Testspiel
Andruv, Olmütz, 3. Juni 2014
Tschechien - Österreich
1-2
Tore: 42' Hořava bzw. 34' Sabitzer, 72' Baumgartlinger

Wackelig, kopflos, konfus und passiv – schlimmer Auftritt trotz 2:1-Sieg

Cech, Kadlec, Suchy, Rosicky, Hübschman, Plasil, Necid – die internationalen Spieler ließ Tschechiens Teamchef Pavel Vrba allesamt draußen. Die Mischung aus den nationalen Top-Teams Sparta Prag und Viktoria Pilsen hatte gegen ein seltsam passives und erschreckend konfuses österreichisches Team das Spiel weitgehend im Griff, machte aber die entsprechenden Tore nicht. So kam die ÖFB-Elf im letzten Test vor der EM-Quali zu einem extrem schmeichelhaften 2:1-Sieg. Bei dem bis auf die Chancenverwertung so gut wie nichts funktionierte.

Tschechien - Österreich 1:2 (1:1)
Tschechien – Österreich 1:2 (1:1)

Kein Pressing

Hatte das Pressing bei Österreich zuletzt gegen Island nicht geklappt, weil aus dem Mittelfeld zu wenig nachgerückt worden war, gab es diesmal erst gleich gar keines. Die Mittelfeld-Kette im 4-1-4-1 verschob im Verbund horzitonal und auch Sturmspitze Sabitzer lief die ballführenden Innenverteidiger nicht an. Bei den Tschechen hingegen wurde gut variiert: Zum einen mit längeren, halbdiagonalen Bällen in Richtung der offensiven Mittelfeldreihe, zum anderen – vor allem am österreichischen Strafraum angekommen – mit kurzen Pässen. Dabei rückten auch beide defensiven Mittelfeld-Leute der Tschechen weit über die Mittellinie auf, wodurch Österreich nach Ballgewinnen die Räume für einen schnellen Aufbau genommen wurden.

Damit taten sich die Österreicher dann auch extrem schwer, weil – ebenfalls wie gegen Island – komplett die Bewegung fehlte, nicht selten lief nur der Ballführende, und die anderen schauten ihm zu. So als ob es eintrainierte Angriffs-Spielzüge gar nicht gäbe. Oft wurden dann auch längere Vertikalbälle eingestreut (vor allem von Garics), was das Tempo dann vollends rausnahm. Junuzovic agierte mehr vertikal, womit sich Garics und Weimann schwer taten, ihn einzubeziehen. Die Partnerschaft von Arnautovic mit Ivanschitz auf der rechten Seite klappte deutlich besser.

Schwächen in der Abwehr

Vor allem Emanuel Pogatetz war in der österreichischen Hintermannschaft ein ständiger Gefahrenherd. Das sahen natürlich auch die Tschechen: Stürmer Vydra tendierte in den Zweikämpfen dazu, eher auf Prödl zu gehen, lief aber Pogatetz voll an, wenn dieser den Ball führte. Dazu ließ sich der Nürnberg-Legionär oft viel zu billig aus der Position ziehen, wodurch in seinem Rücken Lücken entstanden. Hinzu kam, dass die Viererkette oft im Strafraum tief stand und Ilsanker alleine den Platz davor abdecken musste, wodurch die Tschechen den Raum vor dem gegnerischen Strafraum weitgehend im Griff hatten.

Dass auch Robert Almer, der nicht mal beim abgeschlagenen Letzten der 2. deutschen Liga zu Einsätzen kam, keine Sicherheit ausstrahlte, half da natürlich auch nicht weiter. Zu sagen, Gyuri Garics wäre der bessere Torhüter gewesen, wäre wohl ein wenig hart, aber Garics klärte zweimal in höchster Not, Almer nur einmal – dafür ließ Letzterer einige Bälle unnötig fallen bzw. prallen. Dazu war er im Aufbau völlig nutzlos, weil er stur die Bälle einfach blind nach vorne drosch.

Keine Balance, kaum ein Nachrücken, viel Ungenaues

Hauptproblem war aber, dass im Vorwärtsgang keine Balance, keine Kompaktheit und kaum ein Nachrücken erkennbar war. Viele Bälle wurden leicht verloren, auch von Stefan Ilsanker, der zwar wusste, wann er mal ein taktisches Foul machen musste, wann er wohin verschieben musste und wann er wo welche Lücken schließen musste, aber ebenso eine erstaunliche Fehlpass-Quote an den Tag legte.

Wie eklatant die Schwäche der Österreicher nach vorne war, wurde in der Aktion deutlich, die zur völlig unverdienten 1:0-Führung führte. Es war das erste Mal, dass mal ein Angriff schnell und direkt und vertikal über Ivanschitz und Arnautovic nach vorne getragen wurde, Sabitzer (oder Innenverteidiger Prochazka) vollendete die Hereingabe von Arnautovic. Eine Aktion als völliges Gegenteil zu so ziemlich allem, was davor gewesen ist.

In der Folge versuchte Österreich auch deutlich mehr als davor, direkter in die Spitze zu kommen, aber kurz vor der Pause gelang Hořava der hochverdiente Ausgleich – fast logischerweise in einer der vielen Situationen, in denen Österreich den Raum vorm eigenen Sechzehner nicht im Griff hatte und Hořava per Fernschuss traf.

Darum spielt Alaba im zentralen Mittelfeld

Für die zweite Hälfte blieb der völlig indisponierte Junuzovic – er half weder dem Duo auf der rechten Seite, noch brachte er nach vorne etwas, wirkte ein wenig überspielt – in der Kabine, für ihn kam Julian Baumgartlinger und mit ihm eine Änderung des Systems auf ein 4-2-3-1. Defensiv passte die Raumaufteilung da deutlich besser, aber offensiv passte es immer noch nicht. Oder, genauer gesagt: noch viel weniger.

Beginn 2. Halbzeit
Beginn 2. Halbzeit

Weil nämlich Ivanschitz weiterhin seine halblinke Seite bearbeitete und nicht von der Seite von Arnautovic und Suttner wich, klaffte auf der anderen Seite eine Lücke und er blieb auch dann noch im ballfernen Halbfeld, wenn Garics und Weimann auf der rechten Seite eigentlich seine Hilfe benötigt hätten. So blieben den beiden oft nur Quer- oder Rückpässe, aber keinerlei Impulse nach vorne.

Anders gesagt: Genau jene Räume, die sonst ein David Alaba bearbeitet (oder stopft, je nachdem), blieben nun leer und Österreich damit harmlos. Wie überhaupt einer im Mittelfeld fehlte, der das Spiel antreibt. Das ist Ilsanker nicht, schon von seinem Typ her, das ist Baumgartlinger nicht nach einem halben Jahr Verletzungspause.

Und das ist auch der Grund, warum Alaba im Nationalteam eben im zentralen Mittelfeld spielt und nicht, wie bei den Bayern, als Linksverteidiger.

Unwucht erkannt, aber auch Neue ändern wenig

Koller erkannte die Unwucht und nahm Ivanschitz nach einer Stunde ebenso wie den einmal mehr alles andere als beeindruckenden Andi Weimann vom Feld. Michael Liendl spielte von nun an den Zehner tatsächlich zentral.

Was aber auch nichts daran änderte, dass die tschechische Mannschaft defensiv einen sehr organisierten Eindruck machte, selten in Panik verfiel und technisch sicherer agierte. Inhaltlich ist es eine typische Pavel-Vrba-Mannschaft: Wie schon bei Viktoria Pilsen lässt er auch beim Nationalteam ein sehr klar strukturiertes 4-2-3-1 spielen, mit einem Pressing mittlerer Intensität, mit konsequentem Nachrücken, aber ohne echte Überraschungen.

Überwunden wurde Torhüter Štěch dann aber doch, weil seine Vorderleute den Ball nicht wegbrachten und Baumgartlinger aus 18 Metern abzog und traf. Einmal mehr entgegen dem Spielverlauf, und auch in der verbleibenden Spielzeit drückten die Tschechen auf den Ausgleich. Ohne Erfolg, teils wegen eigener Unfähigkeit, teils wegen guten Defensiv-Stellungsspiels von Garics, und auch teils wegen des Referees, der ein Tor nicht gab, von dem keiner so genau wusste, warum er es nicht gab.

Fazit: Ein Rückschritt nach dem anderen

Es war fraglos eines der schlechteren Spiele unter Marcel Koller, die Probleme waren mannigfaltig, aber auch keineswegs neu. Es fehlte wieder das Tempo und die Genauigkeit im eigenen Aufbau, es gab zu wenig Nachrücken im Mittelfeld, es wurde die Kompaktheit im mannschaftstaktischen Verschieben (vor allem in den diesmal äußerst spärlichen Pressing-Situationen) vermisst. Die rechte Seite funktioniert nicht, egal ob dort Garics oder Klein als RV spielen.

Die beiden größten Problemstellen waren aber Robert Almer und Emanuel Pogatetz. Als vor rund zwei Jahren an dieser Stelle Pogatetz recht deutlich kritisiert wurde, hagelte es Kritik an der Analyse – nun kann es aber keine zwei Meinungen mehr geben, dass Pogatetz nicht mehr das nötige Niveau mitbringt. Es kann ja auch kein Zufall sein, dass er in den letzten zwei Jahren unter den Trainern Magath, Allardyce und Verbeek wenig bis gar nicht spielte.

Von Koller waren diesmal keine Reaktionen auf einen sich adaptierenden Gegner gefordert, weil die Tschechen inhaltlich nicht umstellten. Dass es ein Glückssieg war, räumte er dann auch selbst ein, und in der EM-Quali wird sich vieles bessern müssen, was in der Vergangenheit schon deutlich besser funktioniert hat. Das Mannschaftsgefüge beim Pressing klappt überhaupt nicht, und bis auf Arnautovic gibt es kaum einen, der wirklich Verantwortung übernimmt.

Kurz: Im Herbst muss so ziemlich alles anders werden. Denn in den letzten Spielen, so okay die Ergebnisse auch waren, macht man einen Rückschritt nach dem anderen.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

  • hobe

    Ich bin ja fußballtaktisch eher ein Laie, aber ich habe da einige Gedanken, zu denen ich euch Profis um ein kurzes (oder auch ausführliches) Feedback bitten würde:
    Wenn wir doch offensichtlich eine extreme Linkslastigkeit im Team haben, warum wird diese dann nicht versucht auszuspielen? Ich würde wirklich gerne einmal Alaba auf seiner Stammposition und in seiner Stammrolle bei den Bayern im Nationalteam sehen. Ich denke, dass er ganz gut mit Arnautovic harmonieren könnte (ähnlich wie mit Ribery).
    Wenn man die linke Seite auf diese Weise überladen würde und rechts auf der AV-Position einen defensiv starken aufstellt, könnte dies doch Räume für einen schnellen Läufer auf der rechten Seite (Harnik) liefern.
    Vor allem gegen schwächere Gegner könnte das doch ein gute Mittel sein, um diese ordentlich zu dominieren, oder?

    • Mein Argument wäre: Alabas Rolle bei den Bayern gibt es im Nationalteam nicht, weil dort ein anderes System gespielt wird. Bei Österreich hinterläuft der linke Verteidiger den linken Mittelfeldspieler um Crossen zu können. Das hat den Vorteil, das Arnautovic dort das Tempo kontrollieren und ggf. auch in die Mitte ziehen kann.

      Bei den Bayern zieht Alaba als LV hingegen sehr häufig innen an Ribery vorbei. Er kommt also eigentlich halblinks durch die Mitte in Schusspositionen. Dementsprechend finde ich die Achterposition unter Koller für ihn jener die er bei Bayern spielt gar nicht so unähnlich.

      Sicher kann man Alaba auch im Team LV spielen lassen. wir haben keinen besseren LV als ihn. Aber wir haben IMO auch keinen besseren ZM als ihn. Ich halte Alaba-Baumgartlinger hinter Junuzovic für die beste Variante in Österreichs Zentrum, weil sie Stabilität, internationale Klasse und Kreativität vereint. Immer wenn da ein Trio ohne Alaba agiert, merkt man das auch dem Spiel an. Ich halte wenig davon, die besten Spieler auf die Außenbahnen zu verfrachten und hoffe eher, dass Alaba irgendwann auch mal einen Schritt wagt, um auch im Verein als echter ZM/DM zu spielen.

  • Lukas

    Als erstes stell ich mir folgende Personalfrage:

    Warum gibt Koller Almer und Pogatetz Spielpraxis?
    -Almer ist beim Absteiger der 2. Liga nicht im Tor …
    so sehr Vertrauen eine Person fördern kann (Janko), bei Almer ist doch längst eine Grenze erreicht wo man sieht, dass es nix bringt. Trotz des Vertrauens in ihn agierte er extrem nervös. Wenn ich nur an den 2x nicht gefangen Ball am Anfang denke, bekomm ich Gänsehaut. Zusätzlich gabs ja dann noch die zahlreichen “hohen” Bälle die ins Out gingen, oder nicht verwertbar waren. Des öfteren waren die ja nichtmal hoch, sodass man Angst hatte, ein Angreifer könnte sie abbekommen und mit ein bischen Ballglück angreifen. Ich bin ein Freund von Konstanz, aber in diesem Fall sollte ein Anderer die Nr.1 werden.

    -Pogatetz
    Bei dem kann ich mich nicht erinnern, wann er das letzte Mal ein Spiel 90min ohne irgendein Blackout gespielt hat (auch bei Nürnberg). Er hat fast immer Situationen in denen er als IV einfach zuviel Risiko nimmt, bzw nicht überlegt handelt. Ich glaube außerdem, dass ihm diese Spielpraxis sicher nicht geholfen hat sich für einen Stammplatz in einer guten Liga zu empfehlen. An Drago, Hinteregger und Prödl kommt er nicht vorbei. Da hätte ich lieber einem Kevin Wimmer die Chance gegeben. Der hat aus aktueller Sicht eine hoffnungsvolle Zukunft.

    Diese zwei Personalentscheidungen kann ich einfach nicht nachvollziehen. Da hinterfragt man dann doch auch mal Koller’s Entscheidungen.

    Zum Spiel selbst kann ich der Analyse nur voll zustimmen. Die Mannschaft agierte nicht geschlossen. Da haben verschiedene Mannschaftsteile einfach nicht an einem Strang gezogen.

    Ich frage mich, wenn Koller ein defensives Verhalten vorgegeben hat, wie war der Plan dabei? Ich hab da wenig Strategie erkennen können. War oft mehr Zufall… so wie früher.

    Ich rede mir mal ein, dass es kein “großer” Gegner war (so wie Atletico für die Austria) und deshalb die Motivation nicht hoch genug war oder das Training unter Koller zu hart war, sodass alle müde waren. Damit wären zumindest die Fehlpässe erklärt und die schlechte Umsetzung von Vorgaben(wenns welche gab).

    Positiv war für mich nur Arnautovic.

  • @Peter: Das Problem, das hab ich auch so geschrieben, war nicht das fehlende Pressing – sondern 1., dass es im Aufbau zu langsam bzw. zu ungenau zuging und 2., wenn doch mal Anflüge von Pressing zu sehen waren, niemand nachrückte und diese Versuche somit sogar kontraproduktiv waren.

  • Peter

    Die Analyse kann ich zwar noch nachvollziehen, das Fazit aber überhaupt nicht.

    Erstens kann Koller nicht mehr deutlicher in seinen Ansagen werden ein alternatives System einüben zu wollen. Warum wird dann immer über das fehlende Pressinggejammert? Es wurde in einem Testspiel (!) vom Trainer nicht gefordert, darum.
    Zweitens trat zwar Tschechien schon in einer B-Elf an, aber in einer sehr eingespielten – im Gegensatz zu Österreich: dort war abgesehen von Arnautl und dem auch anders eingesetzten Junuzovic nichts von erster Wahl zu sehen.

    Ich sehe die beiden Testspiele lange nicht so schwarz, wie überall zu lesen ist und das hat nichts mit den Ergebnissen zu tun (obwohl das – schwach spielen, trotzdem punkten – auch eine Qualität ist):
    Mit Ilsanker, Sabitzer und Lazaro wurden drei echte Alternativen in das Team integriert, Koller ist auf jeder Position doppelt gerüstet und kann vor allem im Mittelfeld durch die unterschiedlichen Spielertypen sehr genau auf den Gegner eingehen.

    Und falls jetzt einer einwirft, dass ohne Arnautl und Dave die Welt zusammenfällt: jede Nationalmannschaft der Welt ist ohne die zwei besten Individualisten um mindestens eine Klasse schwächer (Italien ohne Pirlo, Schland ohne Lahm…).

    • Benjamin

      Völlig richtig. Wie auch von Junuzovic, nach dem Spiel erwähnt, bekam die Mannschaft die Anweisung, abwartend zu spielen. Man sollte das Spiel, als das sehen was es war, ein “Testspiel”.
      Ich finde es nur schade, dass nicht die Stamminnenverteidigung (meine Meinung) gespielt hat. Prödl und Pogatetz haben sich zwar die Chance verdient, aber trotzdem hätte es Hinteregger und Dragovic auch nicht geschadet.

  • Charles

    Kann mich dem leider nur anschließen, alles treffend analysiert.
    Eine Frage stelle ich mir dabei schon: Ist´s wirklich nur die Müdigkeit zum Ende der Saison
    oder doch mehr? Wie schon gegen Island wirkte das in der Vergangenheit so oft beeindruckende
    und mannschaftlich geschlossene Angriffspressing schaumgebremst bis nicht mehr vorhanden.
    Kann es sein, dass Koller bewusst eine abwartende und eher passive Defensivarbeit spielen lässt? Späteres, erst ab Mittellinie Attackieren? Also nur mehr temporär eingesetztes gemeinsames Angriffspressing, da uns sonst die Kraft für die 2.Hz. fehlte?
    Auf jeden Fall war das gestern gar nix. Schnell wird die Abwehr nach ein wenig Druck sofort konfus. Bei Eckbällen brannte es jedsemal lichterloh. Neben Pogatetz sah ich auch Prödl als Gefahrenherd. Auf jeden Fall berauben wir uns ohne aggressiven, gemeinsamen Pressing einer unserer größten Stärken, verlieren das Tempo und können den Gegner nicht mehr
    zu Fehler zwingen. Und was ich mir gar nicht vorstellen will: es fallen einmal Alaba und Arnautovic für ein wichtiges Länderspiel gemeinsam aus…