Champions League 2011/12 | Achtelfinal-Hinspiel
St. Jakob, 22. Februar 2012
FC Basel - Bayern München
1-0
Tore: 86' Stocker

Basel kannte die Bayern ganz exakt – Vogel feiert Punktsieg über Heynckes

Als Kleiner muss man sich umso mehr auf das eigene Hirnschmalz verlassen. Genau das tat Basel-Trainer Heiko Vogel: Er stellte sein Team 100-prozentig exakt auf das (zugegeben erschreckend vorhersehbare) Spiel der Bayern ein. Mit großem Erfolg, denn am Ende gewann das Team mit Aleksandar Dragovic gegen jenes mit David Alaba mit 1:0.

FC Basel - Bayern München 1:0

Statisch, vorhersehbar und inhaltlich nicht besonders aufregend – so präsentierten sich die Bayern in den letzten Wochen. Was ihnen in der deutschen Bundesliga den Rückfall von Platz eins auf Rang drei bescherte. Weil die Konkurrenten der Münchener natürlich auch Video schauen: Mit guter Defensiv-Organisation ist den Bayern beizukommen, weil jegliches Überraschungmoment fehlt.

Bayern wie immer, Basel erwartet es genau so

Basel-Trainer Heiko Vogel ließ seine Mannschaft in einem flachen 4-4-2 auflaufen und das wurde von den Schweizern so interpretiert, wie man es heutzutage interpretieren muss, will man damit Erfolg haben: Als reines Konter-System. Die beiden zentralen Mittelfeld-Leute, der routinierte Benni Huggel und U-21-Vize-Europamesiter Granit Xhaka, machten die Mitte extrem eng, wodurch es für Bayern-Zehner Toni Kroos kaum Möglichkeiten zur Entfaltung gab.

Die Mittelfeld-Außen spielten relativ weit innen. Das verlieh dem Zentrum zusätzliche Stabilität, die Auslegung ihrer Rollen war für Fabian Frei und Xherdan Shaqiri aber sehr auf ihre Gegner abgestimmt: Während Frei weiter außen blieb, blieb Shaqiri weiter innen, auch in der Rückwärtsbewegung. Das lud Robben und Ribéry genau zu ihrem Spiel ein: Robben zog in Freis Rücken nach innen, wurde dort aber vom mit ihm nach innen gehenden Basel-LV Park begleitet, während sich Frei auf der Außenbahn um den sehr passiven Rafinha kümmerte.

Ribéry hingegen wurde mit Shaqiris zentralerer Rolle eingeladen, eher auf der Flanke zu verbleiben – was Steinhöfer wusste und sich entsprechend verhielt. Die Bayern hatten so zwar viel Ballbesitz, aber keine Ideen nach vorne. Die Flanken waren furchtbar – in der ersten Hälfte kam nur eine einzige an – und das ganze Spiel des Favoriten war statisch und langsam. Es fehlten die Tempowechsel, es gab nichts Überraschendes.

Basel kontert über die Außenbahnen

Auch direkte Bälle auf Gomez brachten keinen Erfolg, weil dieser gegen Abraham und vor allem dem bärenstarken Dragovic überhaupt keine Chance hatte. Kamen die Basler in Ballbesitz, ging es dafür relativ schnell: Dann schwärmten die Flügelspieler aus und mit langen Bällen auf die Flanken wurde versucht, schnell in den Rücken vor allem des mehr nach vorne spielenden Lahm zu kommen. Steinhöfer war ein dankbarer Abnehmer für diese Bälle.

Gegen den passiveren Rafinha stießen auf der anderen Seite Fabian Frei und Park Joo-Ho mit schnellem und vor allem flachen Spiel durch zu kommen. Auch bei Kontern galt also: Die Stärken und vor allem die Schwächen der Bayern waren jedem Basel-Spieler ganz offensichtlich bekannt und genau denen entsprechend wurde in jeder Situation auch gehandelt.

Und weil Bayern-Trainer Jupp Heynckes auch nichts grundlegend veränderte, stellte seine Mannschaft den Schweizermeister auch vor keine allzu gravierenden Probleme. Ehe Heiko Vogel in der Schlussphase frische Kräfte für die beiden Außenbahnen brachte. Mit Erfolg: Valentin Stocker brachte viel Schwung auf die linke Seite, auf der Fabian Frei in der zweiten Hälfte etwas nachgelassen hatte, und etwa zehn Minuten vor Schluss wurde mit dem Kameruner Jacques Zoua (statt Shaqiri) auch rechts neue Wucht gebracht. Die Folge: Genau diese beiden erarbeiteten sich den späten 1:0-Siegtreffer der Schweizer.

David Alaba

Gerade in solchen Spielen wird deutlich, wie sehr den Bayern Bastian Schweinsteiger fehlt. Mit seiner Präsenz auf dem Feld, seinen Führungsqualitäten und seiner Fähigkeit, auch während dem Spiel das Team in eine andere Richtung zu lenken macht es noch viel mehr den Unterschied aus, als das die immer eindimensionaler werdenden Robben und Ribéry tun.

Tymoschuk und Alaba verleihen zwar Stabilität im Zentrum, das war gegen Basel aber nicht gefragt. Ohne Schweinsteiger fehlen die Impulse nach vorne.

Nicht falsch verstehen: David Alaba machte eine sehr ordentliche Partie, Anatoli Tymoschuk auch. Das Duo im zentralen defensiven Mittelfeld der Bayern war sehr viel unterwegs, spielte wenige Fehlpässe (Alaba 91,5%, Tymoschuk 87,3% angekommene Pässe) und verlieh dem Zentrum damit vor allem defensiv eine enorme Stabilität. Die war in dieser Partie aber nicht gefragt: Zum einen hatten die Bayern ohnehin 60% Ballbesitz, und zum anderen gab es bei Basel ganz einfach kein offensives Mittelfeld, gegen das es noch dazu zwei Sechser brauchte. Die Schweizer kamen ohnehin nur über die Flügel.

Und nach vorne fehlten von den beiden die Impulse. Alaba versuchte zwar immer wieder, das Spiel schnell zu machen, auch mal selbst den Abschluss zu suchen (wie bei zwei Schüssen aus der zweiten Reihe), aber er fand keine Löcher im Basler Abwehrverbund. Und dass Tymoschuk den Ball in der Vorwärtsbewegung fast immer gleich auf Arjen Robben spielte, war einer Unberechenbarkeit des Bayern-Spiel auch nicht gerade zuträglich.

Bombensicher: Aleskandar Dragovic

Die Pässe von Aleks Dragovic

Ein wichtiger Faktor, der zum Sieg von Basel beigetragen hat, war zweifellos auch das IV-Duo der Schweizer mit David Abraham und Aleksandar Dragovic. Die beiden ließen Mario Gomez überhaupt nicht zum Zug kommen und wenn doch einmal Gefahr im Verzug war, wurde das schnell realisiert und entsprechend gehandelt.

Zudem war der österreichische Nationalspieler sehr sicher im Passspiel. Von den 38 Pässen, die Dragovic in der eigenen Hälfte spielte, landeten nur zwei in einer potentiell gefährlichen Position beim Gegner. Ansonsten wurde vermehrt darauf geachtet, aus der Defensiv-Zentrale nicht mit Risiko-Bällen zu agieren, sondern den Ball erst einmal in den eigenen Reihen zu halten.

Im Fall von Dragovic waren das hauptsächlich Bälle zu seinem Partner Abraham und, ganz besonders, auf die linke Seite zu Park und Fabian Frei. Was wiederum genau in den offensichtlichen Matchplan von Trainer Heiko Vogel passte.

Fazit: Basel war perfekt eingestellt

Natürlich hatten die Bayern mehr Ballbesitz. Aber das deutlich intelligentere Spiel zog der FC Basel auf: Jeder Spieler wusste genau über seine ganz spezifisch auf den Gegenspieler ausgerichteten Aufgaben und erfüllte diese auch. So muss man dieses Spiel – auch wenn es 0:0 ausgegangen wäre – als klaren Punktsieg des jungen Heiko Vogel gegen den routinierten Jupp Heynckes betrachten. Letzterer hat bis zum späten Gegentor rein gar nichts an der Ausrichtung, am System oder an der Spielanlage.

Erst nach dem Rückstand stellte er auf ein 4-4-2 um, was den Baslern aber den Platz im Zentrum bescherte, um erst recht das Spiel souverän herunter ticken zu lassen. Ob der 1:0-Vorsprung für das Rückspiel reicht, um tatsächlich nach Manchester United auch die Bayern aus dem Bewerb zu kegeln und ins Viertelfinale einzuziehen, wird sich zeigen. Sicher ist aber: Mit diesem Trainer ist das Basel absolut zuzutrauen.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

  • Roci

    Gerüchten zu Folge zeichnet Didi Constanini für die Taktik der Basler verantwortlich …:).

  • Lukas

    Sehr gut analysiert!
    Weiter so :)

  • Peter

    Gute Analyse!

    Im Gegensatz zu Österreichs Spitzenmannschaften ist mir gestern vor allem eines ins Auge gestochen:

    “[Es] wurde vermehrt darauf geachtet, aus der Defensiv-Zentrale nicht mit Risiko-Bällen zu agieren, sondern den Ball erst einmal in den eigenen Reihen zu halten.”

    Ein Ballwegdreschen gab es quasi nicht, die Basler verstanden es nach Ballverlusten der Bayern deren Pressing zu umspielen, auch auf Höhe des eigenen Sechzehners oder tiefer. Hätten die Schweizer öfter den Ball einfach weggedroschen und somit den Ballbesitz hergeschenkt und den Bayern einen erneuten Spielaufbau ermöglicht, wäre der Druck auf die Defensive viel kontinuierlicher und höher gewesen.