Day 12 / A – Die Spielintelligenz macht’s

Südafrika 2010 – Tag 12 – Gruppe A | Der Gastgeber kommt gegen die komplett implodierende Equipe Tricolore immerhin zum Ehrensieg – warum Uruguay und Mexiko ins Achtelfinale einziehen, zeigen sie aber im direkten Duell. Das ein hochinteressantes taktisches Lehrspiel war.

Südafrika – Frankreich 2:1 (1:0)

Südafrika - Frankreich 2:1

Bunt durchgewürfelt – so präsentierten beide Teamchefs ihre Mannschaften. Die Franzosen spielen nach den diversen Eklats mit Squillaci (statt Abidal), Clichy (statt Evra), Alou Diarra (statt Toulalan), Gourcuff (statt Malouda), Cissé (statt Anelka) und Gignac (statt Govou) – unverändert blieb dafür das 4-3-3. Gourcuff, der in der Mittelfeldzentrale für die Kreativität zuständig war, konnte sich allerdings nicht wie gewünscht in Szene setzen, Gignac fühlte sich auf der linken Seite sichtlich nicht wohl. Zudem bekam Gignac von Sagna hinter ihm sehr wenig Unterstützung. Etwas besser lief es auf der linken Seite, wo Clichy den aktiven aber auch eher wirkungslosen Ribéry etwas besser unter die Arme greigen konnte. Wirklich gefährlich nach vorne zum bulligen Cissé brachte aber keiner etwas – seine beste Szene hatte er, als er einen Konter über die rechte Seite praktisch alleine vortrug. War sicher auch nicht im Sinne des Erfinders, Konterstürmer ist Cissé nun wirklich keiner. Nach einer Stunde kam dann der spielstärkere Henry für den Panathinaikos-Legionär.

Parreira brachte nicht nur vier neue Spieler (Ngcongca links hinten für Gaxa, Khubani für Letsholonyane sowie Sibaya für Dikgacoi im defensiven Mittelfeld, dazu Parker als hängende Spitze für den Mittelfeld-Mann Modise), sondern eben mit dem 4-4-2 auch ein neues System. Pienaar kam vermehrt über die rechte Seite, hatte aber wie Tshabalala auf der anderen einige Freiheiten, zudem hatten die beiden mit der zweiten Spitze vorne nun mehr Anspielstationen. Die beiden zentralen Defensiven hatten Gourcuff gut im Griff, Diarra und (der heute extrem schwache) Diaby waren defensiv gebunden.

Die Südafrikaner standen einigermaßen hoch und störten den französischen Spielaufbau früh (was ihnne die Franzosen aber nicht allzu schwer machten) und gingen dann auch in Führung – nach einem Eckball, den Torhüter Lloris falsch einschätzte und bei dem Diaby gegen Torschützen Khumalo nicht gut aussah. Die Gastgeber hatten damit sichtlich an Selbstvertrauen getankt, und der Ausschluss von Gourcuff (nach einem frontalen Ellbogencheck im Luftkampf) schien die Franzosen endgültig zu erlegen. Es dauerte nämlich ewig, ehe Ribéry und Gignac reagierten und sich ins Mittelfeld zurück rückten. So spielten die Bleus minutenlang mit einem 4-2-3, und die Südafrikaner nützten die Räume im Mittelfeld weidlich aus. Das 2:0, erneut sah Diaby nicht gut aus, war die logische Folge.

In der Pause brachte Domenech dann Malouda für den auf der rechten Seite nicht besonders effektiven Gignac, mit der Folge, dass sich Malouda und Ribéry auf links gegenseitig den Platz wegnahmen (weil keiner der beiden in der Mitte spielen möchte), rechts dafür vor Sagna de facto gar keiner mehr war. Die Südafrikaner machten weiterhin mächtig Druck, vor allem die linke Seite über den starken Außenverteidiger Masilela machte viel Druck gegen den alleine gelassenen Sagna, dazu hätte alleine Mphela zwei Treffer machen müssen. Bis auf Clichy, Ribéry und dem vorne fleißigen, aber ziemlich in der Luft hängenden Henry machte bei den Franzosen nun keiner den Eindruck mehr, sich wirklich gegen die Niederlage stemmen zu wollen. So überrascht es nicht, dass ausgerechnet Ribéry es war, der die sich aufgrund der nun natürlich stürmischen Südafrikaner bietenden Räume nützte und Malouda das Anschlusstor auflegte.

Was den Südafrikanern sichtlich so ein wenig den Schwung nahm – damit war klar, dass es nicht für das Achtelfinale reichen würde. Der allerletzte Zug zum Tor, wie er über lange Zeit zuvor erkannbar war, erlahmte merklich. Und als Domenech dann noch Govou für die rechte Seite einwechselt hatte (Malouda hatte sich indes mit der Tolle im Zentrum abgefunden), brachte das endgültig Beruhigung für das französische Spiel. Den Südafrikanern fehlte nun die Kraft und auch der letzte Nachdruck, auf weitere Tore zu gehen – wozu auch.

Fazit: Die Südafrikaner zeigten noch, dass im Team durchaus Qualität steckt, gewinnen absolut verdient und gehen erhobenen Hauptes. Die Franzosen ließen sich eine Stunde von den Gastgebern überrollen und verlieren daher auch folgerichtig. Viele Lichtblicke außer Ribéry gibt’s bei den Franzosen nicht.

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Mexiko – Uruguay 0:1 (0:1)

Uruguay - Mexiko 1:0

Gegen die Franzosen war es auf Seiten der Mexikaner vor allem Linksverteidiger Salcído, der über seine Seite das grandiose Spiel der Tri aufzog. Urguays Teamchef Óscar Tabárez hat das natürlich gesehen und versuchte, dessen Offensivdrang zu nehmen. Es oblang in erster Linie Diego Pérez, die Wege von Salcído zu stören, unterstützt von Maxi Pereira, und es gelang: Zwar war Salcído viel am Ball, viel Zielbringendes nach vorne bracht der Eindhoven-Legionär aber nicht zu Stande. Kein Wunder, dass die beste Chance der Mexikaner ein Gewaltschuss aus dreißig Metern war.

Aber auch die anderen Mexikaner brachten wenig zu Stande. Stoßstürmer Cuauhtémoc Blanco, statt des verletzten Vela als Außenangreifer aufgeboten, war auf rechts ein kompletter Flop. Zum einen fehlte es ihm an der Geschwindigkeit, zum anderen and er Hilfe des recht defensiv denkenden Außenverteigers Osorio. So hing Blanco rechts draußen komplett in der Luft; sodass er mit Fortdauer der ersten Hälfte immer weiter zum wesentlich agileren Guille Franco in die Mitte zog. Franco konnte sich damit etwas mehr ins Mittelfeld fallen lassen, um seine dort festhängenden Kameraden zu unterstützen.

Das Mittelfeld der Urus presste nämlich vor allem zu Beginn der Partie schon auf Höhe der Mittllinie konsequent, störten den Spielaufbau von Márquez und Torrado im Zentrum komplett, und stießen vor allem über Álvaro Pereira, der in Blanco defensiv keine relevanten Gegenspieler hatte und weil Osorio sich sehr zurückhielt, über ihre linke Seite nach vorne. Die Mexikaner verlegten sich gewzungenermaßen immer mehr auf lange Bälle, womit der schmächtige Giovani gegen die Schränke in der Uru-Defensive komplett aus dem Spiel war.

Durch den kaum gebremsten Offensivdrang von Álvaro Pereira konnt sich Suárez ziemlich ins Zentrum orientieren, war Forlán erlaubte, hinter den Spitzen mit seiner extremen Laufstärke als Spielmacher das Spiel aufzuziehen. Durch das gute Ausnützen der strategischen Überlegenheit ging die 1:0-Pausenführung der Südamerikaner absolut in Ordnung. Mexikos Teamchef Aguirre reagierte auf die Unterlegenheit seines Teams und den Spielstand im Parallelspiel (in dem Südafrika 2:0 führte) und brachte mit Barrera einen offensiveren Spiele auf die linke Seite statt Guardado, um Salcído besser zu unterstützen.

Weil sich aber Pérez äußerst kosequent um den neuen Mann kümmerte, verpuffte diese Maßnahme komplett, und am Spiel änderte sich gar nichts. Weswegen Aguirre nach etwa einer Stunde seine Formation komplett umdrehte: Er ließ die Viererkette auf und stellte auf 3-4-3 um: Castro kam für Innenverteidiger Moreno ins linke Halbfeld, der Sechser Márquez rückte in die zentrale Verteidigung zurück, Salcído ging ins linke Mittelfeld, Barrera wechselte auf die rechte Außenbahn, wo er Giovani unterstützen sollte. Zudem kam mit dem quirligen Hernández ein Mittelstürmer für den verschenkten Blanco, Franco war nun Rechtsaußen – ein radikaler Umbau gegen die immer noch extrem hoch verteidigenden und vor allem die Zentrale komplett zustellenden Uruguayer, um das Spiel wieder mehr in die Breite zu ziehen.

Und prompt rissen Barrera und Giovani die Seite von Uru-LV Fucile komplett auf, weil sich dieser nun ohne viel Unterstützung gleich zwei schnellen Leuten gegenüber sah – und sich logischerweise auch sofort Gelb abholte. Die Mexikaner hatten nun – natürlich auch, weil die Uruguayer ob der für sie komfortablen Gruppensiutation etwas zurückfallen ließen – ihre beste Phase im gesamten Spiel. Und wäre es notwendig gewesen, der Ausgleich wäre nur noch eine Frage der Zeit gewesen, hätte nicht das französische Anschlusstor im Parallelspiel das bis dahin hochinteressante Spiel zerstört, weil somit die Luft komplett raus war und sich beide Teams mit dem Resultat arrangierten.

Fazit: Uruguay  schaffte es eine Stunde lang hervorragend, die Mexikaner in Schach zu halten und darf sich daher über den Sieg freuen. Die Frage, ob die Tri noch den Ausgleich geschafft hätte, wenn sie es in der letzten Viertelstunde noch nötig gewesen, ist müßig – es hätte keinen Unterschied mehr gemacht.

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Das war die Gruppe A: Der Gastgeber Südafrika versuchte es vor allem mit Schwung und Heimvorteil, die mangelnde sportliche Klasse auszugleichen. Weil das aber nur in drei Halbzeiten (die 2. gegen Mexiko und beide gegen Frankreich) funktionierte, reichte es schon zu Recht nicht für das Achtelfinale, aber schämen muss sich die Bafana Bafana sicher nicht. Die katastrophale Bild, welches die Franzosen abgaben, mag man als gerechte Strafe für die umstrittene Qualifikation sehen. In der Mannschaft stimmte gar nichts, es war ein wildes Jeder gegen Jeden – und im Grunde war es nur Franck Ribéry, der im ganzen Tohuwabohu Verantwortung übernahm. Es wäre keine Überraschung, sollte Laurent Blanc ihn zum Kapitän machen.

Dass es die beiden lateinamerikanischen Teams sind, die weiterkommen, geht absolut in Ordnung. Gruppensieger Uruguay zeigte sich hinten extrem sicher, die Qualität im Angriff war eh keine Überraschung. Zudem verstanden sie es, die in der ersten Hälfte gegen Südafrika und im Spiel gegen Frankreich so großartige Mannschaft aus Mexiko hervorragend in Schach zu halten. Die Tri ist eine Mannschaft mit der richtigen Mischung, die hervorragenden Fußball zeigen kann und, das hat vor allem das Spiel gegen Uruguay gezeigt, mitten unter dem Spiel das komplette System über den Haufen werfen kann und damit alles besser wird.

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

  • Tom Schaffer

    @Philipp gegen Kritik hab ich nichts, mit der sollte man aber dann auch was anfangen können. ein “ist mir zu fad weil taktikanalysen will ich nicht lesen” von jemandem der noch nie was zu unseren texten gesagt hat, fällt halt nicht darunter.

  • Ich versuche, das zu liefern, was die Mainstream-Medien nicht geliefert haben.

    Das war im Vorfeld eben die Auseinandersetzung mit dem Mannschaften jenseits der gängigen Klischees – und das ist jetzt eine trockene Analyse, denn das Tam-Tam um die offensichtlichen Sachen geschieht nun ohnehin in ORF, Printmedien und Co.

    Wir verstehen uns da so ein wenig als Nischenprogramm ;)

  • Philipp

    Das ist halt bei Kommentarfunktionen leider so, die können Nutzer auch zur Äußerung von Kritik missbrauchen… ;)

    Du hast darauf geantwortet, für mich jedenfalls wars interessant zu lesen (gibt ja sonst nicht so viele Kommentare hier), und darfst dich dann nicht beschweren, daß dein Verständnis von Spielanalyse eben auch analysiert wird.
    Wenn ich übrigens auch was sagen darf was euch wurscht ist: auch für mich haben die Vorberichte zu den einzelnen Teams viel mehr “WM Flair” gehabt als die doch sehr trockenen Analysen. Ich les sie natürlich trotzdem recht gern.

  • Tom Schaffer

    Was willst du bitte? Du hast mittlerweile sehr klar gemacht, dass dich nicht interessiert was wir schreiben. Und wir haben wiederholt klar gemacht, dass uns das wurscht ist.

    Und ja: Was du mit dem Leiberziehem, Grätschen, Fans und Drama vermisst, das ist das Offensichtliche am Fußball. Das ist das was JEDER sieht, der den Fernseher anmacht oder ins Stadion geht.

    Die Systeme, Strategien und taktischen Finten – die sieht nicht jeder. Und die stehen hier im Mittelpunkt – unter anderem auch deshalb, weil wir mit dem anderen Zeug sehr oft beruflich zu tun haben und das hier unser Hobby ist. Du kannst uns jetzt gern nochmal mitteilen, dass dich das nicht interessiert, aber eigentlich haben wir dich schon beim ersten Mal nicht gefragt und es ist uns nach wie vor egal.

  • Sigelman

    Aber gerade das Offensichtliche, und nur das, wird hier beschrieben! Gerade deswegen ist der Elitismus (“ist keine Schande, finden die meisten menschen unterhaltsamer”) völlig daneben.
    Hier gibt es keine Leiberlzieher, keine Grätschen, keine Fans. Keine Völkerverständigung, keine Elekrifiyierung in den Schlussminuten, kein Drama. Alles, was den Fussball – und, ja, auch seine “Analyse” – ausmacht. Und wer es “völlig irrelevant” findet ob hier Griechen, Koreaner, Ägypter, Italiener oder Japaner am Platz herumlaufen, der kann genauso gut von der Schachweltmeisterschaft berichten.
    Dort gibt es auch nur Nummern und sterile Spielzüge, nur halt nicht elf gegen elf.

    Ich weiss, diese Art der Analyse ist in Österreich unterrepräsentiert, weswegen v.a. bei Männern zwischen 20 und 35 die Befassung mit dem “Trockenen” am Fussball als Tugend gilt. Also, irgendwo sollte euer Publikum dann ja eh sein.

  • Tom Schaffer

    @Sigelman abgesehen davon, dass ich finde, dass du es mit der trockenheit übertreibst: vielleicht solltest du einfach lieber ins kino gehen als fußballanalysen zu lesen? ist keine schande, finden die meisten menschen unterhaltsamer. ballverliebt ist für die anderen, die im fußball mehr als das offensichtliche interessant finden. ;)

  • Analysieren heißt beschreiben, nicht bewerten. Und Spiele werden nun mal gewonnen, weil sie im x-x-x-x System spielen, so und so tauschen und da und dort ihre Stärken haben. Völlig irrelevant, ob es sich um Griechen, Koreaner, Ägypter, Italiener oder Japaner handelt.

  • Sigelman

    Na dann, baba. Es ist halt jede Analyse wie die andere: Griechen, Koreaner, Ägypter, Italiener, Japaner – spielten im x-x-x-x System, tauschten so und so, hatten ihre Stärken da und dort. Man könnte der Analye genausogut FIFA2010 Roboter zugrunde legen, sie wäre genauso ergiebig. Keine Emotion, kaum Kritik…. das meinte ich. Diese Berichte zu lesen ist wie wenn man ein gutes Steak isst, und danach von einem Biologen aufgeklärt wird, wie genau sich die Fasern zusammen gesetzt haben.
    Da sind mir parteische deutsche Zeitungen oder inkomptente Zsaks lieber. Bei denen muss ich wenisgetsn emhr tun als mit der Schulter zucken. Merci bon.

  • Noch selten wurde die Phrase von einer Mannschaft, die gegen ihren Trainer spielt, derart real, wie im Spiel der Franzosen gegen Südafrika.

  • Tom Schaffer

    Äh, ok. Schade, aber wir werden dich als jemanden in bester Erinnerung halten, der “baba” sagte bevor er jemals “hallo” sagte. ;)

    Wir richten uns mit diesen Analysen (nicht Spielberichten) auch an Leute, die die Spiele gesehen haben und darüber diskutiern wollen. Welche Aufreger dir auch immer fehlen (Beispiele wären ja nett) – sie haben unserer Meinung nach nichts mit den Spielen zu tun.

  • Sigelman

    Ich werde diesen Blog aus den Bookmarks wieder herausnehmen.
    Als tägliche Analyse für versäumtes viel zu fad. Jeder Spielbericht liest sich gleich, wie ein bericht von einem Schachspiel. Keine Charaktäre sind da drin, keine Aufreger. Nur Namen, Nummern und Strategien.
    Ich weiss ihr kennts euch gut aus, aber… nein, danke.