzahl, sondern auch richtig viel Platz.

Das hat genau gar nichts mit dem Fehlen von Neymar zu tun. Aber sehr viel mit jenem von Thiago Silva.

Treibsand

Die ordnende Hand, die der Gelbgesperrte normalerweise ist, fehlte komlett. Nach dem zweiten Gegentor wurden die Löcher bei Brasilien noch größer, versuchte noch mehr jeder in seiner Panik auf eigene Faust, das Geschehene wettzumachen. Die Folge war ein Treibsand-Effekt: Die Deutschen, die schon ohne gruppentaktisches schnelles Umschalten Räume ohne Ende hatten, verstanden es exzellent, die immer mehr verunsicherten Brasilianer aus ihren Positionen zu ziehen und damit Räume zu schaffen.

So vergaß Maicon, der viel zu zentral stand, beim 0:3 hinter ihm auf Kroos. Die Brasilianer halfen sich auch nicht gegenseitig. Es kann niemand Fernandinho gewarnt haben, dass hinter ihm ein Deutscher auf ihn zuläuft, so billig, wie er ihn vor dem 0:4 verloren hat. Das Chaos setzte sich auch beim 0:5 fort. Je mehr die Brasilianer versuchten, das Ruder herum zu reißen, desto mehr ging das Gruppendenken verloren und desto leichter hatte es die deutsche Mannschaft, sich auszutoben.

Runter vom Gas

Natürlich war das Spiel nach einer halben Stunde entschieden und natürlich stieg Deutschland danach deutlich vom Gas. Oscar zum Beispiel versteckte sich weiterhin nach Kräften, der kleine Bernard hatte gegen Höwedes keine Chance, Fred sah kaum einen Ball. Die Chancen, die man sich nach der Pause erarbeitete, machte dann auch noch Neuer zunichte.

Und obwohl Deutschland kaum noch aktiv am Spiel teilnahm, das Pressing logischerweise weitgehend eingestellt hatte und der Nachdruck nach vorne fehlte, erhöhte man sogar noch auf 7:0. Im Grunde war in der zweiten Hälfte aber die Luft natürlich völlig draußen.

Fazit: Deutschland nützte Schwächen konsequent aus

Dass die Seleção so dermaßen in sich zusammenklappte, lag in erster Linie an der Panik, die (eigentlich unverständlicherweise) nach dem frühen 0:1 ausbrach. Mit dieser Hektik und ohne jedes gruppentaktische Verhalten bot man den Deutschen Räume an, die diese extrem clever zu nützen verstanden. Und eiskalt – so gut wie jede Torchance wurde auch konsequent genützt. So konnte sich schon so früh ein so ungewöhnliches Ergebnis abzeichnen.

Was die deutschen Spieler wussten, das wurde in den Interviews schnell deutlich. Ihnen war klar, dass ihnen der Gegner und der Spielverlauf so in die Hände spielten, dass so ein Ergebnis dabei heraus kam. Im Finale wird es ein völlig anderes Spiel werden.

Wie es mit den brasilianischen Spielern weitergeht, wird interessant zu verfolgen sein. Viele der Beteiligten an Österreichs 0:9 in Valencia 1999 waren für ihre Karriere zerstört. Für Brasilien ist diese Niederlage, mit allem was damit zusammenhängt, noch viel, viel schlimmer als der ÖFB-Kegelabend in Spanien damals.

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

  • Ferdl.The Gooner

    Was meiner Meinung unbedingt erwähnt gehört ist, dass Marcelo mit seinen offensivläufen irre Räume auf der linken brasilianischen Abwehrseite aufgerissen hat. Wenn er schon der Spielmacher sein will (vielleicht wäre er ja kein schlechter) dann sollte er das nicht als linker außenverteidiger gg. Deutschlan machen. Müller und khedira hatten dort anfangs viel Spaß.

  • charles

    Noch nie in meinem Leben so ein unwirklich scheinendes Fussballmatch erlebt.

    Ein 9/11 für seine Fussballexzellenz Brasilien.
    Weg ist der Nimbus, der In- und Oberbegriff für Fussball, entweiht und zerstört.
    Götterdämmerung in den eigenen heiligen Fussballarenen, fehlte gerade noch, dass es im Maracana stattfand.

    Wenn man sich den gesamten Verlauf von Brasilien bei der WM ansieht, musste fast so etwas kommen. Nicht in dieser Höhe natürlich, aber eigentlich konnte dieses Team in keinem Match
    ihre individuelle Klasse als Mannschaft überzeugend auf den Platz bringen. Oft hing ein Sieg oder der Aufstieg schon an einem seidenen Faden und wurde mit Glück und vor allem viel Begeisterung gerade noch eingefahren. Gestern kam in einem Spiel alles kumuliert zurück.

    Der Glaube an sich war bereits nach dem 0:1 verloren. Nackte Angst vor dem Versagen das ersehnte und hohe Ziel der “Hexa” nicht zu erreichen blockierte ab sofort kollektiv Herz und Hirn der Brasilianer. In einer Mischung aus Wut, Zorn, aber kopf- und ordnungslos, lief man ins offene Messer der Deutschen.
    Bei 0:5 gleich zu Beginn der 2. Hz. spürte man nochmal den Versuch des Aufbäumens gegen die sich anbahnende, nicht vorstellbare “Hinrichtung”, doch so kalt die Deutschen ihre Chancen verwerteten so billig wurden diese doch 3-4 sehr guten Einschussmöglichkeiten vergeben.
    Das Ende ist bekannt. Vielleicht wäre es mit Thiago Silva und Neymar etwas glimpflicher ausgegangen, aber ich bin sicher, nach den vorher gezeigten Leistungen hätte das gestern
    auch nicht gereicht.

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  • subfraut

    Beim ersten Tor wurde Müller nicht frei gelassen… Klose hat Müllers Bewacher Luiz effektiv geblockt, konnte man in einer Analyse des ZDF deutlich sehen…

    • Peda

      Ja, wurde auch im ORF deutlich aufgelöst in der Analyse.

      Aber auch schon bei diesem Tor wurde das Fehlen Silvas augenscheinlich:
      Klose und Müller werden in Manndeckung genommen, der Rest der Brasilianer deckt den Raum ab. Klose und Müller kreuzen, Müllers Manndecker wird dadurch entscheidend behindert.
      Aber: JEDER raumdeckende Brasilianer schätzt den langen Ball falsch ein, läuft ihm entgegen und unterläuft ihn damit um zig Meter. Zudem weicht Marcelo, der am langen Pfosten stehend noch irgendwie eingreifen hätte können hinter die Torlinie zurück und Julio Cesar macht auf der Linie auch keine gute Figur.

      Ein solch kollektives Versagen in einem so frühen Stadium einer so wichtigen Partie ist wohl unerreicht.