Test-Länderspiel
Wörtherseestadion, Klagenfurt, 29. Februar 2012
Österreich - Finnland
3-1
Tore: 32' Janko, 54' Harnik, 73' (p) Ivanschitz bzw. 89' Furuholm

Jetzt auch in Österreich: Subtile und richtige Umstellungen

Fünf Meter weiter rechts oder links, fünf Meter weiter hinten oder vorne – es waren zwei ganz subtile Umstellungen, die Marcel Koller beim Testspiel gegen Finnland während der Partie vorgenommen hatte, die Österreich dazu verhalfen, Vorteile in der individuellen Klasse auch auf das Feld zu bringen. Das hatte in der ersten Hälfte nämlich noch nicht so richtig geklappt.

Österreich - Finnland 3:1

Der erste Sieg unter Marcel Koller, dabei drei Tore erzielt – Janko wurde vom finnischen Goalie zum 1:0 angeschossen, Harnik verwertete ein starkes Zuspiel von Baumgartlinger zum 2:0, Ivanschitz traf aus einem (etwas schmeichelhaften) Elfmeter zum 3:0 – und bis zum Stellungsfehler vom eingewechselten Ortlechner kurz vor Schluss, der zum 3:1-Endstand führte, hinten dicht gehalten.

Das ist ein schönes Erfolgserlebnis, aber letztlich war es halt doch ein Testspiel, und in einem solchen ist das genaue Resultat weitgehend irrelevant – vor allem, wenn es das zweite einer gänzlich neuen Ära ist. Wichtiger sind da die Details. Und da stach eines heraus: Zwei sehr subtile Umstellungen, eine rechts und eine im Zentrum, die zeigen, was für einen Unterschied ein paar Meter im Stellungsspiel machen.

Das Zentrum und die rechte Seite – 1. Halbzeit

In den ersten 45 Minuten das das Schema der Österreicher so aus wie auf der Grafik oben: Arnautovic, der im nominellen 4-2-3-1 als Zehner agierte, war zumeist annähernd auf einer Höhe mit Marc Janko und damit eher im Rücken der finnischen Dreierkette im defensiven Mittelfeld. Das hieß, dass er von den Zuspielen aus dem defensiven Zentrum eher abgeschnitten war. Zudem orientierte er sich tendenziell auf die linke Seite mit Ivanschitz, weil das jene war, über die das österreichische Spiel zumeist lief.

Während die rechte Seite große Probleme hatte, ins Spiel einzugreifen. Harnik hielt die Außenbahn recht konsequent und versuchte, außen an den drei Finnen im Zentrum vorbeizugehen. Das Trio mit Eremenko, Sparv und Hetemaj verschob aber recht geschickt und machte so vor allem die rechte österreichische Flanke ziemlich zu. Das ging, weil sie durch die Mitte (wegen des hoch stehenden Arnautovic) wenig zu befürchten hatte.

Außerdem schien Garics durch das Positionsspiel von Kasper Hämäläinen schwer verunsichert. Der linke Offensivmann im finnischen 4-3-2-1-Tannenbaum stand nämlich relativ weit innen und zog so auch Garics etwas aus der Position. Der Bologna-Legionär musste bei seinem Comeback nach über zwei Jahren aber auf Hämäläinen aufpassen, weil dieser als Verbindungsspieler bei finnischen Kontern immer wieder gesucht wurde. Nach vorne traute sich Garics praktisch gar nichts zu.

Das Zentrum und die rechte Seite – 2. Halbzeit

Ab ca. 60. Minute

An diesen beiden Problemfeldern nahm Koller dann subtile, aber wirksame Veränderungen vor – jeweils im Bereich von etwa fünf Metern. Martin Harnik rückte um diese Distanz ins Zentrum – was einen Rattenschwanz von Effekten hatte. Zum einen war der linke Mann im finnischen Defensiv-Trio (nun Sparv, der mit Eremenko Positionen getauscht hatte) mit Harnik gebunden und konnte nicht mehr nach außen verschieben.

Das gab Garics Platz und Gelegenheit, sich nun auch offensiv um seine Außenbahn zu kümmern. Was notwendig war, schließlich gehörte die nun praktisch ausschließlich ihm. Die Hemmungen wegen der Bewachung seines finnischen Gegenspielers musste er ablegen und das tat er auch. War vor der Pause die linke Seite die klar dominante, gab es nun auch eine rechte Flanke.

Die zweite Änderung war die Einwechslung von Zlatko Junuzovic für den eher blassen Arnautovic. Der Neo-Bremer stellte sich eben jene erwähnten fünf Meter weiter hinten auf als sein Werder-Kollege vor ihm, was ihn für den immer aktiver werdenden Alaba und den immer sicherer werdenden Baumgartlinger zu einer gern gesehenen Anspielstation machte.

Womit nun auch das Zentrum immer mehr funktionierte und die Österreicher, die individuell ganz klar über die Finnen zu stellen sind, ihre Überlegenheit auch ausspielen konnten, den zuvor ausgeglichenen Ballbesitz nach oben trieben, den Finnen immer weniger Möglichkeit zur Entlastung gaben und letztlich den Sieg sicherten.

Wo war das Pressing?

Was aber nicht heißt, dass das ÖFB-Team eine Klasse-Leistung abgeliefert hat. Ganz und gar nicht – vor allem in der ersten Halbzeit passte da relativ wenig. Von einem konsequenten und hohen Pressing etwa, wie es in Absichtserklärungen angekündigt worden war, blieben die Finnen zum Beispiel komplett verschont. Anstatt den Gegner wirklich unter Druck zu setzen, wenn sich vor allem Moisander, Pasanen und Sparv sich die Kugel zuschoben, wurde nur langsam in die vage Richtung des Ballführenden getrabt. So konnten die Finnen von hinten heraus unbedrängt mögliche Empfänger für lange Bälle suchen.

Die Spielanlage der Mannschaft aus Finnland war weder besonders einfallsreich noch wirklich spektakulär, setzte auf Overcrowding im Zentrum – und damit fast zwangsläufig auf lange Bälle, weil die Breite im Spiel fast nur über die nicht besonders abenteuerlustigen Außenverteidiger kam. Dennoch war der gerade vor der Pause ungemein flinke, antrittsschnelle und selbstbewusste Teemu Pukki ein ständiger Gefahrenherd.

Viel Laufarbeit, aber wenig Impulse aus der Zentrale

Auffallend war auch die extreme Laufarbeit vor allem von David Alaba. Die Spielpraxis bei den Bayern tut dem 19-Jährigen sichtlich gut, er strotzt vor Selbstbewusstsein und muss eine absolute Pferdelunge haben, anders ist es nicht machbar, dass er bis tief in die zweite Hälfte (im Grunde bis zu seiner Auswechslung kurz vor Schluss) so gut wie überall am Platz zu finden war. Er trug den Ball selbst nach vorne, wenn er keine leichte Anspielstation fand. Er holte sich die Bälle tief, versuchte sich ständig anzubieten. Darunter litt aber ein wenig die Klarheit in seinen Aktionen. Man hat das Gefühl, er will überall zu jedem Zeitpunkt helfen und Verantwortung übernehmen, das wird ihm aber wohl etwas zu viel.

Julian Baumgartlinger machte neben ihm vor allem in der ersten Halbzeit einen etwas gehemmten Eindruck. Zum einen natürlich aufgrund des Wirbelwinds Alaba neben ihm, aber auch, weil ihm eben lange Zeit, wie erwähnt, die Optionen fehlten: Garics machte zu wenig nach vorne, Harnik und Arnautovic waren abgeschnitten. So blieben ihm anstatt der kurzen, intelligenten Pässe, die er so gut kann, lange nur etwas längere Anspiele, die zwangsläufig ein wenig das Tempo aus dem Spiel nahmen. Auch hier zahlten sich die subtilen Umstellungen in der zweiten Halbzeit aus, da ging die Leistungskurve des Mainz-Legionärs nach oben.

Die linke Seite: Bemüht, aber harmlos

Christian Fuchs war angeschlagen, konnte nicht dabei sein – so feierte Markus Suttner, zweifellos der beste Linksverteidiger der österreichischen Liga, sein ohnehin längst überfälliges Nationalteam-Debüt. Der Austrianer zeigte sich bemüht, aber es wurde auch deutlich, dass ihm vor allem offensiv die internationale Erfahrung eines Christian Fuchs fehlt. Suttner brachte nicht den Schub nach vorne, den man vom Schalker gewohnt ist, und spielte auch defensiv immer eher die Sicherheits-Variante als die Risiko-Karte.

Das hieß auch, dass Andreas Ivanschitz sich öfter die Bälle hinten holen musste und damit natürlich in der Arbeit nach vorne limitiert war. Immerhin: Er ließ Suttner nicht hängen, sondern half ihm, so weit ihm das möglich war. Er kam aber selten zur Grundlinie durch, seine Anspiele nach vorne waren ungenau und die Impulse blieben so natürlich ein wenig aus.

Die Abwehr: Zumeist sattelfelst

Das langjährige Sorgenkind des ÖFB-Teams machte diesmal auch ohne Emanuel Pogatetz, Sebastian Prödl und Christian Fuchs (allesamt nicht fit) eine recht guten Eindruck. Aleksandar Dragovic strotzt nach dem Sieg von Basel gegen die Bayern nur so vor Selbstvertrauen und bekam nach einigen Anfangsschwierigkeiten gemeinsam mit Schiemer den wuseligen Pukki immer besser in den Griff. Ab etwa der 20. Minute war der Blondschopf kaum noch ein Thema.

Umso weniger, als er nach einer Stunde auf die halbrechte Angriffsposition ging und Leuchtturm Njazi Kuqi ganz vorne agierte. Torhüter Robert Almer musste nur 48 Stunden seit seinem letzten Liga-Spiel für Düsseldorf nur zwei-, dreimal eingreifen und hatte kaum Probleme. Erst ganz in der Schlussphase, nachdem Ortlechner für Schiemer gekommen war, gab es noch einen gefährlichen Eckball und letztlich noch das finnische Ehrentor, nachdem Ortlechner den kurz zuvor eingewechselten Furuholm entwischen hatte lassen.

Fazit: Zähes Spiel, gute Umstellungen, verdienter Sieg

Augenschmaus war das Heim-Debüt von Marcel Koller ganz sicher keiner, der Unterhaltungswert hielt sich in Grenzen. Aber nach Jahren mit diversen durch abstruse Wechsel vergeigten Spielen wie dem 4:4 in Belgien (als mit Kavlak der beste Mann am Feld nach einer Stunde runtermusste), bzw. solchen, die durch seltsame Umstellungen komplett kaputt gemacht wurden (wie dem Dusel-2:0 gegen Kasachstan damals) ist es eine Wohltat zu sehen, dass es nun auch beim ÖFB-Team intelligente und nuancierte Umstellungen gibt, die sich tatsächlich auf Problemfelder im laufenden Spiel beziehen und diese auch tatsächlich beheben.

Es wurde aber auch offensichtlich, was noch fehlt. Das mit dem Pressing etwa klappte noch gar nicht. Offensiv ist ein Spieler wie Christian Fuchs nicht zu ersetzen. David Alaba will zu viel auf einmal. Gyuri Garics wird wohl noch ein paar Spiele brauchen, um erstens nach seinem Kreuzbandriss wieder voll da zu sein (die wird er in Bologna sicher kriegen) und auch, um nach zwei Jahren ohne ÖFB-Team wieder in die Mannschaft zu finden.

Man kann dieses 3:1 gegen Finnland als Schritt in die richtige Richtung werten. Wenn auch nur einen kleinen.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

  • Alessandro Ricozotti

    Wenn man heut wieder gesehen hat, wie schnell dieser Pukki ist, wäre das sehr gefährlich geworden.

  • littlefish

    Janko und Arnautovic hätten nicht gegen 5 Finnen pressen müssen, sondern Alaba und Baumgartlinger hätten Hetemaj und Eremenko übernhmen können. Österreich hätte damit hinten immer noch 4 gegen 3 gehabt. Natürlich wäre das ein gewisses Risiko, weil Alaba und Baumgartlinger weit aufrücken müßten und die offensiven Mittelfeldspieler der Finnen Positionen einnahmen, in denen sie schlecht von den AV verfolgt werden konnten. Aber möglich ist es grundsätzlich schon. Sonst wäre ein Tannenbaum-System ja eine Wunderwaffe, mit der 3 Offensivspieler 6 Defensive binden können – und das ist es auch wieder nicht.

  • Alessandro Ricozotti

    Wo das Pressing war? Von den Finnen nicht zugelassen. Im Spielaufbau der Finnen haben sich die 3 zentralen MF Spieler immer zurückfallen lassen, wie 3 6er, einer davon meistens bis auf Höhe der Innenverteidigung, und boten sich so immer als Anspielstationen für die IVs an. Zeitgleich rückten die Aussenverteidiger auf und banden so Ivanschitz und Harnik hinten, die 2 Halboffensiven im Tannenbaum der Finnen machten das gleiche mit Baumgartlinger und Alaba, somit hätten Janko und Arnautovic gegen 5 Finnen pressen sollen, das geht sich rechnerisch nicht aus.

    Dafür wurden die Bälle weiter hinten gewonnen und den Finnen so keine bis wenig Möglichkeiten im Angriff geboten, die komplette Viererabwehr machte die Räume immer gut zu. Natürlich konnten die Angriffe daher auch erst von weiter hinten aufgebaut werden, was für Österreichs Nationalteam schon traditionell schwer ist, und in 2 Spielen unter Marcel Koller können auch noch keine grossen Schritte gelingen.

    Die schiefe Struktur in Österreichs Offensive war in der 1. Halbzeit sicher ein grosses Problem, Harnik und Ivanschitz zogen zwar immer brav in die Mitte (Harnik spielte überhaupt 70% der Spielzeit als hängende Spitze, macht er bei Stuttgart auch, das ist sein Naturell, von wegen um 5 Meter verschoben, wir sind hier ja nicht beim Schach??), auf der linken Seite nahm den Platz dafür Alaba und Arnautovic ein, während auf rechts meist niemand war. Der von den Finnen schon eng gemachte Raum wurde somit noch enger.

    In Halbzeit 2 dürfte aber Arnautovic und später auch Junuzovic definitiv die Order bekommen haben, auch auf rechts auszuweichen, beim 2:0 waren Harnik und Hoffer im Zentrum, und Arnautovic am rechten Flügel (überhaupt dürfte das ein einstudierter Spielzug gewesen sein, immer wieder schickte man Harnik mit hohen oder flachen Steilpässen, um das Finnenbollwerk zu überbrücken).

    Das disziplinierte Besetzen der rechten Seite war mmn der Hauptgrund, warum Harnik öfter in der Mitte zu finden war in HZ2. Ebenso die Hereinnahme von Hoffer, die Finnen versuchten zwar aufzurücken, um den Rückstand wettzumachen, die Abwehr stand aber nicht wie bei Janko am Mann, sondern liess sich einige Meter fallen, aus Respekt vor dem schnellen Hoffer, das schaffte natürlich noch zusätzlich Raum, den Harnik gerne vorfand.

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  • Martidas

    @Samuel: Nein, das bedeutet es nicht. Manchmal ist die Statistik halt doch ein Schelm. Am Beispiel Rooney/England: Schau dir mal ein Englandspiel an. Rooney wird gesucht und gefunden und selbst wenn er nicht den Ball bekommt, rennt sofort einer in den Raum, den er aufreißt.

    Janko wird im Team noch immer zuviel als klassischer Strafraumstürmer betrachtet, der halt einnetzt. Er kann aber viel mehr. Er wird immer nur beim letzten Pass gesucht, aber selten bei einer schnellen Kombination, einem Ableger oder dergleichen. Er kann das aber alles spielen. Und man nützt zuwenig seine Fähigkeiten Räume freizumachen.

    Die viel interessante Statistik ist doch, wieviele Tore schießen die anderen (aus den Spiel)? Und da schaut es bei Österreich nicht so rosig aus. Janko kann den Vollstrecker spielen (das wissen wir alle, bestätigt auch deine Statistik eindrucksvoll), aber er kann auch eine enorme Hilfe für ein variables Spiel sein. Das wird unterschätzt. Mehr sage ich nicht. Bei England ist die zweite Reihe um einiges torgefährlicher als bei uns (auch wenn sie nicht treffen), weil sie den Stürmer “nützen”.

    Stürmer müssen nicht nur an Toren gemessen werden. Es gibt halt leider keine Statistik, die besagt wie “effektiv” die Arbeit eines Stürmers genützt wird. Zur Klarstellung: Nicht Janko kritisiere ich, sondern wie mit ihm umgegangen wird, die Spielanlage. Aber es gibt auch bei weitem dringendere Baustellen im Team. Ich will das nicht hochkochen.

    Und ja, ich sehe Arnautovic auch eher als Stürmer, vor allem weil wenn dann mal ein Haken gelingt, ist das Tor nahe.

    Und zur 10er Position: Alleine der Unterschied zwischen einem, der das spielen kann (Juno) und dem Gegenteil (Arnautovic) zeigt wie wichtig diese Position sein kann, wenn man sie eben nicht auf eine HS reduziert. Dafür sind die Erinnerungen an die biederen 4-4-2 Auftritte des Teams in den letzten Jahren noch zu frisch (das Riesenloch im OM).

  • Ernst Draxl

    Im 4-2-3-1 kann Arnautovic nur den Stürmer geben, als 10-er oder 7-er/11-er bringt er es nicht. Also Janko oder A. , je nachdem wer besser drauf und fit ist. Hoffer ist mit seiner schlechten Technik und Spielintelligenz nur fürs Konterspiel geeignet, also wenn wir einen Vorsprung heimspielen oder von Haus aus tief stehen wollen.

    Ich fände es gut wenn Koller die nächsten Teamtage und Spiele dazu nützt, mit Almer-Pogo-Drago sowie Alaba-Baumg. die defensive Zentrale festzulegen und einzuspielen.

    Es muss auch – intern und extern – klar sein, wer beim Projekt Bra 2014 in der Mannschaft das Sagen (und damit auch die Hauptverantwortung) hat: Ich würde Fuchs zum Kapitän machen (bestätigen) und mit ihm einen “Mannschaftsrat” aus Pogo, Harnik, Janko, Alaba, Ivanschitz festlegen. Es muss für alle klar sein, dass sich am und außerhalb des Feldes Typen wie Arnautovic, Scharner, Prödl unter- und einordnen müssen.

  • Peter

    Dann sind wir uns eigentlich alle einig, an welchen Schrauben Koller beim nächsten Zusammentreffen drehen muss:

    1) die Linkslastigkeit beenden.
    2) einen echten Zehner auf diese Position stellen.
    3) unseren besten Stürmer seinen Stärken entsprechend einsetzen.

    Mit einem Wechsel Arnautovic-Junuzovic in der Startaufstellung und zwei offensiven AVs (Fuchs, Garics) mit der Lizenz zum Flanken wären wir in allen drei Punkten einen großen Schritt weiter.

  • littlefish

    Ich sehe das Problem überhaupt nicht bei Janko, sondern darin, daß das offensive Kombinationsspiel aus den im Artikel angesprochenen Gründen nicht optimal abgestimmt war: 1.die Linkslastigkeit, 2.ist Arnautovic eben kein Zehner. Beides hätte Koller aber eigentlich schon im Ukraine-Match erkennen müssen. Insofern würde ich das Lob für seine Umstellungen relativieren, denn im Grunde hat er nur offensichtliche Aufstellungsfehler (spät) korrigiert.

    Ich stimme der Meinug zu, daß ein echtes 4-2-3-1 (oder sogar 4-2-1-3) mit Junuzovic 0der Ivanschitz als Zehner die bessere Lösung wäre. Arnautovic sähe ich (abgesehen von der Rolle als Janko-Backup) als Alternative für die linke Seite in einer ähnlichen Rolle wie Harnik rechts, nämlich als nach innen ziehender Flügelstürmer. Fuchs und Garics als AV hätten dann viel Platz nach vorne und könnten für Flanken auf Janko sorgen.

  • Samuel

    Das bedeutet also übersetzt dass ein gomez, ein rooney oder ein van persie auch nicht wirklich von ihrem Team eingesetzt werden, sonst müssten die ja um vieles mehr treffen als Janko oder?

    Das wiederum bedeutet, der einzig mittelstürmer der von seinem Team richtig eingesetzt wird david villa ist (zumindest der einzige den ich auf die schnelle gefunden hab der einen besseren schnitt als Janko hat). Das kann ja wohl auch nicht der Weisheit letzter schluss sein.

    Ich glaub nicht, dass wir ein Stürmerproblem oder ein Problem mit einem guten Flankengeber haben. Die Mannschaft hat ein Problem eine Konstanz in ihre Leistung zu bringen. Das wiederum liegt denke ich an der Konzentration, einem unbedingten Siegeswillen (sehe ich nur bei Alaba und Schiemer und Baumgartlinger), und taktischen Anweisungen/Aufstellung (mit Koller könnt das ja was werden).

    Nur mein Senf. Lass mich gerne eines besseren belehren.

  • Martidas

    @Samuel: Niemand kritisiert Janko selbst, sondern die Spielweise des Teams, die den besten Stürmer den wir im letzten Jahrzehnt hervorgebracht haben, nicht optimal einsetzt.

    Jeder, der auch nur 10 Minuten eine vermeintliche Stürmeralternative am Platz beobachtet, weiß wie wertvoll Janko für das Team ist.

    Es ist aber schon komisch, dass sowohl Salzburg als auch Twente ihr Spiel zuschneiden konnten (sie hatten natürlich mehr Zeit, trotzdem), aber das Team da irgendwie seit Jahren kein Rezept findet. Ich bin nahezu immer im Stadion und die genialen Laufwege Jankos werden so oft zu leeren Metern durch dieses Manko. Sein Gesichtsausdruck in vielen Länderspielen spricht ja Bände.

    Was man ihm hoch anrechnen muss ist aber, dass er diese Wege immer geht. Er ist sich nicht zu schade, diese Meter zu laufen, um wenigstens Platz zu schaffen, auch wenn er über 90 Minuten kaum einen brauchbaren Ball bekommt.

  • David

    Erstmal danke für die Analyse. Ein paar Kommentare meinerseits:

    1) Österreich hatte die letzten 15 Jahre im Fegefeuer gelebt. Engagiert gegen Große aber im Endeffekt nichts zu holen, und gegen “Gegner auf Augenhöhe” oder schwächere Mannschaften mit defensivem Spielstil tat man sich schwer. Nach wie vor gelingt es Österreich zwar noch nicht um ein Spiel aufzuziehen, das Gegner wie Finnland einschnürt, aber das ist auch nicht so einfach. Noch Mitte der 2000er hatten die Deutschen oftmals Spiele die unattraktiv waren und in denen die letzte Kreativität fehlte. Das wurde damals zum Teil an den Spielern, aber auch an der Taktik festgemacht. Der moderne deutsche Stil der Gegenwart (Jogiball) beruht zwar auch auf großartigen Spielern die die Taktik umsetzen, aber vor allem gibt es eine verinnerlichte Spielphilosophie wodurch auch bei Ausfällen der selbe Fußball gespielt wird (zumindest wird das erstrebt).

    Das ging auch nicht von heute auf morgen. Zumindest hat Österreich gestern eine deutsche Tugend übernommen, nämlich das Gewinnen von Spielen die man einfach Gewinnen muss, auch wenns nicht so wirklich läuft. An anderer Stelle las ich einen Kommentar der sagte, dass “Österreich diesmal die Tore machte die sie normalerweise kriegen”. Auch ich hatte dieses Gefühl und dachte mir, dass es ein sachlicher Schritt vorwärts war. Und selbst wenn zwei der drei Tore “geschenkt” waren, so bleibt zum Schluß ein doch recht deutliches Resultat.

    2) Trotzdem ist noch nicht alles so wie es sein sollte.
    Zunächst hoffe ich, dass Arnautovic in Zukunft von der Bank kommt. Dies ist sein momentaner Platz. Die Berichterstattung (vor allem beim ORF) spricht gerne von seinem “Ausnahmekönnen”, aber zwei Fersler machen keinen Ausnahmekönner. Selbst WENN er sein Potential abruft (einmal in 5 Spielen?), so ist er nie und nimmer über einige andere Spieler zu stellen. Alaba ist allen voran – so kein anderes Supertalent auftaucht – Österreichs bester Fußballer der nächsten 10 Jahre. Welch ein Glück, dass so einer von uns sich bei den Bayern, dem am besten geführten Club der Welt durchsetzt. Pferdelunge Alaba? Willkommen beim FCB. Der Club der Bubis holt und sie in Männer verwandelt.

    Alaba ist ein universelles Talent und sowohl zentral als auf der Flanke einzusetzen. Doch die Verletzung von Schweinsteiger war ein Glücksfall für Alaba, der von den Bayern das Vertrauen als Schweini-Ersatz erhält. Österreich erhält somit seinen eigenen Mini-Schweini (nur eine Metapher, Alaba ist natürlich ein ganz eigener Spieler und Mensch).

    Die Position im defensiven Mittelfeld (vor allem im 4-2-3-1) ist im modernen Fussball vielleicht die wichtigste aller Positionen, das Herzstück des Systems, die Schaltstelle zwischen den Seiten und zwischen Angriff und Offensive. Der moderne 6er hat dem 10er den Rang des Spielmachers abgelaufen (der 10er fungiert mehr und mehr als HS). Als solches hat Österreich mit Alaba einen Kreativen der für viele Jahre das Spiel antreiben kann. Die Qualität von Alaba entlastet auch den zweiten 6er, wie der Artikel korrekt erwähnt muss Baumgartlinger darin noch wachsen und sich mehr zutrauen. Ich denke aber, dass mit der Eingespieltheit dies durchaus gelingen sollte. Baumgartlinger ist kein Alaba, aber sollte sich auf längere Sicht gut ergänzen.

    Martin Harnik ist momentan wohl der zweitbeste Österreicher. Nachdem er bei Bremen etwas stagnierte (wie soviele andere Talente die den Kulturschock im Ausland nicht überwinden, siehe Erwin Hoffer) und ich dachte er wäre das sovielste Talent, dass sich nach 3 Jahren auf den Bänken Europas zurückverliert zum LASK, schaffte er bei Stuttgart den Umschwung. Mit regelmäßiger Konstanz entwickelte er sich vom Joker zum Führungsspieler bei Stuttgart. Wenn er brav weiterarbeitet, dann werden wir an ihm noch viel Freude haben in den kommenden Jahren.

    Im Zentrum sehe ich hinter Janko Junuzovic, und nicht Arnautovic. Letzter ist entweder nicht bereit IM Dreieck des gegnerischen Mittelfelds zu spielen, sondern außerhalb auf Bälle zu warten. Doch selbst wenn er innerhalb des Dreiecks spielen würde (wie Junuzovic später), dann wäre zu befürchten, dass er anstatt den intelligenten Pass zu spielen häufig das Dribbling gegen 2 oder 3 Gegner suchen würde. Und das knapp vor dem Mittelkreis. Junuzovic ist hierin der deutlich reifere Spieler. Abgesehen davon bin ich überzeugt, dass es nicht nur ein temporärer Status ist, dass Junuzovic bei Werder beginnt, während Arnautovic noch immer nicht über seine Rolle von der Bank hinauskommt.

    Für mich entsteht die Frage auf welcher Position Arnautovic nun eigentlich überhaupt spielen sollte. Auch wenn er selber glaubt er könne überall spielen, so denke ich, dass das große Rätsel ist auf welcher Position Arnautovic sein Können am Besten zur Geltung bringen kann.

    Ivanschitz (oder eines Tages wieder Jantscher) – Junuzovic – Harnik ist für mich mit Abstand das Beste offensive Mittelfeld Österreichs. Keinen dieser Herren möchte ich eigentlich gegen Arnautovic auswechseln.

    Daher ist meine Idee, dass Arnautovic Österreichs Ersatzstürmer (hinter Janko) werden sollte. Als Sturmspitze kommt ihm seine physische Präsenz zu Gute, und gleichzeitig ist seine Eigennützigkeit weniger problematisch für den Spielaufbau. Ein Trick um Platz zu kriegen, ein Schuß. Arnautovic ist kein Ibrahimovic, weit davon entfernt, aber ich glaube dennoch, dass er an vorderster Front am ehesten zur Geltung käme. Er ist zwar nicht so ein Knipser wie Janko (Danke für die Statistik), aber dafür könnte er auch aus weniger brauchbaren Bällen vielleicht mehr machen. Auf jeden Fall wäre es einen Versuch wert, denn an einen Entwicklungssprung von Jimmy Hoffer hoff ich schon lang nicht mehr (wer weiß, vielleicht belehrt er mich demnächst bei Stuttgart eines Besseren).

    Alles in Allem denke ich dass Österreich nun auf fast allen Positionen zumindest einen Spieler hat (Gottseidank auf einigen Positionen sogar mehrere) mit denen man moderen Fussball aufziehen kann. Dass das gesamte Mittelfeld sein Geld in der deutschen Bundesliga verdient wirft halt doch Früchte ab. Ich freu mich jedenfalls auf die nächste Quali. Ich bin zuversichtlich, dass wir erstmals seit langem sichtbare, zählbare und nachhaltige Fortschritte machen werden. Ob dies zur Quali langt muss man sehen, aber es gibt wieder Grund zu hoffen.

  • Samuel

    So, jetzt mal zum Stürmerproblem. Überall wird an Janko herumgeraunzt. Nun ein paar Fakten:

    Janko: Lsp 25 (11) – trifft jedes 2.27 Spiel
    Rooney: Lsp 71 (28) – trifft jedes 2.53 Spiel
    Gomez: Lsp 51 (21) – trifft jedes 2.42 Spiel
    Van Persie: Lsp 62 (25) – trifft jedes 2.48 Spiel
    Thierry Henry: Lsp 123 (51) -traf jedes 2.41 Spiel
    Benzema: Lsp 42 (13) – trifft jedes 3.23 Spiel

    Ich weiß natürlich das das ganze teilweise eine Milchmänchenrechnung ist, aber trotzdem zeigt es, dass Janko wider jeder Kritik, durchaus kein Fremdkörper im Team sein kann. Und nur vorweg: Janko schoss 2 Tore gegen Frankreich, 1 gegen Italien, 1 gegen Serbien, also nicht immer nur gegen leichte Gegner!

  • Martidas

    @offiziell: Jankos Stärken wurden in diesem Spiel schlicht ignoriert. Abgesehen von seinem Kopfballspiel ist es vor allem sein Stellungsspiel. Das kommt dann am besten zur Geltung, wenn die gegnerische Verteidigung beschäftigt ist, z.B. durch sehr offensive Flügel die tief in den Strafraum oder zur Grundlinie gehen. Doch Invanschitz und Harnik waren die meiste Zeit gut 15m vom Strafraum entfernt. Ergo konnte Janko nichts anderes als den unterforderten Prellbock spielen, dem fünf Finnen auf den Zehen stehen. Also insofern ja, Janko ist der falsche fürs Team, denn ein Spiel wie er es braucht, hab ich vom Team noch nie gesehen. Aber er ist mit Abstand unser bester Stürmer, in sämtlichen Belangen. Mit ein bisschen mehr Unterstützung geht das schon noch klar.

    Hoffer ist, da geb ich dir Recht, keine Alternative. Da wäre Harnik sicherlich besser.

  • offiziell

    Haben wir ein Stürmerproblem? Janko scheint mir nicht der Richtige für dieses Team zu sein, unabhängig seiner zweifellos guten Leistungen in Porto, und Hoffer ist auch nicht gerade das gelbe vom Ei.

    Wenn im Mittelfeld das Potential einmal ausgeschöpft werden kann bleibt die Frage wer ihne dann reinhauen soll…

  • Martidas

    Der Einsatz war gestern wirklich unterdurchschnittlich, das Pressing war schlicht nicht vorhanden. Obwohl es gegen die überforderten Finnen sicher eine gute Variante gewesen wäre (genauso wie ein schnelles Spiel). Dadurch war der Erkenntniswert des Spiels endenwollend. Aber immerhin, ein Sieg, ohne sich wirklich anstrengen zu müssen, zeugt auch von einer gewissen Klasse.

    Was ich nicht ganz verstehe ist die Aufstellung. Gegen so destruktive Finnen könnte man sich auch einmal ein 4-1-3-2 trauen. Harnik kann sein Potenzial sowieso besser in der Spitze abrufen und Alaba hätte auf der Flanke mehr bewirken können als der Raum brauchende Harnik.

    Arnautovic war eine unfassbare Frechheit. Junozovic hätte sich mal eine Chance von Beginn an verdient. Die Ausrede der stärkeren Liga fällt ja mittlerweile weg.

    Und wieder mal ein Sonderlob für unseren Besten, David Alaba. Schlicht ein Glücksfall fürs Team.

  • Charles

    Schade, das fehlende Pressing hätte gerade gegen einen technisch schwächeren Gegner viel gebracht, sah man besonders hin und wieder in der 2.Hz. die Abwehr der Finnen gleich ins Schwimmen kam.
    Zum Gegentor: Das gehört in dem Fall mehr Dragovic, dessen Klärungsversuch direkt bei Gegner landete, der sofort auf Furuholm weiterleitete und Ortlechner damit überraschte…

  • Peter

    Herzlichen Dank für diese feine Analyse!

    Ich verzeih’ es den Jungs, dass sie in dieser intensiven Phase der Meisterschaft gegen eine Mannschaft, die man auch ohne letzten Nachdruck dominiert, nicht den letzten Einsatz in einem Testmatch zeigen.

    Einerseits finde ich es schade, dass Koller wieder erst ziemlich spät echte Alternativen spielen ließ, andererseits ist es auch gut, dass sein (offenbar bereits gefundenes) Stammpersonal die Zeit bekommt sich einzuspielen.

    Da bekomme ich dann jetzt leichte Zweifel, beim Stammpersonal, genauer gesagt bei dessen Aufstellung:
    Ein großer Schwachpunkt war und ist die Linkslastigkeit in unserem Spiel. Mit Garics als AV sah das schon weit besser aus. Aber dass er auch im zweiten Spiel an links Ivanschitz – zentral Arnautovic festhielt, bereitet mir etwas Sorgen.
    Arnautovic spielt zu hoch, zu links und zu selbstverliebt für diese Position. Nachdem Junuzovic eingewechselt wurde, sah das weit besser aus. Dafür ist Ivanschitz mMn zu wenig explosiv für die Rolle linksaußen.

    Ich hoffe, da wird in nächster Zeit nachgebessert.

    PS.: Die Problemzone ist nicht der Torwart, sondern der Kommentator – da gehört dringend jemand eingebürgert. Einen eher unbedeutenden aber auch ungefährdeten Sieg einfach mal objektiv einzuordnen – das schaffen die nicht. Schwarz oder weiß, Blamage oder Sensation, himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt, dazwischen gibt es anscheinend nichts.